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Neuster Barock und reparierte Moderne


Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 17.06.2021

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Granit, Stahl und Glas: Wie einen antiken Tempel stellte Mies van der Rohe seine Kunst-Halle auf ein steinernes Podium.

Lange und leidenschaftlich wurde über das Für und Wider dieses Bauprojekts debattiert: Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses auf der Museumsinsel, das 1950 auf Befehl der DDR-Regierung gesprengt worden war. Es war vor allem der Bildhauer und Architekt Andreas Schlüter, dem es um 1700 gelang, dem heterogenen, seit 1443 immer wieder erweiterten Gemäuer ein einheitliches, von Elementen des italienischen Barocks geprägtes Gesicht zu geben. In seiner endgültigen Gestalt hatte diese Vierflügelanlage mit ihrer 35 Meter hohen und 750 Meter langen Fassade fast die Dimension eines Stadtquartiers.

Sieger des Architekturwettbewerbs für den Wiederaufbau war 2007 der in Vicenza ansässige Architekt Franco Stella. Sein Kon- zept für die Synthese von Schloss und multifunktionaler Museumsnutzung ist keineswegs eine 1:1-Kopie des Barockschlosses, sondern eine vielschichtige räumliche Collage rekonstruierter ...

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... Elemente und moderner Bauteile. Nicht nur die weitläufigen Innenräume und Treppenhäuser, auch Ostfassade und einer der Höfe erhielten ein zeitgenössisches Gesicht.

Ort von Wissensvermittlung und Dialog

Seit Herbst 2020 bildet das mächtige Gebäude – leicht schräg in die Sichtachse gerückt – wieder wie einst den visuellen Abschluss des Boulevards Unter den Linden. Sein Nutzer ist das Humboldt Forum, benannt nach den forschungsdurstigen Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt. Die beiden Wissenschaftler geben das Thema des Hauses vor, denn in der barocken Schale steckt ein Museums- und Kulturzentrum, das der Wissensvermittlung, aber auch dem kulturellen Dialog und der Begegnung dienen soll.

Während das Ethnologische sowie das Asiatische Museum ihre weltumspannenden Sammlungsschätze im zweiten und dritten Obergeschoss präsentieren, ist in der ersten Etage unter anderem eine grosse Berlin-Ausstellung untergebracht. Im Erdgeschoss befinden sich Auditorien, eine Galerie für wechselnde Ausstellungen, Gastronomie sowie eine Präsentation zur Geschichte des Ortes. Über eine unscheinbare Treppe kann man zudem hinabsteigen ins sogenannte archäologische Fenster und die erhaltenen Keller des alten Schlosses sowie andere Relikte seiner bewegten Geschichte bestaunen.

Spätestens, wenn man im eindrucksvoll dimensionierten Treppenhaus auf Rolltrep- pen in die Obergeschosse gleitet, wird man den Gedanken nicht mehr los: Dieses neue alte Schloss ist die historisierende, berlinische Version eines Centre Pompidou. Äusserlich mag es als das genaue Gegenteil der technizistischen Röhren- und Gerüststruktur des 1977 eröffneten, legendären Kulturzentrums im 4. Pariser Arrondissement wirken. Doch die Kombination von wechselnden und ständigen Ausstellungen, Gastronomie, Cafés, Auditorien und Lesesälen dürfte sich als ähnlich beliebter Publikumsmagnet erweisen. Das Sahnehäubchen ist eine Caféterrasse auf dem Schlossdach mit Panoramablick über Berlin-Mitte.

Schlusspunkt der klassischen Moderne

Anders als beim rekonstruierten Schloss gab es zu Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie am Tiergartenrand kaum je geteilte Meinungen. Die gläserne Ausstellungshalle mit dem monumentalen Rasterdach, vom Architekten 1968 wie ein antiker Tempel effektvoll auf ein steinernes Podium gestellt, gilt als Meisterwerk. Der quadratische Bau ist nicht nur ein Glanzstück, sondern gewissermassen auch ein Schlusspunkt der klassischen Moderne. Denn um 1970 musste sich die Moderne völlig neu erfinden – die «erste» Moderne war tot.

Die Berliner Niederlassung von David Chipperfield war fünf Jahre mit der Erneuerung des Hauses beschäftigt. Wie saniert man ein so hochrangiges Denkmal? Indem man es mit grösstmöglicher Sorgfalt Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt, diese nötigenfalls repariert oder ersetzt, und am Ende alle Bauteile wieder am alten Platz einfügt. Von Beginn an einte alle Beteiligten das Ziel, so viel wie möglich von der originalen Substanz zu bewahren. Das betraf die Aussenhaut des Gebäudes, aber auch sein Innenleben – von den Türklinken (FSB) bis zu den ebenfalls von Mies entworfenen Schreibtischen im Direktorenzimmer. Es wurde repariert, nicht ausgetauscht. Und die nicht mehr lieferbaren Waschbecken der WCs wurden eigens in Kleinserie nachgefertigt.

Zurück zum Rohbau

Um den mürben Beton von Tragkonstruktion und Decken sanieren zu können, musste das Gebäude jedoch quasi auf seinen Rohbauzustand zurückgeführt werden. Eine Totalerneuerung erfolgte lediglich bei der Haustechnik. Sie war nicht nur veraltet; weil Museen heute ein Vielfaches an Besuchern zu bewältigen haben als Ende der 1960er-Jahre, mussten Infrastruktur und Klimatechnik des Hauses leistungsfähiger werden.

Von den stattlichen 140 Millionen Euro des Bau-Etats ist kaum etwas zu sehen; und genau das war gewollt. Zu den raren sichtbaren Veränderungen gehören eine Besuchergarderobe sowie ein Museumsshop, die im Untergeschoss anstelle früherer Depot-Räume entstanden. Bei deren Einbauten orientierte man sich an der originalen Möblierung von Mies van der Rohe. Ein Blickfang der neuen Räume sind die von den Architekten um Martin Reichert und Alexander Schwarz freigelegte Betondecke und die mächtigen Stützen, die im Haus hinter Verkleidungen überall anders verborgen sind.

Die Staatlichen Museen Berlin sind überzeugt, dass das Haus nach dieser sehr diskreten Erneuerung gut gerüstet ist für weitere 50 Jahre intensiver Nutzung. Schon Mies van der Rohe hatte es ja seinen Studenten ans Herz gelegt: «Man kann nicht jeden Montag eine neue Architektur erfinden.» An der Potsdamer Strasse in Berlin gilt das auch für deren physische Substanz. Am 22. August 2021 wird die neue Nationalgalerie wieder eröffnet. ——

www.humboldtforum.org

www.smb.museum