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Nicht an den Haaren herbeigezogen


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 80/2022 vom 15.07.2022

HAARANALYSEN

Sind Haaranalysen beim Pferd wirklich sinnvoll? Welchen Nutzen haben Haaranalysen in Bezug auf Erbkrankheiten, auf Größe oder die tatsächliche Farbe eines Pferdes? Sind derartigen Tests auch Grenzen gesetzt?

Diese Details haben wir gemeinsam mit Dr.

Melissa Cox von der „CAG GmbH – Center for Animal Genetics“ in Tübingen erörtert.

Korrekte Entnahme nötig

Zuchtverbände und größere Gestüte haben Haaranalysen längst für sich entdeckt.

Letztendlich können diese nämlich bei einer ganzen Reihe von Züchter betreffenden Fragen eine hilfreiche und vergleichsweise einfach zu nutzende Methode darstellen. „Eine Haaranalyse ist praktisch ein Gentest in komprimierter Form, der sehr einfach zu erhalten ist. Die Analyse wird mithilfe von DNA durchgeführt wird, die aus den Haaren isoliert wird“, erklärt Dr. Melissa Cox, die seit Jahren in Deutschland tätig und eine der anerkanntesten Expertinnen bei ...

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 80/2022

Kommt mein Fohlen gesund zur Welt? Haaranalysen geben Aufschluss über zahlreiche Erbkrankheiten
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... genetischen Fragen rund ums Pferd ist.

Danach beginnt das Verfahren zur Extraktion der DNA. Der Vorgang dauert einige Stunden und wird teilweise von Robotern, teilweise von geschultem Personal durchgeführt. Nachdem diese Vorbereitungen getroffen worden sind, wird überprüft, ob Menge und Qualität der DNA ausreichend sind. Danach werden die entsprechenden Test durchgeführt.

Nach der Aufbereitung wird die DNA auf Menge und Qualität geprüft und kann dann für die Tests verwendet werden. Interessanterweise ist die aus Blut, Sperma, Gewebe oder anderen biologischen Materialien gewonnene DNA im Wesentlichen identisch und kann für die meisten der gleichen genetischen Tests verwendet werden.

Gründe für eine Haaranalyse

Für den Züchter (vor der Bedeckung)

• Tragen Hengst oder Stute kritische Mutationen in sich, welche die Gesundheit des Fohlens beeinflussen? (Träger können in der Zucht eingesetzt werden, jedoch nur, wenn das jeweils andere Pferd negativ getestet wurde.)

• Welche Farbe wird das Fohlen haben?

Für Pferdekäufer (vor dem Kauf )

Hat das Pferd ein erhöhtes Risiko, eine genetische Erkrankung zu entwickeln?

Für Pferdehalter

• Wie beim Käufer: Hat mein Pferd ein erhöhtes Risiko, eine genetische Erkrankung zu entwickeln?

• Welche Farbe hat mein Pferd tatsächlich? (Das ist nicht immer klar ersichtlich, aber für die Zucht wichtig.)

Tierärzte Leidet das Pferd an einer genetisch bedingten Erkrankung?

Arten von Tests

• Test auf Krankheiten (generell)

• Multifaktor-Test auf besondere Risikofaktoren

• Test auf zukünftige körperliche Ausprägung

• Farbe/Zeichnung

• zukünftige Größe

• Ausprägung der Gänge

Für Züchter enorm wichtig

Mittlerweile stellen DNA-Tests für Pferdezüchter ein sehr wichtiges Handwerkszeug dar, und auch jenseits der Welt der Zucht sind die Tests hinsichtlich Erbkrankheiten und deren korrekter Behandlung im Einsatz. Bei fast allen reinrassigen Fohlen werden Haare für DNA-Tests gesammelt, wenn sie einen Mikrochip erhalten. „Es wird ein DNA-Identitätspanel erstellt, das mit dem der Eltern verglichen werden kann.

Dadurch wird sichergestellt, dass das Fohlen einen bekannten DNA-Fingerabdruck hat und dass der Stammbaum korrekt ist“, erläutert Dr. Melissa Cox. Versuche etwaiger Täuschung können so unterbunden werden. Fehler durch Verwechslungen im Rahmen von künstlicher Befruchtung oder eines Embryotransfers können auf diese Weise erkannt werden.

Der Züchter erhält durch Haaranalysen zudem Auskunft über für ihn wichtige Faktoren wie die zukünftige Farbe des Fohlens, seine Größe oder welche Möglichkeiten das Pferd hinsichtlich seiner Gänge oder des Sprungvermögens zukünftig haben wird. Auch wenn diese Vorhersagen nicht zu 100 Prozent zutreffen, können doch aussagekräftige Hinweise gegeben werden.

Farbe und Größe

Die Farbe eines Pferdes zu erkennen erscheint oberflächlich betrachtet eher einfach. „Doch dies ist oft nur die Spitze des Eisbergs“, lacht Dr. Melissa Cox. „Viele wissen gar nicht, wie komplex die Farbbestimmung bei Pferden tatsächlich ist. Pferde haben drei Grundfarben – Rappe, Brauner und Fuchs –, die von zwei Farbstoffen (Eumelanin und Phaomelanin) produziert werden, welche durch viele Modifikationen eine Vielzahl an Farbtönen und Zeichnungen hervorbringen können. Wenn man weiß, welche Gene bei jedem potenziellen Elternteil im Spiel sind, kann man die Wahrscheinlichkeit der Fellfarbe eines Fohlens schon vor seiner Geburt vorhersagen. Diese Möglichkeit wird mittlerweile von vielen Züchtern genutzt.“ Denn Fellzeichnungen können ebenfalls einen Einfluss auf die Gesundheit des Pferdes haben, da bestimmte Farbmutationen auch gefährliche Folgen haben. „Die bei Paint Horses vorkommende „Frame-Overo-Scheckung“ stellt beispielsweise kein Problem für die Gesundheit des Pferdes dar, wenn nur eines der Elterntiere eine Mutation vorweist. Aber zwei Mutationen sind tödlich und führen dazu, dass Fohlen mit dem „Overo-Letal-White-

Syndrom“ (OLWS) geboren wird, bei dem das Fohlen eingeschläfert werden muss, weil das Verdauungssystem nicht funktioniert“, so Dr. Melissa Fox. Tatsächlich gibt es Pferde, die das Overo-Gen haben, aber nur sehr wenig oder gar kein Weiß aufweisen und so nicht durch das bloße Betrachten als Träger identifiziert werden können.

Aus diesem Grund sollten alle Pferde, die potenziell Träger des Frame-Overo-Gens sind (Quarter Horses, Paint Horses, andere Stock Horses, aber Vollblüter der Linie Patchy Lassy/Nite Spot und einige andere Rassen), vor der Anpaarung mit einem anderen Pferd, das ebenfalls das Potenzial für diese Zeichnung besitzt, getestet werden.

Auch die Größe kann bei einigen Rassen vorhergesagt werden. „Es wird geschätzt, dass 83 Prozent der Körpergröße durch Mutationen von nur vier Genen erklärt werden können. „LCORL („Ligand Dependent Nuclear Receptor Corepressor Like“), ist ein Protein, welches normalerweise die Größe eines Pferdes begrenzt. Wenn eine Mutation vorhanden ist, können Pferde größer oder schwerer werden“, verrät unsere Expertin. „In ähnlicher Weise gibt es ein weiteres Gen, das bestimmt, wie klein ein Pferd wird –

Miniaturpferde und kleine Ponys haben in der Regel eine oder zwei Mutationen.“

Bislang wurden übrigens noch keine Mutationen für die Spring- oder Dressurfähigkeit identifiziert. „Dabei handelt es sich um komplexe Merkmale, bei denen eine Vielzahl von genetischen Variationen die Begabung beeinflussen“, erläutert Dr.

Melissa Cox. „Es wurde eine Mutation entdeckt, die sich darauf auswirkt, ob ein Pferd besser für Kurz- oder Langstreckenrennen geeignet ist. Der Test auf diese Variation wird von einigen Vollblutzüchtern genutzt, um zu entscheiden, wie sie das Training ihrer Pferde spezialisieren sollen.“

Wichtige Analyse von Erbkrankheiten

Ein weiterer Faktor, weshalb Haaranalysen durchgeführt werden, hat in den vergangenen Jahren immer deutlicher an Bedeutung gewonnen. Es ist die Suche nach potenziellen Erbkrankheiten und den Risikofaktoren, welche diese bedingen. Die meisten dieser Erkrankungen können per Haaranalyse identifiziert werden. Soll mit einem Pferd gezüchtet werden, sind die Test bei den meisten Stutbüchern obligatorisch.

Häufig werden derartige Tests auf Erbkrankheiten nicht nur von Züchtern eingereicht, sondern auch von Tierärzten veranlasst. Der Grund ist in diesen Fällen in der Regel, dass die Erkrankung bereits ausgebrochen ist und der Veterinär einfach sichergehen möchte, dass er beim jeweiligen Pferd die passende Therapie einleitet.

„Einige Erkrankungen sind rassespezifisch, wie mehrere der Krankheiten bei Quarter Horses, die auch bei verwandten Rassen wie Paint und Appaloosa auftreten. Aus diesem Grund müssen die meisten QH-Zuchtpferde einem „5-Panel-Test“ unterzogen werden. Das bedeutet, dass sie auf die fünf häufigsten Krankheiten getestet werden“, erklärt Dr. Melissa Cox. Werden dabei neue Mutationen entdeckt, werden diese augenblicklich in eine auf Quarter Horses spezialisierte Auflistung eingefügt. „Daher hat die AQHA (American Quarter Horse Association) vor Kurzem beschlossen, dass nun zudem Tests auf MYH1-Myopathie vorgeschrieben sind, eine immunbedingte Muskelerkrankung, die in vielen Reining- und Working-Cow-Linien des Quarter Horse vorkommt.“

Zwei genetische Erkrankungen, die derzeit häufig diskutiert werden, sind das Fragile Foal Syndrome (FFS, früher WFFS für „Warmblood Fragile Foal Syndrome“) und PSSM2 („Polysaccharid-Speicher-Myopathie Typ 2“, eine Muskelerkrankung). „Bei FFS handelt es sich um eine Erkrankung, bei der eine Mutation entweder bei der Stute oder dem Hengst keine Probleme für das Fohlen verursacht, zwei Mutationen jedoch tödlich sind“, erklärt unsere Expertin. „Häufig kommt es bereits während der Trächtigkeit zum Abort, und wenn das Fohlen geboren wird, muss es sofort aufgrund eines Defekts in der Struktur des Bindegewebes (Haut, Gelenke usw.) eingeschläfert werden.“

Dieses traurige Schicksal kann heute durch die bekannten Analysen sehr gut verhindert werden. Träger dürfen nur mit negativ getesteten Tieren angepaart werden.

Alle Warmblutzuchtbücher in Deutschland verlangen derzeit, dass aktive Hengste auf FFS getestet und die Ergebnisse veröffentlicht werden. Die Mutation wurde bislang, wenn auch sehr selten, bei anderen Rassen gefunden, darunter Deutsche Reitponys, American Paint Horses und Vollblüter. Aus diesem Grund wurde das Wort „Warmblut“ aus dem Namen gestrichen.

PSSM ist eine genetisch bedingte Muskelerkrankung. Man unterscheidet PSSM Typ 1 und Typ 2. Bei Pferden, die von PSSM Typ 1 betroffen sind, liegt eine genetische Mutation im Gen für das Enzym Glykogensynthetase-1 (GYS1) vor. PSSM2 ist der Oberbegriff für eine Gruppe von Muskelerkrankungen mit ähnlichen Symptomen.

„Die Pferde können Bewegungsunsicherheiten zeigen, Probleme beim Muskelaufbau – insbesondere in der Hinterhand – haben, verspannte und manchmal krampfende Muskeln, wechselnde Lahmheiten und vieles mehr aufweisen. Derzeit sind sechs genetische Variationen identifiziert worden, die das Risiko eines Pferdes, diese Symptome zu entwickeln, erhöhen“, beschreibt Dr. Melissa Cox. „Diese Variationen sind bei fast allen Pferderassen zu finden, und es ist möglich, dass ein Pferd gleich mehrere Variationen aufweist. Die Symptome treten in der Regel bei erwachsenen Pferden auf, es können jedoch auch leichte Symptome bei jüngeren Pferden beobachtet werden.“

Der Vererbung von PSSM ist „autosomal unvollständig dominant“, was bedeutet, dass eine Mutation eine Erkrankung zur Folge haben kann, aber mehrere Mutationen das Risiko deutlich erhöhen. „Diese Art einer Erkrankung der Muskeln ist zudem neben der Vererbung von vielen weiteren Faktoren abhängig, was bedeutet, dass etwa Fütterung und Bewegung die Entwicklung und den Schweregrad der Symptome beeinflussen können. Hier kann demnach der Pferdehalter selbst einiges tun, um gegenzusteuern.

Insbesondere eine spezielle Fütterung zeigt gute Erfolge“, erklärt unsere Expertin.

Den für PSSM1 typischen Kreuzverschlag gibt es bei PSSM2 übrigens nicht.

Dennoch wird auch hier ein spezielles Fütterungs- und Bewegungsmanagement empfohlen, um einer Verschlimmerung vorzubeugen. Ob Pferde mit einigen wenigen Variationen noch in der Zucht eingesetzt werden sollten, hängt letztlich vom sonstigen züchterischen Wert ab und muss von Fall zu Fall entschieden werden.