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New Age: Das letzte Tabu


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 10.11.2022
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Beginn einer spirituellen Reise: Der Autor im 1950 von Yogananda gegründeten Lake Shrine Meditationszentrum in Los Angeles

Als meine Beziehung aufdem Höhepunkt der Pandemie zerbrach, konnte ich plötzlich keine Musik mehr hören. Der Klang von Schlagzeug und Gesang fühlte sich an, als starrte ich direkt in die Sonne. Selbst meine Lieblingslieder wirkten auf mich wie aufbrausender Lärm. In probatorischen Therapiesitzungen diagnostizierte man mir eine depressive Episode. Ein typisches Symptom sei, dass Dinge, die einem früher Freude bereitet haben, plötzlich nichts mehr bedeuten. Dass Musik mich auf einmal nicht mehr berühren konnte, fühlte sich an, als sei ich mir selbst abhandengekommen. Oft lag ich stundenlang in völliger Stille in meinem Schlafzimmer, die Hände über dem Herz gefaltet wie eine einbalsamierte Mumie. Mit der Zeit stellte ich jedoch fest, dass es leise Klänge gab, die mich zumindest nicht irritierten. Durch Anti-Anxiety-Playlisten auf Spotify entdeckte ich Künstler wie Aeoliah, Steven Halpern, Suzanne ...

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... Doucet und Liquid Mind, die der Streamingdienst als „New Age“ klassifiziert hatte. Viele Tracks waren kaum mehr als durchlässige Schleier. Sie enthielten nichts von der euphorischen Energie, die ich früher in Musik gesucht hatte. Schon vor meiner Depression hatte ich Brian Eno gehört, wenn ich nicht schlafen konnte. Doch diese Musik ging einen Schritt weiter. Die süßlichen Synthflächen waren eher akustische Kuscheldecken als „akustische Möbelstücke“. Auf den Covern waren Engel abgebildet oder Delfine oder Delfine mit Engelsflügeln, die in regenbogenfarbene Universen entschwebten. Die Titel lautetenoder Früher hätte ich so einer Zusammenballung von Klischees keine 30 Sekunden gegeben. Jetzt ließ ich mich stundenlang davon berieseln.

New Age ist vermutlich das letzte Tabu für einen Musik-Nerd wie mich. Kein anderes Genre ist aufgrund seiner esoterischen Klangästhetik so diskreditiert. Brian Eno sagte einmal, das Problem mit New Age sei, dass es keine Spur von Bösem mehr enthalte. Lounge-Musik für Himmelspforten. „Wenn du Musik machen willst, die Menschen entspannt, nennst du es Ambient. Wenn du Menschen ohne Geschmack Dreck verkaufen willst, nennst du es New Age“, beschreibt der amerikanische Musikkurator und New-Age-Experte Douglas McGowan den nach wie vor herrschenden Konsens gegenüber New Age. Und doch konnte ich nicht leugnen, dass diese Musik etwas mit mir machte. Sie besänftigte mich. Sie gab mir Hoffnung: Dass der Schmerz eines Tages nachlassen würde. Dass mir die Musik nicht komplett verloren gegangen war. Lag es an meiner Sehnsucht nach innerer Ruhe, dass ich plötzlich offen war für musikalische Sedierung und spirituelle Versprechen? Wahllos begann ich mich mit erleuchtender Literatur zu beschäftigen, von Helena Blavatsky bis Eckart Tolle. Versprechungen fand ich dabei viele: Die Auflösung des Ego. Ein Leben im Licht. Die Allgegenwart des Göttlichen. Die Erkenntnis, dass nur das Hier und Jetzt existiert und der Tod eine Illusion ist. Besonders fesselte mich die Aussicht, dass mein Schmerz ein Tor zum Erwachen sein könnte. Die Amerikanerin Pema Chödrön, die nach einer traumatischen Trennung zur buddhistischen Nonne geworden war, hatte ein ganzes Buch darüber geschrieben. Den Titel hatte ich beim selbstmedikativen Googlen entdeckt: „Wenn alles zusammenbricht“.

Doch am Ende blieben alle Lehren nur Worte. Erst die Unmittelbarkeit der New-Age-Musik gab mir eine Ahnung, dass hinter ihnen eine tiefere Wahrheit stecken könnte. Was war Musik überhaupt? Als Musikjournalist schrieb ich seit Jahren über Musiker und musikalische Trends, ohne diese Frage ansatzweise zu streifen. Hatten die New-Age-Musiker vielleicht recht, wenn sie Musik als spirituelles Werkzeug begriffen? Hatten sie ein Wissen, mit dem sie tatsächlich im Stande waren, Menschen zu heilen – mich zu heilen?

Noch ohne einen Schimmer, wem ich einen Artikel über dieses stigmatisierte Genre verkaufen könnte, kontaktiere ich die in Kalifornien lebende New-Age-Musikerin Suzanne Doucet. Ihre Geschichte hatte mich auf Anhieb beeindruckt. In den 60er-Jahren war sie ein deutscher Teenie-Superstar gewesen. Inszeniert als Backfisch mit Bubikopf, landete sie Nummer-eins-Hits wie das Ronettes-Cover„SeimeinBaby“.An der Seite von Showbiz-Größen wie Hans Clarin moderierte sie Musik- und Kindersendungen und stellte dem deutschsprachigen Publikum dabei auch einen Newcomer namens David Bowie vor. Jeder, der in Deutschland, Österreich und der Schweiz über ein TV-Gerät verfügte, kannte ihr Gesicht. Ende der 70er-Jahre entschied sich die gebürtige Tübingerin, die mittlerweile selbstgeschriebene Chansons sang, in die USA auszuwandern und sich ganz dieser Instrumentalmusik zu widmen, für die sich gerade der Begriff New Age zu etablieren begann. In L. A. eröffnete sie im hippen Melrose Distrikt den weltweit ersten Plattenladen, der sich ausschließlich auf New Age spezialisierte und zu dessen Kunden Celebrities wie Prince und Sylvester Stallone gehörten. Doucet wurde zu einer der wichtigsten Gate-Keeperinnen des Genres. Sie vernetzte und veröffentlichte Künstler auf ihrem „Isis“-Label und bekam von Hollywood den Auftrag, eine New-Age-Kategorie für die Grammys zu entwerfen. Was hatte sie in dieser Musik gesehen, dass sie ihre Karriere in Deutschland aufgab? Nach einem kurzen Mail-Austausch verabreden wir uns für ein Gespräch auf Zoom.

„Wenn du Dreck verkaufen willst, dann nenn’ ihn New Age.“

„Wenn du Dreck verkaufen willst, dann nenn’ ihn New Age.“

„Ich hatte damals die halbe Welt bereist. Es war Zeit für mich, den Weg nach innen anzutreten“, erzählt mir Doucet von ihrem Zuhause in den Hollywood Hills. Ihren spirituellen Pfad habe sie bereits als Kind ange treten. Ihr Vater, Friedrich-Wilhelm Doucet, war Schüler von Carl Gustav Jung und hatte zahlreiche Bücher über Traumdeutung und Parapsychologie geschrieben. „Er war ein Freigeist. Wir haben viel über diese Dinge geredet.“ Ohne Umschweife erzähle ich Doucet, dass ich in verzweifelten Stunden nichts anderes hören konnte als New Age. „Das wundert mich nicht“, antwortet sie. „Das Wissen um die heilende Kraft von Musik ist so alt wie die Menschheit. Musik harmonisiert den Körper. Diese Wahrheit ist in der Ära des Pop leider verloren gegangen.“

Die Rückkehr der Spiritualität in die Musik sei ein gradueller Prozess, der in den späten 60er-Jahren mit Bands wie den Beatles begann, erklärt sie mir. „Für mich ist George Harrison ein New-Age-Künstler. New-Age-Musik muss nicht unbedingt beruhigend sein. Sie kann auch symphonisch sein, voller Trommeln oder auch nur aus dem Klang einer einzelnen Flöte bestehen.“

Doucets weit gefasster New-Age-Begriff fasziniert mich. Wenn ich darüber nachdachte, war Musik der einzige Gottesbeweis, den ich gelten lassen konnte. Weil sie das Einzige war, das mir eine Idee von Transzendenz vermittelte. Einige der schönsten Momente meines Lebens hatte ich im Zug, Bus oder Flugzeug, wenn ich mit Kopfhörern die am Fenster vorbeiziehende Welt betrachten konnte. Durch die Lieder erschien das Leben sinnvoller, folgerichtiger. Musik schien einen Rahmen zu schaffen, durch den sich der gegenwärtige Moment tatsächlich klar erfahren ließ.

Am Ende unseres Gesprächs lädt mich die Netzwerkerin nach Kalifornien ein. Hier leben alle Größen des New Age, und sie könne mich mit den Wichtigsten in Kontakt bringen. „Das wird sich für dich lohnen“, erklärt sie bestimmt.

A lsich Ende Mai in Los Angeles ankomme, habe ich zwar einen Adapter für die amerikanischen Steckdosen und meine Kreditkarten-Pin vergessen, dafür habe ich eine Liste von New-Age-Kontakten in der Tasche, die Suzanne Doucet mir gegeben hat. Dass das Genre in Kalifornien zur Blüte kommen musste, begreift man, wenn man hier ist. Am Strand von Venice beobachte ich Bodybuilder beim Schaulaufen, Wahrsager, die bedeutungsschwanger Tarotkarten auffächern, Heiler, die mit Pendeln Chakren ausbalancieren und schiefe Verkaufsstände, die von Traumfängern und Stimmungsringen überquellen. All das ist, ebenso wie die mit Kombucha gefüllten Supermarktregale, Teil eines amerikanischen Erfolgsrezeptes, in dem Spiritualität, Wellness und Selbstoptimierung fließend ineinander übergehen. Die Hippies, die in Kalifornien alt geworden waren, hatten die bewusstseinserweiternden Erfahrungen der psychedelischen Revolution in einen gesetzteren Lebensabschnitt übertragen. Dabei arrangierten sie sich mit dem Kapitalismus und seinem Statusdenken. Meditation, Yoga, Hypnotherapie, Floating-Sessions und Selbsterkenntnisprogramme strahlten von hier als holistisches Big-Business in die Welt aus. Bis Mitte der 80er-Jahre war New Age zum verkaufsträchtigen Marketingbegriff geworden, nicht zuletzt in der Musikindustrie. Große Labels bezahlten Studiomusiker, die ihnen Beruhigungsmusik aus der Hüfte schossen. Compilations mit Titeln wie „Positive Sounds“ und „Silent Dreams“ fluteten den Markt. Kleine Plattenfirmen wie Windham Hill oder das aus dem deutschen Krautrock-Label Kuckuck hervorgegangene Celestial Harmonies wurden innerhalb von wenigen Jahren zu Millionen-Dollar-Unternehmen. Musiker wie Kitaro und Vangelis füllten Stadien. Plattenladen-Giganten wie Tower Records richteten New-Age-Abteilungen ein. „New Age Only“, der Shop von Suzanne Doucet, konnte damit nicht mithalten und schloss Ende der 80er-Jahre seine Pforten.

Doch New Age war nicht immer der High-End-Soundtrack für die Yuppies der Reagan-Ära gewesen. In den 70er-Jahren war das Genre Underground im besten Sinne. Spirituelle Sucher nahmen in Heimstudios Kassetten auf und verbreiteten sie über eigene Vertriebskanäle, die oftmals einfach nur Meditationszirkel, Yoga-Studios oder Bioläden waren. Die goldenen Jahre des New Age waren eine DIY-Angelegenheit und in ihrer Missachtung etab- lierter Strukturen dem in Kalifornien ebenfalls florierenden Hardcore-Punk nicht unähnlich.

Hier, in ihrem einstigen Epizentrum, hat New-Age-Musik in den letzten fünf Jahren auch eine Renaissance erlebt. Labels wie Leaving Records und Sammler wie Douglas McGowan haben versucht, das Genre salonfähig zu machen, indem sie auf die Qualität früher MC-Veröffentlichungen hinwiesen. McGowan, der für das Reissue-Label Light In The Attic die vielbeachtete Compilation I AM THE CENTER kuratierte, spricht im Zusammenhang von New Age gar von „American Folklore“, die man nicht ignorieren dürfe, wenn man die Popkultur des 20. Jahrhunderts verstehen will. Pionieren wie Iasos, Laraaji oder Suzanne Ciani wurden Reissues und Dokus gewidmet. Gleichzeitig begannen junge Künstler:innen wie Green-House oder Kaitlyn Aurelia Smith dem Genre ein produktionstechnisches Update zu verleihen. Die Pandemie gab der New-Age-Welle weiteren Auftrieb. Um Depressions-und Angstzustände zu lindern und die Lücke fehlender Therapieplätze zu füllen, haben sich Mindfulness-App-Anbieter neben geführten Meditationen und Einschlafgeschichten auch auf beruhigende Musik spezialisiert. Bei den größten, Calm und Headspace, reicht das Budget, um bekannte Künstler wie Arcade Fire für exklusive Ambient-Tracks zu verpflichten. Moby und Alanis Morissette veröffentlichen gleich ganze Alben über Calm, das auch über ein eigenes „New-Age“-Menü verfügt. Spotify, Apple Music und andere Streamingdienste bieten ebenfalls ständig aktualisierte „Ambient Relaxation“-Playlists an, in denen New Age, Solo-Piano und Hollywood-Soundscapes harmonisch koexistieren.

Der erste Musiker, den ich in Kalifornien besuche, war ebenfalls aufgrund von psychischen Problemen bei New Age gelandet. Chuck Wild, der unter dem Namen Liquid Mind Beruhigungsmusik produziert, empfängt mich in seiner Villa in Long Beach. Die Räumlichkeiten des 75-Jährigen wirken wie eine Zeitkapsel aus den frühen 90er-Jahren. Der Boden ist mit beigem Teppich bedeckt, der jeden Schritt verschluckt.

Die elektronischen Geräte, darunter ein Faxgerät, haben die Farbe vergilbter Eierschalen. Wild selbst wirkt wie eine Mischung aus Andy Warhol und William Tanner, dem Familienvater aus der Fernsehserie „Alf“: schlaksiger Körper, dünnes Brillengestell und eine Stimme, so harmlos, dass sich meine Anspannung sofort in Luft auflöst. Geradeheraus frage ich ihn nach den Panikattacken, die ihn laut seiner Webseite zum Komponieren seiner sanften Musik inspiriert haben. „Es war schrecklicher als alles, was ich je erlebt hatte. Ich konnte das Haus für Wochen nicht verlassen“, erinnert sich Wild. Bis Mitte der 80er-Jahre war der ausgebildete Pianist ein gefragter Pop-Keyboarder gewesen. Seine Band Missing Persons – vier New-Wave-Hipster mit auftoupierten Frisuren – gehörte zu den ersten Gruppen, die der damals neue Musiksender MTV auf Heavy Rotation spielte. Ihr Song„WalkingInLA“machte sie zumindest an der Westküste so bekannt, dass Chuck Wild für einige Jahre auf der Überholspur leben konnte. „Jeder wollte mit mir arbeiten. Das Telefon stand nie still.“ Er komponierte Hits wie das in Deutschland zur Nummer eins gewordene „You’reMyOneAndOnly“von Jennifer Rush und viele Soundtracks, etwa für den Cyberpunk-Klassiker „Max Headroom“. Irgendwann sei er so beschäftigt gewesen, dass sein Geist und Körper nicht mehr auf die Tragödien in seinem Leben reagieren konnten. Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise hatte Wild 60 seiner engsten Freunde und Liebhaber an die Krankheit verloren. „60!“, wiederholt er, und seine Stimme klingt zum ersten Mal nicht mehr gelöst, sondern vehement. „Statt zu trauern, arbeitete ich bis zu 20 Stunden pro Tag und schüttete jede halbe Stunde einen doppelten Cappuccino in mich hinein.“ Eines Tages, in einer Morgenkonferenz, bekam Wild heftiges Herzrasen. „Ich verstand nicht, was mit mir passierte. Ich hatte als junger Mann in Vietnam gedient, aber so eine Angst hatte ich vorher nie gefühlt.“ Ein Kollege, der sich sicher war, es mit einem Herzinfarkt zu tun zu haben, bretterte Wild in die Notaufnahme. Doch weder EKG noch Ultraschall konnten den Verdacht bestätigten. „Der Doktor sagte: Sie sind körperlich gesund. Was Sie haben, sind Angstzustände.“ Am nächsten Tag fing Wild an zu meditieren. „Und das mache ich bis heute.“

Auf die Idee, selbst meditative Klänge zu machen, hatte ihn seine Therapeutin gebracht. „Sie sagte: Komponieren Sie Musik, die sich anhört, wie Sie sich gerne fühlen würden“, erinnert sich Wild. „Ich mochte MUSIC FOR AIRPORTS von Brian Eno. Das war aber immer noch zu busy.“ Wild wollte Enos Ambient noch „langsamer, beruhigender, langweiliger“ machen. „Dabei brach ich mit allen Regeln, die ich als Pianist gelernt hatte, besonders mit der Idee, dass die Stille zwischen den Noten Gold ist.“ Die Synthflächen von Liquid Mind gehen tatsächlich ununterbrochen ineinander über. „Auch wenn es beim ersten Hören unglaublich still klingt, will ich beim Komponieren die Stille unbedingt vermeiden.“

Wilds Ausführungen klingen geerdet, bescheiden, pragmatisch. So spricht kein Mystiker, kein Esoteriker. Vor seiner Karriere als Musiker hat er Wirtschaftswissenschaft studiert. Wenn er morgens aufsteht, setzt er sich nicht auf ein Meditationskissen, sondern an den Computer, um als Day-Trader mit Aktien zu jonglieren. Was die heilenden Kräfte seiner Musik angeht, beruft er sich lieber auf wissenschaftliche Studien statt auf höhere Mächte. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder im Mutterleib keine hohen Frequenzen hören können, sondern nur die unteren Tonskalen. Außerdem spielt das Tempo eine große Rolle. Meine Melodien entwickeln sich so langsam, dass man runterfahren muss, um sie wahrzunehmen.“ Vor dem Computer hat Wild einen Fleck freigeräumt, wo er seinen Kopf betten kann, wenn ihn die eigene Musik zu schläfrig macht. Länger als 40 Minuten am Stück könne er nicht daran arbeiten, sagt er. Ob er seine Kunst als spirituell bezeichnen würde, frage ich, ein letzter Versuch, ihm ein Geheimnis zu entlocken. „Ja, auf jeden Fall“, antwortet Wild. „Spiritualität bedeutet für mich, möglichst viel Positivität in mein Leben zu bringen. Und meine Musik kann helfen, negative Gedanken – ich nenne es das „stinking thinking“ – zur Ruhe zu bringen.“

„Galactic Council Ambassador“ steht auf Visitenkar ten der Heiler.

Wo fängt die heilende Wirkung an und wo wird beliebiger Esoterik-Quatsch daraus? Wieso hatte mich New Age mehr getröstet als die klanglich ähnlichen Ambient-Entwürfe von Brian Eno oder Harold Budd? Braucht diese Musik eine mystische Aura, um ihre volle Wirkung zu entfalten? Während meiner Depression war Aeoliah, der Musiker mit der kitschigsten Ästhetik, seltsamerweise jener, der mich am meisten berührte. Ay-oh-lee-ya, so die Aussprache seines Namens, ist pures New-Age-Destillat. Seine selbst gemalten Artworks zeigen pastellfarbene Wolkenparadiese, von Aureolen umflorte Buddhas und Delfine, die Harfe spielenden Engeln entgegenspringen. Diese Musik zu hören, hatte zunächst Scham in mir ausgelöst – als würde ich bei etwas Verbotenem ertappt.

Umso mehr ich mich auf darauf einließ, verwandelte sich Aeoliah jedoch zu einem faszinierenden Mysterium. Angeblich lebte der mit Engeln kommunizierende Musiker in Deutschland, bevor er mit seiner Familie in die USA emigrierte. Neben Iasos, Constance Demby und Steven Halpern gilt er als Miterfinder der New-Age-Musik. Ende der 80er-Jahre war er sogar so etwas wie ihr Posterboy: rosige Wangen, blonde Locken und ein Lächeln, wie es sonst nur Bodhisattvas auf den Lippen tragen. Donald Trumps Frau Marla erklärte 1993 im US-Frühstücksfernsehen, ihre erste gemeinsame Tochter zu Aeoliahs Album ANGEL LOVE FOR CHILDREN auf die Welt gebracht zu haben. Niemand verkörperte die mystische Aura und die Kommerzialisierung der New-Age-Musik so sehr wie Aeoliah. Dabei wollte der heute 72-Jährige eigentlich bildender Künstler werden. 1979 überkam ihn beim Malen jedoch eine Vision, die ihn in synästhetische Sphären katapultierte. Auf seiner Webseite beschreibt er, wie „Licht, Farbe und Klang plötzlich miteinander verschmolzen“. Das Bild unter seinem Pinsel, es wurde auf einmal hörbar.

Lange hatte Jonathan Fairchild – so Aeoliahs bürgerlicher Name laut Wikipedia – nicht auf meine E-Mails reagiert. Als letzten Versuch hinterlasse ich einen Kommentar unter einem Foto auf seinem Instagram-Account, das ihn mit Gucci-Brille und Speedo am Strand zeigt. Ich erkläre, ich sei ein Bewunderer seiner Kunst, demnächst in seiner Heimatstadt Sedona und dankbar, wenn er mit mir über seine musikalische und spirituelle Praxis sprechen würde. Seine Antwort kommt knapp eine Stunde später: „The timing is perfect. I’m sure we’ll have a lot to share.“

Die von rostroten Felsformationen eingerahmte Wüstenstadt Sedona ist das amerikanische Mekka für New Age. Ganze Ladenzeilen haben sich auf Traumfänger und Tarotkarten spezialisiert. Zum Standardangebot gehören aber auch UFO-Nachtwanderungen („Sightings guaranteed“) und Psychic Readings verschiedenster Ausrichtung („Change Your DNA“). Die weiße Mittelschicht spielt hier Schamane. Auf den Visitenkarten der Heiler stehen Dinge wie: „Venus Contactee“ oder „Galactic Council Ambassador“. Vor dem „New Age Superstore“ erklärt eine Frau um die 60, dass sie gerade in einer Seance allen Liebhabern ihrer früheren

Leben begegnet sei – „so viele, dass ich es nicht zählen kann.“ Offiziell leben in der 1902 als Mormonensiedlung gegründeten Stadt in Arizona nur rund 11000 Menschen. Jedes Jahr pilgern jedoch rund drei Millionen Touristen hierher – viele auf der Suche nach Heilung und Erleuchtung. Angefangen hatte alles in den 70er-Jahren, als das ortsansässige Medium Page Bryant einige hochgelegene Orte, darunter Heiligtümer der Ureinwohner, zu sogenannten Vortex-Zonen erklärte. In ihnen sollen sich elektromagnetische Energiefelder so sehr verdichten, dass es zu Spontanheilungen und Erweckungserlebnissen kommt, wie das „Sedona Vortex Guidebook“ erklärt. Im Vorwort des Büchleins steht ein Zitat von Jack Kerouac:

„Because in the end, you won’t remember the time you spent working in the office or mowing your lawn. Climb that goddamn mountain.“

A neinem heißen Sonntag mache ich mich auf den Weg zu Aeoliahs Haus im Vorort Cottonwood, das immerhin auf einem Hügel liegt. Hinter einem schmiedeeisernen Tor, durch das ich nur mit Zahlencode gelange, reihen sich beigefarbene Bungalows in verwirrender Gleichförmigkeit aneinander. Dass ich am Ziel bin, erkenne ich an zwei kleinen Engelsstatuen vor dem Hauseingang. Ich drücke die Klingel. „Guten Tag. Herein, herein!“, begrüßt mich Aeoliah, giggelnd und auf Deutsch. Sein Anwesen wirkt, als habe sich das Prinzip New Age in einem Reihenhaus manifestiert. Über den Raum verteilt erwecken Quartz- und Selenitkristalle den Eindruck einer himmlischen Tropfsteinhöhle. Einer geheimnisvollen Logik folgend hat Aeoliah goldene Buddhas, Engel, Heiligenbilder und Klangschalen auf einem Hausaltar gruppiert. An den Fenstern hängen geraffte goldene Vorhänge. Dahinter öffnet sich der Blick auf die Terrasse, auf der ein kleiner Marienbrunnen in die Wüstenhitze plätschert. Wenn sich ein Ort bislang wie ein Vortex angefühlt hat, dann dieser. Aeoliah hat als Hintergrundmusik eines seiner Alben aufgelegt. Ich erzähle ihm meine Leidensgeschichte. Auf dem Höhepunkt der Pandemie habe eine Trennung mir alle Lebensfreude genommen. Selbst Musik habe ich nicht mehr hören können. „Außer deiner“, gestehe ich, während wir uns auf ausladenden weißen Sofas gegenübersitzen. Aeoliah lächelt entrückt. „Oh really? Das ist so trippy!!!“ Dann erzählt er mir in charmant gespreiztem Deutsch, das offenbar schon lange nicht mehr zum Einsatz kam, dass sein erstes Album nicht nur unter dem Eindruck einer Vision entstanden sei, sondern auch unter der Last einer Scheidung. „Ich ging gerade durch eine Trennung von meiner damaligen Frau. Wir hatten eine kleine Tochter. Dann hörte ich eines Tages die Stimme von Guanyin, der chinesischen Göttin der Gnade. Sie sagte: Du wirst ein Album machen über Compassion and forgiveness. Du wirst deinen Schmerz verwandeln und damit anderen Menschen helfen.“ Der Rest sei Geschichte und er habe sich nie mehr um Geld sorgen müssen. „Die Musik hat aber auch mir selbst geholfen, meine Emotionen zu verstehen und den Schmerz zu verarbeiten“, schiebt er hinterher.

Mit gestraffter Brust und apartem Lächeln führt Aeoliah mich in sein Studio, das er sich neben seinem Schlafzimmer eingerichtet hat. Die Einrichtung ist bis auf die obligatorischen Kristalle, Heiligenbilder und Engelsfigürchen spartanisch. Ein Kronos-Keyboard und ein in die Jahre gekommener PC sind die einzigen Instrumente. Er zeigt mir sein neuestes Stück, das er mit Logic arrangiert hat, „an angelic piece, sehr ambient, sehr dreamy“. Was einfach klingt, ist aus rund 30 Spuren komplex zusammengefügt. Fünf bis sechs Stunden arbeite er hier pro Tag, sagt Aeoliah. An der Studiowand hängt das Gemälde, das ihn einst zum Musikmachen inspirierte. Es zeigt eine göttlich angestrahlte Harfe, die ein regenbogenfarbenes Universum ausbalanciert. Aeoliah hat ihm den Titel „Music Of The Spheres“ gegeben. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus hatte Pythagoras von einer für das menschliche Ohr unhörbaren Sphärenharmonie gesprochen, die bei den Drehbewegungen der Himmelskörper entsteht – kosmische Klangschalen, wenn man so will.

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass das All nicht wie angenommen der Inbegriff des Schweigens ist, sondern von Gravitationswellen durchdrungen, die sich mit hochverfeinerter Technologie akustisch übersetzen lassen. Man brauche jedoch keine Apparaturen, um sich für die Klänge des Kosmos zu öffnen, sagt Aeoliah. „Musik ist wie eine Stimmgabel, die eine universale Frequenz in dir zum Schwingen bringt.“ Was der Musiker aus diesen Schwingungen macht, sei eine Frage der Intention. „Machst du Musik für Geld, oder weil du einem bestimmten Spirit folgst? Die Intention von John Lennon und Yoko Ono war, Frieden in die Welt zu bringen. Für mich liegt die Intention in Liebe, Heilung und Harmonie.“

Über die „New-Age-Box“ sei er dabei längst hinausgewachsen. Gerade konzentriere er sich auf „World Fusion“, tanzbare elektronische Musik mit „orientalischen und asiatischen“ Elementen. Außerdem hat er ein Trance-Album im Stil von DJ Tiësto aufgenommen. Auch eine eigene Linie von „Duftelixiren“ gibt es mittlerweile von ihm, die jeweils mit einem passenden Kristall ausgeliefert wird. Zum Abschied schenkt mir Aoeliah noch einen Stapel CDs und sagt: „Ich würde gerne ein Konzert in Dubai spielen, mit großer Light Show. Wouldn’t that be hot?“ Im Auto auf dem Weg zum Motel höre ich sein Techno-Album ENTRANCED und drücke unweigerlich das Gaspedal durch.

A mnächsten Tag habe ich mich für eine Sound-Heilung im Sedona Creative Life Center angemeldet, einem New-Age-Kulturzentrum aus den 80er-Jahren, das den Charme eines aufgegebenen Sektensitzes verströmt. Die Klang-Session mit dem Titel „Fresh Ears“ wird von Dr. Ishtaya geleitet, einem langhaarigen, fusselbärtigen Musikwissenschaftler um die 40, der mich im Schneidersitz im weitläufigen Kaktusgarten empfängt. Außer mir sind noch fünf weitere Teilnehmer gekommen. Wie zum spirituellen Appell stehen wir da, bis Ishtaya die Teilnahmegebühr von jeweils 25 Dollar eingesammelt hat. Dann möchte er, dass wir im Kreis laufen, und „ganz bewusst auf unsere Schritte achten“. Wenn es „sich richtig anfühlt“, sollen wir stehenbleiben und uns einen Partner für die erste Soundübung suchen. Mein Gegenüber nennt sich Kumara, nach einem Seher aus der indischen Mythologie. Sie ist um die 70, trägt Blumenkleid und platinblond gefärbte Hollywood-Diva-Frisur. Zu Beginn hatte sie sich als Sängerin und Klangheilerin vorgestellt. Auf der im Tarot-Stil designten Visitenkarte, die sie Ishtaya übergeben hatte, war sie als Prophetin mit Hirtenstab abgebildet. Der Doktor sagt, wir sollen uns gegenseitig in die Augen blicken und das erstbeste Geräusch machen, das uns einfällt. Der andere solle dann auf der gleichen „Vibration“ einsteigen, sprich: das Geräusch nachahmen. Kumara beginnt mit Kopfstimme einen hohen Ton anzustimmen, den ich unmöglich nachmachen kann. Im Bee-Gees-Register geht meine Stimme in ein Krächzen über. Sie lächelt. Als ich an der Reihe bin mache ich ein Geräusch, das auf einem vibrierenden R heranrollt. Zu meiner Überraschung meistert Kumara den urdeutschen Ton mit Elan und Kraft. Ungefähr zehn Minuten spielen wir uns gegenseitig die Bälle zu: WOOOOSH! AAAAH! PARFFF! RAAAAAA!! Gerade als uns die Ideen ausgehen, fordert Ishtaya, uns nun gegenseitig „irgendetwas“ übereinander zu erzählen, und darauf zu achten, ob sich unsere „Energiefrequenz“ schon angeglichen habe.

Kumara berichtet mir, dass sie abends an einem Fluss in der Nähe ihres Hauses mit den Ahnen der Ureinwohner in Kontakt tritt. „Ich bitte sie, mir ihre Lieder beizubringen, damit wir sie gemeinsam als Dank an Mutter Erde singen.“ „Erlauben sie das?“, frage ich. Kumaras leicht wässrige, blaue Augen fixieren mich. „Ja, in der Regel tun sie das. Und dann kommt es über mich und ich singe in einer Sprache, die ich nie gelernt habe.“

Kumara berichtet mir, dass sie abends an einem Fluss in der Nähe ihres Hauses mit den Ahnen der Ureinwohner in Kontakt tritt. „Ich bitte sie, mir ihre Lieder beizubringen, damit wir sie gemeinsam als Dank an Mutter Erde singen.“ „Erlauben sie das?“, frage ich. Kumaras leicht wässrige, blaue Augen fixieren mich. „Ja, in der Regel tun sie das. Und dann kommt es über mich und ich singe in einer Sprache, die ich nie gelernt habe.“

„Echte Musik passiert, wenn das Ego aus dem Weg geht.“

Der Rest der Klangsession besteht aus einer von Dr. Ishtaya geführten Meditation: „Erlaube dir, meine Stimme von der Bedeutung meiner Worte abzukoppeln und nur den Klang wahrzunehmen ... Lass es einfach geschehen.“ Mein kritischer Verstand meldet sich hämisch: Wie kann ich einerseits Ishtayas Anweisungen folgen und seine Stimme gleichzeitig als reinen Klang wahrnehmen? Bei der Nachbesprechung berichtet eine Frau, „ganz in der Gegenwart angekommen zu sein“. Eine andere erklärt, sich in endlos wiederholenden Mustern verloren zu haben. „Waren es Fraktale?“, fragt Ishtaya. Die Frau überlegt verunsichert: „Eher so wie die DNA. Mit Schlaufen.“ Kumara erklärt, sie habe während der Soundübung meine „animalische Seite“ wahrgenommen. „Er hat ausgesehen wie ein kleines Tier, aber ich komme gerade nicht darauf, welches.“ Ich habe vor allem eines gefühlt: Resignation. Jeder kocht hier seine eigene Suppe in der Hoffnung, dass etwas Heiliges herauskommt. Und Ishtaya geht auf alle gleichermaßen ein. Nichts ist falsch hier, aber auch nichts eindeutig oder gar ewig gültig. „Wir sind heute in neue Bereiche des Bewusstseins vorgedrungen und haben unsere Energie miteinander geteilt“, sagt Ishtaya mit sanfter Stimme. „We are so blessed – jeder auf seine Weise.“ Ich fühle mich nicht blessed. Ich bin verärgert, traurig, in mich gekehrt. Ishtaya sieht meinen abwesenden Blick und fragt, wie es mir ergangen ist, dem „music journalist from Germany“. Ich antworte: „Als wir mit geschlossenen Augen meditiert haben, überkam mich ein starkes Gefühl: Ich hatte das Bedürfnis, ein für allemal aufzugeben.“ Aufgeben – „to surrender“: Wieder so ein New-Age-Begriff, der alles und nichts bedeuten kann. Ishtaya lächelt wissend. „Das Herz ist ein Instrument, you know … Echte Musik passiert, wenn das Ego aus dem Weg geht.“

A mnächsten Tag fahre ich zurück nach Los Angeles. Ich habe nur noch einen Interviewtermin vor meinem Rückflug vor mir. Es wird das erste Gespräch mit einem Gleichaltrigen sein: Matthew David McQueen (aka Matthewdavid), Musiker und Gründer des Indie-Labels Leaving Records, hat seit 2016 den Weg für eine neue New-Age-Szene in Los Angeles geebnet. In Online-Artikeln hatte er euphorisch erklärt, das Genre neu definieren zu wollen. Er sprach davon, dass New Age etwas „Uraltes“ in ihm erwecke, ihn direkt „zurück zur Quelle“ führe. Auf den beigefügten Fotos spielte er in Sandalen und blumenbesticktem Kaftan auf einer Anhöhe Flöte. Aus irgendeinem schwer greifbaren Grund wirkte er trotz salbungsvoller Hippie-Aura nicht albern, sondern hip: Ein popkultureller Hohepriester, der das Geheimnis gelüftet hatte, wie man das verunglimpfte New-Age-Genre wieder cool macht.

Als ich McQueen abends vor einem seiner Gigs im heruntergekommenen Downtown-Distrikt treffe, erkenne ich ihn zunächst nicht wieder. Die Haare sind kurz und streng gescheitelt, die Streichholzbeine stecken in Skinny Jeans. Er beendet gerade eine Riesenportion Sushi, als ich mich zu ihm an einen thekenhohen Tisch vor dem Club setze. Bei näherem Hinsehen ist er trotz fehlender New-Age-Insignien noch immer eine ätherische Erscheinung. Alles an ihm wirkt feingliedrig, fast zerbrechlich, von den Fingern bis zur Brille. Gleichzeitig spricht er selbstbewusst und schnell. Nur den Augenkontakt vermeidet er, so gut es geht. „Ich habe ein kompliziertes Verhältnis zu New Age“, sagt er gleich zu Beginn. „Um ehrlich zu sein, bin ich gerade auf dem Weg raus aus dieser Welt. Es gibt noch nicht viele, die davon wissen. Aber vielleicht ist es Zeit, das offener zu kommunizieren.“

Dann erzählt McQueen seine New-Age-Geschichte, die meiner eigenen ähnlich ist. Als er durch eine „schwere Trennung, eine dunkle Zeit“ ging, empfahl ihm ein Freund den kosmischen Ambient-Klassiker„PlanetaryUnfolding“von Michael Stearns aus dem Jahre 1981. „Ich kann dir ehrlich sagen, dass diese Musik mein Leben gerettet hat. Und weil sie solche Wunder bewirkt hat, wollte ich mehr davon.“ McQueen begann, New-Age-Tapes zu sammeln und sie über sein Label, das bisher vor allem für avantgardistischen Pop stand, wiederzuveröffentlichen. Er nahm Neo-New-Age-Musiker wie Green House und Francesca Heart unter Vertrag und auch seine eigene Musik, die bislang instrumentalem HipHop nahestand, transformierte immer mehr zu New-Age. In dieser Zeit lernt er auch seine Frau Diva Dompé kennen, die unter dem Namen Yialmelic Frequencies frühkindliche Ufo-Visionen in verspulter Ambient-Musik verarbeitet. „Durch unsere Beschäftigung mit New Age lernten wir viele alternative Gesundheitspraktiken und Heiler kennen, von denen wir mit einigen zusammenarbeiteten. Am Ende stellte sich leider vieles als schädlich heraus.“ Auf die Details will er nicht eingehen, aber es wird klar, dass McQueen unangenehme Erfahrungen in dieser Welt gemacht hat. „Wir haben fragwürdiges Hokus-Pokus erlebt“, bestätigt er. „Es gab Momente da fühlte es sich nach einem Kult an, und ich habe Freunde, die tatsächlich in dieser Welt verschwunden sind.“

Die Musik bedeute ihm noch immer viel. Es sei nur schade, dass „dieser ganze Lifestyle“ mit dranhänge. „Es gibt in diesem Feld so viele aufregende, psychedelische Outsider-Art. Aber meine eigene Kunst und mein Label sollen nicht mehr in erster Linie für dieses Genre stehen.“ Sein nächstes Album habe wieder „Grooves und Experimente“. Inhaltlich gehe es um Pilze, „genauer gesagt darum, wie Myzelium-Netzwerke klingen würden, wenn man sie hören könnte“. Das Wunder des Lebens habe eben auch dunkle Seiten. Als wolle uns das Universum daran erinnern, fangen auf der Kreuzung gegenüber plötzlich zwei Obdachlose eine Schlägerei an. „Oh Snap“, sagt McQueen tonlos und wendet sich wieder unserem Gespräch zu. „Weißt du, mich aus diesem New-Age-Kosmos entfernt zu haben, fühlt sich an, als würde ein Gewicht von meinen Schultern gehoben. Ich war jung, naiv und auf einer spirituellen Suche. Da kann man leicht manipuliert werden.“

McQueens Worte bestätigten mein Gefühl, langsam aus einem Traum aufzuwachen. Eine Hoffnung loszulassen. Wie er war ich auf meiner Suche nach Heilung auf spirituelle Pfade gelangt. Auch ich wollte Sinn in meinem Schmerz finden. Ihn mithilfe von Musik transzendieren. Gleichzeitig hatte ich meine Suche zu einer Art Selbstoptimierung gemacht. Ich wollte geheilt und erleuchtet zurückkehren, ein schillernder Phönix aus der Asche, wie ihn Aeoliah hätte malen können. Stattdessen hatte ich aufgegeben. Und in diesem Gefühl lag auf einmal etwas unglaublich Erleichterndes. Es gab nichts zu finden. Und eigentlich hatte ich auch nichts verloren. Die beruhigende New-Age-Musik hörte ich noch immer, aber sie war inzwischen nur eines von vielen Genres, das ich je nach Stimmung auswählte. Im Auto hatte ich passend zur kalifornischen Szenerie die Beach Boys gewählt, Yacht-Rock von Hall & Oates („She’sGone“traf mich direkt ins Herz), Stoner-Rock für die Wüste und dazwischen eine Playlist mit Metal-Songs, die ich als Teenager mochte. Damals war ich der einzige Satanist im Dorf gewesen, mit schwarz gefärbten Haaren und umgedrehtem Kreuz um den Hals. Tatsächlich war auch das bereits eine an Musik angedockte spirituelle Suche gewesen. Meine Mutter, die mich nicht mit Totenkopf-T-Shirts in die Schule lassen wollte, sagte einmal, dass diese morbide Musik vielleicht nur eine pubertäre Strategie sei, um mit der eigenen Sterblichkeit klarzukommen, ein Versuch, den Tod und all den Schmerz, der mit ihm einhergeht, zu umarmen, lange bevor er eintritt. Heute erscheint mir das logisch.

Am Ende dieser Reise weiß ich noch immer nicht, was Musik ist. Wie das menschliche Bewusstsein lässt sie sich mit poetischen Metaphern oder wissenschaftlichen Begriffen höchstens einkreisen – greifbar wird sie nur als subjektive Erfahrung. Und dort fühlte sie sich für mich mehr denn je wie etwas Heiliges an. Egal ob es nun Black Metal war – oder New Age.