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Nicht so lang, nicht so dick


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 22.09.2022

Holzdiebstahl wird in diesen Tagen vielerorts den Leuten unnötig schwer gemacht, ja in einigen Gegenden Deutschlands sogar verunmöglicht. In der Rhön (hessische Seite) wurde ein Familienvater auf offener Straße gezwungen, acht Raummeter ordinäre Fichte aus seinem Wohnmobil zu räumen. Eigentlich hatte er in diesem Sommer mit der Familie nach Antalya fahren wollen. Aber dann hatte er sich, eingedenk der sattsam bekannten politischen Rahmenbedingungen, entschlossen, sich mit ganzem Engagement und sozusagen im demokratischen Ehrenamt dem Holzdiebstahl zu widmen. Und der Dank? Im Fuldaer Boten wurde er wie ein Krimineller mit schwarzem Balken über den Augen vorgeführt.

So sieht es heute in Deutschland aus! Und man fragt sich: Wird dieser Mann jemals wieder die Kraft finden und in seiner Freizeit den Holzsdiebstahl, diese – neben der Wilderei – schönste naturpflegerische Tradition unserer Vorväter, ...

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 10/2022

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Woran man die fröhlichen Holzdiebe außerdem erkennt? Eben an der zur Tarnung aufgesetzten Fröhlichkeit. Und an der halblaut vom Familienoberhaupt, vulgo Bandenchef, ausgegebenen Losung »Nicht zu lang, und nicht zu dick, nicht dicker als Muttis Oberschenkel!«. Im SUV kann man vom Heck bis zur Windschutzscheibe gut zweieinhalb Meter lange Stämme durchstecken, länger aber nicht. Und mehr als Muttis Oberschenkel schafft die kleine Kreissäge zu Hause im Hobbykeller nicht.

Irgendein analfixierter Lokalreporter hat kürzlich die Zeile erfunden, »Brennholz ist das neue Klopapier«. Offenbar wurde das systemimmanent als außerordentlich lustig empfunden, denn seitdem wurde »Brennholz ist das neue Klopapier« von allen staatstragenden Blättern genussvoll übernommen. Der Spruch stimmt nur nicht – mit Brennholz kann man sich nämlich nicht den Hintern wischen, man sollte es nicht einmal versuchen. Und im Unterschied zum Klopapier, das mal knapp war, ist der ganze Wald voll davon.

Der Holzdiebstahl wird von Woche zu Woche erfolgreicher. Denn es wird rasch kälter. Bei Bad Lobenstein wurde neulich aus der Luft ein Areal entdeckt, das so aufgeräumt ist wie eine Pücklersche Parklandschaft. Es stellte sich dann allerdings als das Staatsgebiet der dort ansässigen Reichsbürger heraus. Frieren werden die in diesem Winter nicht. Aber vielleicht könnte sie der Staat für ein paar Monate wegstecken. Denn für Holzdiebstahl kann man ins Gefängnis wandern.

Allerdings müsste man dafür einen Langholz-Transport bestellen, der von einem Satelliten gelenkt und wegen Überlänge auf der Autobahn von der Polizei begleitet werden muss. Das hat bisher noch kein Holzdieb gewagt. Die rechtschaffenen kleinen Holzdiebe dieser Tage haben sich aber durchaus auch Gedanken über ihre Rechtslage gemacht. Denn es ist fatal: Wird der Kofferraum erst einmal zwangsgeöffnet und ist er voller herrlicher, handlich geschnittener Kloben, mit denen man bis Heiligabend die gute Stube auf 20 Grad heizen könnte, hilft keine Ausrede mehr. Das Aussprechen des Satzes: »Ich wollte das alles gerade in den Wald zurückbringen, denn ich weiß ja, wie wichtig verrottendes Holz für die Kultur des Waldbodens ist«, sollte noch nicht einmal versucht werden.

Im Internet haben die Chatgruppen der Holzdiebe nun das rechtliche Institut des Handstraußes, die sogenannte Handstraußregel aus dem Naturschutzgesetz ausfindig gemacht, die sie, wenn sie den Fuchsschwanz rasch genug im Hosenlatz versenkt haben, selbst auf frischer Tat straffrei stellen könnte.

Die Handstraußregel besagt, dass sich jedermann (zumeist allerdings Frauen) ein Gebinde aus Blütlein, Gräserchen und Zweiglein zusammenzwirbeln und nach Hause tragen kann, kein Wald-, Wiesen- oder Feldbesitzer darf es ihm oder ihr neiden. Die Ästchen können auch mal etwas länger geraten, aber nicht dicker als Muttis Oberschenkel. Man muss sie auch nicht selbst gebrochen haben, sondern sie kön-nen zufällig, quasi wie von Waldarbeiterhand hübsch aufgeschichtet, im Walde herumliegen – und dann nur noch das Handsträußchen binden. Nur selber absägen oder den Wald roden oder, wie der Förster sagt, den Baum »auf den Stock setzen«, das sollte man nicht, das sieht der Staat nicht gern!

Ach, der Staat! Der könnte so schön sein, wenn nicht die Regierung (jede Regierung) so dämlich wäre! In unserem Fall ist es doch so: Die Entkriminalisierung des Holzdiebstahls würde der tapferen Ukraine den entscheidenden Kick zum Endsieg über das bluttriefende Sowjetrussland verschaffen, oder – um es mit der Außenministerin zu sagen – »Russland ruinieren«. Die logische Reihe geht so: Wer Brennholz verfeuert – »dem Wald entnimmt«, wie der Förster sagt –, der verbraucht kein Gas und als Zusatznutzen erfriert er nicht. (Allerdings muss er sich noch einen Ofen kaufen – oder sich einen stehlen.) Und das weiß doch jeder: Wenn wir sein Gas nicht nehmen, muss Putin sich ergeben und wandert nach Sotschi in Kriegsgefangenschaft.

Also, Besseres als Holz zu stehlen, gibt es in einer regelbasierten Werteordnung doch gar nicht! Die Regierung könnte Holzdiebe unterstützen, indem sie leichte elektrische Transporter zur Verfügung stellt, die den Weg aus dem Dickicht bis zum Parkplatz bewältigen, damit die Kinder nicht schwer tragen müssen. Und der Bundespräsident sollte am jährlichen Tag des Waldes einen Holzdiebeorden vergeben. Am besten in Birke, denn die ist schnellnachwachsend.

MATHIAS WEDEL