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Neuropädagogik? – Aber bitte ohne Neuromythen!


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 01.10.2018

Schule ist zu einem Tummelplatz für »Neuromythen« geworden: Da ist von rechts- oder linkshirnigen Lernern die Rede, es werden Tipps für gehirngerechte Ernährung und neurodidaktische pädagogische Lösungen gegeben. Wie sinnvoll und realistisch ist die Anwendung von Erkenntnissen der Hirnforschung auf Unterricht und Erziehung überhaupt? Und kann Hirnforschung wirklich zur Klärung von Fragen oder Kontroversen in Pädagogik und Schule beitragen?


Nachdem der amerikanische Präsident Busch bereits 1990 das »Jahrzehnt des Gehirns« ausgerufen hatte, sprach der französische Präsident SarkozyAnfang dieses ...

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... Jahrtausends bereits vom »Jahrhundert des Gehirns «. Er ist damit nicht allein, und auch einige ernstzunehmende Wissenschaftler und Untersuchungen wie die Delphi-Studie erwarten von der Hirnforschung in den nächsten Jahrzehnten die größten Fortschritte für die Menschheit. Entsprechend werden die Neurowissenschaften auch stark finanziell gefördert, und noch nie in der Geschichte hat die Menschheit so viele ihrer Ressourcen für die Erforschung des Gehirns aufgewendet.

Dabei wird erwartet, dass die Neurowissenschaften nicht nur Wissen zum Gehirn schaffen, sondern auch bei der Lösung der drängenden Probleme oder bei den Auswirkungen unserer sichwandelndenGesellschaft helfen. Eines der wichtigsten Felder ist dabei die Frage, welche Auswirkungen die gesellschaftlichen Veränderungen auf die Pädagogik haben müssen, um die Kinder von heute auf die geänderte Arbeits- und Umwelt von morgen vorzubereiten. Es wundert daher nicht, dass man ab etwa 1990 begann, die Hirnforschung mit der Absicht der Verbesserung der Schulpädagogik einzusetzen. Dieser Ansatz wurde als »neuroeducation« eingeführt und wird im Deutschen als »Neuropädagogik« bezeichnet.

Wenn man dieWertschätzung der Neuropädagogik im Laufe der Jahre betrachtet, war sie in der Anfangszeit unrealistisch hoch. Mit dem Neuroboom und den hohen Erwartungen, die unsere Gesellschaft an die Neurowissenschaften hat, wurde die Neuropädagogik vor allem in Deutschland als Möglichkeit gesehen, im föderalen Bildungschaos Deutschlands eine objektive Schiedsinstanz zu finden. Eine Instanz, die Bildungsreformen nicht mehr den kreativen Eingebungen der verschiedensten Kultusministerien unterstellt, sondern objektiven wissenschaftlichen Fakten. Vor etwa zehn Jahren kippte die Phase der Euphorie dann in die Phase der Enttäuschung. Es zeichnete sich ab, dass die Hoffnungen einer neurowissenschaftlich entwickelten und optimierten Schule sich nicht realisieren ließen. So stellte das Bundesforschungsministerium im Jahr 2005 nahezu lakonisch fest: »Die häufig geäußerte Vorstellung, wonach die Hirnforschung zur Klärung theoretischer Kontroversen in der Pädagogik beitragen könnte, trifft nicht zu.«

Bei aller Kritik und Enttäuschung ist eine Aufgabe der Neuropädagogik jedoch unstrittig: die Widerlegung von falschenAussagenund Vorstellungen, die über die Funktion des Gehirns kursieren und die in der Regel mit Empfehlungen zum»richtigen Lernen« verbunden sind. Solche falschenAussagen, die teilweise aus der Fehl- oder Überinterpretation neurowissenschaftlicher Befunde entstanden sind, werden als Neuromythen bezeichnet. Die fünf populärstenund wichtigstenNeuromythen sollen hier beleuchtet werden:

Falsch: Menschen lernen entweder primär linksoder rechtshirnig.

Diese Aussage ist eine falsche Erweiterung der sogenannten Lateralisation von Hirnfunktionen. So sind einfache Hirnfunktionen, wie zum Beispiel die Steuerung der Bewegung eines Armes oder Beines so angelegt, dass Nervenzellen der linken Hirnhälfte die Bewegung von Muskeln der rechten Körperseite steuern und umgekehrt. Dieses Prinzip gibt es auch bei komplexeren Funktionen wie zum Beispiel Lesen und Sprachverständnis, die meist in linksseitigen Gehirnteilen lokalisiert sind. Aber schon hierbei ist die Lokalisation nicht vollständig einseitig, und bei den höchsten Hirnfunktionen wie Kreativität, Bewusstsein oder Gefühle braucht man ausgedehnte Bereiche der gesamten Hirnrinde auf beiden Seiten.

So sind auch Lernkonzepte für »linkshirnige = rationale Lerner« oder »rechtshirnige = emotionale Lerner« Unsinn: Wir lernen als Menschen in der Regel mit beiden Hirnhälften. Eine interindividuelle Dominanz im Sinne einer von Mensch zu Mensch variierenden Bevorzugung einer Hirnhälfte für dieselbe Aufgabe gibt es nicht.

Falsch: Zuckerhaltige Nahrungsmittel führen bei Kindern zu Hyperaktivität.

Sehr verbreitet ist auch die Ansicht, dass zuckerhaltige Ernährung bei Kindern zu Hyperaktivität und verminderter Aufmerksamkeit führt, was zu ganzen »zuckerfreien Schulen « geführt hat. Diese mittlerweile durch Kontrollstudien mit Placebos widerlegte Annahme beruhte vermutlich auf dem nicht zulässigen Umdrehen der Ergebnisse einer Studie, die erhöhten Zuckerkonsum bei hyperaktiven Kindern gezeigt hatte.

Auch der zuckerhaltige Riegel vor der Klassenarbeit ist nicht schädlich, weil der Körper den Blutzuckerspiegel im Gehirn über mehrere, sich gegenseitig auch noch sichernde Systeme konstant hält. Nur intensives Traubenzuckeressen während der Klassenarbeit sollte man vorsichtshalber unterlassen, denn in größeren Mengen könnte es das Regelsystem kurzfristig überfordern. So ist auch bei Sportlern nach Traubenzuckergabe ein reaktiver Abfall des Blutzuckerspiegels und damit einher gehender Leistungseinbruch beschrieben worden.

Falsch: Der Mensch nutzt nur 10% seiner Hirnkapazität.

Angeblich sollen inden USA fast 50% der Lehrer daran glauben, dass man nur einen Bruchteil seiner Nervenzellen einsetzt. Woher dieser Neuromythos kommt, ist unklar, vielleicht aus den frühen Anfängen der Neurochirurgie als die Hirnrinde systematisch gereizt wurde. Man fand bei 10% der Fläche sichtbare Muskelreaktionen, während die Reizung der anderen Fläche keine Reaktion zeigte. Woher auch immer: Das Gehirn ist ein hoch optimiertes und sich ständig selbst weiter optimierendes System, da ist es sehr unwahrscheinlich, dass Kapazitäten ungenutzt bleiben. Selbst bei Verlust von Gliedmaßen, werden die dann überflüssigen Nervenzellen für andere Funktionen verwendet. Die heutige Hirnforschung hat auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass es Hirnareale gibt, die ohne Funktion sind.

Falsch: Hirnjogging steigert die Intelligenz und schützt vor Alzheimer.

Der ständige, aufgabenabhängige Umbau des Gehirns führt dazu, dass die Hirnleistung für die Aufgaben zunimmt, die man trainiert, und abnimmt für das, was man nicht (mehr) tut. Deshalb können Aufgaben, die man beim sogenannten Gehirnjogging macht, isolierte Fähigkeitenwie das Gedächtnis und dieMustererkennung verbessern, eine Steigerung der gesamten kognitiven Fähigkeiten ist aufgrund der Vielschichtigkeit der Intelligenz nicht zu erreichen. Das ist vermutlich auch der Grund, dass Gehirnjogging nicht vor Alzheimer schützt; dies gelingt nur in begrenztem Ausmaß durch Tätigkeiten, die gleichzeitig möglichst verschiedene Teilsysteme des Gehirns fordern – wie tanzen oder musizieren.

Falsch: Die ersten drei Jahre des Lebens entscheiden über die Fähigkeiten und den Erfolg im Leben.

Dies ist eine Überinterpretation der Befunde aus der Verhaltensforschung, dass Vögel nur in einer kurzen Phase nach dem Ausschlüpfen auf die Mutter geprägtwerdenkönnen, sowie aus der Hirnforschung, die bei sehr jungenTierenkritische Perioden für das Erlernen des dreidimensionalen Sehens gefunden hat. Diese Befunde wurden unkritisch auf das gesamte menschliche Lernen übertragen und haben zur Überschätzung der Bedeutung der ersten Lebensjahre für die intellektuellen Fähigkeiten geführt. Sie haben auch dazu beigetragen, dass dasAlter zwischen drei und neun Jahren als die Altersspanne für das Lernen von Fremdsprachen postuliertwurde. Heute wissenwir, dass diese kritischen Perioden viel weniger starr und absolut sind und dass man zum Beispiel auch als Erwachsener noch – wenn auch mit mehr Aufwand – Fremdsprachen auf hohem Niveau erlernen kann.

In der Widerlegung solcher Neuromythen hat die Neuropädagogik eine sinnvolle und auchpraktisch relevante Aufgabe, denn zum Teil in Schulen selbst erdachte und zumTeil kommerziell angelegte Angebote können nicht nur sinnlos, sondern sogar schädlich sein. Ein Beispiel ist dafür das Programm »Baby Einstein«, das sich auch auf Befunde der Hirnforschung berief, in den USA breit von Eltern eingesetzt wurde und nachweislich zu einer Verschlechterung der intellektuellen Fähigkeiten der Babys führte.

So hat die Neuropädagogik eine Berechtigung in der Aufklärung und hat darüber hinaus auch in der Prävention undFrüherkennung vonLeseund Rechenstörungen erste Erfolge mit Relevanz für die Praxis. Wenn man also die Ansprüche an die Neuropädagogik etwas zurückschraubt und nicht gleich die Reform des ganzen Bildungswesens erwartet, können Ergebnisse der Hirnforschung auch für Pädagogen hilfreich sein.

Prof. Michael Madeja ist Mediziner und Neurowissenschaftler an der Universität Frankfurt/M. und seit 2017 Wissenschaftlicher Vorstand der Else Kröner-Fresenius-Stiftung. Von 2000 bis 2017 war er neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in führenden Positionen der Gemeinnützigen Hertie Stiftung tätig, u.a. als Leiter aller Hochschulprojekte sowie des neurowissenschaftlichen Bereichs der Stiftung.
Adresse: Am Pilgerrain 15, 61352
Bad Homburg v. d. Höhe
E-Mail: m.madeja@ekfs.de