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NEUE WAFFEN GEGEN EINEN ALTEN FEIND


Professor Dietrich Grönemeyer - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 09.10.2020

Jede achte Frau erkrankt irgendwann einmal an Brustkrebs. Früher war das fast ein Todesurteil- heute sind die Heilungschancen gut. Dank neuer individualisierter Therapien mit Antikörpern und intelligenten Substanzen. Mögliche Nebenwirkungen bekommt die Komplementärmedizin oft in den Griff


Artikelbild für den Artikel "NEUE WAFFEN GEGEN EINEN ALTEN FEIND" aus der Ausgabe 4/2020 von Professor Dietrich Grönemeyer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Professor Dietrich Grönemeyer, Ausgabe 4/2020

Diagnosen Pro Jahr trifft Brustkrebs 74.000 Frauen


Wichtige Terminsachen Die Mammografie gehört nach wie vor zu den wichtigen Vorsorgeuntersuchungen - wie auch die Sonografie (Ultraschall) der Brust


70-80 von 100 Frauen können geheilt warden

85 % der Operationen verlaufen heute brusterhaltend

Sie ist immer noch die ...

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... Taskforce vor der Operation: Die Chemotherapie gegen Brustkrebs. In 80 bis 85 Prozent der Fälle wird sie verordnet, um Tumorzellen zusammenschmelzen oder gar ganz verschwinden zu lassen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass durch sie selbst kleinste Tochterzellen, die sich im Körper verteilt haben, erfasst und ebenfalls vernichtet werden, ist hoch“, weiß der Hamburger Mediziner Dr. Kay Friedrichs, einer der zehn leitenden Ärzte des Mammazentrums am Krankenhaus Jerusalem in Hamburg, einem der größten Brustkrebszentren Deutschlands.

Die Wirkweise ist damit klar, und was sie für die Gesundheit der Patientin bedeutet, zeigt eine eindrucksvolle Zahl: Wenn der Tumor durch die Chemo nicht mehr nachweisbar ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Patientin gesund bleibt, bei etwa 80 Prozent - egal, wie groß der Tumor und wie fortgeschritten die Erkrankung war. Deswegen setzen viele Ärzte zunächst eine Chemotherapie an, auch wenn die Entscheidung für die Operation gefallen ist.

Von ihrem Schrecken hat diese Therapieform viel verloren, weil es heute sehr effektive, unterstützende Begleitmaßnahmen gibt: ob Akupunktur und Medikamente gegen die Übelkeit oder eine Kühlkappe gegen das Ausfallen der Haare. Dazu wirken die Medikamente der neuen Generation noch besser als früher, und die Therapie lässt sich individueller auf die jeweilige Patientin abstimmen. Dr. Kay Friedrichs: „In den 1980er-Jahren hatten wir ein oder zwei verschiedene Schemata, mit denen wir Brustkrebspatientinnen behandeln konnten, heute sind es zehn unterschiedliche. Uns stehen jetzt dazu etwa 15 verschiedene Medikamente zur Verfügung, die wir auch noch unterschiedlich kombinieren können.“

Dr. Kay Friedrichs Der Gynäkologe und Privatdozent der Universität Hamburg ist einer der leitenden Ärzte des Mammazentrums Hamburg am Krankenhaus Jerusalem, einem der größten Brustkrebszentren Deutschlands


DIE DIAGNOSE IST HÄUFIGER - DER KREBS NICHT UNBEDINGT

Den Satz „Sie haben Brustkrebs“ hören in Deutschland jedes Jahr rund 74.000 Frauen. Jede achte Frau muss sich damit irgendwann im Laufe ihres Lebens auseinandersetzen. Tatsächlich wird die Diagnose immer häufiger gestellt. Aber: Für immer weniger bedeutet sie heute noch ein Todesurteil. 70 bis 80 von 100 Frauen können geheilt werden.

Über die letzten Jahrzehnte haben sich die Diagnosemöglichkeiten verbessert - und vor allem auch die Therapien. Aber: „Es gibt nicht den einen Brustkrebs“, sagt Dr. Kay Friedrichs. „Es existieren so viele unterschiedliche Formen der Tumorerkrankung, wie es Betroffene gibt.“ Jede einzelne Patientin wird individuell und speziell auf ihre Erkrankung hin behandelt. Dazu kommt, dass ein Tumor nicht stabil bleibt. Er verändert sich - manchmal schon innerhalb weniger Monate. Und damit muss auch die Therapie ständig angepasst werden. Allerdings: „Die Ursprungszelle eines Tumors muss nicht unbedingt etwas zu tun haben mit einem Rückfall nach drei Jahren“, erklärt Dr. Kay Friedrichs.

KAMPF AUF ZWEI EBENEN

Mediziner ordnen Brustkrebs in vier biologische Grundtypen ein - luminal A und B, triple-negativ und HER2-positiv. An ihnen orientiert sich jeweils die Behandlung: luminal A wird fast ausschließlich antihormonell behandelt, luminal B chemotherapeutisch sowie antihormonell und triple-negativ fast immer durch eine Chemotherapie. Der HER2-positive Typ reagiert gut auf eine Antikörpertherapie, bei der das körpereigene Immunsystem die Krebszelle angreift. Sie wird in der Regel ebenfalls durch eine Chemotherapie ergänzt.

„Bei Brustkrebs und seiner Behandlung muss man wie bei allen Tumorerkrankungen zwei Risiken unterscheiden“, so Dr. Kay Friedrichs: „Zum einen das lokale Risiko, das sich auf das Organ bezieht, in dem sich der Tumor entwickelt und erstmals gezeigt hat - also die Brust oder die Lunge, Leber oder das Lymphsystem. Und zum anderen das systemische Risiko.“ Konkret gemeint ist dabei das Risiko der Metastasierung: Bei jeder Tumorerkrankung besteht die Gefahr, dass der Krebs streut und sich im Körper verteilt. Doch auch, wenn sich Metastasen gebildet haben, kann Brustkrebs erfolgreich behandelt werden. Mit einer Operation oder Strahlentherapie lässt sich der Krankheitsherd direkt dort beeinflussen, wo er auftritt. Chemo-, Antihormon- und Antikörpertherapie und die neueste Form der Antikrebsmaßnahmen - die Biologicals - sind dagegen immer systemische Ansätze, die im ganzen Körper wirken. Diese Therapien versuchen zu verhindern, dass sich Tochtergeschwülste in anderen Organen ansiedeln. Oder sie zielen darauf ab, insgesamt das Krebswachstum im ganzen Körper zu bremsen.

MEIST BLEIBT DIE BRUST ERHALTEN

Längst nicht alle bösartigen Knoten in der Brust werden heute noch primär im Rahmen einer Operation entfernt. „Immer dann, wenn eine Chemotherapie sinnvoll ist, sollte ihr Einsatz vor einer Operation erfolgen, um den Erfolg für die Patientin sichtbar zu machen“, so Dr. Kay Friedrichs. Mehr als die Hälfte der Tumore verschwindet, wenn man Antikörper- und Chemotherapie kombiniert, und 90 Prozent werden zumindest kleiner. „Am Ende operieren wir eigentlich nur noch, um zu beweisen, dass der Tumor nicht mehr vorhanden ist“, ergänzt der Gynäkologe. Nur in wenigen Fällen muss die ganze Brust abgenommen werden - tatsächlich können 85 Prozent der Frauen heute brusterhaltend operiert werden. Und in den Fällen, in denen die Brust abgenommen werden muss, kann sie im Gegensatz zu früher in deutlich besserer Qualität wieder aufgebaut werden - durch ein Implantat oder eigenes Gewebe. Fakt ist aber: Selbst wenn die vom Krebs befallene Brust abgenommen wird, garantiert das nicht, dass ein Tumor nicht an anderer Stelle auftaucht.

Tumor weg, Busen bleibt In den meisten Fällen kann heute brusterhaltend operiert werden


Wenn kein Tumor in der Brust mehr nachweisbar ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Patientin gesund bleibt, bei etwa 80 %

NEU AUS DEM LABOR: ANTIKÖRPER, DIE DAS IMMUNSYSTEM STÄRKEN

Das menschliche Immunsystem basiert auf Antikörpern, die sich an körperfremde Strukturen wie zum Beispiel Bakterien heften und sie unschädlich machen. Eigene Körperzellen rührt das Abwehrsystem dagegen in der Regel nicht an. Da Krebszellen vom Immunsystem nicht als schädlich identifiziert werden, bleiben die Antikörper inaktiv. Anders ist das bei künstlich im Labor hergestellten Antikörpern - einer spannenden, neuen Gruppe von Therapeutika. Sie machen den Krebs für das Immunsystem erkennbar und damit überhaupt erst angreifbar - auch für die folgende Chemotherapie. „Antikörpertherapie funktioniert fast nur in Kombination mit einer Chemotherapie“, erklärt der Brustkrebsspezialist. Fast alle HER2-Tumore werden mit dieser Doppelstrategie behandelt. Zurzeit sind fünf verschiedene Antikörpertherapien auf dem Markt, weitere Substanzen stehen vor der Einführung.

Lange ging man davon aus, dass weibliche Geschlechtshormone - also Östrogene und Progesterone - Brustkrebs bei der Mehrheit der betroffenen Frauen wachsen lassen. Deshalb wurde zu Beginn der 1950er-Jahre eine Antihormontherapie entwickelt. Das Prinzip: Hormon-Rezeptor-Blocker wie Tamoxifen, sogenannte Aromatasehemmer wie Le- trozol oder GnRH-Analoga wie Leuprorelin greifen auf unterschiedliche Weise in die Bildung der natürlichen Hormone ein und verhindern so, dass sich die Zellen des Tumors weiter teilen können. Diese Therapie senkt nach einer Operation zudem das Rückfallrisiko. Dr. Kay Friedrichs: „Die antihormonelle Therapie ist heute die erfolgreichste bei Brustkrebs. Deshalb wird sie auch am häufigsten angewendet.“ Während es früher nur ein Antihormon-Medikament gab, haben die Mediziner heute die Auswahl zwischen sechs verschiedenen. Zudem wurden Antiöstrogene mit neuen Substanzgruppen in den letzten Jahren kombiniert - und das mit großem Erfolg.

Tumoren auf der Spur Bei der Mammografie sind Veränderungen in der Brust (links) meist gut zu erkennen. Doch erst eine Gewebeprobe zeigt, ob ein Tumor bösartig ist oder nicht


STRAHLEN GEGEN RÜCKFALLGEFAHR

Wird der lokale Krebs durch eine brusterhaltende OP entfernt, besteht eine 35-prozentige Gefahr, dass er zurückkommt. Bestrahlt man die Stelle nach der Operation, reduziert sich das Risiko um die Hälfte. Deshalb schließt sich in fast allen Fällen heutzutage eine Bestrahlung an eine brusterhaltende Operation an. Sie besteht aus einer Elektronenbestrahlung, die die Zellteilung hemmt und somit die Krebszellen zerstören kann. Zum Teil wird sogar während der Operation bestrahlt. Heute ist die Strahlentherapie gezielter, schneller und schonender als früher. „Sie kann bestimmte Rückfallrisiken reduzieren, dort wo der Krebs auftaucht. Aber sie hat nur eine geringe systemische Wirkung“, erklärt der Mediziner am Mammazentrum im Jerusalem-Krankenhaus. Das ist ihr Manko im Gegensatz zu den im ganzen Körper wirkenden antihormonellen oder Chemotherapien.

Mein Tipp

Jeder Tumor ist einzigartig, und deshalb muss jede Krebspatientin und jeder -patient individuell behandelt werden.

DIE ALLERNEUESTEN KAMPFSTOFFE: SOGENANNTE BIOLOGICALS

Mit den neuen Verfahren steigt die Rate der Frauen, die eine Brustkrebs-Diagnose überleben. Besonders diejenigen haben sehr gute Chancen, komplett geheilt zu werden, bei denen der Tumor früh entdeckt wurde. Aber auch Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs wird Zeit geschenkt. „Das war früher nicht so“, sagt der Gynäkologe. „Heute können wir verschiedene Therapieformen aneinanderreihen und damit zum Teil Jahre gewinnen.“ Welche Behandlungen das sind, muss bei jeder einzelnen Patientin gezielt herausgefunden werden. Der Brustkrebsspezialist: „Eine ausführliche und individuelle Beratung ist hier das A und O.“

Seit vier, fünf Jahren steht Ärzten im Kampf gegen den Krebs eine ganz neue Gruppe von Wirkstoffen zur Verfügung: sogenannte Biologicals. Das sind Medikamente, die körpereigenen Substanzen ähneln und auf den Zellzyklus Einfluss nehmen können. Oder sie nutzen Oberflächeneigenschaften der Tumorzelle, um sie unschädlich zu machen. Sie werden mithilfe von Gentechnik in lebenden Zellen hergestellt. Dr. Kay Friedrichs: „Das sind spannende neue Substanzgruppen, die tatsächlich neue Optionen der Heilung eröffnen!“

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