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„Nie wieder“


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 25.05.2022

ELECTROPOP-LEGENDEN

MUSIK

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Soft Cell: Happiness Not Included (BMG/Warner), jetzt erhältlich

Foto: Marc Almond (li.) und Dave Ball

Marc, wie kommt es, dass du wieder mit Dave arbeitest? Hattet ihr euch nach dem letzten Album nicht komplett verkracht? Das ist eine lange Geschichte – mit Interna, über die ich nicht reden kann. Aber: ich habe mich schrecklich gefühlt, dass wir im Streit auseinandergegangen sind. Ich meine, als wir uns damals zusammengerauft haben, um „Cruelty Without Beauty“ aufzunehmen, ist so viel schiefgelaufen, dass es eine ziemliche Enttäuschung war. Also meinte ich diesmal: „Lass uns wieder oldschoolmäßig vorgehen und zu analoger elektronischer Musik zurückkehren, die weiträumig und nicht so steril klingt. Es sollte eine Essenz von dem sein, was uns beeinflusst hat.“ Ich selbst habe mir unser Debüt „Non-Stop Erotic ...

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Marc, wie kommt es, dass du wieder mit Dave arbeitest? Hattet ihr euch nach dem letzten Album nicht komplett verkracht? Das ist eine lange Geschichte – mit Interna, über die ich nicht reden kann. Aber: ich habe mich schrecklich gefühlt, dass wir im Streit auseinandergegangen sind. Ich meine, als wir uns damals zusammengerauft haben, um „Cruelty Without Beauty“ aufzunehmen, ist so viel schiefgelaufen, dass es eine ziemliche Enttäuschung war. Also meinte ich diesmal: „Lass uns wieder oldschoolmäßig vorgehen und zu analoger elektronischer Musik zurückkehren, die weiträumig und nicht so steril klingt. Es sollte eine Essenz von dem sein, was uns beeinflusst hat.“ Ich selbst habe mir unser Debüt „Non-Stop Erotic Cabaret“ angehört, um mich in diese Gefühlswelt zurückzuversetzen. Ich dachte: „Das habe ich schon lange nicht gehört, aber es gefällt mir.“ Dann hat mir Dave Songs geschickt, die in genau diese Richtung gingen.

Inhaltlich geht es um die Zukunftsvisionen deiner Jugend – um die schöne Welt, die man sich in den 70ern erträumt hat und die sich nun als Dystopie erweist. Warum der Retro-Futurismus – wie enttäuscht ist Marc Almond von der modernen Welt? Als ich ein kleiner Junge war, habe ich TV-Serien wie „Star Trek“ oder die „Jetsons“ geschaut – und hatte dieses Gefühl, dass wir in Zukunft alle nur noch dauerlächelnd in fliegen- den Autos unterwegs sein werden. Stattdessen leben wir in diesem merkwürdigen Post-Pandemie-Szenario aus Kriegen, Umweltproblemen und Geflüchteten. Wir fragen uns: „Wohin geht die Reise? Wo ist der Ort, an dem wir glücklich sein können?“

Im Stück „Heart Like Chernobyl“ heißt es, wir würden durch die Medien regelrecht desensibilisiert. Weil wir die täglichen Schreckensmeldungen gar nicht verarbeiten können? Genau! Im Lockdown haben wir die Nachrichten in der Hoffnung auf positive Signale verfolgt. Nach dem Motto: „Vielleicht gibt es bald einen Impfstoff, die Inzidenzzahlen gehen wieder runter und wir kehren zu unseren alten Leben zurück.“ Doch was bekamen wir zu sehen? Todeszahlen und Bilder von Krankenhäusern sowie Menschen, die an Maschinen hängen. Ich selbst hatte dreimal Covid. Am heftigsten ganz am Anfang der Pandemie, was mich fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt hat. Aber dann werden wir auch noch mit Umweltkatastrophen, flüchtenden Menschen und dem Brexit konfrontiert. Wenn man sich die heutige Welt anschaut, kann man nur sagen: „Was für eine schlechte Idee war das?“ Man hat uns so lange mit Schreckensmeldungen bombardiert, bis sich unsere Herzen in nukleares Brachland verwandelt haben. Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher, schauen zu, wie Flüchtende ertrinken, und denken: „Ach, wie schrecklich.“ Aber wir fragen uns nicht mehr, was wir daran ändern könnten. Wir sind völlig abgestumpft.

Sprich: Wir verwandeln uns in Psychopathen? Das ist es, was gerade passiert: Wir haben keine Empathie mehr, sondern entwickeln dieses neue Psychopathen-Gen für zukünftige Generationen. Aber wir haben ja auch Psychopathen, die die Geschicke unseres Landes lenken. Und wir sind die Soziopathen, die ihnen folgen. Wir sind noch nicht ganz im Psychopathen-Endstadium, aber nicht mehr weit weg davon.

Gleichzeitig hat „Happiness Not Included“ auch humorvolle Momente wie „Polaroid“ über deine Begegnung mit Andy Warhol. Welche Erinnerung hast du daran? Jeder, den ich kenne, hat in der Pandemie ausgemistet. Ich selbst habe mich von alten Fotos getrennt – und dabei die von meinem Treffen mit Andy Warhol gefunden. Für mich war das eine Riesensache, weil ich ein ehemaliger Kunststudent bin. Doch unsere Begegnung in New York war ziemlich merkwürdig – es war banaler Smalltalk. Ich habe ihm erzählt, was ich in der Stadt mache, und er: „Das ist ja toll, wow, wunderbar.“ Dann hat er seine Kamera gezückt und angefangen, Fotos von mir zu machen. Da ich ebenfalls eine dabeihatte, habe ich Bilder von ihm gemacht, wie er mich geknipst hat. Als ich ihn anschließend in seiner Factory besucht habe, war das ebenfalls ganz anders, als ich erwartet hätte: sehr businessmäßig.

Zu den Highlights des Albums zählt „Purple Zone“ – im Remix der Pet Shop Boys. Was haben Neil Tennant und Chris Lowe dazu beigesteuert? Wofür hast du sie engagiert? Ich habe sie nie gefragt, ob sie da mitmachen wollen – insofern kam ihr Remix völlig überraschend für mich. Mitbekommen habe ich das erst, als mir mein Manager etwas vorgespielt hat. Er meinte: „Was hältst du davon?“ – und ich: „Klingt ein bisschen wie ,Purple Zone‘ und ein bisschen wie Pet Shop Boys.“ Als dann Neils Gesang einsetzte, bin ich vor Glück in Tränen ausgebrochen. Ich dachte: „Das ist fantastisch.“ Dabei wollte ich das Stück schon vom Album streichen, weil ich fand, dass da etwas fehlte – ohne zu wissen, was es war. Als ich diese Fassung hörte, wurde mir klar, dass es die Pet Shop Boys waren. Es klang immer wie eine schlechte Kopie von ihnen, aber sie haben das Ganze jetzt richtig toll gemacht.

Wie geht es weiter mit Soft Cell? Schließlich habt ihr 2018 euer offizielles Abschiedskonzert gespielt – werdet ihr da ebenfalls rückfällig? Nach der Pandemie ist alles möglich: Man überdenkt Dinge und bewertet sie neu. Und ich habe so oft gesagt, dass ich nie wieder Soft Cell mache – was ein schrecklicher Fehler war. Jetzt ist die Zukunft wie ein offenes Buch: Wir fliegen im August nach Amerika und geben ein paar Konzerte in Europa. Was danach kommt – keine Ahnung. Aber: Ich werde nie wieder „nie wieder“ sagen.

Interview: Marcel Anders