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Neue Verbündete


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 11.05.2022
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So eng wie mit sonst niemandem, aber Platz für neue Menschen ist im Leben ja eigentlich immer.

Vor einer Weile hatte ich extrem schlechte Laune und schickte meiner Freundin Tilda eine frustrierte Nachricht – von der Sorte, nach der viele Freundinnen sofort anrufen. Tilda nicht. Sie schickte mir stattdessen den Screenshot eines Satire-Tweets zurück: „Ich wäre so gern ein Wandtattoo in der Küche irgendeiner deutschen Vorstadt-Mutti, keine Gedanken, keine Sorgen, keine Existenzängste, einfach nur CAPPUCCINO.“ Ich heulte beim Lesen. Vor Lachen. Dazu muss man wissen, wie Tilda und ich Freundinnen wurden. Ich war 30, gerade Mutter geworden, bemüht, nach außen gelassen zu wirken, dabei trauerte ich insgeheim um die Freiheiten, die ich für meine Tochter aufgegeben hatte. Vor allem ihr zuliebe waren mein Mann und ich von München zurück in mein Heimatdorf im ländlichen Westfalen gezogen. Wer die Gegend kennt, weiß, dass Städter – selbst wenn man wie wir vor acht Jahren streng genommen Rückkehrer ist ...

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... – dort erst mal für Skepsis sorgen.

Tilda, frisch mit einem Jugendfreund meines Mannes zusammen, war eine der Ersten, die mich zum Kaffee einluden und Scherze über meinen Sonderling-Status machten. Wenn ich im knöchellangen Cashmere-Mantel bei ihr aufschlug, fragte sie: „Wie? Immer noch keine Funktionsjacke gekauft?“ Beim Anblick meiner Hipster-Hafermilch zog sie vielsagend die Augenbrauen hoch: „So wird das nix mit der Eingliederung, Ina.“ Wandtattoos mit Kaffeespezialitäten-Sprüchen, die damals über jedem fünften Küchentisch in der Nachbarschaft klebten, sind bis heute ein Running Gag zwischen uns.

Verglichen mit anderen Freundinnen kam Tilda spät in mein Leben. Aber erst durch diese Frau, deren Humor so groß wie ihr Herz ist und die sich weder von prestigeträchtigen Jobtiteln noch von imposanten Lebenszielen beeindrucken ließ, wurde mir klar, dass und wie sehr mir meine Eitelkeit manchmal im Weg stand. Tilda rettete mich mit Humor und einer umwerfenden Bodenständigkeit.

Zwischen 30 und 45 – der perfekte Zeitpunkt, um neue Beziehungen zu knüpfen

Wenn jeder Freund, wie es die Schriftstellerin Anaïs Nin formulierte, eine Welt in uns repräsentiert, steht Tilda für ein Gefühl von Nachhausekommen: Sie ist die Freundin, in deren Gegenwart ich nichts darstellen muss und die ich jedem Abenteuer vorziehen würde.

Über die Bedeutung von Freundschaften wird viel geschrieben und gesprochen. Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Tatsache, dass diese Verbundenheit mit anderen das Risiko für eine Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankung senkt, sorgen regelmäßig für Meldungen. Dass mit neuen Freunden die Chance wächst, eine neue Version von sich selbst zu werden, verdient mindestens genauso viel Aufmerksamkeit. „Nichts kann ersetzen, wie die Frauen in meinem Leben mich fühlen lassen“, schreibt die Dichterin Rupi Kaur. Was man ergänzen muss: Oft sind es nicht langjährige Wegbegleiterinnen, die überraschende Gefühlsfacetten zum Vorschein bringen, sondern Menschen, für die wir ein unbeschriebenes Blatt sind.

Die Frau in der U-Bahn, die jeden Morgen im gleichen Abteil sitzt und das Buch liest, das unser Leben verändert hat. Oder ein neuer Kollege, der zufällig das „Stranger Things“-Shirt im Büro trägt, das man selbst nachts im Bett anhat.

Zwischen 30 und 45, wenn sich der Job nicht mehr wie ein alles verschlingendes schwarzes Loch anfühlt, wenn Kinder kommen und Partner möglicherweise weiterziehen, ist eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um solche neuen Beziehungen zu knüpfen.

Blicke ich auf die letzten Jahre zurück, fällt mir aber auf, dass neue Freundschaften in dieser Phase rar sind. In den letzten drei Jahren habe ich zum Beispiel Dutzende neue Leute kennengelernt – darunter gerade mal zwei Frauen, die ich als Freundinnen bezeichnen würde. Dabei bin ich neuen Bekanntschaften gegenüber nicht skeptisch. Nur ist mein Leben so vollgepackt mit Familienalltag, Arbeit und Hausbau, dass wenig Raum für anderes bleibt.

Wahrscheinlich sagt das gleichermaßen viel über meine Prioritäten aus wie über den Lebensabschnitt. Freundschaften sind mir wichtig, aber meine Familie hat zumindest im Augenblick mehr Gewicht. Also gebe ich mir Mühe, in engem Kontakt zu bleiben mit den Freundinnen, die ich schon habe, muss mich aber sogar daran oft selbst erinnern. Und das, obwohl ich weiß, dass man Freund-schaften pf legen muss und dass ich mir, spätestens wenn mein Tochter aus dem Haus ist, wünschen werde, ich hätte mich mehr um Freundschaften gekümmert, alte und neue. Denn die einen können die anderen nicht ersetzen.

Mit niemandem kann ich zum Beispiel zügelloser über irrwitzige Projekte oder Geschäftsideen fantasieren als mit Marta. Seit wir uns vor fast 20 Jahren im Modejournalismus-Studium begegneten, verbindet uns ein Hang zur kreativen Selbstüberschätzung. Marta mobilisiert eine Euphorie und Selbstsicherheit in mir, die mich schon mehr als einmal ermutigt hat, riskante Ideen umzusetzen. Das macht sie für mich einzigartig (auch wenn die Tatsache, dass wir beide gerne groß träumen, in unseren ehrgeizigeren Jahren zu Reibungen geführt hat).

Glaubt man der Wissenschaft, gelingt es kaum jemandem, mehr als einer Hand voll Freundinnen und Freunden auf Dauer so nah zu bleiben, wie Marta und ich es einander bis heute sind. Im Schnitt sind es drei, maximal vier oder fünf Menschen, die einem ein Leben lang verbunden bleiben. Dazwischen kommen und gehen viele, weil man den Job wechselt, umzieht, verschiedene Dinge will, weil im Leben immer nur Platz für ein paar Menschen gleichzeitig ist. Oder weil wir nach Kriterien auswählen, die uns nicht mal bewusst sind.

Vielleicht mag man am Ende nicht nur die neue Freundin, sondern auch die Frau, die man mit ihr sein kann So konnten die Wissenschaftler Nicholas Christakis und James Fowler – keine Buddies, sondern Kollegen – beweisen, dass Freunde oft nicht nur Vorlieben und einen vergleichbaren sozialen Hintergrund teilen, sondern auch genetische Gemeinsamkeiten haben.

Etwa ein Prozent unserer DNA ist mit der unserer Freunde identisch. Als wären sie Cousinen oder Cousins vierten Grades. Irgendwie schaffen wir es, aus unzähligen Möglichkeiten genau jene Menschen als Freunde auszuwählen, die uns so ähnlich sind wie Verwandte. Das reduziert die Zahl potenzieller neuer Kandidatinnen natürlich.

Es gibt noch einen Grund, warum es irgendwann nicht mehr so leichtfällt, diese besondere Bindung zu Menschen aufzubauen: Mit den Jahren lernt man sich selbst immer besser kennen. „Selbstentdeckung führt zu Selbsterkenntnis. Wir werden wählerischer, wenn es um die Frage geht, mit wem wir uns umgeben wollen“, schreibt die amerikanische Journalistin Marla Paul in ihrem Buch „The Friendship Crisis: Finding, Making, and Keeping Friends When You’re Not a Kid Anymore“ (Rodale, nur auf Englisch).

Ich zum Beispiel weiß, dass ich nicht viel für die amerikanische Positive Thinking-Bewegung übrighabe. Trotzdem treffe ich mich in ein paar Tagen zum ersten Mal mit einer Bekannten, die darauf schwört. Ja, ich bin skeptisch. Aber wer weiß: Möglicherweise mag ich ja nicht nur sie, sondern auch den Menschen, der ich mit ihr sein kann.