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NEW MEXICO


National Geographic Traveler - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 25.06.2021

ES WAR EINMAL IN

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Bildquelle: National Geographic Traveler, Ausgabe 2/2021

Ein Cowgirl führt ein Pferd vor der Reittour über die Ghost Ranch bei Abiquiú im Norden New Mexicos.

ES IST MÖGLICH, JAHRELANG SO DAHIN- ZULEBEN – OHNE JEDEN GEDANKEN AN DIE EIGENE BEDEUTUNGSLOSIGKEIT IN DER

WEITE DER SCHÖPFUNG.

In der Wüste New Mexicos scheinen einen existenzielle Erkenntnisse am laufenden Band zu ereilen. Der Abend dämmert im Chama River Canyon. Ich bin durch einen Besinnungsgarten mit Kreuzweg den Hügel heraufgetrottet, um mich in der Kapelle meiner Gastgeber zu ihnen zu gesellen. Weiches Licht bettet eine geschnitzte Christusfigur in Strahlen und Schatten. In einem düsteren Querschiff singen Benediktinermönche in Kutten Psalme. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ein Mönch schreitet, ein Weihrauchfass schwenkend, um den Hauptaltar. Vor den hohen Fenstern schiebt sich der Mond über den Rand des Canyons hinweg in einen matten, kornblumenblauen Himmel – der letzte Rest eines strahlenden Sommertags. Die Farben werden immer satter und intensiver und ...

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... lassen die rostroten Venen in der Felsoberfläche – Sediment, vor Tausenden Jahren von einem mächtigen Fluss dort abgelegt – noch deutlicher hervortreten. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“, singen die Mönche. Längst habe ich die Stelle im Gesangsbuch verloren, kann nur noch daran denken, wie eigenartig es ist, überhaupt hier zu sein.

Ich meine das nicht nur im metaphysischen Sinne. Im Kloster Christ in the Desert – Christus in der Wüste – zu Gast zu sein, gehört sicher zu den ungewöhnlichsten Reiseerfahrungen meines Lebens. Es ist nicht leicht, die Mönche zu erreichen. Ihr der Welt entrücktes Zuhause liegt am Ende einer gut 20 Kilometer langen, roten Staubpiste jenseits des Tankstellenstädtchens Abiquiú, das seinerseits zwei Autostunden von Santa Fe, der Hauptstadt des Staates, ent - fernt liegt. Meinem unerschütterlichen Agnostizismus zum Trotz bin ich gekommen, um die Einsamkeit und Schönheit des Klosters kennenzulernen. Die Mönche heißen Menschen aller Glaubensrichtungen sowie Ungläubige willkommen. Ich bin eingeladen, gemeinsam mit ihnen zu essen, während der morgendlichen Arbeitszeit in den Gärten zu arbeiten und, falls ich das möchte, an den neun Stundengebeten des Tages teilzunehmen. Die Einführungsliteratur ermutigt dazu, ihr kontemplatives Schweigen zu teilen.

Als am nächsten Morgen um vier Uhr das gleichmäßige Läuten der Glocke zur Nachtwache ruft und ich verschlafen zur Kapelle schlurfe, ist über meinem Kopf der gesamte Kosmos hell erleuchtet: Schicht für Schicht stapeln sich entfernte Galaxien und strahlende Sonnen. Ich beschließe, mich nicht in eine Kirchenbank, sondern draußen auf die Stufen zu setzen und die Sterne zu betrachten. Durch die Ritzen in der Kapellentür dringt Kerzenlicht, der ätherische gregorianische Gesang der Mönche fließt in den Canyon hinaus. Es ist ein göttlicher Augenblick.

„Es heißt, je weiter man in die Wüste geht, desto begehrter wird man. Es übt einen besonderen Reiz, eine besondere Faszination aus“, erklärt mir Abt Christian am Morgen meiner Abreise. Es ist das erste und einzige Gespräch während meines Aufenthalts. Ich hatte den Mönch, der für die Gäste zuständig ist, im Flüsterton darum gebeten. Der Abt, der sich zu mir auf eine Gartenbank setzt, überrascht mich mit seiner charmanten, geselligen Art. Immer wieder lenkt er unser Gespräch auf die Filme der 1980er und die Beatles, und ich steuere es zurück in die Wüste. „Das Mönchstum in der Wüste hat eine lange Tradition“, sagt er. „Die ersten Mönche zogen in die Wüste Ägyptens. Wegen der Einsamkeit, der Ruhe und der Schönheit.“ Abt Christian hält inne und lässt den Blick über die Blumenbeete und den bescheidenen Friedhof zu dem Amphitheater aus Grasland und Fels schweifen. „Das alles hier ist über Äonen hinweg entstanden“, sagt er nachdenklich. „Wir Menschen können das kaum begreifen.“

Die Benediktiner sind nicht die Einzigen, die Inspiration und Trost in dieser ewigen Landschaft finden. Als ich an der Ghost Ranch, dem legendären Besinnungs- und Bildungszentrum eine Stunde östlich des Klosters, ankomme, treffe ich einen bunten Haufen Menschen. Ein barbrüstiger Mann jongliert mit Bohnensäckchen, Frauen mit Augenbinden versuchen, eine Amerikanische Pappel zu umfassen, und Kinder in Batikhemden toben herum. „Wir sind beliebt bei Künstlern. Aber auch bei Alleinreisenden. Die meisten sind auf ihrer ganz persönlichen Reise“, erklärt Karen Butts, die Tour- und Fortbildungsmanagerin. „Diese entlegene Ecke hat schon immer interessante Persönlichkeiten angezogen.“

Eine der bekanntesten dieser Persönlichkeiten war die amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe, die den patriarchalischen Einschränkungen des New Yorks der Vierzigerjahre entfloh und dieses 85 Quadratkilometer große Anwesen zu ihrer Heimat und Inspiration machte. Der Perdenal, ein schmaler Tafelberg knapp 15 Kilometer südlich, war ihr Lieblingsmotiv. „Es ist mein persönlicher Berg. Gott hat zu mir gesagt, wenn ich ihn oft genug male, darf ich ihn behalten“, scherzte O’Keeffe. Zu den Gästen ihres bescheidenen Hauses zählten Künstlerinnen und Künstler wie Frida Kahlo, Andy Warhol und der Psychiater Carl Jung.

Ich schwinge mich in den Sattel, um die Ranch zu erkunden, einen Aquarellfarbkasten in der Satteltasche, für den Fall, dass mich die Muse küsst. Drei toughe texanische Cowgirls, die die Ställe der Ranch führen, leiten unsere kleine Gruppe durch ausgetrocknete Flussbetten, vorbei an vom Blitz verstümmelten Bäumen. Es ist wildes Land. Ich habe das Gefühl, wir hätten den Planeten verlassen, nicht nur den Hof. Bedrohliche Wolken rollen heran, um uns herum krächzen mörderisch große Rabenvögel.

Unsere Führerinnen erzählen gespenstische Geschichten von abgeschlachteten Viehdieben und vergrabenen Schätzen und die Sage von Vivaron, einer gewaltigen mythischen Klapperschlange, die sich um den Fuß des Tafelbergs Orphan Mesa geschlängelt haben soll. Die Füh - rung driftet in die Paläontologie (einige der bedeutendsten Dinosaurierfunde der Trias wurden hier gemacht), streift die Filmkunst (hier wurden „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ sowie eine Reihe von Western gedreht) und schließt mit ein paar Sensationen der Geologie. „Seht ihr die beiden Mesas da vorne?“, fragt Rachel. „Vor etwa fünf Millionen Jahren waren sie Teil eines Supervulkans von vielleicht 6000 Meter Höhe, bis er mit der Gewalt von drei Atombomben explodiert ist.“ Der Vergleich lässt mich schaudern, denn er erinnert an die Rolle New Mexicos in den Anfängen des atomaren Zeitalters: Die erste Atombombe überhaupt wurde im nahe gelegenen Los Alamos entwickelt und detonierte in einem Gebiet etwas südlich von hier.

Plötzlicher Donner lässt die Pferde buckeln und wiehern, ein Regenschauer durchnässt uns bis auf die Haut und setzt satte Duftnoten von Wacholder, mineralischem Staub und Pferdeschweiß frei. Aber so schnell, wie es gekommen ist, klingt das Gewitter wieder ab, die Wolken reißen auf und das Licht kehrt zurück.

„ES LIEGT AN DER LUFT. SIE IST EINFACH ANDERS. DER HIMMEL IST ANDERS, DIE STERNE SIND ANDERS, DER WIND IST ANDERS.“

—GEORGIA O’KEEFFE

Nicht von dieser Welt

Seit ihrer Gründung als spanische Kolonie 1610 ist Santa Fe im Norden New Mexicos Knotenpunkt wichtiger Handelsstraßen – es war einer der nördlichen Endpunkte des Camino Real de Tierra Adentro von Mexico City und der Beginn des Santa Fe Trails, einer Planwagenroute, die sich über die Great Plains bis nach Missouri zog. Und so ist die Stadt, die zweitälteste der Vereinigten Staaten, ein Schmelztiegel der Kulturen, in dem Kulinarik, Architektur und Kunst gedeihen. Es heißt, in keiner amerikanischen Stadt lebten und arbeiteten mehr Künstler. Ich verliere den Überblick, an wie vielen Galerien und Museen ich auf meinem Spaziergang durch das Kunstviertel an der Canyon Road zum von Ziegelbauten geprägten historischen Stadtkern vorbeikomme.

Auf den ersten Eindruck wirkt Santa Fe viel zu herausgeputzt: Die begrünten Straßen mit ihrer einförmigen Denkmalästhetik und Boutiquen, deren Preise einem die Tränen in die Augen treiben, passen so gar nicht zu der Authentizität und Härte des Lebens in der Wüste. Aber man kommt schnell auf den Geschmack. Auf dem Hauptplatz wabern mir verführerische Düfte von einem Fajita-Stand entgegen. Gegenüber stellen Künstler eines der 23 in New Mexico beheimateten Stämme von Native Americans vor dem Gouverneurspalast Keramiken und handgearbeiteten Türkisschmuck aus. Auf dem Markt im Railyard-Viertel kaufe ich Rainier-Kirschen, Chilikonfitüre und getrockneten Salbei, außerdem ein Paar Vintage-Cowboystiefel in dem legendären Laden Kowboyz. In der Mittagshitze esse und kaufe ich abwechselnd irgendetwas, bis es Zeit wird, die neueste – und abgefahrenste – Attraktion Santa Fes zu besuchen.

Auf der anderen Seite der Stadt hat das Künstlerkollektiv Meow Wolf in einer von dem einheimischen Kunstförderer und Game-of- Thrones-Schöpfer George R. R. Martin gestifteten Bowlingbahn eine Kunsterfahrung entstehen lassen, die der Idee des Multiversums folgt. Ich werde in ein maßstabsgetreues Wohnhaus geführt und soll nach Hinweisen suchen, was aus den Bewohnern geworden ist. In der Küche öffne ich den Kühlschrank und entdecke einen weißen Tunnel, der sich in ein „eisiges“ Versteck windet. Irgendwo im psychedelischen Umland des Hauses gestrandet, schlage ich eine Melodie auf dem skelettierten Xylofon-Brustkorb eines Dinosauriers an, um einige Stunden später durch ein Labyrinth luftiger Gänge und Baumhäuser in einen Lichtgarten zu gelangen. Was auch immer hier passiert ist, war nicht von dieser Welt. Ich frage mich, ob dieses „House of Eternal Return“ irgendwo anders hätte entstehen können als in New Mexico – einem Staat, der für die Sichtung von Außerirdischen und die geheimen Regierungsoperationen von Roswell bekannt ist und wo selbst die Natur die Grenzen des Möglichen oft zu überschreiten scheint.

Jeder Sonnenuntergang hier ist ein einzigartiges Meisterwerk, das neue Farben aus der Welt zieht wie ein Zauberer Tücher aus dem Hut. Man muss nichts weiter tun, als sich einen guten Platz zu sichern. Den Abend verbringe ich in der Glockenturmbar im La Fonda on the Plaza, einem hundert Jahre alten Hotel mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Kunstsammlung. Bei einer Margarita beobachte ich, wie sich zartes Rosa ins Dunkelrote verfärbt, während die dicke, orangefarbene Sonne hinter den Sangrede-Cristo-Bergen versinkt.

Am nächsten Tag fahre ich auf der beschaulichen „High Road“ durch Pinyon-Kiefernwälder zur Künstlerkolonie Taos. Stolz zeigen die Orte an der Straße ihr spanisches Erbe. Das gilt besonders für Chimayó. In Trujillos Weberei komme ich mit Carlos, dem Besitzer, ins Gespräch. „Meine Familie ist seit acht Generationen in diesem Geschäft. Aber die Zeiten ändern sich. Ich weiß nicht, ob die nächste Generation noch Lust zum Weben haben wird“, erklärt er mir an einem großen hölzernen Webstuhl. Geometrisch gemusterte Wandteppiche hängen an der Wand. Viele der Muster gehen auf die ersten spanischen Siedler hier zurück. Häufig spiegeln sie auch Einflüsse der Navajo-Tradition wider. „Einige sind sehr komplex“, sagt Carlos und streicht über eines seiner Werke. „Ich bemühe mich, wenigstens einen pro Jahr zu machen, um den Stil und die Tradition am Leben zu erhalten.“

Auf dem besten Weg

Ein Stück weiter die Straße entlang lebt ein anderer Carlos: ein Künstler, der alte Chimayó- Chilisorten anbaut. Sein Studio, Medina’s Gallery, ist voll mit katholischem Krams, Bildern und Säcken von Chilipulver. Er öffnet eine Pistazie und verwendet die Hälfte der Schale, um ein wenig feuerrotes Pulver aus einem Sack zu schaufeln. „Du schmeckst die Vergangenheit“, sagt er. „An der Art, wie das hier hergestellt wird, hat sich über die Jahrhunderte nicht viel geändert. Wir ehren unsere Wurzeln.“ Auf der anderen Straßenseite liegt die Ziegelkapelle, die sein Großvater für Santo Niño de Atocha gebaut hat. Sie steht direkt neben dem Santuario de Chimayó, einer Kirche mit einer Grube mit „Heilerde“, die jedes Jahr in der Karwoche Ziel einer Wallfahrt ist. „Vierzigtausend Menschen“, sagt Carlos. Aber es ist die kleinere Kapelle seiner Familie, die mich in ihren Bann schlägt. Die Simse, die Kirchenbänke und die Dachsparren sind voll von Kinderschuhen – Bittgaben an die hier verehrte Manifestation des Jesuskindes, das ständig neue Schuhe brauchen soll, weil es rastlos auf der Suche nach hilfsbedürftigen Menschen umherwandere.

Die Gegend ist faszinierend, ein Mekka für schrille Individualisten und Linke. Weiter nordwestlich, jenseits der dramatischen Schlucht des Rio Grande, liegt ein Dorf von etwa 70 „Erdschiffen“ – bunten Ökohäusern aus upgecycelten Materialien wie Glasflaschen, die wie exotische Insekten in der Mittagssonne blitzen.

Im Osten liegt Taos Pueblo, als einziges Native- American-Dorf Unesco-Welterbe und National Historic Landmark. Die Ziegelstruktur im Ortskern an den Ufern des Red Willow Creek ist etwa 1000 Jahre alt. Anders als in anderen Gegenden wurden die Bewohner von Taos Pueblo nicht zwangsweise in Reservate umgesiedelt. 1970 konnten sie sogar 194 Quadratkilometer des Gebiets ihrer Vorfahren von der Regierung zurückgewinnen.

Weiter nördlich liegt die letzte Hippie-Kom ­ mune der Sechzigerjahre in der Region. „Wir sprechen nicht mehr von einer Kommune. Die Lama Foundation ist eine Bewusstseinsgemeinschaft“, erklärt mir Kestrel Alexander, der seit vier Jahren hier lebt. „Anders als in einem Ashram, wo es nur einen Lehrer und eine Philosophie gibt, haben wir uns der Interspiritualität verschrieben. Und es gibt weder Drogen noch Alkohol.“ Ich nehme an einem Kontaktimprovisationskurs teil: ein langsamer, ekstatischer Tanz mit viel Berührung und verschlungenen Gliedern. Etwas so Befreiendes habe ich noch nie gemacht. Wir wandern zu einem Aussichtspunkt und beobachten über die Ebene ziehende Regenschauer. Warum kommen die Menschen hierher? „Ich glaube, sie suchen etwas, das ihnen fehlt“, antwortet Kestrel.

Jeder, den ich treffe, verfällt ins Lyrische über dieses Land – über die Art, wie es dir einen Teil von dir zurückgibt, den du verloren zu haben glaubtest, oder dir Raum gibt, um zu beten oder etwas zu erschaffen. Ich staune über den kühnen Individualismus der Menschen und die unterschiedlichen Lebensweisen. Während Bevölkerungsteile überall in den USA einander ähnlicher werden, beharren die Bewohner New Mexicos darauf, aus der Reihe zu tanzen.

Der Künstler Rich Nichols, den ich bei einer Kunsthandwerkführung treffe, findet, der Zauber sei rund um Taos am stärksten. „Chicago, wo ich aufgewachsen bin, war kalt und industriell. Hier draußen kann ich eine ganz andere Seite meines Potenzials nutzen. Alle Chakren in perfekter Reihe, alle Ley-Linien im Einklang. Ich kann es nicht erklären. Man muss es selbst versuchen.“

Wir stehen in seinem Studio inmitten von Staffeleien. „Hier in Taos gibt es eine Redensart: Entweder der Berg liebt dich, liebkost dich und lässt dich nicht mehr los – oder er spuckt dich aus“, sagt er. Draußen geht die Sonne unter – eine weitere glühende Ode an das verwegene Leben in der Hochwüste. Wahrscheinlich sind in den Canyons New Mexicos die Antworten auf alle Geheimnisse des Lebens verewigt. Rich neigt den Kopf, um mich anzusehen, und lächelt breit, als hätte er eine Vision. „Wie ich sehe, hat er dich umarmt.“

Aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf