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NEUES IM NOVEMBER: Helden der Nacht Matthias Tanzmann


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 05.11.2019
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Du bist 1977 in Leipzig geboren. 1989, im Zuge der Montagsdemonstrationen, wurde die größte Stadt Sachsens auch als ‚Heldenstadt‘ bezeichnet. Wie war es für dich in Leipzig aufzuwachsen und was hat sich in Leipzig nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung geändert?
Leipzig hat sich seitdem unglaublich entwickelt. Nach dem Fall der Mauer gab es eine Zeit der Abwanderung und des Verfalls. In den letzten 10, 15 Jahren hat sich der Trend komplett umgekehrt und Leipzig ist heute die prozentual am schnellsten wachsende Großstadt Deutschlands. Unter den Zugezogenen sind auch viele Künstler und Studenten, denen Berlin zu teuer oder zu voll geworden ist. Leipzig bietet nach wie vor viele Freiräume und Nischen, die man in anderen Städten nicht mehr findet. Ich mag das Leben hier. Leipzig hat alles zu bieten, was man braucht, und ist gleichzeitig mein Ausgleich zu den ganz großen Metropolen. Darum bin ich auch nie woanders hingezogen.

Wann und wo bist du das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen und was war für dich die Initialzündung Musiker und DJ zu werden?
Ich bin mit 15 oder 16 das erste mal mit älteren Freunden in die Basis gegangen. Das war ein nicht ganz legaler Club in einem verlassenen Gebäude, die es in der Zeit nach der Wende überall in der Stadt gab. Dort habe ich in einem stickignassen Keller voller Nebel und mit dauerhaft zuckendem Stroboskop das erste Mal Techno gehört. Danach wollte ich mehr über die Musik und das Auflegen wissen und fing an, mich damit zu beschäftigen. Ein Freund in der Nachbarschaft hatte zwei Plattenspieler und einen Mixer. Dort habe ich meine ersten Gehversuche als DJ unternommen.

Dein Label Moon Harbour hat mittlerweile über 100 Releases vorzuweisen. In der heutigen Zeit, in der viele Labels nicht über Katalognummer 001 hinauskommen, eine Ewigkeit. Wie bist du damals mit André Quaas auf die Idee gekommen, das Label zu gründen, was war euer Antrieb, inwiefern musstet ihr die Ausrichtung des Labels im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ändern und was erscheint hier in Kürze?
André war einer der Mitbegründer der Distillery in Leipzig. Ich habe Ende der Neunziger dort aufgelegt, daher kannten wir uns. Silvester 1999 haben wir uns dort im Club unterhalten und festgestellt, dass wir beide darüber nachdachten, ein Plattenlabel zu gründen. In dem Gespräch haben wir festgestellt, dass wir uns dabei sehr gut ergänzen würden. Ihm liegt das Administrative, ich konnte die kreativen Parts übernehmen. So haben wir noch in derselben Nacht beschlossen, die Idee gemeinsam zu verfolgen. Im Sommer 2000 kam dann die erste EP meines damaligen Musikprojekts Gamat 3000 auf Moon Harbour raus. Nächstes Jahr steht unser zwanzigstes Jubiläum an, das mit einer Compilation und einer großen Tour gefeiert wird.

Kaum jemand aus Deutschland kennt sich auf Ibiza so gut aus wie du. Als langjähriger „Circoloco“-Resident hast du auch zwei Compilations für die legendäre Partyreihe veröffentlicht und gemixt. Wie hat sich Ibiza im Laufe der vergangenen Jahre verändert und wieso ist die Insel immer noch das Mekka der Raver?
Der Hippie-Vibe der früheren Jahre ist teilweise der Nightlife- und Partyindustrie gewichen. Über die Jahre lässt sich eine stellenweise Kommerzialisierung der Insel beobachten. Die Clubs wurden immer größer und die Preise immer höher. Das ist heute vor allem für jüngere Leute ein Problem. Allerdings findet man auf der Insel nach wie vor wunderschöne Ecken und sie wird wohl auch weiterhin der Hotspot für elektronische Musik bleiben. Kaum ein weltweit aktiver DJ ist im Sommer nicht auf Ibiza anzutreffen. Das gleiche gilt für Promoter. Und für mich ist es immer noch der beste Ort, um aufzulegen, zu Partys zu gehen oder einfach zu entspannen.

Du hast gerade erst das Album von Better Lost Than Stupid – einem Projekt mit Martin Buttrich und Davide Squillace – veröffentlicht, jetzt folgt dein neues Soloalbum. Inwiefern unterscheiden sich die beiden Alben?
Das Album von Better Lost Than Stupid bewegt sich musikalisch abseits von dem, was wir drei als Solokünstler produzieren. Electronic-Crossover irgendwo zwischen Festival und Radio. Auf meinem Soloalbum bin ich stärker bei mir selbst. Hier ist die Musik zu finden, die mich persönlich bewegt und die ich in meinen DJ-Sets spiele. Die Titel sind klarer im Underground-Club verortet, Better Lost Than Stupid ist fast schon Pop. Wenn man beide Alben hört, wird man deutlich den Unterschied bemerken.

Dein neues Album “Round And Round” erscheint in mehreren Teilen im Zeitraum von Oktober bis Dezember. Trägst du damit den veränderten Kaufgewohnheiten der Beatport-Generation Rechnung oder was ist der Grund?
Es ist eher die Spotify-Generation, an die hierbei gedacht wird. Wenn man heute ein Album bei Spotify veröffentlicht, kann maximal ein Titel davon an die Editoren der großen Playlisten gepitcht werden mit der Hoffnung, dass dieser Titel dann Beachtung findet. Verteilt man die Titel auf mehrere Release-Termine, hat jeder einzelne die Chance, Gehör zu finden. Ich habe auf dem Album mit befreundeten DJs an einigen gemeinsamen Tracks gearbeitet. Auf diese Weise geht keiner von ihnen in einer Album-Playlist unter, sondern jeder bekommt eine Art Single-Release. Es ist ein kleines Experiment, aber ich fand das ganz spannend.

Nach “Momentum”, deinem bisher letzten Album, sind drei Jahre vergangen. Drei Jahre voll mit Gigs auf der ganzen Welt. Inwiefern machen sich deine Erlebnisse des Tourlebens in “Round And Round” bemerkbar?
Das Reisen spiegelt sich ständig in der Studioarbeit wider. Ich sammle eigentlich auf jedem Gig neue Eindrücke, die sich dann beim Produzieren verarbeiten lassen. Der Albumname „Round And Round“ steht tatsächlich sowohl für einen stilistischen und biografischen Rundumschlag als auch für das kontinuierliche Touren. Alles hat einen Einfluss.

SHORTCUTS:

Drei Lieblingsplätze in Leipzig:Palmengarten Restaurant B10 Meine Couch

Erste gekaufte Schallplatte:The Prodigy – No Good

Zuletzt gekauftes Musikstück:Josh Wink, Ursula Rucker-Sixth Sense (Louie Vega Remix)

Drei Dinge, die dir aus deinem Rider am wichtigsten sind:

Mein Rider ist eigentlich recht easy. Aber wichtig ist dieser Punkt: Hotel late check out-2h prior flight departure

Drei Lieblingsplätze auf Ibiza:

Hacienda Na Xamen: Aguas Blancas DC10

Drei Tracks, die du immer wieder in deinen Sets spielst:Oxia – Domino Andre Kraml-Safari (James Holden Remix) Basement Jaxx-Fly Life Xtra


Foto: Kerstin Flake

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