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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 195/2022 vom 25.01.2022

KUNSTMARKT SPEZIAL

Artikelbild für den Artikel "NFT" aus der Ausgabe 195/2022 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 195/2022

WELTKUNST Herr Reichert, in Ihrem Buch schreiben Sie: »Schon der Spaß am Neuen reicht hin, um zu verstehen, warum technologieaffine Menschen sich mit NFTs beschäftigen. Man kann und muss den Hype auch als soziales Spiel verstehen, als Live-Action-Role-Play, an dessen Regeln jede und jeder mitschreiben kann. Eine Buchhaltungstechnologie erwacht zum Leben.« Das klingt paradox: Sie beschreiben eine Aufbruchsstimmung, eine neue Welt, die sich eröffnet, und gleichzeitig schreiben Sie über etwas Dröges wie Buchhaltungstechnologie. Wie kommt es zu dieser merkwürdigen Reibung?

KOLJA REICHERT An diesem Pol spannen sich wirklich alle Quellen des Unverständnisses, der Fragwürdigkeit und der Faszination von NFTs auf. Denn wir bekommen ständig suggeriert, es sei hier aus der Tiefe des Metaversums eine völlig neue Sorte Gegenstand in die Welt getreten. Dieser Eindruck liegt sicher auch an den ...

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... Bildwelten der mit NFTs verbundenen Kryptokunstwerke, die stark aus der Ästhetik von Computerspielen schöpfen und aus den Möglichkeiten von 3-D-Programmen. Eigentlich haben wir es mit einer riesigen Verzauberung zu tun. Denn wenn man nüchtern analysiert, worum es sich bei NFTs in Wirklichkeit handelt, dann sind es tatsächlich einfach nur Einträge in eine Buchhaltungstechnologie.

WK Warum ist das Thema dennoch in aller Munde?

KR Die Buchhaltungstechnologie der Blockchain fasziniert experimentierfreudige Geister seit einem guten Jahrzehnt, weil sie eine völlig neue Art von Buchhaltung einführt. Man kann unsere Zeit gut mit Florenz in der Renaissance vergleichen. Damals hat sich parallel zur Entwicklung der Zentralperspektive die doppelte Buchführung durchgesetzt. Wir haben es nun mit einer neuen Buchhaltungstechnologie zu tun, die dezentral verwaltet und an keinem festen Ort gespeichert ist. Das hat in den letzten 13 Jahren das utopische Potenzial dieses Blockchain-Raums enorm befeuert: Plötzlich gibt es die Möglichkeit, dort unkopierbare, unverwechselbare Eigentumszertifikate einzutragen. Eine andere Frage ist allerdings: Was ist eigentlich so spannend an diesen Zertifikaten, die sich auf Arbeiten beziehen, welche sich nicht um den Code der Kunstgeschichte kümmern, sondern sich eher aus anderen Zusammenhängen wie Memes, Games und dem Internet speisen?

»Dass mit NFT-Kunst gezockt wird, sehen wir auch. Das ist ein Beleg dafür, dass hier nicht die klassischen Kunstsammler bieten.«

Markus Eisenbeis

WK Herr Eisenbeis, wann sind Sie auf NFTs aufmerksam geworden? Und warum ist es jetzt spannend, diese Form von Zertifikaten zu handeln?

MARKUS EISENBEIS Ich muss gestehen, ich bin erst im vergangenen Jahr in das Thema eingestiegen und damit relativ spät. Natürlich waren die 69 Millionen Dollar inklusive Aufgeld für das NFT zu Beeples Werk »Everydays: The First 5000 Days« bei Christie’s im März 2021 ein Urknall. Wenn man sich danach allerdings angesehen hat, was an NFTs auf den gängigen Plattformen im Internet angeboten wird, hat das mit Kunst nach unserem Verständnis wenig zu tun. Deswegen hatte ich das Thema erst einmal beiseitegelegt. Ich dachte, das wäre nichts, womit ich mich beschäftigen möchte.

WK Dennoch hat Van Ham im vergangenen Dezember als erstes Auktionshaus in Deutschland NFTs angeboten, in Verbindung mit fünf Werken des Fotografen Gavin Evans.

ME Ja, denn im Verlauf des Jahres ist das Thema völlig eskaliert. Da denke ich als Unternehmer dann auch wieder anders: Das sind Märkte, die sich auftun. Vor allem sind es Märkte, die nicht verschwinden werden. Ein NFT ist bloß ein Zertifikat, das mit allen möglichen Dingen verbunden sein kann. Doch als Phänomen ist es jetzt faktisch und wird daher auch in der Kunstwelt seinen Platz erobern. Wir haben bei Van Ham die Digitalisierung sehr vorangetrieben und haben dann auch einen eigenen Weg gesucht, mit NFTs umzugehen. Es gibt ja zahlreiche NFT-Plattformen, die vielfach in der Gamer-Welt verankert sind. Als Auktionshaus müssen wir uns jedoch von unkuratierten Anbietern wie Open Sea unterscheiden. Daher haben wir uns entschieden, etwas zu erschaffen, das klassischen Kunstsammlerinnen und -sammlern den Zugang zur digitalen Kunst erleichtert. Und umgekehrt vielleicht auch denjenigen, die bisher in der digitalen Welt aktiv sind, die klassische Kunst zugänglich macht.

WK Wie würden Sie dieses neue Publikum charakterisieren, und was genau bieten Sie ihm?

ME Wenn man hört, was Christie’s zur Versteigerung von Beeple kommuniziert, dann hat da kein klassischer Kunstsammler mitgemacht. 22 Millionen Menschen haben die Auktion verfolgt, 33 haben geboten, die Hälfte davon war unter 30 Jahre alt! Da weiß man, in diesen Preisregionen hat das nichts mit klassischen Sammlerinnen und Sammlern zu tun. Wir verfolgen bei Van Ham daher einen anderen Ansatz als Einstieg und haben hybride NFTs angeboten: Es gibt das NFT, das sich auf ein digitales Werk bezieht, das mit diesem auch fest verknüpft ist. Aber zusätzlich gibt es das Ganze eben auch noch als klassisches Werk. Bei den Fotografien von Gavin Evans bekamen die Käufer einen unikalen Print, der signiert und auf hohem Qualitätsniveau produziert ist. Und dann haben wir noch eine Uhr als NFT entworfen. Diese lässt sich jetzt die Käuferin oder der Käufer realisieren. Als Unikat. Das ist dann wirklich eine neue Dimension, wie man die reale und die virtuelle Welt zusammenführt.

WK Frau Bowinkel, Herr Banz, welche Vorteile haben NFTs für Sie als Kunstschaffende, und welchen Einfluss nimmt die neue Technologie auf Ihre Kunst?

MAD DOG JONES

Auf die Tücken der Technik verweist der kanadische Künstler mit seinem Werk »Replicator« (2021): Der animierte Film eines Kopierers ist mit einem NFT verbunden, das sich exponentiell selbst vervielfältigt – dabei aber auch crashen kann. Phillips schlug das NFT im April 2021 für 3,4 Millionen Dollar zu

PAK

Massenware ist das Ziel des anonymen Künstlers, der offene Editionen anbietet. In der Pak-Auktion »The Fungible Collection« bei Sotheby’s im April 2021 erhielten die Käufer eine Reihe von NFTs, abhängig von der Anzahl der »Cubes«, die sie erworben hatten

EMMA STERN

Feenwesen wie aus den Fantasiewelten der (männlichen) Gamer-Szene bevölkern die Leinwände der New Yorker Malerin. Ihr Motiv »Fern-1« zeigte sie als digitale Variante in der Berliner Galerie König und verkaufte das NFT für knapp über zwei Ether

FRIEDEMANN BANZ Ich würde gern noch kurz auf die Beiträge meiner Vorredner antworten, aus der künstlerischen Perspektive heraus: Wir haben es jetzt bei den NFTs mit einem soziokulturellen Phänomen zu tun, bei dem eine gewisse Gesellschaftsgruppe diese Buchhaltungstechnologie für etwas benutzt hat, das durch ein Auktionsergebnis viel Aufwind bekam. Was aus unserer Sicht in der Debatte um NFTs zu kurz kommt, ist die Kenntnis um die Vorgeschichte. Wir haben als Künstlerduo vor über zehn Jahren angefangen, uns mit digitaler Kunst zu beschäftigen. Unser Kerninteresse ist der Computer als ein Medium, das unsere Gesellschaft grundlegend transformiert hat. Man kann sagen: Dadurch, dass wir bereits heute einen Großteil unserer gesellschaftlichen Aktivität im digitalen Raum betreiben, findet diese automatisch virtuell statt.

WK Wie meinen Sie das?

FB Mittlerweile verbringt ein großer Prozentsatz der Erdbevölkerung so viel Lebenszeit in virtuellen Räumen – und damit meinen wir auch den Internetbrowser oder eine soziale Plattform –, dass das virtuelle Dasein zu einem festen Bestandteil unserer Existenz geworden ist. Wissenschaftliche Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass für das Gehirn ein Sinneseindruck, egal, wie er zustande kommt, automatisch eine Tatsache darstellt. Wenn ich mich also lange genug in einem virtuellen Raum aufhalte, weiß ich zwar noch, dass er eine Simulation ist, doch mein Gehirn verarbeitet diese Wahrnehmung im Prinzip, als wäre sie real. Was jetzt durch NFTs passiert, ist Folgendes: Der Teil der Gesellschaft, der bereits digital unterwegs war, hat plötzlich ein Werkzeug gefunden, mit dem sich dieser Echtheitsanspruch der virtuellen Welt exemplifizieren lässt. Vorher war es nur schwer vorstellbar, dass ein virtueller Schuh den gleichen Stellenwert haben kann wie ein echter Schuh. Aber jetzt gibt es Käuferinnen und Käufer, für die ein virtueller Sneaker vielleicht sogar »realer« ist als ein echter Sneaker. NFTs haben diesem Sachverhalt einen Namen gegeben, doch das Phänomen war schon davor »viral«.

GIULIA BOWINKEL Dass der digitale Turnschuh einem realen Turnschuh an beigemessener Wertigkeit in nichts nachsteht, war in der Szene schon lange eine Tatsache. Bei den NFTs handelt es sich jetzt um eine neue offizielle Richtlinie, wie man Dinge verkauft und vermarktet. Sie sind gewissermaßen der neue gemeinsame Nenner. Das allgemein akzeptierte Siegel bei einer Transaktion. Aber die Frage, was eigentlich ein digitales Artefakt ist, die wird schon sehr lange in der Szene ganz selbstverständlich diskutiert. Digitale Werke sind nur für den klassischen Kunstbetrieb noch etwas relativ Neues. Digitale Kunst wurde dort in den vergangenen Jahrzehnten nahezu komplett ignoriert. Auf keiner Messe gab es digitale Arbeiten zu sehen. Und wenn doch, musste man danach suchen.

ME Ja, weil man damit kein Geld verdienen konnte! Das ist die ganz einfache Erklärung. Ich bin Kaufmann, und es kann mir keiner erzählen, dass der monetäre Aspekt beim Boom der NFTs nicht der Treiber war. Da haben sich viele ausgetobt, und da ist einfach Kryptogeld unterwegs, das sonst keinen anderen Platz findet. Etwas zu bezahlen signalisiert allerdings auch Anerkennung und Wertschätzung. Insofern freue ich mich, dass es jetzt für Künstlerinnen und Künstler eine Möglichkeit gibt, digitale Werke zuverlässig handelbar zu machen.

KR Klar sind NFTs erst im vergangenen Jahr auf Messen aufgetaucht, weil sich erst jetzt damit Geld verdienen lässt. Und die Geschwindigkeit, mit der etablierte Kunstinstitutionen und Galerien auf den Zug springen, hat natürlich auch etwas Bemühtes, etwas spät Kommendes und extrem Spekulatives. Ich finde es total interessant, dass zum Beispiel das Auktionshaus Van Ham gerade zur Uhrenfirma wird, wenn nicht gar selbst zum Künstler. Wenn Herr Eisenbeis sagt: »Wir haben eine Uhr entworfen.« Meine erste Frage wäre, wenn ich aus der Gaming-Welt käme: In welchem Spiel kann ich die Uhr eigentlich tragen? Kann ich die benutzen, oder besitze ich die einfach nur?

ME Das steckt natürlich noch in den Kinderschuhen. Die Frage, ob man die Uhr benutzen kann, hat auch mit Schnittstellen und der Offenheit von Programmen zu tun. Hat ein Spiel wie »Minecraft« überhaupt ein Interesse, dass von außen Dinge hineingetragen werden, die nicht über den eigenen Shop vermarktet werden? Ich vermute, die werden ihr Universum lieber geschlossen halten wollen. Ich würde daher in eine andere Richtung denken und sagen: Es gibt immer mehr Smartwatches, auf die man digitale Entwürfe übertragen kann. Dann besitzt man ein Design, so wie man die Sonderedition einer herkömmlichen Uhr besitzen kann.

WK Herr Reichert hat einen interessanten Punkt angesprochen: Die mit den NFTs verbundenen Werke sind brandneu und eigens für die Auktion entstanden. Van Ham verlässt also den Sekundärmarkt und handelt auf dem Primärmarkt. Und da stellt sich natürlich die Frage, ob sich dadurch Ihre Arbeit als Auktionshaus verändert.

ME Es wäre übertrieben, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen. Aber natürlich bewegen wir uns hier in einem Primärmarkt. Es gibt keinen großen Sekundärmarkt in diesem Bereich – erst recht, wenn wir den Anspruch verfolgen, selbst die NFTs mit unserer Partnerfirma in hoher Qualität herzustellen. Bei unseren NFTs sind auch Bilddateien in voller Größe als reprofähige Dateien auf der Blockchain abgespeichert. Das ist ein Qualitätsmerkmal, das Sie nicht hinbekommen, wenn Sie selber Ihr NFT bei Open Sea oder bei Rarible minten. Und natürlich hat das auch seinen Preis.

KR Ich möchte gern noch auf Giulia Bowinkels Lamento antworten, dass digitale Kunst bisher ignoriert worden sei, und dem ein bisschen widersprechen: Es gibt sicher seit den 1960er-Jahren einen Diskurs darüber. Die ganze Gründungsmythologie, aus der sich heutige Fantasien vom Metaversum speisen, stammt aus der Cyberpunk-Kultur um 1980 herum, und seit den Neunzigern hat die Medienkunst auch ihr eigenes Museum in Karlsruhe.

WK Das ZKM, das 1997 eröffnet wurde.

KR Richtig. Außerdem gab es in den Neunzigern natürlich eine lebendige Net-Art-Szene. Die hat lediglich anders funktioniert. Sie hat statt auf Eigentum auf Teilhabe gesetzt. Da gab es dann auch ein Problem, weil sich mit Net-Art letztlich kein Geld verdienen ließ. Ungefähr im Jahr 2008 kam dann gleichzeitig mit der Blockchain und Bitcoin die Post-Internet-Art in die Welt, die sich auch stark mit den Hybriden von virtuell und physisch beschäftigt hat und der immer vorgeworfen wurde, dass sie die Geschichte der Net-Art zu wenig berücksichtigen würde. Und jetzt gibt es eben das Phänomen der NFTs, wo eine wirklich sinnlose digitale Fotografie einer Rosenblüte vor schwarzem Grund von Kevin Abosch für eine Million Dollar verkauft wird, während ein extrem durchdachtes, auf Konzeptkunst basierendes NFT von Simon Denny, der die CO₂-Emissionen der Ethereum-Blockchain kritisiert, nur für einen unteren fünfstelligen Betrag den Besitzer wechselt.

WK Welche NFTs finden Sie selbst aus der Sicht des Kunstkritikers besonders spannend?

KR Bei NFTs geht es ja letztlich um Vertragsverhältnisse zwischen Menschen. Jetzt sind plötzlich neue Vertragsverhältnisse möglich. Man kann sich via Blockchain aufeinander und auf kulturelle Güter beziehen. Und wenn wir immer darüber sprechen, dass sich jetzt damit Geld verdienen lässt, bringen wir aus unserer Welt ein Konzept von Besitz mit und legen es auf etwas, das eigentlich gar nicht aus dieser Welt kommt. Die spannendsten NFTs wurden in diesem Jahr nicht von Künstlerinnen und Künstlern gedroppt, sondern von Musikerinnen und Musikern wie zum Beispiel dem Duo Amnesia Scanner, dessen Sammelkarten Kompositionen enthielten. Alle ihre Inhaber können zusammen auf den gemeinsamen Instrumenten Musik machen. Oder Holly Herndon: Sie hat den digitalen Klon ihrer Stimme in die Hände einer dezentralen autonomen Organisation gelegt, die nun gemeinsam entscheiden kann, wie sie nicht nur Musik erschafft, sondern auch, wie sie mit den Lizenzen umgeht, die sich damit verbinden.

WK Also können diese neuen Beziehungen, die durch NFTs ermöglicht werden, durchaus positive Entwicklungen im Kunstbereich auslösen?

KR Ja. Auch das ganze Spekulieren ist plötzlich nichts mehr, was man anklagen muss. Bisher blickte man ja im Kunstmarkt mit moralischer Empörung auf die Profiteure, die Werke im Wert vertausendfacht zur Auktion bringen, während die Künstlerin oder der Künstler nichts vom Gewinn abbekommt. Durch den Eintrag auf der Blockchain haben Kunstschaffende plötzlich etwas von der Auktion. Und die Galerie, die in den Künstler investiert hat, profitiert ebenfalls. Wenn wir NFTs auf den klassischen Kunstmarkt anwenden würden, könnten wir das Problem lösen, dass man bei jeder Investition als mittelgroße Galerie fürchten muss, auf dieser Investition sitzen zu bleiben. Denn NFTs erlauben es, dass jeder, der je in ein Werk investiert hat, bei jedem weiteren Zusatzgewinn mitverdient.

»Wir müssen Beeples Schaffen dieselbe gründliche kunstkritische Arbeit entgegenbringen wie anderen Werken.«

Kolja Reichert

BEEPLE

Mit diesem Werk fing der Hype an: Jahrelang postete der amerikanische Künstler Mike Winkelmann alias Beeple jeden Tag ein Werk auf Instagram. Das Resümee seines Schaffens »Everydays: The First 5000 Days« versteigerte Christie’s bei einer Onlineauktion im März 2021 als JPEG und NFT für 60,25 Millionen Dollar

WK Allerdings werden NFTs bisher überwiegend in Kryptowährung bezahlt. Und ich frage mich, wie akzeptiert dieses digitale Geld in der Kunstwelt überhaupt ist. Bei der Beeple- Auktion kommunizierte Christie’s zunächst, dass sich das Haus die Kommission, also seinen eigenen Anteil am Geschäft, lieber in Dollar als in Ethereum entrichten ließ.

KR Diese Aussage ist mittlerweile von Dirk Boll, dem Präsidenten von Christie’s für Europa, den Mittleren Osten und Afrika, korrigiert: Auch die Käuferkommission wurde in Kryptowährung bezahlt. Christie’s hat eine Wallet eröffnet. Da landete der Anteil. Und dann hat eine Mitarbeiterin, die sich gut auskennt mit der Blockchain, genau auf den Moment gewartet, wo sich der Anteil günstig in Dollar zurückübersetzen lässt.

ME Die ursprüngliche Ankündigung stieß auf großen Widerwillen in der Szene. Das war ja eine reine Onlineauktion, die über 14 Tage lief. Und als sie bei Christie’s realisiert haben, dass ihre Herangehensweise nicht gut ankommt, haben sie ungefähr nach der Hälfte der Bietzeit erklärt, dass sie für das Aufgeld ebenfalls Kryptowährung akzeptieren. Wenn das Auktionshaus am Ende neun Millionen Dollar verdient, ist es egal, ob der Kurs mal leicht steigt oder sinkt. Diese Korrektur der Versteigerungsbedingungen hat erst die Dynamik in den Bietprozess hineingegeben. Sonst hätte Christie’s niemals diesen Preis realisiert.

WK Frau Bowinkel, Herr Banz, Herr Eisenbeis: Wie glücklich sind Sie, wenn Ihre Arbeit mit Kryptowährung bezahlt wird? Kann man die leicht eintauschen oder sich etwas dafür kaufen?

ME Man kann das einfach hin- und hertauschen. In einem Auktionshaus hat das auch nichts mit Schwarzgeld zu tun. Denn wir unterliegen bei der Akzeptanz von Kryptowährungen mindestens den gleichen Voraussetzungen wie bei Bargeld. Die Legitimationsprüfung »Know your customer« muss durchgeführt, das Geldwäschegesetz muss erfüllt werden. Es ist, im Gegenteil, sogar noch viel schärfer: Bei Bargeld müssen Sie ab 10 000 Euro die ganzen Voraussetzungen prüfen. Wenn Sie Kryptowährung akzeptieren, müssen Sie schon ab 1000 Euro den kompletten Dokumentationsprozess machen.

GB Wir trennen das tatsächlich: Bei den digitalen Kunstwerken, die wir als NFT verkaufen, bleibt der Erlös momentan in der Wallet.

WK Sie meinen als Anlage?

FB Wir wissen das noch nicht so genau. Wenn man etwa neue Kunstwerke einstellen will, muss man dafür Gebühren zahlen, die in Kryptowährung geleistet werden. Dafür ständig Geld hin- und herzutauschen ist, wie Währungen umzutauschen – man verliert einfach konstant einen Teil des Geldes. Deshalb bleibt die Kryptowährung, die wir verdienen, in der Kryptosphäre. Wir betrachten das ein wenig wie Aktien – in einem extrem volatilen Markt –, mit denen man aber wieder künstlerische Aktivitäten finanzieren kann.

GB Wir möchten das Geld reinvestieren in Kunstwerke, in das Metaversum oder was auch immer in Zukunft auf uns zukommen wird.

WK Also sind das Drängen der Kryptowährung in den Kunstmarkt und auch die Millionenpreise, die dort zum Teil bezahlt werden, keine Anzeichen einer Spekulationsblase? Sondern es handelt sich tatsächlich um ein ernst zu nehmendes Publikum, das sich als interessante Kundinnen oder Sammler anbietet?

ME Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun! Natürlich wird mit NFTs spekuliert, aber man muss klar unterscheiden: Sprechen wir von deutschsprachigen Sammlern, steckt mehr Ernsthaftigkeit dahinter. Die Idee, mit Kunst Geld zu verdienen, steht bei denen in der Regel völlig im Hintergrund. Im angelsächsischen Raum ist das ganz anders. Da ist dieses spekulative Moment viel stärker spürbar. Das kommt natürlich aus der Kryptoszene heraus, die mit Kryptowährung wahnsinnig viel Geld verdient hat. Dass mit NFT-Kunst gezockt wird, sehen wir auch. Das ist ein Beleg dafür, dass es sich nicht um klassische Kunstsammler handelt. Die kommen aus ganz anderen Ecken und sind es gewohnt, mit allen möglichen Dingen zu zocken.

KR Wir blicken hier auf einen extrem gespalten Markt mit einer unfassbaren Vermögenskonzentration in wenigen Händen und mit einem wahnsinnigen Gefälle an Macht, eine radikale Plutokratie. Der Musiker Ville Haimala von Amnesia Scanner hat mich allerdings auf einen entscheidenden Unterschied zur bisherigen Plutokratie aufmerksam gemacht: Hier sind die Transaktionen transparent. Und deshalb können sich Gruppen zusammenschließen und gegen die »Wale«, also gegen diejenigen mit dem größten Eigentum wetten. Ein Beispiel: Kennen Sie das NFT, das Edward Snowden im vergangenen Frühsommer versteigern ließ?

WK Leider nicht.

KR Letztlich kein großer Kunstwert: einfach das Urteil des Supreme Court, dass die NSA-Überwachungsaktionen, die Snowden aufgedeckt hat, unrechtmäßig waren, zusammen mit seinem Konterfei. Der zeitweilige Höchstbietende bei der Auktion rief dazu auf, dass andere auch mitbieten sollen, damit man dieser kulturellen Äußerung einen kollektiven Wert zuschreibt. Und am Ende war dann der Höchstbietende die PleasrDAO – ein Zusammenschluss von Eigentümern. Das bedeutet: Geld wird hier zum Mittel der Setzung kultureller Werte, auch politischer und moralischer Werte.

GB Genau! Denn plötzlich sind es nicht mehr die Galerien oder die Museen, die das Siegel der Kunst vergeben. Es sind das Geld und der Verkauf. Und deshalb kann man auch nicht mehr umhin zu sagen: Beeple ist ein Künstler. Ich spitze das bewusst zu! Die Kunstwelt ist nun gezwungen, sich mit Beeple auseinanderzusetzen. Man muss wissen, was er macht. Man muss sich seine Werke noch mal genauer angucken. Damit gleichzusetzen ist auch die Akzeptanz im Social-Media- Bereich: Sobald ein Influencer eine gewisse Zahl an Followern hat, ist das auch ein neues »basisdemoraktisches« Siegel.

WK Wir reden über den Wert, der sich durch Geld generiert. Wir reden über Follower in den sozialen Medien. Aber was ist mit der Legitimierung durch die klassischen Institutionen? Genügt es, wenn digitale Kunst nur im virtuellen Raum zu sehen ist? Oder ist ein Ort wie beispielsweise die Galerie König in Berlin, die als physischer Ausstellungsraum präsent ist, nicht vielmehr wichtig, um der digitalen Kunst die Legitimation zu geben, die der Markt alleine nicht bieten kann?

GB Es ist auf jeden Fall spannend, in welche Richtung sich das entwickelt. Die Museen der Zukunft entstehen jetzt schon im Metaversum durch die großen Sammler und Kuratoren. Dort kann dann die nativ digitale Kunst rezipiert werden. Diese Orte könnten aber noch in der Öffentlichkeit wirksamer werden. Dass die Sammlerinnen und Sammler Museen aufbauen, ihre Kunstwerke dort zeigen, die dann auch am Computer oder mit der VR-Brille besucht werden. Das ist die große Frage: Wie wird das die klassische Kunstwelt erreichen, die doch sehr am Haptischen hängt?

KR Wir hatten neulich bei Studio Bonn in der Bundeskunsthalle Eike Schmidt zu Gast, den Direktor der Uffizien in Florenz. Er hat als erster Direktor einer großen klassischen Sammlung ein NFT herausgegeben, ein Tondo von Michelangelo. Und der spricht auch ganz offensiv vom Metaversum und dass Museen darin präsent sein müssen.

WK Müssen sie das wirklich?

KR Ich finde, sie müssen es nicht unbedingt. Ich habe auch immer noch nicht genau verstanden, wozu es das Metaversum braucht. Klar ist die Vorstellung, dass man in einer virtuellen Welt in die Uffizien geht, irgendwie schön. Jedoch nur so lange, wie dadurch tatsächlich neue Modelle der kulturellen Teilhabe entstehen, die es mehr Menschen erlauben, mitzubestimmen, was Kultur ist. Die NFTs haben es immerhin geschafft, uns in einen Aushandlungskampf zu führen zwischen der Reichweite, dem Geld und der Quote auf der einen Seite und der Spezifität und der Erkenntnis auf der anderen Seite.

»Es gibt jetzt Käufer, für die ein virtueller Sneaker vielleicht sogar ›realer‹ ist als ein echter Sneaker.«

Friedemann Banz

WK Wie meinen Sie das genau?

KR Ich meine damit, dass wir natürlich jetzt Beeple dieselbe Gründlichkeit an kunstkritischer Arbeit entgegenbringen müssen wie auch anderen Werken. Das bedeutet aber nicht, dass am Ende herauskommt, dass seine Kunst so viel wert ist wie andere. Es ist leicht zu zeigen, dass der künstlerische Code, den Beeple verwendet, einer ist, der nicht besonders gut gecodet ist. Er ist nicht effektiv, er ist sehr aufwendig, er ist total durcheinander, und er beschäftigt sich überhaupt nicht mit den Codes, die bisher in Kunstwerken niedergelegt wurden. Denn jedes Kunstwerk ist ja letztlich ein Block, der an die Kette der Jahrtausende zurückreichenden Blockchain der menschlichen Kultur angefügt wurde.

ME Ich würde da gerne anknüpfen. Denn wir dürfen einem Trugschluss nicht erliegen: Nur weil etwas bei Christie’s verkauft wurde oder etwas sehr teuer ist, hat es nicht automatisch etwas mit Kunst zu tun. Die großen Auktionshäuser verstehen sich als Luxuskonzerne, die alles verkaufen wollen, womit viel Geld zu verdienen ist. Und das umfasst natürlich auch den Bereich der hochpreisigen Collectibles.

WK Diese Objekte sprechen ja traditionell ein breiteres Publikum an.

ME Richtig! Ein Publikum, das außerdem im Moment über sehr viel Geld verfügt und das einen emotionalen Zugang hat. Denn man kauft ja nur etwas, wozu man einen Zugang hat. Sicherlich gibt es weltweit viel mehr Gamer als klassische Kunstsammlerinnen und -sammler. Und Beeple war bereits zuvor ein Superstar in der Gamer-Szene, der Sequenzen kreiert und für große Filmproduktionen gearbeitet hat. Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass für einen Superstar super Preise gezahlt werden. Nur mit Kunst hat das alles nicht unbedingt etwas zu tun.

KR Wenn wir immer über Beeple und seinen Preisrekord sprechen, vergessen wir dabei, dass sein Werk nichts mehr wert ist. »Everydays: The First 5000 Days« wurde in die Sammlung der Firma Metapurse aufgenommen, eine Sammlung von Beeple-Werken, die fraktionalisiert wurde. Es wurden also Eigentumsanteile an dieser Sammlung ausgegeben, die sogenannten B20 Tokens. Diese kosteten um den Zeitpunkt der Ausgabe 17 Dollar und sind mittlerweile unter 70 Cent wert. Wir sollten uns fragen: Was wurde damals wirklich bei Christie’s gekauft? Gekauft wurde meiner Meinung nach ein historischer Moment, in dem der ganze Blockchain-Space und die NFTs ihre Flügel öffneten und sich der Welt zeigten. Und das ist natürlich toll, diesen Moment zu besitzen. Aber die »Everydays« von Beeple sind nichts mehr wert, denn dieser historische Moment lässt sich nicht einfach weiterverkaufen.

WK Was bringt also die Zukunft: Werden die NFTs bleiben? Werden sie unser aller Leben verändern?

GB Um die NFTs hat sich bereits eine ganze Kultur entwickelt. Und es ist sicher spannend für Künstlerinnen und Künstler, diese Kultur zu analysieren und darauf zu reagieren. Man könnte das mit dem Pop-Art-Maler Roy Lichtenstein vergleichen, der die Comic-Kultur zitiert. Unabhängig davon sind NFTs ein großartiges Hilfsmittel für Sammlerinnen und Sammler und für Kunstschaffende, das anscheinend auch gebraucht wird. Zuvor hatten wir unsere Verkäufe immer mit Zertifikaten in Papierform geregelt. Das war ein wenig umständlich. NFTs sind da natürlich eine Erleichterung. Also ja, sie werden bleiben.

ME Das denke ich auch. Ich sehe das auch perspektivisch, dass wir für neue Generationen etwas anbieten, das sie an die Kunst heranführt, und das auf eine Art und Weise, wie man es vielleicht mit klassischer Kunst nicht machen kann. Einem Teeanger, der heute »Minecraft« spielt, braucht man den Nutzen eines digitalen Objekts nicht groß zu erklären. Der kauft sich heute schon ohne zu zögern ein digitales Schwert, weil er damit im Spiel die nächsten drei Level schafft. Über die NFTs bieten wir diesen Generationen einen Einstieg. Es ist also eine Erweiterung unseres Marktes, es wird nichts ablösen.

KR Ich glaube, dass digitale Güter zunehmend das sein werden, was Kunst immer schon war, nämlich ein Einstiegsticket in bestimmte Szenen und Subkulturen. Wir erleben jetzt, dass diese Szenen ihr symbolisches Kapital in finanzielles Kapital übersetzen können. Das gab es so noch nie. Wenn allerdings jede Gruppe ihre eigene Währung entwickelt und ihre eigene Kunst hervorbringt, stellt sich die Frage, wie dann noch zwischen verschiedenen Interessen vermittelt werden kann – was also übrig bleibt von dem, was man bislang allgemeine Öffentlichkeit nannte. Aber ich glaube, was wir im Zuge der Debatte auch ganz neu entdecken werden, ist der unglaubliche Informationsreichtum der wirklichen physischen Welt, der sich nie digital simulieren lassen wird. Und damit wird auch die materialbasierte Kunst wiederentdeckt, die in ihrer Reflexion, Detailtiefe und Unverwechselbarkeit den digitalen Werken weit voraus ist.

GB Um noch ganz kurz darauf zu antworten: Sie sprechen die Komplexität der virtuellen Realität an. Zweifellos versuchen beispielsweise die Studios in Hollywood einen immer stärkeren Realismus in der virtuellen Welt zu erzeugen. Aber ich persönlich fände es sehr schade, wenn es der digitalen Kunst nur um Realismus ginge. Es ist so viel wichtiger und interessanter, den virtuellen Raum und die digitale Existenz auf eine abstrakte Art und Weise zu reflektieren und in dieser Form darüber nachzudenken. Das ist doch die Herausforderung, vor der wir als Künstlerinnen und Künstler stehen. Und wenn man die digitale Kunst genau betrachtet: Die wirklich starken Arbeiten sind eben genau die, die dieses Nachdenken auf den Punkt bringen.

HOLLY HERNDON

Dass sich NFTs mit Klängen verbinden lassen, zeigt die in Berlin lebende Soundkünstlerin (o. das Cover zum Album »Proto« von 2019). Herndon hat eine Digitalversion ihrer Stimme ins Netz gestellt. Per NFT kann man die Musikproduktion mitbestimmen

BANZ & BOWINKEL

Kunst kommt bei den Düsseldorfern konsequent aus dem Computer, wie etwa die digitale Skulptur »Primitive I 04« von 2018. Das Duo hat im Rahmen einer neuen Serie auch die »CryptoPortraits« der Diskutanten auf Seite 49 geschaffen

Die Gesprächsrunde moderierte Tim Ackermann.