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Neuer Schwung für alte Knie


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 30.07.2018

Verbesserte chirurgische Verfahren und Forschungen geben Hoffnung


Artikelbild für den Artikel "Neuer Schwung für alte Knie" aus der Ausgabe 8/2018 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2018

Emily Patenaude kann wieder ohne Schmerzen gehen


DIREKT NACH DER OPERATION spürte Emily Patenaude keine Schmerzen. Ihr Körper war vollgepumpt mit Schmerzmitteln und Endorphinen. Sie war glücklich, dass ihr im Victoria General Hospital im kanadischen British Columbia ein künstliches Knie eingesetzt worden war.

Angefangen hatte alles vor 21 Jahren beim Skifahren. Auf einem Übungshang misslang ihr eine Kurve, sie stürzte und brach sich das Bein. Die Fraktur zog sich spiralförmig vom Sprunggelenk bis zur Kniescheibe. Der Bruch heilte, die ...

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... Verletzung hatte aber einen Knorpelabbau in ihrem Knie ausgelöst. Irgendwann wurde das Gelenk so schwach, dass sich ihr linkes Bein nach außen bog.

Eines Tages im Jahr 2014 betreute Emily Patenaude ihre kleine Enkelin. Sie spielten ausgelassen im Wohnzimmer, bis ihr Knie stark anschwoll und sie vor Schmerzen aufs Sofa sank. Mehrere Monate lang konnte Patenaude nicht mehr gehen.

Arthrose, die weltweit häufigste Gelenkkrankheit, bestimmte ihr Leben. Patenaude lebte auf der Insel Mayne vor der Südwestküste von British Columbia und war nun nicht mehr in der Lage, zwei Kilometer zum Baumarkt zu gehen, wo sie arbeitete. Es fiel ihr schon schwer, in der Küche eine Mahlzeit zuzubereiten, geschweige denn zu wandern oder zu segeln.

Im Mai 2015, kurz nach ihrem 63. Geburtstag, fuhr sie schließlich aufs Festland nach Vancouver, um einen Sportarzt aufzusuchen. Nach der Röntgenuntersuchung teilte dieser ihr mit, dass sie ein künstliches Kniegelenk brauchte. „Eine physiotherapeutische Behandlung allein wird Ihre Beschwerden nicht beseitigen“, erklärte er ihr.

Das Einzige, was sie selbst tun konnte, war, diejenigen Muskeln zu trainieren, die ihr Knie stabilisieren, damit sie sich nach der Operation schneller erholte. Während des einstündigen Eingriffs würde der Chirurg in die drei Knochen, die zusammen das Kniegelenk bilden, Löcher bohren und die abgenutzten Gelenkoberflächen abtragen. Anschließend sollte das rund 420 Gramm schwere, künstliche Kniegelenk platziert und verankert werden.

Nachdem die Wi rkung der Schmerzmittel nachgelassen hatte, versuchte sie, ihr Knie das erste Mal zu bewegen. „Es tat höllisch weh“, erinnert sich Patenaude. Die Reha, die eine Woche nach dem Eingriff begann, war anstrengend. Denn die Beuge-, Streck- und Hebeübungen schmerzten anfangs extrem.

Doch sie gab nicht auf. Sie sagte sich: „Ich will gesund werden.“ Und das tat sie. Einen Monat lang ging sie dreimal die Woche zur Reha in die Klinik, danach zweimal die Woche. Nach zwei Monaten meinte ihr Physiotherapeut, sie könne das Training zu Hause fortsetzen und müsse nur noch gelegentlich zur Kontrolle kommen.

Emily Patenaude nach ihrer Knieoperation


„Mit einem künstlichen Knie ist nicht automatisch alles wieder gut“, erzählt die mittlerweile 66-jährige Patenaude. „Man muss hart und unter Schmerzen dafür arbeiten. Doch es lohnt sich.“

IST DAS KNIEGELENK gesund, funktioniert es folgendermaßen: Drei Gelenkflächen, die wie Puzzlestücke zusammenpassen, greifen beim Beugen, Strecken oder bei einer Seitwärtsbewegung perfekt ineinander. Das Kniegelenk trägt das gesamte Körpergewicht – sei es beim Laufen, Hüpfen, wenn man die Kinder oder Enkelkinder auf den Arm nimmt oder schwere Einkäufe schleppt.

Hat sich Arthrose ausgebreitet, knirscht es im Kniegelenk, jede Bewegung schmerzt. Trotz medizintechnischer Fortschritte gibt es kaum Möglichkeiten, die Beschwerden ursächlich zu behandeln. Da die Knorpelsubstanz über keine eigene Blutversorgung verfügt, kann sie sich nicht selbst regenerieren. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Arthrose die Hauptursache für Gehbehinderungen bei älteren Menschen. Eine im Jahr 2013 veröffentlichte wissenschaftliche Studie belegt, dass 10 bis 15 Prozent aller Erwachsenen über 60 Jahren mehr oder weniger schwer unter dieser Erkrankung leiden.

Dieselbe Studie zitiert Untersuchungsergebnisse der Vereinten Nationen: Diese sagen vorher, dass bis zum Jahr 2050 weltweit mehr als 20 Prozent der über 60-Jährigen (130 Millionen Personen) an Arthrose leiden werden – ein Drittel davon bis zum Grad der Schwerbehinderung.

Zum Teil ist die Entstehung von Arthrose genetisch bedingt, aber auch Übergewicht, zu viel körperliche Aktivität oder ein Mangel daran sowie frühere Verletzungen spielen eine Rolle.

Das Einsetzen einer Knieprothese ist die Behandlungsmethode mit der größten Zuwachsrate. Eine von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Statistik ergab: In den Jahren 2005 bis 2014 zeigte sich ein stetiger Anstieg der Knie-OPs in allen Mitgliedsländern.

In Europa wurde der Eingriff am häufigsten in Österreich durchgeführt (18 785 OPs im Jahr 2014). Deutschland und Finnland lagen nur knapp dahinter. Die meisten Knieprothesen weltweit wurden in den Vereinigten Staaten eingesetzt: 534 000 im Jahr 2005. Bis 2030 wird die Zahl um 673 Prozent auf schätzungsweise rund 3,5 Millionen ansteigen – so die OECD.

Das Verfahren wurde in den 1970er- Jahren entwickelt und ist bis heute Standard, sagt Dr. Christopher Kaeding, orthopädischer Chirurg und Geschäftsführer der Abteilung Sportmedizin an der Ohio State University, USA. Die Beschwerden lassen sich so um mehr als 85 Prozent reduzieren. Doch der Chirurg warnt, die neue Bewegungsfreiheit habe auch ihre Nachteile, besonders dann, wenn man die Knie-OP bereits mit Mitte 50 oder Anfang 60 durchführen ließe.

Bei dieser Gruppe stieg die Zahl der Eingriffe innerhalb der letzten 20 Jahre um das 20-Fache, da das künstliche Knie nicht ewig hält. Obwohl Methode und Materialien (Kobalt-Chrom- Legierungen, Titan und Kunststoff) immer besser werden, unterliegt auch Bei dieser Gruppe stieg die Zahl der Eingriffe innerhalb der letzten 20 Jahre um das 20-Fache, da das künstliche Knie nicht ewig hält. Obwohl Methode und Materialien (Kobalt-Chrom- Legierungen, Titan und Kunststoff) immer besser werden, unterliegt auch das künstliche Knie der Abnutzung durch mechanische Belastung.

WAS BRINGT DIE ZUKUNFT?

Das teilweise bionische Knie
Das Meniskus-ImplantatNUsurface besteht aus einem synthetischen Meniskus auf Polymer- Basis und wird seit 2008 in Europa eingesetzt. Die Wirksamkeit liegt zwischen der von Entzündungshemmern und einer Total-Operation. Für Patienten mit großen Schmerzen verlängert sich die Lebenszeit des eigenen Knies

Die Lücke überbrücken
Bei dieser Kreuzband- OP verbindet eine Art Schwamm die beiden gerissenen Teile. Bei dem Standardverfahren entnimmt man Gewebe von einer anderen Stelle im Knie. Doch nicht immer wächst das Gewebe wie geplant an. Die Arthrose setzt 15 bis 20 Jahre später ein.

Die ungewöhnliche Nahrungsergänzung
Das im freien Handel erhältliche Chondroitinsulfat soll das Fortschreiten von Arthrose verlangsamen können. Eine apothekenpflichtige Variante, die etwas stärker ist, gibt den Betroffenen Hoffnung, die sich vor den Nebenwirkungen nicht-steroidaler entzündungshemmender Arzneimittel ängstigen.

Neue Behandlungsansätze und aktuelle Forschungen machen Mut

Die Nase vorn
Einer wissenschaftlichen Studie zufolge lässt sich Nasenknorpelgewebe erfolgreich zur Reparatur von Kniegelenkknorpel einsetzen. Der Nasenknorpel weist bei Bewegungsbelastung ein ähnliches Verhalten auf. Zudem ist er weniger entzündungsanfällig als andere Körperzellen.

Die Chondrogenese
In Deutschland läuft gerade eine klinische Studie: Während einer Phase von vier Wochen spritzt man die organische Substanz LNA043 in den Knorpel von Probanden mit beschädigten Kniegelenken. LNA043 soll die Zellen zur Chondrogenese (Selbstheilung) anregen. Womöglich ist das eines der biologischen Verfahren der Zukunft.

Der Wegweiser
Ebenfalls in der Erprobungsphase ist Agili-C. Es ist ein biologisches Gerüst, an dem entlang sich der Knorpel regenerieren kann. Agili-C wird einmalig mithilfe einer Arthroskopie injiziert. Es hat bereits das europäische CE-Kennzeichen erhalten – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur europaweiten Markteinführung.

Räsänen trainiert Kraft und Beweglichkeit, um die Operation hinauszuzögern


„Eine Vollprothese hält zwischen zwölf und 20 Jahren, und bei jedem weiteren Austausch machen sich die Verbesserung der Mobilität, Flexibilität und Belastungsfähigkeit weniger bemerkbar“, sagt Dr. Kaeding.

Darüber hinaus wiesen mehrere Studien in Finnland und den Vereinigten Staaten nach: Die anzunehmende höhere körperliche Aktivität jüngerer Patienten führt möglicherweise dazu, dass ein erneuter Austausch bis zu doppelt so häufig erforderlich ist als bei älteren. Und deshalb versucht man gegenwärtig, die Operation so lange wie möglich aufzuschieben.

Marjukka Räsänen, Buchhalterin aus Helsinki, gehört zu denen, die das täglich spüren. Im Alter von 20 Jahren wollte sie die Post aus dem Haus ihrer Eltern holen, als sie ausrutschte, sich die rechte Kniescheibe ausrenkte und eines der stabilisierenden Seitenbänder stark überdehnte. „Ich wurde operiert, und mein Bein war drei Wochen lang vom Fuß bis zur Hüfte eingegipst“, berichtet sie.

20 Jahre später, Räsänen war mittlerweile verheiratet und hatte zwei Kinder, wärmte sie sich fürs Karatetraining auf. Dabei glitt ihr Fuß weg, und sie fiel auf dasselbe Knie. Sie wusste auch ohne ärztliche Diagnose, was passiert war. „Das Seitenband war überdehnt oder sogar gerissen, und meine Kniescheibe war aus der Führung gesprungen“, sagt sie. „Dieses Mal trennten die Chirurgen mein Schienbein von der Kniescheibe und befestigten es an einer anderen Position, damit die Kniescheibe künftig an ihrem Platz bleiben würde.“

Die heute 53-Jährige schiebt die OP auf, obwohl sie in beiden Knien Arth- rose hat und sie an manchen Tagen keinen Schritt ohne Schmerzen gehen kann. Um der Steifheit entgegenzuwirken, macht sie jede Woche Pilates und Aquajogging sowie Dehn- und Kraftübungen. Bislang haben aber weder die chirurgische Neuausrichtung ihres Unterschenkels, noch die knorpelregenerierenden Maßnahmen oder entzündungshemmenden Kortison- Injektionen ihre Gelenkschmerzen lindern können.

Es gibt durchaus Alternativen, meinen Experten wie Dr. Kaeding und Mats Brittberg, ein Dozent an der Universität Göteborg, Schweden, und Mitglied der Knorpelforschungsgruppe. Allerdings sind manche noch in der Testphase. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, den Knorpel dazu zu bewegen, sich selbst zu regenerieren. Unter Medizinern gilt dieses Vorhaben als der „Heilige Gral“.

„Eine Weile lang glaubten wir, Stammzellen ließen sich dafür einsetzen, Gelenke durch die Neubildung von Knorpel zu reparieren, aber das war eine Sackgasse“, sagt Brittberg. „Zwar können Stammzellen die Symptome bekämpfen, aber die Behandlung ist sehr kostspielig – und pharmazeutische Unternehmen brauchen einen Nachweis, dass derartige Behandlungen in jedem Fall zum Erfolg führen.“

Laut Dr. Kaeding zeigen sich Fortschritte bei der lokal begrenzten Ausbesserung von Knorpelschäden mit einem Material, das dem echten Gelenkknorpel sehr ähnlich ist. „Stellen Sie sich eine asphaltierte Straße mit einem Schlagloch vor“, erklärt er. „Wir sind mittlerweile in der Lage, solche Löcher zu füllen. Doch bis zur vollständigen Neuasphaltierung der Straße ist es noch ein weiter Weg.“

Zurück zu Emily Patenaude von der Insel Mayne. Die war inzwischen mit ihrem Ehemann auf ihrem SegelbootAvaré auf einer fünfmonatigen Traumreise durch die Fjorde im Norden von British Columbia. In die Hocke gehen, wandern und klettern stellen mittlerweile keinerlei Problem mehr dar. Und die feuerrote Narbe? Die ist zu einem zarten Rosa verblasst.

JUNG ODER ALT

Eine Woche nach ihrem dritten Geburtstag machten meine Enkelin Milena und ich im Spielzimmer Gymnastik. Ich sagte zu ihr: „Der Opa hat alte Beine, und du hast junge Beine.“ Schlagfertig antwortete Milena: „Nein, Opa, ich habe keine Jungenbeine, ich habe Mädchenbeine!“

DIETER MATTHESS , Deutschendorf