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New York City


Reisefieber - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 15.09.2021

USA – ein etwas anderer Blick auf die Stadt, die wieder zu neuem Leben erwacht ist: New York City

Artikelbild für den Artikel "New York City" aus der Ausgabe 1/2022 von Reisefieber. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reisefieber, Ausgabe 1/2022

Eine Kanufahrt vor der imposanten Kulisse Manhattans ist ein Erlebnis der ganz besonderen Art ? vor allem, wenn das ?Biest? auch noch Gas gibt und die Wellen hochschlagen.

Auf einer Kajaktour zum Berühren nahe an einem Flugzeugträger, einem Atom-U-Boot und mehreren Kreuzfahrtschiffen entlang zu paddeln – so etwas kann man wohl nur in New York City erleben. Und das ist in Pandemiezeiten wohl doppelt so wertvoll, denn dank einer über 75-prozentigen Impfquote bei Erwachsenen kann New York City endlich wieder Touristen willkommen heißen. Die Stadt, die niemals schläft ist also zurück im Leben!

Schon die klassischen Bootstouren auf dem Hudson oder dem East River offenbaren überwältigende und ungewöhnliche Perspektiven. Ein Trip mit dem Kajak toppt diese Erlebnisse aber noch einmal mit einem faszinierenden Blick auf Manhattan und dem Geschmack von Salzwasser auf der Zunge.

„Pier 84“: So lautet die Postadresse des Manhattan Kajak Clubs. Die Boote und Stand-up-Paddle-Boards ...

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... wassert das Team um Eric Stiller auf der Rückseite bei Pier 85. Gleich daneben liegt der 280 Meter lange Flugzeugträger USS-Intrepid aus dem Zweiten Weltkrieg vor Anker. Wer noch ein Pier weiter paddelt, wird zur Linken von den schneeweißen Schiffsrümpfen der Kreuzfahrtschiffe geblendet, während rechts am Flugzeugträger mit seinen gut 30 Kampfjets, einer zivilen Concorde und einem ausrangierten Space-Shuttle an Deck auch noch ein Atom-U-Boot vertäut ist. Die Einfahrt in diese Bucht ist allerdings – wie uns die Wasserschutzpolizei unmissverständlich zu verstehen gibt – verboten: „You're breaking the law, turn back immediately.“ Oje, da haben wir wohl versehentlich ein Schild übersehen! Doch schon ist Eric zur Stelle und klärt die Situation mit seinem Funkgerät auf. Eric trägt die Liebe zum Kajaksport gewissermaßen in seiner DNA. Sein Vater Dieter Stiller aus dem bayerischen Rosenheim war der Erste, der moderne Klepperboote in New York vertrieben hat. Kaum zurück auf dem mächtigen Hudson überholt uns ein riesiges Kreuzfahrtschiff mit mindestens 15 Stockwerken. Und noch während sich das Empire State Building allmählich aus dem Konglomerat von Wolkenkratzern absetzt, dreht das Schiff nach Backbord, also am Ufer Manhattans „The Beast“ vorbei, und der Steuermann gibt langsam Gas. Im Nu rauscht der Ozeanriese in Richtung Freiheitsstatue und sorgt für eine ordentliche Bugwelle. Wow – uns stehen die Haare zu Berge.

Willkommen in der Stadt, die niemals schlŠft

Aber alles der Reihe nach. Synonym für Frank Sinatras „City, that never sleeps“ ist der zentrale Stadtteil Manhattan, der komplett von Wasser umgeben und nur über Brücken und Tunnel zu erreichen ist. Im Westen trennt der Hudson River Manhattan von New Jersey, im Osten bildet der East River die natürliche Grenze zu den Stadtteilen Brooklyn und Queens auf Long Island. Der vergleichsweise schmale Harlem River im Norden Manhattans zieht eine feine Grenzlinie zum einst berühmt-berüchtigten Stadtteil, der Bronx. Eine wunderbare Einführung in die Wasserwelt New Yorks bietet die Circle Line. Ihre weiß-grünen Ausflugsdampfer starten auch auf dem Hudson am Westrand des Manhattaner Stadtviertels „Hell's Kitchen“. Die Stimme des Livekommentators Tony kommt zwar bisweilen etwas sonor über den Äther, aber wer genau hinhört, erfährt viele spannende Anekdoten. „Südlich vom Theaterdistrikt, fast schon auf Höhe des Empire State Buildings, wachsen hinter dem Marine Aviation Pier 76 gerade zahlreiche, meist voll verglaste Wolkenkratzer in den Himmel. Dies ist aktuell New Yorks größtes Neubaugebiet.“ Für Tony ist dies das „King-Kong-Areal“. Und in der Tat – der Blick auf das charismatische Empire State Building, das seit den 30er-Jahren mitsamt Antenne 433 Meter Höhe misst und bis 1972 das höchste Gebäude der Welt war, erinnert sofort an die Szene, in der der liebestolle Menschenaffe der Größe XXL dort oben seine blonde Braut verteidigte. Tony arbeitet aber auch das reale Geschehen gut in seinen Vortrag ein: „Einen echten Medienhype erfuhr der Hudson, als der Flugkapitän Chesley Sullenberger den US-Airway-Flug 1549 am 15. Januar 2009 spektakulär auf dem Fluss notlandete und alle 155 Passagiere samt Crew gerettet werden konnten.“ Beim Blick nach Westen, rüber nach New Jersey, wo der Holland Tunnel sich seinen Weg unter dem Hudson bahnt, erzählt Tony die Geschichte der vier „Jersey Boys“: Wie sie in den 60er-Jahren von einer Hinterzimmerband durch die grandiose Stimme Frankie Vallis als „Four Seasons“ Weltruhm erlangten. „Den kometenhaften Aufstieg, aber auch die damit verbundenen familiären Verwerfungen des Ausnahmesängers Valli könnt ihr euch am Broadway ansehen.“ Sobald kurz vor der Südspitze Manhattans auf Höhe des Finanzdistrikts das neue One World Trade Center auftaucht, surren die Kameramotoren im Stakkato und die Stimmen werden etwas leiser. 9/11 – der größte Terroranschlag aller Zeiten – hat sich bei Jung und Alt unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch schon wenige Minuten später ragt wie zum Trotz der hochgestreckte Arm der Freiheitsstatue mit der in Gold leuchtenden Fackel in den Himmel.

Die Stadt der Superhelden

Wir umrunden die Südspitze. Tony moderiert erneut mit Analogien zu bekannten Blockbustern. „Zwischen der Brooklyn und der Manhattan Bridge turnte Spiderman immer gerne über den East River.“ Natürlich referiert er auch über die Rockefellers und die wichtigsten Gebäude. „Für die meisten ist das im Jahr 1930 im Art-Deco-Stil erbaute ,Chrysler Building’ der schönste Wolkenkratzer der Welt. Was die wenigsten wissen, ist, dass es mittlerweile zu 90 Prozent einem Immobilienfond aus Abu Dhabi gehört und gerade zum Verkauf steht. Hat zufällig jemand 800 Millionen Dollar einstecken? Doch wie Sie hier sehen, wird mittlerweile ganz anders gebaut. Das Gebäude mit der Postanschrift 432 Park Avenue ragt stolze 425,5 Meter kerzengerade wie ein Streichholz in die Luft. Es ist das derzeit größte Wohngebäude der Welt“, plaudert Tony aus dem Nähkästchen. Kurz vor dem Harlem River dreht die Circle Line wieder um. Auffällig ist, dass beide Flüsse nicht nur als Transportweg dienen, sondern auch der Fun-und Lifestyle-Faktor auf dem Wasser keinesfalls zu kurz kommt. Eine Gruppe Stand-up-Paddler wird von der Wasserschutzpolizei begleitet. Auf Höhe eines im Tiefflug vorbeifliegenden Heliports brettert eine Handvoll Wasserscooter mit bestimmt 50 Stundenkilometern über die Wellen. Tony zeigt auf einen eleganten Zweimaster. „So eine Segelyacht wäre schon eher nach meinem Geschmack“, bekennt er. Wer die Rundtour um Manhattan etwas gediegener und romantischer gestalten möchte, sollte eine Dinner-Cruise von dem Veranstalter Le Bateaux in Erwägung ziehen. Die flachen Boote mit ihren vollverglasten Kuppeln starten vom Chelsea Pier aus zu ihrer noblen Runde. Gerade in der blauen Stunde, wenn sich die Beleuchtung der Wolkenkratzer eins zu eins in den Flüssen spiegelt, wurde hier schon so mancher Heiratsantrag gemacht. Erlesene Weine, Champagner und Fine Dining haben allerdings auch ihren Preis. Auf die sonore Stimme Tonys muss man dann allerdings verzichten, aber dafür spielt eine Showband neben wahren Schmachtfetzen für Verliebte auch Rockiges für Partygesellschaften.

„Boom-Town“ Manhattan

Eine wahrhaft günstige Alternative dazu bietet die Fähre nach Staten Island, die zur Stoßzeit im Zehn-Minuten-Takt vom Battery Park an der Südspitze Manhattans hinüber zu den Brooklyn Heights im Osten schippert. Bis vor wenigen Jahren kostete diese Tour noch einen „Quarter“, also 25 Cent. Mittlerweile ist dieser Service komplett gratis – nicht zuletzt, um die Flut der Pendler rascher zu bewältigen. Gerade am späten Nachmittag werden die Hochhäuser der Wall Street von der bereits tieferstehenden Sonne wunderbar in Szene gesetzt. Dieser Kurztrip zählt zu den schönsten Hafenrundfahrten der Welt und ist ein echtes Schnäppchen. Die Heerscharen von Angestellten auf dem Weg ins Office sehen den täglichen Transfer nach Manhattan wahrscheinlich weniger euphorisch. Die Dimensionen des berühmtesten Teils von New York werden ohnehin meist sträflich unterschätzt. Hier wohnen 1,7 Millionen Menschen aus aller Herren Länder. Zur Geschäftszeit tummeln sich zusätzlich noch circa 2,2 Millionen Pendler auf „Mana-Hatta“, wie die Algonkin-Indianer das „hügelige Land“ auf dem Meer einst nannten. Und es ist heute nur noch schwer vorstellbar, dass der Holländer Peter Minuit Anfang des 17. Jahrhunderts Manhattan für Waren im Gegenwert von schlappen 60 Gulden von den Indianern erwarb. Zählen wir noch ein paar Touristen hinzu, sind es fast vier Millionen Leute, die sich auf den Fähren, den Straßen und der bereits 1904 eröffneten Subway, der New Yorker U-Bahn, auf engstem Raum bewegen. Doch trotz oder gerade wegen dieses enormen Trubels zelebrieren die New Yorker eine mitreißend positive Version des Melting Pots, einer multikulturellen, liberalen Gesellschaft.

New York mit dem Fahrrad erkunden

Wer seine Schuhsohlen nach ein paar Tagen bereits durchgelaufen hat, sollte so wie viele New Yorker auf das Fahrrad umsteigen. Ruckzuck kann man sich die „Citi-Bike-App“ auf das Smartphone laden und schon lassen sich die mittlerweile vorbildlich ausgebauten Radwege an den Flussufern genießen. Die Räder kosten eine tägliche Grundgebühr und stehen dann für die ersten 15 Minuten immer gratis zur Verfügung. So klappern coole Touristen die zahllosen Sehenswürdigkeiten New Yorks ab: den Central Park und die umliegenden Museen, Little Italy und so weiter. Aber auch viele Businessleute nutzen den Service, vor allem in der Rushhour, wenn auch die Taxis nur noch im Schritttempo vorankommen. Von Hell’s Kitchen aus führen die verschiedenen Radwege fast immer am Hudson entlang über Chelsea, das West Village und Tribeca bis zum südlichsten Punkt. Eine luftige Tour mit umwerfenden Blicken auf die Skyline Manhattans und das rege Treiben auf dem East River startet unweit des Rathauses bei Chambers – zu Füßen der Brooklyn Bridge. Direkt bei der Subway- Station erblüht Manhattan in all seiner kompletten ethnischen Vielfalt und zeigt sich als nimmermüder kreativer Quell. Neben der Fahrradverleihstation führt eine Rapper-Gang ein fulminantes Tanzspektakel auf. Die immens durchtrainierte Truppe zeigt turnerische Höchstleistungen und betört die Damenwelt mit stahlharten Sixpacks und ordentlichen Muckis. Ringsherum bieten chinesische, indische und italienische Imbissbuden leckeres Streetfood. Bis zum Beginn der Brücke reihen sich Stände von Kleinkünstlern aneinander.

Gerade an den Wochenenden wimmelt es hier nur so von Joggern und sportlich ambitionierten Radfahrern auf der Brooklyn Bridge. Mit schrillen Pfiffen aus der Trillerpfeife scheuchen sie die meist verzückt vor sich hinschlendernden Touristen auf, die bei dieser betörenden Kulisse allesamt einer hemmungslosen Selfie-Mania erliegen.

Ein Hideaway mitten in New York

Wer nach dem Gedränge auf der Brücke etwas Ruhe und Entspannung sucht, findet im nahen Brooklyn Bridge Park Zuflucht. Auf der Dachterrasse des Brooklyn Bridge Hotels gibt es zum mondänen Blick auf Manhattan auch noch Drinks und leckere mediterrane Speisen – eine extrem gechillte Zuflucht, wenn New York mal kurz zu anstrengend wird. Über die Manhattan Bridge strampeln wir zurück über den East River und beenden unsere Stippvisite in Brooklyn. Wir landen mitten in Chinatown nahe der Canal Street. Restaurants und Billigläden mit Souvenirkitsch regieren das Viertel. Auch Autokennzeichen in New Yorks Taxigelb scheinen ein Verkaufsschlager zu sein. Giovanni Verrazzano war der erste Seefahrer der alten Welt, der in Manhattan im Jahr 1524 landete und den Hudson befuhr. Nach ihm wurde die gigantische 2063 Meter lange Hängebrücke benannt, die Staten Island mit Brooklyn verbindet und somit eindrucksvoll das Tor zum Atlantik markiert. Gute Paddler führt Eric an der Freiheitsstatue vorbei – bis dorthin, wo schon Buckel-, Finn-und sogar Blauwale gesichtet wurden und wo die Stand-up-Paddler natürlich auch von Delfinen begleitet werden, wie uns der unglaublich fitte Kerl verschmitzt grinsend erzählt. Wallstreet und Wale – das gibt es wahrlich nur in New York.