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Neue Serie: Retro-Dating (1) SIE sucht IHN


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 16.09.2020

Unsere Autorin hat eine Kontaktanzeige (oben) geschaltet. Meldet sich da in Zeiten von Tinder überhaupt jemand?


Artikelbild für den Artikel "Neue Serie: Retro-Dating (1) SIE sucht IHN" aus der Ausgabe 10/2020 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 10/2020

Kontaktanzeige, das klingt für mich nach Tanztee, Veilchenpastillen und Spitzentaschentuch. Nichts, was 2020 noch jemand, der ernsthaft auf der Suche nach dem oder der Richtigen ist, nutzen würde. Und doch: Es gibt sie noch. Diese Zwei- bis Zehnzeiler in den Wochenendausgaben der Zeitungen, die mithilfe weniger Worte zwei Menschen für immer zueinanderführen sollen. Laut einer Bitkom-Studie hat es ein Drittel der befragten Deutschen schon mal mit Online-Dating versucht, aber antwortet ...

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... tatsächlich noch jemand auf ein Inserat – ohne Bild?

Zwei Annoncen später ist klar: tun sie! 84 Zuschriften landen in meinem Posteingang. 84 Männer, die sich als „klugen Optimisten mit Witz, Stil und weitem Horizont“ beschreiben würden. Das war die Anforderung. Das Angebot: „Hamburgerin im Münchner Exil, 47, kein unbeschriebenes Blatt, Freizeit zwischen Tennis- und Buchclub“. Ich muss zugeben: So richtig ernst nehme ich die Sache nicht, hoffe aber, dass trotzdem ein paar nette Typen dabei sind. Und tatsächlich, statt einfach nur ein „Hey, wie geht’s?“ zu senden (Tinder-Nutzer kennen es!), geben sich die meisten Männer deutlich mehr Mühe und schreiben – mitunter sogar zu ausführliche – Mails. Man kann sie leicht in vier Kategorien unterteilen: die Bildungsbürger, die von Astor Piazzollas Akkordeonmusik und den „Buddenbrooks“ schwärmen oder – warum auch immer – den Methodenstreit eines Historikprofessors mit dem Werk Voltaires einbringen. Puh! Die zweite Kategorie will Sex und verpackt das mal mehr, mal weniger charmant. Und ist auch mal mehr, mal weniger gebunden. Man möchte einigen Ehefrauen fast einen Hackerkurs nahelegen.

Auch der jüngste Kandidat, gerade mal 32 Jahre alt, schreibt, er suche keine feste Bindung, sondern eine „aufgeweckte Beziehung zu einer Frau, die gerne etwas älter sein darf“. Warum er dafür den ana-chronistischen Weg der Kontaktanzeige wählt, erfahre ich bei unserem ersten Treffen. Es ist einer dieser Sommerabende, an denen die Häuserwände die Hitze des Tages bis tief in die Nacht speichern. Und Severin aus München sagt, dass er seine Premiere als Anzeigen-Casanova aus einer „Spontanhandlung“ heraus gab. Es wird ein lustiger Abend, an dem wir mit einigen Gläsern Weißwein auf dem Bordstein vor einer längst geschlossenen Bar enden. Und uns versprechen, in Kontakt zu bleiben.


Es ist einer dieser Sommerabende, an denen die Häuserwände die Hitze bis tief in die Nacht speichern


Und dann gibt es noch die Normalos, im besten Sinne. Ich könnte ein Orchester aufmachen, so viele Musiker sind darunter. Ich könnte meine Rechtsschutzversicherung kündigen und Anwälte daten, hätte genug Tennispartner, um Wimbledon-Niveau zu erreichen. Es gibt die feinfühligen, netten Typen, die verwitwet oder getrennt sind und sich ganz behutsam wieder auf den Liebesmarkt wagen. Es gibt die Statusbewussten – die mit Oldtimer, Haus oder eigenem Kunsthandel punkten wollen. So wie übrigens auch in der ersten Kontaktanzeige, die jemals geschaltet wurde: „Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame …“, so 1695 in einer britischen Postille erschienen. 325 Jahre später glaubt mancher wohl immer noch an den Reiz des Geldes. Andere wiederum an den des Herrenwitzes. Das Anschreiben von Oliver aus Augsburg: „Wie geht’s, wie steht’s? Wenn er steht, dann geht’s.“ Ein super Trinkspruch für die Kumpel vom Kegelverein, aber eben nicht „klug“ oder mit „Stil“.

Doch es gibt auch hell leuchtende Hoffnungsschimmer – so wie Stefan aus Rosenheim. Wäre ich ein sozialistischer Staat mit einem Punkteplan, man könnte bei ihm von Übererfüllung sprechen. Schlau, sportlich, gut aussehend, ungebunden, unterhaltsam. Alter und Ansichten: passen. Seine Mails: charmant. Die Telefonate: ein intellektuelles Pingpongspiel. Das Treffen: Mist. Oder zumindest: anstrengend. Stefan aus Rosenheim redet viel und fragt sehr wenig. Und vielleicht, denke ich, bin ich ja doch mehr Spitzentaschentuch und Tanztee, als ich zugeben will. Jedenfalls stört es mich, dass er konsequent nur sich selbst Wein nachschenkt.

Schade, aber noch habe ich ein paar Kandidaten in der Warteschleife. Den Aufwand, den so eine Kontaktanzeige mit sich bringt, sollte man übrigens nicht unterschätzen. Denn anders als bei Tinder matcht es hier nicht sukzessive, sondern die Angebote flattern rein wie beim Sommerschlussverkauf. Und manche von ihnen verlangen überraschend viel Aufmerksamkeit – wie etwa Peter aus Memmingen. Mit ihm habe ich nach drei Wochen den Mail-Highscore von 275 Nachrichten geknackt und bis tief in die Nacht telefoniert, weil diese Stimme zwischen Tom Jones und Telefonseelsorge einen sowieso nicht schlafen lässt. Ob was daraus wird? Wir sind verabredet. An einem Samstagabend zum Essen. Ganz retro.

Im nächsten Heft: Verkuppelt warden


FOTO: TOBIAS HAUSER