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NEUES VOM LUMPENPREKARIAT


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 198/2021 vom 13.10.2021

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Die Geschichte der Ausbeutung geht weiter; nicht nur in Ganzweitweg, wo wir’s eh wissen, müssen sich Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen verdingen. Nicht nur damals (vor gar nicht allzu langer Zeit) galten für »die anderen« andere Regeln als für die »Unsrigen«. Hier und jetzt ist das Proletariat zum Prekariat geworden.

In »Verkannte Leistungsträger:innen« haben Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey Porträts von Menschen am unteren, dunklen Rand der Arbeitswelt gesammelt. Rumänische Ernte-Saisonarbeiter/innen bangen mitten im reichen Deutschland um ihren Lohn. Küchenhilfskräfte können mangels permanenter Aufenthaltsgenehmigung jederzeit aus der Schweiz abgeschoben werden, wenn sie nicht spuren. Lieferservice-Fahrradbot/innen, Amazon-Lagerarbeiter/innen, Fertigpizzabeleger/innen, eine 24-Stunden-Pflegerin: Sie alle geben Einblicke in ihre kaum je gesehenen Arbeitswelten. Auf Basis ...

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... zahlreicher Interviews entstehen scharfe Porträts, gezeichnet von 26 Wissenschaftler/innen aus Soziologie und anderen Gesellschaftswissenschaften – wie auch die beiden Herausgeber/innen. Insgesamt 22 Texte fügen sich zu einem recht umfangreichen Album. Was die interviewten Arbeitenden gemeinsam haben, sind schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Chancen; sie »sitzen ( … ) am unteren Rand der Arbeitsgesellschaft fest.« Eine weitere Gemeinsamkeit zeigte sich im jüngsten Kapitel der Sozialgeschichte, Corona. Im Blitzlicht der Krise leuchteten die unsichtbaren Jobs kurz auf: Plötzlich sah man, dass man nicht auf sie verzichten kann. Es folgte eine kurze Dusche gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und Wertschätzung – die im zweiten Lockdown auch schon wieder vorüber war. Die Autor/innen gehen mit ihrer Porträtsammlung wohl den ersten notwendigen Schritt zu einer Stärkung der hier versammelten gesellschaftlichen Schwachstellen: In eindrücklichen Bildern und deren eigenen Worten holen sie die marginalisierten Arbeitenden vom Dunkel ins Licht.

Die ersten, die wieder ganz unten anfingen, waren die »Gastarbeiter«. In seiner umfangreichen Studie »Vom Gast zum Gastwirt?« zeichnet der Historiker und Politikwissenschaftler Stefan Zeppenfeld die Entwicklung ihrer Arbeitswelten mitten im Deutschen Wirtschaftswunder nach. Wo deutsche Arbeitskraft nicht ausreichte, um die Massenhandgriffe der noch nicht voll automatisierten Produktion zu verrichten, wurden Arbeiter aus Ländern mit weniger Wirtschaftswunder angeworben. In West-Berlin schuf 1961 die Mauer plötzlich einen Riesenbedarf: die vormaligen Grenzgänger, die in den Werken von Siemens und AEG schufteten, konnten plötzlich nicht mehr von Ost nach West. Was folgt, ist die Geschichte ganzer Familien, die auf ein Land hofften, in dem Milch und Honig fließen; von Diskriminierung und prekärer Beschäftigung. Denn wer mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden war, oder den Job wegen langer Krankenstände verlor, konnte ja wieder nach Hause gehen. »Prekär« bedeutet, dass ein Vertrag jederzeit durch den Eigentümer widerrufen werden kann. Aber es ist auch die Geschichte von Integration und beruflichem Erfolg. Wobei die Erfolgsgeschichten oft erst später geschrieben wurden. Während die ursprünglichen »Gastarbeiter« sich in einer Welt mit wenig Aufstiegschancen wiederfanden, konnten ihre Kinder und Kindeskinder in qualifizierteren Jobs andocken und immer mehr eigene Betriebe gründen. Stefan Zeppenfeld zeichnet anhand des klar fassbaren Ausschnitts West-Berlin nach, wie türkische Landarbeiter erst zu Migranten, dann zu deutschen Staatsbürgern wurden, die heute die Stadt und das Land mitgestalten.

»Drecksarbeit« ist der schlichte Titel, unter dem Jan Stremmel zeigt, wie der allergrößte Teil klassisch proletarischer Tätigkeiten exportiert wird – unter Bedingungen, die Marx’ Beschreibungen des »Lumpenproletariat« auch heute noch genau entsprechen: In Kalkutta übergießen die Färberei-Arbeiter ihre Hände und Füße ständig mit Wasser, um sich vor Verätzungen mit der überall heruntertropfenden Lauge zu schützen. Wer glaubt, Clean Clothes & Co hätten an diesen Zuständen bereits viel geändert, wird schmerzlich eines Besseren belehrt: »Ausgebeutet werden Arbeiterinnen und Arbeiter natürlich immer noch. Nur passiert das Insidern zufolge eher in den kleineren Fabriken ( … ), in die sich kein Kontrolleur je verirrt.« Auf den Kapverdischen Inseln raubt Dita Sand von den Stränden und verkauft ihn an Betonproduzenten, weil sie darin die einzige Möglichkeit sieht, ihre vier Kinder durchzubringen. Auf Borneo müssen die Bauern ihre Gesundheit dem Rauch der Brandrodung opfern – um immer mehr Palmöl herzustellen. In Paraguay schleppen Köhler täglich zweieinhalb Tonnen Holz in gebückter Haltung in den beengten Kohlenmeiler. Zwischendurch erlebt der Autor auf einem seiner Flüge auch noch eine Abschiebung von »Wirtschaftsflüchtlingen«. Der gelernte Historiker, Kunsthistoriker und Journalist (unter anderem für die Süddeutsche und ProSieben) legt zehn Reportagen im besten Sinn vor: Er ist ausgezogen, um zurückzubringen, was die Leser/innen selbst nicht sehen können. Stremmels hautnahe Berichte aus verborgenen Arbeitswelten geben einem immer wieder das beklemmende Gefühl, selbst dort gewesen zu sein.

»Am laufenden Band« nennt Joseph Ponthus sein Epos über Leben und Werk in der Fabrik. Als Leiharbeiter ist er einer von jenen, die man am wenigsten sehen muss. Wenn etwas nicht passt, sind sie schnell weg. Während die fix beschäftigten Arbeiter streiken, versucht er mit seinen Kollegen mittels doppelter Kraftanstrengung, die Produktion am Laufen zu halten. Der gelernte Sozialarbeiter muss sich des Geldes wegen in der französischen Lebensmittelproduktion verdingen – beim Garnelensortieren und Fischabpacken, beim Schlachtbankputzen und Schweinehälftenverladen am Schlachthof. Und er muss darüber schreiben, weil er es anders nicht aushalten würde. Proletariern geringe Intelligenz zuzugestehen war ohnehin immer schon ein Irrglaube. Im Fall von Ponthus kommt zur scharfen Auffassungsgabe noch breite literarische Bildung. Dieser verdanken wir Zitate von Baudelaire über Hannah Ahrendt bis Carla Bruni. Ponthus beschreibt ohne Schnörkel, was er sieht, und ohne Skrupel, was er denkt: »Verdammt die Euter / Diese winzigen aufgedunsenen Rugbybälle noch warm vom Körper / des gerade getöteten Tieres / Zerplatzen manchmal wenn sie runterfallen«. Das ist ehrlich, das ist echt, das hat Rhythmus. Bukowski lässt grüßen. Und es gibt den Blick frei auf Arbeitsbedingungen, die viele halb vergessen haben, weil sie gehört haben, dass solche Zustände überwunden wären. »Wir sind eine Handvoll kaputter Arme des Prekariats / Das einzig Gute ich bin da wo ich immer bin«. In klaren Sätzen schlichter Schönheit schafft Ponthus ein Gedicht aus einer Welt, von der viele dachten, dass es sie »bei uns« gar nicht mehr gibt.

In gewöhnlichen Worten über ungewöhnliche Dinge zu berichten, ist spätestens seit Schopenhauer ein treffender Grundsatz gelungener Kommunikation – und ein gemeinsamer Nenner aller vier Neuerscheinungen.