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Neuer Höhenflug oder Bruchlandung?


ÖKO-TEST Kompass Gütesiegel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2010 vom 17.06.2014

DenBlauen Engel gibt es seit 32 Jahren. Damit ist das Siegel nicht nur das dienstälteste Umweltzeichen Deutschlands, sondern auch das bekannteste Label. Trotzdem verliert die Auszeichnung zunehmend an Bedeutung. Es wäre Zeit für eine Neuorientierung.


Artikelbild für den Artikel "Neuer Höhenflug oder Bruchlandung?" aus der Ausgabe 3/2010 von ÖKO-TEST Kompass Gütesiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Ullrich Böhnke

Seine geschwungenen Linien erinnern an Jugendstil, so formschön, dass er gleich auffällt: Seit 1978 prangtDer Blaue Engel auf allerlei Produkten in deutschen Regalen. 79 Prozent der Bundesbürger kennen das Umweltzeichen. Eigentlich kein Wunder, denn es ist inzwischen auf etwa 10.000 Produkten von rund 950 Unternehmen zu finden. ...

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Seine geschwungenen Linien erinnern an Jugendstil, so formschön, dass er gleich auffällt: Seit 1978 prangtDer Blaue Engel auf allerlei Produkten in deutschen Regalen. 79 Prozent der Bundesbürger kennen das Umweltzeichen. Eigentlich kein Wunder, denn es ist inzwischen auf etwa 10.000 Produkten von rund 950 Unternehmen zu finden. Darunter sind so vertraute Gegenstände wie Abfallsäcke, Toilettenpapier oder Tapeten. Und so kuriose wie Angelgewichte, Experimentierkästen und umweltfreundliches Schiffsdesign. Die Auszeichnung tragen sie, weil sie emissionsarm sind. Oder ressourcenschonend. Energieeffizient. Lärmarm. Bleifrei. Solarbetrieben. Es gibt Engel für Mehrwegprodukte. Für Fabrikate aus Recyclingkunststoffen. Oder für solche aus 100 Prozent Altpapier. Manche der geadelten Produktgruppen lässt einen stutzen: Ein Umwelt engel für Carsharing klingt logisch – aber wieso ist da gar kein Anbieter ausgezeichnet? Und wieso könnten auch einzelne Autofahrer unter dem Schutz des Engels stehen, wenn sie entsprechend lizenzierte – nämlich lärmarme – Reifen aufziehen?
Die Antwort: Der Engel ist ein umweltpolitisches Instrument, das Hersteller auf freiwilliger Basis nutzen können. Das Zeichen vergleicht nur Vergleichbares – auch wenn Carsharing umweltfreundlicher ist als Individualverkehr und Fahrräder eine bessere CO2-Bilanz haben als Autos. Das Zeichen wird nur auf Antrag vergeben – deshalb taugt es eigentlich auch nicht für einen Vergleich der Anbieter am Markt. Es gibt Hersteller, die bewusst auf den Engel verzichten, obwohl sie von sich behaupten, die Kriterien zu erfüllen.

Jetzt zwar ohne FCKW, aber trotzdem noch mit jeder Menge anderer gefährlicher Stoffe – den Engel kümmert es nicht.


Foto: irisblende.de

Nach welchen Kriterien das Siegel an welche Produkte vergeben wird, kann der Verbraucher auf der Homepage www.blauerengel.de nachlesen. Allerdings wird er sich dann darüber wundern, wie oft hinter den einzelnen Produktgruppen eine Null steht. Null bedeutet: Es gibt zwar eine Vergabegrundlage, aber keinen Zeichennehmer dafür. Ob Holzspielzeug, Regenwassertonnen, Trinkwassersprudler oder Solarleuchten – 76 Untergruppen der rund 220 Punkte starken Liste sind leer. In etlichen anderen sind gerade mal ein bis zwei Produkte verzeichnet. Der Rest dümpelt meist zwischen drei und 30 Nennungen dahin. Richtig stark ist das Prüfsiegel eigentlich nur bei den Lacken und Farben, Bürogeräten wie Druckern, Kopierern oder Multifunktionsgeräten, Recycling- und Hygienepapieren sowie Tapeten. Sind die guten Zeiten desBlauen Engel vorbei?

Vom Engel verlassen

Auf jeden Fall hat er die Zeichen der Zeit verpasst. Beispiel Spraydosen: Auf keiner anderen Produktgruppe prangte derBlaue Engel so prominent wie auf den Pumpzerstäubern für Haarspray. Das Umweltzeichen für Spraydosen, die keine Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als Treibmittel enthalten, wurde schon 1978 zum ersten Mal vergeben. Als 1989 die deutsche FCKW-Halon-Verbotsordnung in Kraft trat, endete auch die Vergabe von Engeln für Spraydosen. Denn ein Umweltlabel, das allein geltendes Recht bestätigt, macht keinen Sinn. Stimmt im Prinzip. Aber: Spraydosen sind auch heute noch problematisch. So versprühten beispielsweise alle bei einem ÖKO-TEST untersuchten Haarsprays mit Treibgas Kleinstteilchen (Filmbildner), die eingeatmet werden und bis tief in die Lunge gelangen können. Dort können sie sich ablagern, die Selbstreinigung behindern und zur Entzündung führen. Zudem fand sich in vielen Sprays ein hochbrisanter Cocktail – unter anderem aus hormonell wirkendem Diethylphthalat, al ler gieauslösenden Duftstoffen und polyzyklischen Moschus-Verbindungen. Letztere reichern sich im Fettgewebe an, im Tierversuch ergaben sich Hinweise auf Leberschäden. Warum hat der Engel diese Produktgruppe, die so einprägsam wie kaum eine andere für die Vorteile eines anerkannten Umweltzeichens stand, verlassen? Es kann nicht daran liegen, dass die Sprays unbedenklich sind. Denn das ist nicht so, auch wenn der Verbraucher es möglicherweise so interpretiert. Ein falsches Signal.

Und auch bei den Produkten im Baumarkt, wo derBlaue Engel einst so stark war, hat er inzwischen an Bedeutung verloren. Wer wirklich ökologisch bauen oder renovieren will, orientiert sich längst an anderen Gütesiegeln. Ob bei Wandfarben oder Wärmedämmstoffen, Bodenbelägen oder Holzwerkstoffplatten: Das Zeichen macht zwar Vorgaben, die in die richtige Richtung gehen, könnte aber immer bei gesundheitlich kritischen Materialien deutlich strenger sein und unter Umweltaspekten mehr in die Tiefe gehen. „DerBlaue Engel will eben möglichst viele Produkte unter einem Gesichtspunkt etwas besser machen“, sagt Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer des Vereins natureplus, der mit dem gleichnamigen Label ebenfalls Produkte aus dem Baubereich auszeichnet. „Da ist es nur folgerichtig, dass sich die Vergaberichtlinien auf einzelne Umwelt- oder Gesundheitsaspekte konzentrieren.“ Das Zeichennatureplus dagegen wolle die Produkte herausheben, die unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit die Besten sind – da sei man einfach ein Stück weiter als derBlaue Engel , meint Schmitz-Günther.

Missverständlicher Schriftzug

„Umweltfreundlich, weil …“: Mit dieser Aussage warb der Blaue Engel bis 1988. Eine Aussage, die unter anderem Umwelt- und Verbraucherschützer in Rage brachte. Sie hielten den Marketingspruch für missverständlich. Konsumenten könnten sich durch die Aussage fehlleiten lassen und anstelle eines umweltfreundlichen Fahrrades mit gutem Gewissen ein Auto mit Katalysator kaufen, argumentierten sie. Es könnten Lacke mit reduziertem Lösemittelanteil im Küchenabfluss landen, obwohl sie immer noch Sondermüll seien. Es kam zum Rechtsstreit, die Richter entschieden meist für den Blauen Engel. Dennoch wurde die Logo-Umschrift 1988 durch den neutralen Schriftzug „Der Blaue Engel, weil …“ ersetzt.

Der Blaue Engel aller Heimwerker: Dem dienstältesten deutschen Umweltzeichen würden strengere Kriterien gut zu Gesicht stehen.


Foto: Fancy

Dr. Frieder Rubik, der sich am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) unter anderem mit der Wirkung von Umweltzeichen und deren Potenzialen beschäftigt, sieht ganz andere Probleme. In der Jury Umweltzeichen, die über die Vergabegrundlagen letztlich entscheidet, sitzen nämlich nicht nur Umwelt- und Verbraucherschützer, sondern auch Vertreter aus Politik und Wirtschaft. „Da herrschen so unterschiedliche Interessen und Logiken, da ist es nicht einfach, einen Konsens zu erzielen.“ Das Verhandeln und Taktieren hat allerdings nicht immer das beste Ergebnis für die Umwelt zur Folge.

Hygienepapiere können mit demBlauen Engel ausgezeichnet werden, wenn sie aus Altpapier sind. In diesem Bereich ist das Umweltzeichen stark vertreten.


Foto: Moodboard/Corbis

Allerdings versucht man gerade, mit dem altbekannten Umweltzeichen neu zu punkten. Im vergangenen Jahr wurde derBlaue Engel einem optischen Relaunch unterzogen. Unter dem bekannten Signet mit dem Hinweis zu den ausgezeichneten Eigenschaften (beispielsweise „weil emissionsarm“ oder „weil solarbetrieben“), prangt nun in einer neuen Unterschrift jeweils eines der vier zentralen Schutzziele: „schützt das Klima“, „schützt die Gesundheit“, „schützt die Ressourcen“ oder „schützt das Wasser“. Wenn es nach dem Willen der Jury Umweltzeichen geht, soll der Schriftzug „schützt das Klima“ immer häufiger unter demBlauen Engel stehen: In den nächsten drei Jahren sollen 100 klimarelevante Produktgruppen ausgezeichnet werden können. Dafür drückt man ordentlich aufs Tempo. Schon in den ersten beiden Monaten des Jahres 2010 wurden mehr Vergaberichtlinien verabschiedet, als 2007 und 2008 zusammen – unter anderem für Dunstabzugshauben, kompakte Hi-Fi-Anlagen, Fernsehgeräte, DVD-Rekorder und elektrische Backöfen. Waschmaschinen sowie Kühl- und Gefriergeräte waren schon 2009 dran.

Manche Hersteller haben kein Interesse

Es gibt nur einen Haken: In vielen Produktgruppen gibt es keine Bewerber für das Label. Und das liegt nicht daran, dass die Geräte die Bedingungen nicht erfüllen oder auch nur erfüllen könnten. „Renommierte Hersteller von Haushaltsgeräten wollen denBlauen Engel nicht“, weiß Rubik. Sie erhofften sich von dem Zeichen keinen Imagegewinn, sondern befürchten im Gegenteil eher, mit Billiganbietern in einen Topf geworfen und verglichen zu werden. Trotzdem sieht der Wissenschaftler einen Sinn in den Vergaberichtlinien für Elektrogeräte: „Selbst wenn sich das Zeichen nicht auf der Ware findet, sind dessen Vorgaben trotzdem eine wichtige Orientierung für die Hersteller in ihrer Produktpolitik.“ Häufig seien die Richtlinien bald der informelle Standard für die Produktentwicklung – die Bedingungen werden erfüllt, obwohl man nicht offiziell damit wirbt. „Damit hat das Zeichen dann letztlich auch sein Ziel erreicht“, so Rubik.
Allerdings ohne Wissen und Mitwirkung der Verbraucher. Und je seltener derBlaue Engel auf Produkten zu sehen ist, desto größer ist sein Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit. Dabei hat der Engel schon eine Menge Federn gelassen. So auch bei der Auszeichnung von Handys: Hier haben die Hersteller das blaue Signet von Anfang an boykottiert. Zur Expertenanhörung, wo die Vergabegrundlagen diskutiert und Kompromisse zwischen den verschiedenen Interessengruppen gesucht werden, waren nur wenige Hersteller erschienen. Doch deren Haltung war ganz klar – sie wollten das Umweltzeichen nicht. Die Branche begründet ihre Ablehnung damit, dass ihre Geräte dem gesetzlichen Richtwert genügen. Ein zusätzlicher Strahlungswert unterhalb der Gesetzesvorgabe sei „Unsinn“ und eine „Irreführung der Verbraucher“, urteilte der Herstellerverband BITKOM. Gerade mal ein Handyhersteller hat seit der Labeleinführung 2007 eine Lizenz beantragt. Und zwar ausgerechnet für ein Kinderhandy. Prompt hagelte es neue Kritik, diesmal vom Bundesamt für Strahlenschutz. Bisher lägen nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu einer möglichen erhöhten Empfindlichkeit des kindlichen oder jugendlichen Organismus bei Handys vor, monierte das Amt. Inzwischen hat sich das Problem quasi von selbst erledigt, denn den Hersteller des Kinderhandys gibt es nicht mehr – und damit auch keine Auszeichnung mehr in dieser Produktgruppe.

Ob Computer energiesparend sind, interessiert den Engel – aber nicht, wie und wo das Gerät gefertigt wurde.


Foto: ingran

Eine Betrachtung der Nachhaltigkeit fehlt

Ganz klar: DerBlaue Engel hat seine Verdienste. In vielen Bereichen hat er mit seinen Forderungen eine umweltfreundlichere Produktentwicklung angeregt und möglich gemacht. Zu diesem Schluss kam auch Ulrike Eberle, die vor einigen Jahren für das Öko-Institut in Freiburg eine Studie zur Erfolgsbilanz des staatlichen Umweltzeichens erstellt hat. Der Engel habe Standards gesetzt, mit ihm sei der Durchbruch zur ökologischen Produktkennzeichnung gelungen. Doch ob das heute noch reicht, wo etliche andere Label demBlauen Engel Konkurrenz machen und dem Verbraucher auch andere Dinge wichtig sind wie beispielsweise eine nachhaltige Produktion und die Einhaltung von Sozialstandards, ist fraglich. So sind nach dem bisherigen Vergabeprinzip Computer bereits dann engelwürdig, wenn sie energiesparend arbeiten und geräuscharm sind. Die miserablen Arbeitsbedingungen, unter denen diese Technik in Fernost gefertigt wurde – sie bleiben bei der Vergabe unberücksichtigt. Auch die Klimabilanz eines Produktes findet keinen Niederschlag in den Vergaberichtlinien des Umweltzeichens.
„DerBlaue Engel täte gut daran, schrittweise Kriterien zur Nachhaltigkeit in die Vergaberichtlinien einzubeziehen und sich damit neu zu profilieren“, meint auch Dr. Frieder Rubik vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Er hat an derUntersuchung zur möglichen Ausgestaltung und Einführung eines Nachhaltigkeitslabels mitgearbeitet, die im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gemeinsam vom Öko-Institut und dem IÖW erstellt und gerade aktuell veröffentlicht wurde. Die Autoren kamen zu dem Fazit, dass kein eigenständiges Nachhaltigkeitslabel entwickelt werden solle. Stattdessen sollten bestehende Label wie auch derBlaue Engel dazu ermutigt werden, sich als Symbol für Nachhaltigkeit zu qualifizieren. Vielleicht wäre das der Beginn eines neuen Höhenflugs.

Bald sollen viele Produkte mit dem Engel ausgezeichnet werden, weil sie klimafreundlich sind – so der Plan.


Foto: www.blauer-engel.de