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Nichts mehr müssen, nur noch wollen


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

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Eine Krise schenkt uns immer auch die Möglichkeit, Altes rauszuwerfen

Wenn Corona vorbei ist …“ Ja, was machen wir, wenn Corona vorbei ist? Wieder mehr Freundinnen treffen und sie umarmen. Essen gehen und weder auf Vorspeise noch Nachtisch verzichten. Zu diesem Anlass eine Klamotte anziehen, die viel zu lange eine Schattenexistenz in den Tiefen des Kleiderschranks geführt hat (es liegt bestimmt nur am fehlenden Gummizug, dass sie sich so eng anfühlt). Solche kleinen Alltagsdinge haben wir vermisst – aber was ist mit dem großen Ganzen? Wollen wir, dass bald alles wieder genauso ist, wie es früher einmal war? Womöglich nicht, denn die Krise hat uns verändert. Wir haben nicht nur unseren aktiven Wortschatz um Begriffe wie AHA-Formel oder Inzidenzwert erweitert, digitale Technologien schätzen gelernt oder Serien-Expertise erworben. Auch in unserem Inneren hat sich etwas verschoben. Wir haben am eigenen Leib erfahren, wie zerbrechlich unser Leben ist und wie es sich ...

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... anfühlt, kaum noch Einfluss darauf zu haben. Vor der Pandemie waren wir ununterbrochen damit beschäftigt, unseren Alltag zu organisieren und Pläne zu machen – und plötzlich war von einem Tag auf den anderen nichts mehr planbar.

Einige von uns hatten jetzt vielleicht mehr Zeit, und nachdem auch die letzte Krimskrams- Schublade aufgeräumt war, begannen sie, darüber nachzudenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Andere hatten keine freie Sekunde mehr und schworen sich, ihre Prioritäten anders zu setzen, sobald sie es wieder können. Wann, wenn nicht jetzt, ist der perfekte Moment, um unsere Vorsätze in die Tat umzusetzen? Endlich ist die Gelegenheit gekommen, all das einzulösen, was sich in uns angesammelt und aufgestaut hat. Lasst uns nicht in den alten Trott fallen, nicht hektisch wieder drauflosleben, sondern kurz innehalten, eine persönliche Inventur machen und anschließend alles über Bord werfen, was uns schon viel zu lange belastet!

Claudia Papouloglou, Friseurin

Mir wurde während des Lockdowns klar: Ich will meine Kundinnen nicht länger in meinem Studio zu Hause empfangen und parallel das gesamte Familienleben organisieren. Jetzt haben mein Mann und ich die Rollen getauscht: Ich habe einen Laden gemietet und verlasse morgens das Haus, er arbeitet im Homeoffice und übernimmt ganz viel mental load. Es fühlt sich fantastisch an, dieses ständige Kümmern loszulassen!

Wir sollten ehrlich zu uns sein und in uns hineinhorchen: Was hat sich schon vor der Pandemie nicht richtig angefühlt, und was war plötzlich erstaunlich angenehm? Dröseln wir diese Frage weiter auf: Welche Freundschaften haben uns gefehlt, und bei welchen Menschen waren wir insgeheim erleichtert, sie seltener zu sehen? Wollen wir auch in Zukunft mehr zu Hause sein – oder gerade nicht? Wird es Zeit für eine größere räumliche Trennung von Arbeit und Familie? Wie wichtig ist uns unsere Arbeit überhaupt, und was haben wir nur getan, um fremde Erwartungen zu erfüllen? Nicht jede dieser Fragen braucht eine Antwort, und wir müssen uns auch nicht neu erfinden. Das wäre zu anstrengend und funktioniert sowieso nicht. Aber wie wäre es mit Befreiung und Loslassen nach der Krise?

Das chinesische Schriftzeichen für Krise beinhaltet zwei Silben, die einzeln gelesen die Worte „Gefahr“ und „Chance“ bedeuten. Wenn wir jetzt eine neue Chance ergreifen, kommen automatisch Ängste hoch: Was ist, wenn das schiefgeht, was werde ich verlieren? Aber haben wir nicht gerade schmerzlich erfahren, dass das Leben nicht planbar ist? Wenn es so wenig Sicherheiten gibt, können wir uns auch trauen, neu durchzustarten und loszulassen. Welche Gewohnheit kann gern zusammen mit dem Virus auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Wie hat es sich angefühlt,mehr Zeit in der Partnerschaft zu verbringen – müssen womöglich ein paar Karten neu gemischt werden? Und was ist eigentlich mit den Plänen, die wir schon vor der Pandemie aufgeschoben haben?

Susanne Bolz, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Die Pandemie hat mich gelehrt, meinen Perfektionismus über Bord zu werfen: Dann gibt es eben mal Tiefkühl-Pizza, so what? Außerdem setze ich meiner Familie gegenüber klarere Grenzen: Wenn ich an meinem Lieblingsplatz auf der Treppe sitze oder Kopfhörer aufhabe, möchte ich nicht gestört werden, Punkt. Meine Erfahrungen gebe ich jetzt weiter, ich habe mich auf Stressmanagement und Burnout-Prävention für Frauen spezialisiert.

Bei der Neuausrichtung spielt die Natur uns Frauen in der zweiten Lebenshälfte in die Karten. Wir sind jetzt selbstbezogener, kümmern uns endlich nicht nur um andere, sondern vor allem um uns selbst. Es wird uns zunehmend egal, was andere denken oder sagen, denn: Jetzt sind wir dran. Und das ist gut so! Wem diese Haltung Bauchschmerzen bereitet, kann die Schuld auf unser Beziehungs- und Fürsorgehormon Oxytocin schieben, das bei Frauen mit zunehmendem Alter sinkt. Das macht uns gelegentlich streitlustiger – oder, um es positiv auszudrücken: Die ewige Harmoniesucht hat sich endlich verkrochen. „Towanda!“, sollten wir an dieser Stelle rufen und an Evelyn aus dem Film „Grüne Tomaten“ denken: eine frustrierte Mittfünfzigerin ohne Selbstvertrauen, die sich in eine echte Superwoman verwandelt.

Hören wir auf, unsere Pläne auf einen imaginären Tag X zu verschieben. Was ist, wenn dieser Tag niemals kommt? Zwischenzeitlich hat es sich fast danach angefühlt – aber jetzt ist das Licht am Ende des Tunnels da. Darum gehören „Wenn … dann …“-Sätze endlich aussortiert: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind“, „Wenn das Projekt abgeschlossen ist“, „Wenn ich 10 Kilo abgenommen habe“ – ja, was dann? Schluss mit dem Selbstbetrug, dafür ist das Leben zu kurz und zu wertvoll! Die amerikanische Schriftstellerin Rita Mae Brown sagt: „Ich glaube, man kann sich in jedem Alter ändern, nur ist es sinnvoller, es jetzt zu tun.“

Bewahren wir uns das, was uns gutgetan hat. Lokalisieren wir die Punkte in unserem Leben, die schon früher gelegentlich Schürfwunden verursacht haben und in der Krise zu schmerzhaften Druckstellen wurden. Hier besteht Handlungsbedarf – und zwar genau jetzt. Der Zeitpunkt für eine Veränderung ist da, aus der Krise wird unsere Chance. Towanda statt Corona!

Adrienne Friedlaender, Autorin von „Ist das verboten oder darf ich das?“

Mir ist viel klarer geworden, was ich hinter mir lassen möchte. Freundliche Notlügen zum Beispiel: Ich mache inzwischen nichts mehr, was mir nicht guttut oder was ich nicht will. Früher hab ich mich oft nicht getraut, Nein zu sagen, oder mir Ausreden ausgedacht, wenn ich zu etwas keine Lust hatte. Heute sage ich ganz ehrlich, was ich möchte und was nicht. Einige sind kurz irritiert, aber dann wollen sie das in Zukunft genauso machen. Jetzt wissen alle, woran sie bei mir sind – für mich ist das sehr befreiend!