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Neue Therapien machen Hoffnung


Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 27.08.2021

MULTIPLE SKLEROSE

Allein in Deutschland leben mehr als 250 000 Menschen mit Multipler Sklerose (MS). Dabei handelt es sich um eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Diese Krankheit lässt noch viele Fragen unbeantwortet und ist im Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient so unterschiedlich, dass sich allgemeingültige Aussagen nur bedingt machen lassen. Deshalb ist MS auch als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bekannt. Doch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) möchte mit Vorurteilen aufräumen und stellt klar: Multiple Sklerose ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Auch muss MS nicht in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führen.

Multiple Sklerose wird von Ärzten auch Encephalomyelitis ...

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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 9/2021

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... disseminata (ED) genannt. Das ist die lateinische Bezeichnung für im Gehirn und Rückenmark verstreut auftretende Entzündungen. Das Gehirn ist eine Art Schaltzentrale, in der Signale über das Rückenmark zum Körper gesendet oder von dort empfangen werden. Diese werden von verschiedenen Nervenfasern geleitet, die ähnlich wie elektrische Kabel von einer Schutz- beziehungsweise Isolierschicht umgeben sind. Diese Schutzschicht besteht aus einem Stoff, der Myelin genannt wird. Entsteht ein Entzündungsherd im Bereich dieser Schutzschicht, können die Botschaften nicht so wirkungsvoll übertragen werden: MS- Erkrankte können dann zum Beispiel Missempfindungen verspüren, vermehrt stolpern oder vermehrt Schwierigkeiten beim Sehen bekommen.

Zu Beginn der MS-Erkrankung treten häufig motorische Störungen auf – wie Lähmungen und Sehstörungen mit Verschwommenoder Nebelsehen als Ausdruck einer Entzündung der Sehnerven. Im weiteren Verlauf sind die Lähmungserscheinungen häufig mit einem Steifigkeitsgefühl verbunden, Spastik genannt. Spastische Lähmungserscheinungen betreffen vor allem die Beine. Dazu kommen oft Gefühlsstörungen der Haut. Auch Blasenprobleme können auftreten. Daneben können Beschwerden eine wichtige Rolle spielen, die oft nicht gut fassbar und sichtbar sind. Dazu gehören eine abnorme Erschöpfbarkeit (die sogenannte Fatigue), kognitive Störungen, Einschränkungen der Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Konzentration, depressive Verstimmungen und Depressionen, Schmerzen, Schwindel sowie sexuelle Funktionsstörungen.

Frauen sind etwa doppelt so häufig davon betroffen wie Männer

Das Erscheinungsbild von MS ist also viel - fältig. So kann es selbst für einen erfahrenen Arzt schwierig sein, die Krankheitszeichen genau einzuordnen. Daher beruht eine gesicherte Diagnose auf einer umfassenden Anamnese, das heißt einer möglichst detaillierten Erfassung der bisherigen Krankheitsgeschichte, und einer Reihe von weiteren Untersuchungen, die zumeist mit folgenden Methoden durchgeführt werden:

• neurologische, körperliche Untersuchung

• evozierte Potentiale (Nervenleitfähigkeit und Geschwindigkeit)

• Lumbalpunktion

• Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspinresonanz-Tomographie des Gehirns und des Rückenmarkes)

Drei Verlaufsformen

Multiple Sklerose kann verschiedene Krankheitsverläufe haben. Ärzte unterscheiden drei Verlaufsformen: 1 Schubförmiger Verlauf (schubförmig remittierende MS)

Die Symptome setzen plötzlich über Tage oder Wochen ein und können mit einer Kortisontherapie behandelt werden. Dann folgen wieder beschwerdefreie Intervalle über Monate und sogar Jahre.

2 Primär chronisch-progredienter (schleichend-fortschreitender) Verlauf Die Einschränkungen nehmen zu, ohne dass sich klar abgrenzbare Schübe zeigen. Eine schleichende MS tritt häufiger bei älteren Erstbetroffenen (ab dem 40. Lebensjahr) auf.

3 Sekundär chronisch-progredienter Verlauf Die Einschränkungen bilden sich nicht vollständig zurück, sondern nehmen von Schub zu Schub weiter zu.

So wird MS behandelt

Obwohl die Multiple Sklerose bis heute nicht ursächlich heilbar ist, gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die zum Ziel haben:

• die akute Entzündungsreaktion eines Schubes zu hemmen (Schubtherapie)

• das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten

• die beschwerdefreie/-arme Zeit zu ver - längern (verlaufsmodifizierende Therapie)

• die MS-Symptome zu lindern und möglichen Komplikationen vorzubeugen (symptomatische Therapie)

Vor allem die letzten beiden Therapiebereiche werden in der Regel kombiniert angewendet. Dabei können sie für und mit dem Patienten individuell, unter anderem abhängig von Alter, Geschlecht, Lebenssituation und Lebensplanung sowie Begleiterkrankungen und der gegenwärtigen Krankheitssituation angepasst werden. Hilfreich sind neben der medikamentösen Therapie auch die Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie und neuropsychologische Therapie. 80 bis 85 Prozent aller MS-Patienten leiden unter einer schubartigen Verlaufsform, bei der große Entzündungsprozesse im Hirn und Rückenmark stattfinden. Im Vergleich zu den anderen Verlaufsformen der MS ist bei der schubförmigen der Therapieerfolg am größten. Die ersten Therapieoptionen kamen schon in den 90er-Jahren auf den Markt – während es zuvor nur Medikamente gegen die Symptome gab. Seitdem haben sich neue Therapien etabliert: Antikörpertherapien, Tabletten, Injektionen, Infusionen. Es stehen auch verschiedenste Immuntherapien zur Verfügung, die je nach Verlaufsform und dem individuellen Patientenprofil eingesetzt werden können.

Zwar ist MS nicht heilbar, doch es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten

Neue Medikamente

Diesen April wurde ein weiteres Medikament zur Therapie der aktiven schubförmigen MS bei Erwachsenen zugelassen. „Der Anti- CD20-Antikörper Ofatumumab ist eine Option zur frühzeitigen Behandlung der aktiven MS“, sagt Prof. Ralf Linker, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie in Regensburg. Patienten können den Wirkstoff selbst mithilfe eines Fertigpens einmal monatlich injizieren. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Ofatumumab wurde in mehreren Studien untersucht und bestätigt. Die jähr - liche Schubrate nahm in den jeweiligen Studien unter Ofatumumab um rund 50 Prozent ab. Auch war das Risiko einer Verschlechterung der Krankheit unter Ofatumumab um rund 30 Prozent verringert. An Neben - wirkungen traten milde bis moderate lokale Injektionsreaktionen, Infektionen der oberen Atemwege und Harnwegsinfektionen auf. Aber auch zur Behandlung der schleichenden Verlaufsformen sind mittlerweile Medikamente wie Ocrelizumab auf dem Markt, dass die Gehfähigkeit und Motorik der Patienten verbessert und der Müdigkeit entgegenwirkt. Eine weitere Verschlechterung der Erkrankung kann der Wirkstoff zumindest verzögern.

Forscher arbeiten weiter an neuen Therapien

Zucker als Therapie?

Möglicherweise gibt es demnächst noch eine Therapieoption: Forschende der Charité- Universitätsmedizin Berlin und des Max- Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft sind mit einem Team aus den USA und Kanada auf ein Zuckermolekül gestoßen, dessen Konzentration im Blut von Patienten mit besonders schwerer Multipler Sklerose verringert ist. Der Einfachzucker N-Acetylglucosamin, GlcNAc genannt, ist mit anderen Zucker - molekülen kettenartig an Proteine auf der Zelloberfläche gebunden. „Unsere Hoffnung ist es, dass wir mit GlcNAc die Myelinreparatur fördern und so die Neurodegeneration verringern“, sagt Dr. Alexander Brandt, Erstautor der Studie. Das heißt also, MS ließe sich womöglich mit Zucker behandeln. In einer noch unveröffentlichten Phase-I-Studie mit rund 30 Probanden haben die Wissenschaftler untersucht, ob eine Einnahme von GlcNAc in bestimmten Dosierungen sicher ist. Sollte sich dies bestätigen, hofft das Forschungsteam, in weiteren Studien mögliche Effekte als MS-Therapie untersuchen zu können.

Wirkung von UV-Strahlung

Eine weitere neue Erkenntnis kam Anfang des Jahres ans Licht. Offenbar kann UV- Strahlung den Verlauf einer Multiplen Sklerose positiv beeinflussen. Sonnenbaden scheint eine ähnliche Wirkung zu entfalten wie das Medikament Interferon. Wer weit im Norden oder ganz im Süden des Planeten lebt, erkrankt tendenziell eher an Multipler Sklerose. Den Zusammenhang zwischen MS und Breitengrad hat der US-Epidemiologe Gil Beebe schon 1967 festgestellt. Er hatte Soldaten beobachtet, die mit ihren Familien überall auf der Welt stationiert waren.

Doch der genaue Einfluss von UV-Licht auf die Erkrankung blieb lange unklar. Beeinflusst die Sonne nur die Wahrscheinlichkeit, überhaupt an MS zu erkranken? Oder sind einzelne Menschen auch unterschiedlich schwer betroffen, je nachdem, wo sie wohnen? Wissenschaftler des Kompetenznetz MS (KKNMS) und des Sonderforschungsbereiches Multiple Sklerose (SFB TR128) haben gezeigt: UV-Licht löst im Körper von MS- Patienten ganz ähnliche Prozesse aus wie das Medikament Interferon. „Sonnenlicht beeinflusst den Schweregrad der MS offenbar positiv“, erklärt Prof. Nicholas Schwab von der Klinik für Neurologie in Münster. Für ihre Arbeit werteten die Wissenschaftler Daten von rund 2000 MS-Patienten aus. Auf dieser Basis ließen sich zahlreiche Einflussfaktoren berücksichtigen, wie Wohnort, Geschlecht und Lebensweise, aber auch die genetische Prädisposition für Sonnenempfindlichkeit. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass UV-Licht und MS schon auf einem re - lativ kleinen Gebiet wie Deutschland mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von knapp 1000 Kilometern zusammenhängen. Die aktiven Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark und der Beeinträchtigungsgrad nehmen von Süd- nach Norddeutschland im Durchschnitt zu. Im Gegenzug reduziert sich der saisonbereinigte Vitamin-D-Spiegel – wie auch die Sonneneinstrahlung – gen Norden. Schon lange vermuten Forscher, dass Vitamin D unter anderem das Immunsystem beeinflusst und entzündungshemmend wirkt. Inzwischen hat sich bestätigt, dass Sonne die MS noch auf andere Weise beeinflusst. Aufschluss darüber gaben jetzt Daten der NASA. Schätzungen zur Menge an UV-Licht, der die Probanden im Jahr vor der Untersuchung im Schnitt ausgesetzt waren, belegen: Nimmt die Sonneneinstrahlung zu, nehmen die MS- Beschwerden ab.

Wurden die Patienten zuvor mit Interferonbeta behandelt, hatte das Sonnenlicht allerdings keinen Effekt mehr. Ein Grund könnte sein, dass Interferon beta die Vitamin-D- Produktion beeinflusst. Das natürliche Nord- Süd-Gefälle beim Vitamin-D-Spiegel könnte so aufgehoben werden.

Trotz des möglichen Nutzens gilt auch für MS-Patienten: Übermäßige UV-Strahlung kann schädlich sein. Intensives Sonnenbaden fördert die Entstehung von Hautkrebs, ins - besondere bei hellhäutigen Menschen.

Hat die Ernährung Einfluss?

Aktuelle Studien lassen annehmen, dass die Ernährung Einfluss auf den Verlauf hat, aber wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse gibt es nicht. Experten sind sich dennoch einig, dass sich eine Ernährungsumstellung bei MS lohnen könnte. Hierfür sollen Betroffene bevorzugt Lebensmittel mit antientzündlichen Eigenschaften zu sich nehmen. So sind beispielsweise Omega-3-Fettsäuren und die Mittelmeerkost zu bevorzugen und tierische Fette zu reduzieren. Industriell gefertigte Lebensmittel und Fertigprodukte sollten weitestgehend vermieden werden, außerdem viel Salz, Zucker und Weißmehl. Auch die ketogene Diät, bei der fast vollständig auf Kohlenhydrate verzichtet wird, und Fasten scheinen sich positiv bei Multipler Sklerose auszuwirken.

Nahrungsergänzungsmittel bringen laut den Studien für MS-Patienten nichts. Die einzige Ausnahme ist Vitamin D, welches aber nur eingenommen werden sollte, wenn der Vi - tamin-D-Spiegel im Blut vorherbestimmt wurde, da es auch überdosiert werden kann.

Leben mit MS

All die neuen Therapieansätze machen Hoffnung, aber sie verunsichern auch. Welche ist die richtige Therapie für mich? Das fragen sich viele Patienten. Wie kann ich mit MS leben, und was kann ich noch gegen die Krankheit tun? Hier ein paar Anregungen für ein selbstbestimmtes Leben mit MS:

• Informiert sein, sich Wissen über die Krankheit und aktuelle therapeutische Optionen aneignen

• So aktiv bleiben wie möglich, ohne sich dauerhaft zu überfordern

• Vertrauen in sich entwickeln und Eigenverantwortung übernehmen

• Auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken konzentrieren, nicht auf Unzulänglich - keiten und Beeinträchtigungen

• Individuelle Leistungsgrenzen definieren und akzeptieren

• Trauer über den Verlust von Fähigkeiten zulassen, aber dennoch optimistisch nach vorne schauen

• Verborgene Potenziale entdecken und das Selbstbild neu definieren

• Neue Lebensziele setzen. Um Hilfe bitten, wenn sie benötigt wird. Wertvolle Selbsthilfegruppen für Multiple Sklerose finden sich beispielsweise bei den Landesverbänden der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft

Beate Bannach