Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

Nicht mehr sein wollen


Logo von Gehirn & Geist
Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 05.01.2023

SUIZID

In Johann Wolfgang von Goethes berühmtem Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers« aus dem Jahr 1774 geht es um die unglückliche Liebe des gleichnamigen Rechtspraktikanten, der schließlich Suizid begeht. Das Buch trägt kaum verhüllte autobiografische Züge, denn Goethe selbst spielte in seiner Jugend zwischenzeitlich mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. In seinem fast 50 Jahre nach dem »Werther« entstandenen Spätwerk »Dichtung und Wahrheit« schreibt er über einen scharfen Dolch, den er zu diesem Zweck einst bereithielt: »Diesen [den Dolch] legte ich mir jederzeit neben das Bette, und ehe ich das Licht auslöschte, versuchte ich, ob es mir wohl gelingen möchte, die scharfe Spitze ein paar Zoll tief in die Brust zu senken.« Am Ende jedoch beschloss der junge Goethe, der damals in einer tiefen Lebenskrise steckte, weiterzuleben und sein Unglück stattdessen in literarischer Form zu ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Gedanklich woanders. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gedanklich woanders
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Kraken werfen mit Gegenständen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kraken werfen mit Gegenständen
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Hohe Dosis Psilocybin hilft jedem Dritten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hohe Dosis Psilocybin hilft jedem Dritten
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Waren Sie früher glücklicher als heute?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Waren Sie früher glücklicher als heute?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Wie gut kennen wir unsere Talente?
Vorheriger Artikel
Wie gut kennen wir unsere Talente?
Sex, nein danke
Nächster Artikel
Sex, nein danke
Mehr Lesetipps

... verarbeiten.

Das Thema Suizid ist selbst heute noch mit einem Tabu belegt. Obwohl nur wenige Menschen offen darüber reden, kommen suizidale Gedanken in unserer Gesellschaft durchaus häufig vor. Ein Team um die Psychologin Carolin Donath von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen legte dazu beispielsweise im Jahr 2014 Daten vor. Die Forscher hatten gut 44 000 Schülerinnen und Schüler der 9. Klassenstufe zu suizidalen Gedanken befragt. Knapp vier von zehn Teenagern gaben an, sie hätten bereits einmal über eine Selbsttötung nachgedacht: Rund fünf Prozent oft, zehn Prozent manchmal und gut ein Viertel selten. Fast jeder Zehnte erklärte sogar, bereits einen Suizidversuch unternommen zu haben.

UNSER EXPERTE

René Baston ist Philosoph und lehrt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Er dankt dem Psychologen Tobias Teismann von der Ruhr-Universität Bochum für seinen Expertenrat zum Thema Suizidalität.

Während derartige Gedanken also gar nicht selten sind, bleiben tatsächliche Suizide oder Suizidversuche glücklicherweise eher die Ausnahme. Was aber unterscheidet diejenigen, die über Suizid als Handlungsoption nachdenken, von solchen Personen, die sich wirklich das Leben nehmen oder jedenfalls in dieser Richtung aktiv werden?

Die psychologische Forschung hat verschiedene Ansätze entwickelt, um das genauer zu verstehen. Ein Team um den Psychologen Joseph Franklin von der University of North Carolina veröffentlichte 2017 eine umfangreiche Metastudie, laut der sich das tatsächliche suizidale Verhalten nur schlecht prognostizieren lässt. In den letzten 50 Jahren habe es auch kaum messbare Fortschritte auf dem Gebiet gegeben. Offenbar sind die bekannten Risikofaktoren wie Depressivität, Impulsivität oder Suizide in der Familie nur bedingt aussagekräftig. Wenn Psychologen auf dieser Grundlage das Suizidrisiko eines Menschen zu bestimmen versuchen, ist ihre Einschätzung oft kaum besser als ein Münzwurf. Wie kommt es dazu?

Auf einen Blick: Was Selbsttötungen so schwer vorhersehbar macht

1Suizidversuche sind in der klinischen Praxis schwer vorhersagbar. Selbst das Vorliegen einer Depression oder von Gedanken an selbstverletzendes Verhalten verbessern die Prognosen nur geringfügig.

2Eine Ursache dafür könnte in der mentalen Ambivalenz liegen: Betroffene sehen sowohl Gründe für als auch gegen den Suizid. In diesem Zustand können spontane Impulse und momentane Stimmungen den Ausschlag geben.

3Mittels impliziter Verfahren wie dem DS-IAT (Death/ Suicide Implicit Association Test) versuchen Forscherteams, die Gefahr von Suizidabsichten schon im Vorhinein besser abzuschätzen.

Viele der einschlägigen Risikofaktoren ergeben sich aus dem beobachtbaren Verhalten. Zum Beispiel ist das Suizidrisiko für Menschen, die sehr häufig (mehrmals am Tag) daran denken, sich selbst zu ritzen oder anders zu verletzen, rund um das Zehnfache erhöht. Das klingt, als wären solche Gedanken ein Indiz für zukünftiges suizidales Verhalten. Dem ist allerdings nicht so. Das Risiko steigt nämlich bloß von 0,03 auf 0,3 Prozent, wie der Psychologe Craig Bryan von der Ohio State University in seinem Buch »Rethinking Suicide« von 2021 erklärt. Mit anderen Worten: Trotz des statistisch bedeutsamen Einflusses nehmen sich 99,97 Prozent jener Menschen, die täglich über Selbstverletzung nachdenken, nicht das Leben.

Ähnliches gilt für psychische Krankheiten wie etwa Depressionen. So ergab die besagte Metastudie von 2017, dass es zwar eine beträchtliche Korrelation von suizidalem Verhalten und Depressionen gibt. Auch diese ist allerdings zur Risikoabschätzung von Suizidversuchen ungenügend, da wiederum nur ein kleiner Teil aller depressiven Menschen überhaupt suizidales Verhalten zeigt.

Suizid ohne vorherige Diagnose

Laut einer Arbeit aus dem »American Journal of Psychiatry« von 2000 erhöht das Vorliegen einer psychischen Störung das Suizidrisiko einer Person insgesamt etwa um den Faktor 3,5. Da die absolute Zahl der Suizide (die »base rate«) jedoch gering ist, verbessert selbst ein verdreifachtes Risiko die Prognose für den Einzelfall nur um 0,1 Prozent. Laut Craig Bryan sind für die meisten Menschen, die durch Suizid sterben, zudem gar keine psychischen Vorerkrankungen dokumentiert.

Bereits Goethe zeigte Risikofaktoren, die in der klinischen Psychologie eine Sonderrolle einnehmen: die Suizid-Ideenbildung (»suicide ideation«) und die Habituation. Der Psychologe und Suizidforscher Thomas Joiner von der Florida State University hebt die besondere Rolle dieser Prozesse hervor. Ihm zufolge machen Menschen zunächst einen Lernprozess durch, um überhaupt die Fähigkeit zu erwerben, sich das Leben zu nehmen. Dabei handelt es sich vor allem um die Auseinandersetzung mit der Selbsttötung. Deren gedanklicher Anteil, Suizid-Ideenbildung genannt, besteht darin, sich die Selbsttötung wiederholt vorzustellen und sich auszumalen, wie andere damit umgehen würden. Der körperliche Anteil des Prozesses ist die Habituation.

Goethe etwa grübelte nicht nur darüber, ob er sich mit einem Dolch das Leben nehmen sollte. Er legte sich auch eine Waffe zurecht und prüfte offenbar immer wieder, wie sich die Klinge an der Brust anfühlt. Laut Joiner führt solch ein Verhalten zu einer automatischen Reaktion des Körpers, die auf Angst und Schmerzvermeidung basiert. Durch das wiederholte Durchspielen von Suizidgedanken und die Habituation lernen manche Personen allmählich, die automatische Abwehrreaktion zu dämpfen. Auf diese Weise bilden sie nach und nach die Fähigkeit, sich das Leben zu nehmen.

Wie Goethes Beispiel ebenfalls illustriert, ist jedoch sogar eine intensive Auseinandersetzung mit der Selbsttötung kein sicheres Indiz für eine bevorstehende Tat. Es gibt vermutlich eine größere Zahl von Menschen, die sich aktiv mit dieser Möglichkeit beschäftigen, ohne jemals einen Suizid ernsthaft zu versuchen.

Zu den Methoden, die klinische Psychologen bei der Risikoeinschätzung nutzen, zählen Selbstauskünfte. Dabei geht es etwa um die Häufigkeit und Intensität von Suizidgedanken, um Angaben zu entsprechenden Tatplänen und deren Detailliertheit. Doch auch solche Selbstauskünfte besitzen überraschenderweise nur sehr geringe Vorhersagekraft.

Ein Grund dafür kann die mentale Ambivalenz sein. Selbst wenn Pläne für einen Suizid bereits konkreter geworden sind, stecken viele Betroffene in einem Motivationskonflikt, denn sie sehen zugleich gute Gründe dafür, weiterzuleben sowie nicht mehr sein zu wollen. Der Psychologe Edwin Shneidman beschreibt das als ein typisches Merkmal von Suizidalität: Eigentlich seien sich die Betreffenden nicht wirklich sicher, ob ein Suizid die richtige Entscheidung wäre. Manche hoffen womöglich darauf, dass andere ihren Suizidversuch stoppen, und warten darauf, dass jemand eingreift. Ambivalenz erklärt auch das paradox anmutende Verhalten, dass einige Betroffene zwar eine Überdosis Schlaftabletten schlucken, kurz darauf aber den Notarzt verständigen.

Wissenschaftliche Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass sich die meisten Suizidabsichten in persönlichen Krisenphasen ausbilden. Sie entstehen also oft in einem schmalen Zeitfenster – und vergehen wieder, sobald die Krise abklingt. Evan Kleiman von der Harvard University hat diese Dynamik in einer Studie von 2018 untersucht. Dabei gaben Probanden, die zuvor über Suizidgedanken berichtet hatten, über ihr Smartphone mehrmals am Tag Auskunft darüber, ob und wie sehr ihr Todeswunsch gerade akut war.

Solche Studien nach dem Muster des »experience sampling« (siehe »Kurz erklärt«) deuten darauf hin, dass Suizidgedanken im Tagesverlauf stark schwanken. Von einer Stunde zur nächsten kann jemand den intensiven Drang zur Selbsttötung verspüren, um wenig später wieder davon befreit zu sein. Glücklicherweise haben solche Impulse meist keine unmittelbaren Suizidhandlungen zur Folge. Können suizidale Personen überhaupt selbst zuverlässig einschätzen, ob sie im Lauf der nächsten Tage oder Wochen einen Suizidversuch unternehmen werden? Laut einer 2003 erschienenen Studie einer Arbeitsgruppe um Katie Busch, damals an der University of New Mexico School of Medicine, hatten 78 Prozent derjenigen, die einen Suizid begingen, zuvor angegeben, sie hätten keine derartigen Absichten. Vielleicht haben viele der Betreffenden ihren Impuls schlicht verborgen, sei es aus Scham oder aus anderen Gründen. Doch steht eine Person der Selbsttötung ambivalent gegenüber, ist zum Zeitpunkt der Befragung womöglich noch keine Suizidabsicht gegeben. Der Betreffende kann dann also auch nicht sagen, ob er sich später auf Grund eines plötzlichen Impulses zur Selbsttötung entschließt.

Falsch eingeschätzte Gründe unseres Handelns

Psychologische Befunde legen nahe, dass wir unsere geistigen Prozesse nicht selten falsch einschätzen. Ein klassisches Beispiel dafür lieferten die Psychologen Richard Nisbett und Timothy Wilson von der University of Michigan 1977 im Rahmen einer Feldstudie. An einem Samstagmorgen machten die beiden in einem Supermarkt eine Umfrage zu Strumpfhosen: Welches der auf dem Tisch angebotenen Produkte hat die beste Qualität, fragten sie zufällig vorbeikommende Kundinnen. Zur Auswahl standen vier Marken. Artikel A (ganz links in der Auslage) wurde von 12 Prozent der Befragten gewählt, B von 17, C von 31 und D (ganz rechts) von 40 Prozent.

Was die Probandinnen nicht wussten: Die Strumpfhosen waren von genau gleicher Qualität! Allerdings neigen Menschen, wie Nisbett und Wilson schon zuvor wussten, oft dazu, Objekte auf der rechten Seite ihres Sichtfelds positiver zu bewerten als solche auf ihrer linken. Dadurch erscheinen die rechts ausgelegten Produkte tendenziell attraktiver. Die Psychologen fragten die Probandinnen anschließend, weshalb sie sich für die gewählte Strumpfhose entschieden hatten. Keine einzige gab an, dass die räumliche Anordnung ihre Wahl beeinflusst habe. So geht es uns im täglichen Leben regelmäßig: Wir wissen im Allgemeinen zwar halbwegs, was wir tun, aber nicht genau, warum wir es tun. Oft können wir gute Gründe für unser Verhalten und unsere Entscheidungen nennen, doch das entspricht nicht unbedingt den Faktoren, die das eigene Verhalten wie das der Probandinnen im geschilderten Experiment objektiv beeinflussen.

KURZ ERKLÄRT:

EXPERIENCE SAMPLING (zu Deutsch etwa: Erfahrungsstichprobe) psychologische Forschungsmethode, bei der Probanden mehrmals täglich zu nicht vorhergesehenen Zeiten über ihr momentanes Befinden oder Tun Auskunft geben oder ihre Gespräche mitgeschnitten werden, meist über das Handy. Das liefert häufig authentischere Daten als das Ausfüllen eines Fragebogens.

METASTUDIE zusammenfassende, überblicksartige Auswertung mehrerer bereits erschienener Studien zu einer Forschungsfrage.

SUIZIDABSICHT VERSUS -GEDANKEN Eine Suizidabsicht ist die ausführende Einstellung gegenüber einem Handlungsplan, der Selbsttötung als Ziel oder Mittel beinhaltet. Im Gegensatz zu Überzeugungen und Wünschen sind Absichten an Handlungen geknüpft. Das bloße Bedenken der Möglichkeit, sich selbst zu töten, beinhaltet noch nicht das tatsächliche Erwägen einer Selbsttötung (den Suizidgedanken).

Ist das die Ursache dafür, weshalb Menschen bei der Einschätzung ihres Suizidrisikos ebenfalls häufig falschliegen? Möglicherweise vernachlässigen sie, worauf ihre Gedanken zusteuern, welche Handlungskonsequenzen sich aus ihnen ergeben, oder sie bemerken nicht, wie sich über einen Zeitraum hinweg eine Suizidabsicht sukzessive entwickelt. Vielleicht unterschätzen sie auch den Impuls als solchen, da sich ja bislang noch kein konkretes Verhalten daraus ergeben hat. Die Antworten auf diese Fragen können mit darüber entscheiden, ob und wann ein Zustand der Ambivalenz umschlägt in suizidales Verhalten.

Manche Psychologen versuchen, mit indirekten Verfahren wie dem Death/Suicide Implicit Association Test (kurz DS-IAT) den verborgenen mentalen Zuständen von Menschen auf die Spur zu kommen. Beim DS-IAT werden die Reaktionszeiten von Probanden gemessen, während sie an einem Computerbildschirm Begriffe verschiedenen Kategorien zuordnen. Wenn jemand etwa weniger Zeit dafür benötigt, das Wort »Tod« dem selbstreferenziellen »ich« zuzuordnen (verglichen etwa mit »du«), dann könnte das ein Indiz für Suizidalität sein. Analog dazu kann eine längere Reaktionszeit bei der Assoziation von »ich« mit einem eher lebensbejahenden Wort wie »thrive« (reifen) oder »breathing« (atmend) für eine solche Neigung sprechen.

Hilfe im Notfall

Sind Sie oft verzweifelt? Erscheint Ihnen das Leben sinnlos und ohne Aussicht auf Besserung? Dann wenden Sie sich an Anlaufstellen, die Menschen in Krisensituationen helfen: Ärzte, Psychotherapeuten oder Psychiater oder die Notdienste von Kliniken. Kontakte vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer: 116 117. Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800 1110111 und 0800 1110222. Sie ist auch per E-Mail und im Chat unter erreichbar.

Welche Rückschlüsse lassen Reaktionszeiten zu?

Bei dem Messverfahren stellt man Teilnehmern also keine direkten Fragen, sondern misst Reaktionszeiten. Das lässt, jedenfalls der Theorie nach, auf kognitive Zustände zurückschließen – losgelöst davon, ob sich die Person über jene bewusst ist. Doch was kann man auf dieser Grundlage über suizidale Absichten sagen?

Ein Team um die Psychologin Christine Cha von der Columbia University fand in einer Studie heraus, dass suizidale Menschen bei akuter Verstimmung im DS-IAT noch stärker »suizidal« abschneiden. So durchliefen Probanden zunächst den impliziten Test, dann wurden sie in negative Stimmung versetzt, indem man sie über Aussagen zur Sinn- und Bedeutungslosigkeit des Lebens nachdenken und gleichzeitig düstere Musik hören ließ. Anschließend durchliefen die Teilnehmer noch einmal den DS-IAT.

Wie die Auswertung ergab, war nur bei Personen, die sich im Prozess der Suizid-Ideenbildung befanden, ein Effekt der negativen Stimmung feststellbar. Das heißt, die Betreffenden brachten sich selbst noch weniger schnell mit lebensbejahenden Worten als sonst in Verbindung, wenn sie schlecht gelaunt waren. Bei nicht suizidalen Teilnehmern hatte gedrückte Stimmung keine solche Auswirkung. Möglicherweise wird bei Ersteren automatisch – also unbewusst – ein kognitiver Prozess angestoßen, der den Übergang von Suizidgedanken zu einer entsprechenden Absicht anbahnt.

Suizidale Personen legen bei negativer Stimmung gewissermaßen eine Art mentalen Schalter um. Die damit verbundenen kognitiven Prozesse erklären womöglich den manchmal raschen Übergang von suizidalen Gedanken zu Suizidhandlungen. Es sind typischerweise Stresssituationen, die den Weg von der Idee zur Handlung ebnen. Dabei können suizidale Menschen weder gut einschätzen, ob in den nächsten Tagen solch eine Situation eintritt, noch, ob die entsprechende automatische Kognition bereits vorliegt.

Craig Bryan vergleicht die Anfälligkeit für Suizidhandlungen mit den Wendepunkten eines Pendels. In solch instabilen Zuständen genüge ein kleiner Stoß, um die Kugel in die eine oder andere Richtung ausschlagen zu lassen. So ähnlich sei es beim Suizidrisiko: Suizidale Personen durchlaufen immer wieder derartige Wendepunkte, doch glücklicherweise meist ohne schlimmere Folgen. Nur weil es bisher gut ging, muss das aber nicht in Zukunft so bleiben. Vielleicht schätzt derjenige seinen persönlichen Wendepunkt falsch ein, spielt ihn herunter oder vernachlässigt ihn. Dann weiß er selbst nicht, dass der Suizidgedanke leicht in eine Suizidhandlung übergehen kann.

Wut und Schuldgefühle mildern

Nach einem Suizid stellen sich Hinterbliebene häufig die Frage, warum sie das Unheil nicht kommen sahen oder weshalb die andere, nahestehende Person ihnen das antat. Angehörige und Freunde können dann in einen Strudel der Trauer, Schuldgefühle und Wut geraten. Die Psychologen Yossi Levi-Belz und Tal Gilo von der Ruppin-Universität in Israel berichteten in einer Studie 2020, dass Vergebung einen Ausweg daraus weisen kann. Dass die Suizidopfer das Unheil möglicherweise selbst nicht kommen sahen, mag zur Selbst- und Fremdvergebung beitragen.

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Wie sich suzidale Absichten erkennen und überwinden lassen, lesen Sie auf unserer Spektrum-Themenseite »Depression und Suizid« im Internet:

Viele Fachleute sind sich darüber einig, dass Vergeben in erster Linie auf die Wiederherstellung der Beziehung abzielt. Verstößt jemand mit seinem Handeln gegen unsere Interessen, sind wir gekränkt, da die Beziehung offenbar nicht auf wechselseitiger Wertschätzung basiert. Ein Suizid stellt grundlegend in Frage, ob die Beziehung jemals die war, die man in ihr sah. Würde sich denn ein guter Freund einfach so das Leben nehmen? Die scheinbare Rücksichtslosigkeit fußt jedoch unter Umständen auf einer Notsituation, welche der Betreffende selbst nicht absehen konnte.

In einer Studie von schwedischen Forschern um Anna Nilsson von der Universität Göteborg berichtete ein Teilnehmer, der einen Suizidversuch überlebte: »So etwas plant man nicht … Das Leid wächst und wächst. Ich konnte es irgendwann nicht mehr kontrollieren, und dann passierte es plötzlich.«

Angehörige geben sich selbst oft die Schuld an dem Geschehenen, weil sie es nicht vorausgesehen haben. Doch diese Zuschreibung ist zumeist nicht gerechtfertigt, denn sie konnten es vermutlich gar nicht voraussehen. Auch Ärger über die Tat des anderen ist zwar durchaus nachvollziehbar, aber kaum berechtigt, schließlich spiegelt die Selbsttötung nicht Geringschätzung von Freunden und Verwandten wider, sondern einen Kontrollverlust. Eine Suizidabsicht kann sich sogar für die Betroffenen so unerwartet ausbilden, dass sie das Unheil selbst nicht kommen sehen.

QUELLEN

Bostwick, J. M., Pankratz, V. S.: Affective disorders and suicide risk: A reexamination. The American Journal of Psychiatry 157, 2000

Bryan, C. J.: Rethinking suicide: Why prevention fails, and how we can do better. Oxford University Press, 2021

Busch, K. A. et al.: Clinical correlates of inpatient suicide. Journal of Clinical Psychiatry 64, 2003

Cha, C. B. et al.: Testing mood-activated psychological markers for suicidal ideation. Journal of Abnormal Psychology 127, 2018

Donath, C. et al.: Is parenting style a predictor of suicide attempts in a representative sample of adolescents? BMC Pediatrics 14, 2014

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2083140

WEBTIPP

René Baston leitet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt zum Verständnis von Suiziden: