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Nicht von schlechten ELTERN


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Runners World - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 13.01.2023
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Bildquelle: Runners World, Ausgabe 2/2023

Wer Kristina und Sebastian Hendel besuchen möchte, so wie ich heute mit Fotograf Marcus, der muss tief in die sächsische Provinz nach Reichenbach im Vogtland fahren. Nachdem wir die Autobahn 9 verlassen haben und noch eine ganze Weile allerlei kleine Städtchen und Orte durchqueren, fragt Marcus plötzlich: Sind Kristina und Sebastian eigentlich das schnellste Marathon-Ehepaar der Welt? Nein, das sind sie sicher nicht. Zwar gehören die beiden mit ihren Bestzeiten von 2:27:29 respektive 2:10:37 Stunden national zur absoluten Spitze, aber spontan fallen mir Sara und Ryan Hall aus den USA ein, die definitiv schnellere Bestzeiten haben. Eine kurze Suche am Smartphone – ich bin überrascht, dass ich hier zwischen den sanften Hügeln Empfang habe – ergibt: Das schnellste verheiratete Marathon-Paar der Welt kommt aus Japan. Rechnet man die Bestzeiten von Mao Ichiyama (2:20:29) und Kengo Suzuki (2:04:56, ...

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... nationaler Rekord) zusammen, dann sind sie 12:41 Minuten schneller als die beiden Hendels.

Während wir uns also dem Wohnort von immerhin Deutschlands schnellstem Marathon-Paar nähern, stechen uns trotz einer zentimeterdicken Schneeschicht verfallene Fabrikgebäude, verlassene Gründerzeitvillen und verbarrikadierte Wohnhäuser ins Auge. Der Strukturwandel, der sich in dem Satz resümieren ließe, dass hier nach der Wiedervereinigung vieles schlechter geworden ist, ist leider nicht zu übersehen. Eine weitere kurze Recherche am Smartphone zeigt: Um rund 20 Prozent ist die Einwohnerzahl von Reichenbach in den letzten drei Dekaden zurückgegangen – trotz der Eingliederung von Nachbargemeinden und der Zusammenlegung mit einem anderen Ort. Reichenbach zählt offiziell zum „Demografietyp der schrumpfenden und alternden Städte mit hoher Abwanderung“. Kurz: Wer hier keine Zukunft sieht, zieht weg. Und das geht bereits eine ganze Weile so.

„Die Schwangerschaft hat mein Leben verändert, meine Pläne jedoch nicht“

Einer, der hiergeblieben ist, ist Sebastian. Eine, die hinzugezogen ist, ist Kristina. Und einer, der hier geboren ist, ist Jonathan. Gemeinsam wohnen Vater, Mutter und Kind in einem tristen Riegel aus gleichförmigen dreistöckigen Häusern. Drinnen jedoch ist es alles andere als eintönig. Die sanierte, helle Wohnung verfügt über eine offene, moderne Küche mit einem großen, einladenden Wohn-Ess-Bereich. Auf dem Küchentisch stehen Plätzchen, Kuchen und Christstollen. Überall entdecke ich Gepardenmuster-Deko, denn Kristina ist fasziniert vom schnellsten Landlebewesen der Erde. „Ich habe mir gerade erst einen Geparden tätowieren lassen“, sagt sie und zeigt stolz ihren Unterarm, während sie in Geparden-Sandalen vor mir steht.

Was noch ins Auge sticht, ist die Goldmedaille von den Europameisterschaften in München, die Kristina dort mit dem Frauen-Team geholt hat – und die ziemlich zerkratzt ist. „Eigentlich eine Frechheit, dass die bei einer EM so eine schlechte Qualität verteilen“, beschwert sich Sebastian stellvertretend für Kristina. Ihr selbst scheinen die Kratzer egal zu sein. Es hätten halt viele Leute die Medaille sehen und anfassen wollen.

Eine Treppe führt hinab und offenbart vier weitere Räume: Bade-, Schlaf-, Kinder- und Arbeitszimmer. Letzteres ist mit zwei großen Monitoren und allerlei Technik ganz klar Sebastians Reich. „Ich habe schon ein paar nerdige Interessen“, sagt er. So sitze er schon längere Zeit an der Programmierung der gemeinsamen Webseite. Zudem erstellt er Autogrammkarten nicht nur für Kristina und sich, sondern auch für andere Sportler wie Marathon-Europameister Richard Ringer. Und mit Fotografie scheint er sich auch auszukennen.

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In einer Nische im Flur hat die gelernte Kosmetikerin Kristina sich ein kleines Nagelstudio eingerichtet. Durch eine Tür gelangt man von hier aus direkt in den Keller, der bei den Hendels zu je einem Drittel Wäschekammer, Schuhlager und Fitnessstudio ist. Während die Wohnung sehr ordentlich ist, sieht es hier eher chaotisch aus. Es sei alles sauber, versichert Kristina, die sich offenbar gezwungen sieht, die enormen Wäscheberge zu rechtfertigen. Sie komme einfach nicht zum Bügeln.

Mir fällt auf, dass bei Familie Hendel insgesamt vier Sprachen gesprochen werden: Deutsch, Englisch, Kroatisch sowie Sächsisch. Sebastian spricht mit Jonathan Deutsch, Sebastian und Kristina sprechen Englisch miteinander, Kristina spricht mit Jonathan wiederum Kroatisch – und der kleine Jonathan spricht Sächsisch. „Das Sächseln hat er aus der Kita“, erklärt Sebastian achselzuckend, der sich selbst diesen Dialekt abgewöhnt hat.

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Sebastian ist in fußläufiger Entfernung im Haus über der Kneipe seiner Großeltern aufgewachsen. Schon im Flur stehen in Vitrinen Dutzende Pokale, die der 27-Jährige in den letzten 13 Jahren erlaufen hat. Obwohl die Gaststätte seit 2010 geschlossen ist, sieht drinnen alles so aus, als könnte morgen wieder eröffnet werden. Nur das Laufband, auf dem Kristina und Sebastian trainieren, wenn es Wetter oder Kinderbetreuung nicht zulassen, müsste man aus dem holzvertäfelten Gastraum schieben.

Direkt über der Kneipe befindet sich die Wohnung von Sebastians Großeltern. Noch eine Etage höher ist das Reich seiner Eltern. In seinem alten Kinderzimmer säumen Medaillen, Urkunden und Zeitungsausschnitte die Wände. „2007, da war Sebastian elf Jahre alt, hat er mit dem Lauftraining angefangen. 2009 folgten dann die ersten Wettkämpfe“, erzählt Vater Udo, der in seiner Jugend selbst ambitioniert 800 Meter lief – bis er Bäcker wurde.

Kleine Anekdote am Rande: Sebastian verdankt seinen Namen der Tatsache, dass sein Vater ein großer Fan der britischen Mittelstrecken-Legende Sebastian Coe war, des zweifachen Olympiasiegers, mehrfachen Weltrekordhalters und heutigen Präsidenten des Welt-Leichtathletikverbands. Dass sein Sohn weniger Interesse an Mehl und mehr Lust auf Medaillen hat, war somit ein Stück weit vorherbestimmt. Zumal Udo alles dafür tat und tut, damit Sebastian in seine läuferischen Fußstapfen tritt – beziehungsweise deutlich größere hinterlässt. Von Anfang an und bis heute ist er sein Trainer.

Sebastian habe schon immer eine unglaubliche Ausdauer gehabt, erzählt Udo sichtlich stolz. Da habe es auch keine Rolle gespielt, dass der heute große und schlanke Sebastian in seiner Jugend etwas pummelig war. „Er hat so gern Pommes rot-weiß gegessen, dass ich immer gescherzt habe: ‚So wirst du nie deutscher Meister‘“, sagt Udo.

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Etwas ganz Ähnliches und doch deutlich Krasseres hat auch Kristina mal von ihrem Trainer gehört. Aufgewachsen in der kroatischen Hauptstadt Zagreb, war schon in der Grundschule klar, dass Kristina ein großes Lauftalent ist. In ihrer Jugend lief sie bei Juniorenweltmeisterschaften mit und siegte bei kroatischen Meisterschaften. Sie war gut, richtig gut. Doch einem war sie offensichtlich nicht gut genug. „Mein damaliger Trainer sagte mir als Jugendliche ganz offen: ‚Ohne Doping wirst du es nicht nach ganz oben schaffen.‘“ Mit Doping wollte Kristina aber nichts zu tun haben – und daher auch nicht mehr mit ihrem Trainer. Das Vertrauen war weg.

„Damit die L eistung stimmt, ist das richtige Umfeld enorm wichtig“

In Deutschland landete sie später unter den Fittichen von Graham Crouch. Dem australischen Olympiateilnehmer über 1500 Meter, der bis zu seinem Tod 2019 im Vogtland lebte, vertraute sie. Kurze Zeit plante dann Schwiegervater Udo ihr Training, doch heute übernimmt die 26-Jährige diese Aufgabe selbst. „Ich bin seit 14 Jahren in der Leichtathletik und habe von all meinen Trainern viel gelernt“, erzählt Kristina. Es sei für sie leichter, auf den eigenen Körper zu hören und das Training entsprechend anzupassen, als sich mit jemandem abzusprechen. Und wenn sie doch mal Fragen habe, könne sie allerlei Trainer und Sportwissenschaftler um Rat bitten, auch beim DLV.

Doch wie kam Kristina eigentlich nach Deutschland? Über einen ziemlich weiten Umweg: 2015 zog es sie im Rahmen eines Sportstipendiums an das Iona College nach New York. Dort lernte sie Sebastian kennen, der bereits ein Jahr vor ihr den Schritt in die USA gewagt hatte, um Sport und Studium zu verbinden. Bei einer Kostümparty zu Halloween flirteten der Cowboy (Sebastian) und die Superwoman (Kristina) erstmals miteinander. Knapp sechs Wochen später war sie schwanger.

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In den USA sollte die sportliche Karriere der beiden eigentlich erst richtig losgehen. Ein Kind sei definitiv nicht geplant gewesen, sagen sie unisono. Und so war der Schock zunächst groß. Doch noch bevor ihr Bauch wirklich wuchs, wuchs bei Kristina die Erkenntnis, dass sie das Kind definitiv wollte – und dass Sebastian ihre Entscheidung unterstützte. Obwohl sich die beiden kaum kannten, waren sie plötzlich aneinander gebunden und mussten Entscheidungen fürs Leben treffen.

„Jonathan hat mein Leben verändert, meine Pläne jedoch nicht“, sagt Kristina, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. Und Sebastian spricht beinahe philosophisch über diese Lebensphase: „Im Leben wie auch im Rennen muss man entsprechend reagieren, wenn sich die Bedingungen verändern.“

Am College in New York zu bleiben, war keine Option. „Wir wollten ein gutes Umfeld für unseren Sohn und unseren Sport“, erzählt Sebastian. Kristina dachte dabei an Kroatien, Sebastian an Deutschland. 2016, noch vor der Geburt ihres Kindes, heiratet das Paar in Zagreb – aus Kristina Bo?i wird Kristina Hendel. Sie ziehen nach Reichenbach. Für beide beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der für Kristina aber auch eine neue Kultur und eine neue Sprache bereithält. Letztlich habe sich Sebastian durchgesetzt, weil er in Deutschland sicherstellen konnte, dass sie auch zu dritt über die Runden kommen – „im Zweifel erst mal mit Hartz IV“. So weit kommt es aber zum Glück nicht.

„Im Leben wie auch im Rennen muss man entsprechend reagieren, wenn sich die Bedingungen ändern“

Nur zwei Monate lang setzt Kristina mit dem Training aus und ist wenige Wochen nach der Geburt schon wieder zurück in alter Form. Doch nicht nur das: Vor der Schwangerschaft lag ihre 10 000-Meter-Bestzeit bei 37:00 Minuten, kurz danach bei 35:10 Minuten. Inzwischen hat sie sich über 10 Kilometer auf der Straße sogar auf 32:35 Minuten verbessert. „Die Schwangerschaft hat mich letztlich enorm motiviert, stärker zurückzukommen“, sagt sie.

Im Sommer 2017, ein knappes Dreivierteljahr, nachdem sie Eltern geworden sind, starten beide bei den U23-Europameisterschaften. 2018 wird Kristina erneut kroatische Meisterin und stellt den bis heute gültigen nationalen Rekord (10:02,20 Minuten) über die 3000 Meter Hindernis auf. Keine Frage, vor der Schwangerschaft war Kristina noch sehr jung, ihre Entwicklung nicht abgeschlossen. Aber sie ist sich dennoch sicher, dass ihr die Schwangerschaft eher genützt als geschadet hat. Und auch für Sebastian entwickelt sich zurück in Deutschland eigentlich alles positiv: Er beginnt in Zwickau Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren und wird trotz seiner zusätzlichen Rolle als Vater 2018 deutscher Meister über 5000 und 10 000 Meter.

Mittlerweile haben beide ihren Wettkampfschwerpunkt von der Bahn auf die Straße verlegt. Ihre Distanz sind nun 42 195 statt 3000, 5000 oder 10 000 Meter. „Die Bahndisziplinen sind heutzutage recht undankbar“, sagt Sebastian. Das Zuschauerinteresse sei gering, was es schwer mache, Sponsoren zu finden, zudem könnten bei den großen Meetings nicht viele starten, weshalb die Normen für internationale Events wie die Olympischen Spiele absurd anspruchsvoll seien. 27:10 respektive 30:40 Minuten müssten die zwei über 10 000 Meter laufen, um sich für die Leichtathletik-WM 2023 in Budapest zu qualifizieren. Die deutschen Rekorde von Dieter Baumann und Konstanze Klosterhalfen liegen bei 27:21 beziehungsweise 31:01 Minuten.

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Beim Marathon rechnen sich die Hendels langfristig mehr Chancen aus. Und der Erfolg gibt ihnen bislang recht. Kristina ist ihr Marathondebüt 2021 in Essen gelaufen. Am Baldeneysee stellte sie in 2:27:30 einen Streckenrekord auf. Beim Hamburg-Marathon im Jahr darauf verbesserte sie diese persönliche Bestmarke um exakt eine Sekunde. Ihre Zeit qualifizierte sie für die Europameisterschaften 2022 in München. Allerdings war lange nicht klar, für welches Land sie dort starten würde. Zwar besaß sie schon im Jahr zuvor neben der kroatischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft, aber der Wechsel des Startrechts zog sich letztlich bis wenige Wochen vor den Europameisterschaften hin.

Der EM-Marathon letzten August in München war für Kristina deshalb der erste Start im Deutschland-Dress. Am Ende durfte sie eben jene inzwischen verkratzte Goldmedaille mit nach Hause nehmen, allerdings nicht, weil sie selbst so gut lief, sondern weil die sechs deutschen Frauen die Teamwertung gewannen. „Ich hatte schon lange vor der EM Probleme mit dem Piriformis“, sagt sie. „Hätte mir nicht jemand von außen zugerufen, dass wir mit dem Team aufs Podium kommen, wäre ich wegen der Schmerzen ausgestiegen.“ Da im Rückblick jedoch vor allem die Medaille bleibt, kann man sagen, dass München bislang ein gutes Pflaster für die beiden war. Denn nur knapp zwei Monate nach Kristinas EM-Start gab Sebastian beim München-Marathon ein starkes Debüt über die 42,195 Kilometer. Mit 2:10:37 Stunden lief er direkt in die deutsche Spitze.

Und was ist das Erste, was Sebastian nach seinem Rennen tut? Er prüft anhand der Weltranglistenpunkte, wer von beiden das bessere Debüt hingelegt hat. Mit 1150 war sein Ranking sieben Punkte schlechter als das von Kristina. Als Sebastian diese Anekdote erzählt, strahlt seine Frau: „Wir sind schon sehr kompetitiv.“ Das müssen sie auch sein, schließlich möchten beide zu den Olympischen Spielen 2024 nach Paris.

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Bevor sie 2024 durch die französische Hauptstadt laufen dürfen, müssen sie sich aber erst mal qualifizieren – und das ist so schwer wie nie: Für die direkte Qualifikation müssen Männer unter 2:08:10 und Frauen unter 2:26:50 bleiben. Zudem gibt es eine komplizierte Weltrangliste. Und dann gilt es noch, sich gegen die nationale Konkurrenz durchsetzen, denn jedes Land darf nur drei Frauen und drei Männer schicken. Noch bleiben ihnen rund anderthalb Jahre. In der Rechnung von Marathonprofis sind das drei Rennen. Drei Chancen. Um diese zu nutzen, trainieren sie hart.

Zwar studiert Sebastian noch, doch im Grunde führen die Hendels ein Leben als Vollprofis. Sie leben von der Unterstützung des Verbands, ihrer Ausrüster, ihres Vereins und lokaler Sponsoren. Der größte Beistand kommt jedoch von Sebastians Familie. „Ohne sie könnten wir als Eltern niemals beide auf dem Niveau trainieren“, sagt er. Nur weil Großeltern, Eltern und Schwester so flexibel auf Jonathan aufpassen, haben Kristina und Sebastian genug Zeit, sich aufs Training zu fokussieren.

Ein Tag bei den Hendels sieht derzeit so aus: Morgens bringt einer von beiden Jonathan in die Kita, danach steht das erste Training an. Mittags holen sie das Kind wieder ab. Nachmittags trainiert das Paar dann entweder nacheinander oder jemand aus Sebastians Familie passt auf Jonathan auf. Zusätzlich zu den 150 bis 190 Kilometern Lauftraining kommen dann noch Alternativtraining auf dem Crosstrainer oder Fahrrad und Krafteinheiten. Das ist für sie nicht nur reine Trainingszeit, sondern auch Erholung. Während die Konkurrenz meist nur den Sport hat, haben die beiden noch einen Sohn – und der braucht Aufmerksamkeit, Zeit und Zuneigung.

„Die Bedingungen sind eigentlich alles andere als ideal, wenn man zu Olympia will“, findet Udo Hendel. So hätten die zwei keine Trainingsgruppe oder regelmäßige Trainingspartner. Zwar läuft am Wochenende meines Besuchs Tom Förster, amtierender deutscher Meister über 10 Kilometer, mit Sebastian mit, aber das komme selten vor. Immerhin haben sie bei längeren Läufen oft eine Fahrradbegleitung. „Abgesehen davon trainieren wir hier total einsam“, sagt Kristina.

Im Gespräch mit ihr und Sebastian überwiegt bei mir dennoch die Erkenntnis, dass die Leistung der beiden nicht trotz, sondern wegen dieser Bedingungen stimmt. Ein Umfeld, das einen über Jahre unterstützt, sei wichtiger als alles andere, findet auch Sebastian. Nur wenn das Drumherum stimme, könne man im Training über einen langen Zeitraum gute Leistung bringen. Auch ins Trainingslager würden sie seltener fahren. „Wochen- oder gar monatelang weit weg von meinem Sohn – das möchte ich nicht mehr“, sagt Sebastian.

Im Hinblick auf Paris 2024 hat Reichenbach als Lebens- und Trainingsmittelpunkt aber doch einen großen Vorteil: „Hier ist es so hügelig, dass wir uns ideal auf die Marathonstrecke in Paris vorbereiten können“, scherzt Kristina. Unrecht hat sie nicht. Die geplante Strecke durch die französische Hauptstadt hat ein durchaus anspruchsvolles Höhenprofil mit zwei herausfordernden Anstiegen zwischen Kilometer 15 und 30 sowie insgesamt mehr als 400 Höhenmetern. Oder wie Sebastian es ausdrückt: „Zu Hause in Reichenbach kann nicht viel schiefgehen!“