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Neuland


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 13.05.2022

Silvretta

Artikelbild für den Artikel "Neuland" aus der Ausgabe 6/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 6/2022

Nicht mehr viel übrig: Blick auf die Reste des Ochsentaler Gletschers

Als ob er einen abwerfen will, der Berg. Alle paar Sekunden rumpelt und donnert es in der Südostflanke des Kleinen Piz Buin. Kühlschrankgroße Felsbrocken poltern durch die bröselige Felswand. Sie krachen, splittern, bersten. Feine Sandfahnen ziehen über den sommerlichen Ochsentaler Gletscher. Geröll hat den ehemaligen Pausenplatz in der Scharte zwischen Kleinem und Großem Piz Buin mittlerweile fast begraben. Nur Lebensmüde unter den Aspirant:innen für den höchsten Gipfel Vorarlbergs würden an dieser Stelle noch Rast machen – wie es seit jeher Brauch war. Auch Bergführer Josef Lorenz ist beeindruckt: »So schlimm habe ich es noch selten erlebt.« Die Gneisfelsen der Silvretta haben ihren Kitt verloren. Die stützenden Gletscher schmelzen dahin.

Ein paar Tage zuvor, talabwärts: Im beschaulichen Paznaun herrscht wahrlich keine Endzeitstimmung. Das westlichste Tal Tirols ist etwa 40 Kilometer ...

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... lang und führt über Kappl, Ischgl und Galtür sanft hinein ins Herz der Silvretta. Im Sommer ist hier von den berüchtigten Apres-Ski-Eskapaden der Wintersportorte nichts zu spüren. Und in den Seitentälern herrscht Klischee-Idylle: Braunvieh auf den Almen, Kuhglockengebimmel, Bergbäche rauschen.

Zehn lange Kilometer sind es das Tal hinein bis zur Jamtalhütte. Das stattliche Alpenvereinshaus ist nicht nur Basislager für Hochtourist:innen, die es zu den Gletschergipfeln der Silvretta zieht. Auch Alpinwanderer können von hier ausschwärmen. Zum Beispiel zur »3 mal 3000«-Tour: einer fordernden Überschreitung mehrerer Gipfel hoch droben über dem Futschöltal.

3 mal 3000

Das Gras ist noch feucht, als Josef Lorenz kräftig ausschreitet, immer dem tosenden Futschölbach entgegen. Ein markanter Steinblock im Talgrund ist die erste Landmarke: der Finanzerstein. Am Fuße des Felsens hatten es sich früher die Zollwachen in einem Verschlag mehr oder minder gemütlich gemacht, daher der Name. Wer Grenzeckkopf (3047 m), Bischofspitze (3028 m) und Breite Krone (3078 m) auf einen Streich mitnehmen will, muss sich sputen. Die Weidewiesen gehen bald in gerölliges Ödland über, durch das sich die Pfadspur gen Futschölpass schlängelt. Diesen Übergang benutzen die Menschen schon lange, weiß Lorenz. So wurde das Paznaun schon vor mehr als 1000 Jahren vom Engadin her besiedelt. Nur eine Kirche gab es nicht. Was also tun, wenn ein:e Dorfbewohner:in im Winter das Zeitliche segnete? »Man hat den Leichnam im Schnee tiefgefroren und im Frühjahr wieder ausgegraben«, erzählt Lorenz, der selbst aus Galtür stammt. Erst mit der Schneeschmelze war der Pass gangbar. Dann konnten die Toten im schweizerischen Guarda oder in Ardez unter die Erde gebracht werden.

»Man hat den Leichnam im Schnee gefroren und im Frühjahr wieder ausgegraben .«

Die »3 mal 3000«-Route wird zur Gratwanderung. Der Kamm hinauf zum Grenzeckkopf, der die Schweiz von Österreich trennt, ist nirgends technisch schwierig. Eisenklammern helfen über eine rutschige Platte hinweg. Im Nieselregen wirkt die Schuttlandschaft ein bisschen trostlos. Schließlich spitzt zwischen Wolkenfetzen ein Kreuz heraus: Nummer 1 ist geschafft! Am zweiten Etappenziel, der Bischofspitze, ist es gut, dass das GPS-Gerät ein Signal ausgibt. Sonst könnte man glatt an dem unscheinbaren Steinblock vorbeilaufen. Unübersehbar ist dafür das Finale: Die Breite Krone macht ihrem Namen alle Ehre – soweit man das im Nebel erkennen kann.

Von der Jamtalhütte aus kommen auch Ferrata-Fans auf ihre Kosten. Nun ist der Pfannknecht wahrlich kein Geheimtipp. Aber kein Schild oder Wegweiser an der Hütte verrät, wo sich der Klettersteig versteckt. Nur eine schmale Spur zieht sich in die Pfannknechtscharte. Der Schnee verhindert, dass sich dorthin ein ausgetretener Weg bildet. Der Hüttenwirt der Jamtalhütte, Gottlieb Lorenz, hat vor 20 Jahren erstmals ein Drahtseil auf den Felskopf gezogen. So kann der Klotz seitdem auch von Familien oder Einsteigern im Rahmen einer Halbtages-Aktion erklettert werden. »Verrostet« sieht das Gestein wegen seiner rotbraunen Farbe aus, doch zumindest am luftigen Grat ist es fest und griffig. Nicht nur von Kraxler:innen bekommt der Pfannknecht (2288 m) regelmäßig Besuch, sondern auch von geübten Wanderern. So passiert es schon mal, dass eine Gams ärgerlich im Blockwerk faucht, weil sie sich in ihrer Einsamkeit gestört fühlt.

SOS vom Gletscher

Wer früher von der Hütte ins Jamtal hinaufgeschaut hat, wurde von den ausgedehnten Gletscherflächen geblendet. Jetzt blinkt der Jamtalferner nur noch von ganz hinten am Talschluss weiß herüber. Er scheint ein Notsignal zu senden, denn das Eis schmilzt und schmilzt – in jedem Jahr mehr. Wie schnell das geht, zeigt Josef Lorenz auf dem Weg zur Ochsenscharte. 90, 08, 15: Diese Zahlen sind mit roter Farbe auf auffällige Felsbrocken gepinselt. Sie markieren das Gletscherende in den Jahren 1990, 2008 und 2015. Vom 1990er-Stein geht man heute fast eine Viertelstunde, bis der Beginn des Eises erreicht ist. Die schützende Schneedecke verschwindet immer früher im Sommer, so dass der schmutzig-graue Gletscher immer dünner wird und sein Gesicht verändert. »Im Nebel kennt man sich droben kaum noch aus, weil der Gletscherrückgang Löcher produziert, die man sonst kaum wahrnimmt«, sagt der Bergführer über das Terrain, in dem er sein Leben lang unterwegs ist. Der sterbende Jamtalferner ist aber mittlerweile eine Touristenattraktion: An jedem Dienstag bieten die Wanderführer:innen vom »Alpin Club Galtür« einen Marsch durchs Gletschervorland und übers Eis an – um den Klimawandel erlebbar zu machen.

Die Veränderungen kann man auch an der Oberen Ochsenscharte, dem Übergang zum Vermuntgletscher, spüren: Wo man früher ganz simpel eine steile Firnflanke hinaufgestapft ist, ist jetzt ordentliche Wühlerei durch Schutt und Schlamm nötig, um das Joch zu erreichen. Von dort aus bietet sich die Dreiländerspitze (3196 m) als »Mitnahme-Gipfel« für Hochtourist:innen auf dem Weg zur Wiesbadener Hütte an. Steil geht es die verschneite Nordwestflanke hinauf. Vom Fuß der Felsen sind es nur ein paar Meter Vertikale, bis die Gratschneide erreicht ist, die eine muntere Kletterei bis zu dem Punkt bietet, wo die Grenzlinien von Graubünden, Tirol und Vorarlberg zusammenlaufen.

»Im Nebel kennt man sich da droben wegen des Gletscherrückgangs kaum noch aus.«

Zurück am Piz Buin: Die Anziehungskraft des höchsten Vorarlberger Gipfels ist ungebrochen. Dutzende Alpinist:innen brechen täglich von der Wiesbadener Hütte auf, um ihm aufs Dach zu steigen. Dabei wird das immer schwieriger. Besonders, wenn der Sommer weit fortgeschritten ist. Denn wenn die Schneeauflage fehlt, ist der Ochsentaler Gletscher kaum noch passierbar. Josef Lorenz und seine Kollegen haben sich mittlerweile eine neue Normalroute über einen eisfreien Felsaufschwung gesucht. Doch auch auf dieser muss die Spur immer wieder verlegt werden: wegen Steinschlag vom Silvrettahorn, wegen steiler Eispassagen, wegen unsteter Spaltenzonen.

An der Buinscharte will das unüberhörbare Dauer-Bombardement mittlerweile gar nicht mehr aufhören. Experten prognostizieren dort in Kürze einen Bergsturz. So sind die Gipfelstürmer:innen froh, wenn sie den Nordwestsporn unter dem Gipfel erreicht haben. Der vermittelt über ein paar Felsstufen und den legendären »Kamin« den Zugang zum Schuttfeld, das dann gemächlich zum höchsten Punkt ansteigt. Schon für das Panorama hat es sich gelohnt, auf den Renommee-Gipfel zu steigen: Von der Weißkugel über Ortler und Piz Palü reicht die Sicht sogar bis zum Monterosa-Massiv. Wie vergänglich das alles ist, zeigt sich beim Blick auf den Nachbargipfel, als mal wieder eine knallgelbe Staubfahne vom bröckelnden Kleinen Piz Buin herüberzieht.

Wie schnell der Klimawandel an den Alpen nagt, konnte Folkert Lenz bei seinen Besuchen in der Silvretta beobachten – die trotz bröckelnder Berge ein Natur-Paradies ist.

GALTÜRER ENZNER

Enzian ausgraben? In Galtür ist es erlaubt, die geschützte Alpenpflanze zu ernten, um aus den Wurzeln Schnaps zu brennen. Allerdings nicht aus dem beliebten blaublütigen Enzian, sondern vom Gelben Enzian. Um 13 Ernterechte können sich die Einheimischen jedes Jahr bei der Galtürer Gemeinde bewerben. Das Los entscheidet am Kirchtag Anfang September, wer graben darf. 100 Kilo Enzianwurzen darf jeder Begünstigte im Spätherbst sammeln. Nur sieben bis acht Liter Destillat lässt sich daraus machen – mehr nicht. Bis aus dem scharfen Brand ein aromatischer Bitter wird, kann es bis zu zehn Jahre dauern. »Galtürer Enzner« heißt die Rarität dann.