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Nie wieder Kopfschmerzen


Hörzu Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.09.2020

Nicht alles Gute kommt von oben: Etwa 54 Millionen Menschen leiden regelmäßig unter dem Nervengewitter irgendwo hinter der Stirn. Aber die gute Nachricht lautet: Ihnen kann immer besser geholfen werden


Artikelbild für den Artikel "Nie wieder Kopfschmerzen" aus der Ausgabe 3/2020 von Hörzu Gesundheit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hörzu Gesundheit, Ausgabe 3/2020

LEIDENSZEIT Er poltert hinter der Stirn, hämmert an den Schläfen, brennt unter den Augen - Kopfschmerz hat viele Gesichter. Und fast jeder kennt


Prof. Dr. Dagny Holle-Lee Die Neurologin ist Oberärztin und Leiterin des Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum Essen


Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat!“ Was Erich Kästner 1931 in seinem Literaturklassiker „Pünktchen ...

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... und Anton“ beschrieb, spiegelte wider, wovon die Menschen jahrzehntelang überzeugt waren: Migräne ist keine Krankheit, sondern reinste Einbildung! Glücklicherweise konnte die Wissenschaft inzwischen beweisen, was Migräne wirklich ist: eine biologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns. Und eine Qual, die ihresgleichen sucht.

Rasender Schmerz und ratlose Ärzte

Louisa kennt dieses immer wiederkehrende Nervengewitter hinter der Stirn in allen Varianten. Jahrelang litt die 32-jährige Hamburgerin durchschnittlich zweimal pro Woche unter Migräneanfällen. Manchmal konnte sie sich noch an ihren Schreibtisch schleppen, andere Attacken trafen sie mit solch einer Wucht, dass sie den Tag in vollständiger Dunkelheit im Bett verbringen musste. „Es liegt bestimmt an deinem vollen Terminkalender, den Hormonen oder vielleicht deinen Augen?“, spekulierten Freunde und rieten ihr, es doch einmal mit einer Kälte- oder Sauerstofftherapie, mit Akupunktur oder einer speziellen Migränediät zu versuchen. „Aber niemand sagte, geh doch mal zu einem Schmerzexperten“, wundert sich die junge Architektin heute. Dabei konnte genau dort ihr Leiden gelindert werden.

Wie ein Versuchskaninchen“ habe sie sich zuvor oft gefühlt, war von einer medizinischen Fakultät zur nächsten gelaufen, immer in der Hoffnung, „dass irgendjemand meinen Kopf zurechtrücken würde“, erinnert sich die Hamburgerin. Die Hausärztin verschrieb Paracetamol, Ibuprofen und Novalgin - in hoher Dosis. Der Neurologe empfahl Triptane, spezielle Migränemedikamente. Der Orthopäde drückte einen vermeintlich ausgerenkten Wirbel wieder an seinen angestammten Platz, und der Zahnarzt zog einen Backenzahn, weil er dessen entzündete Wurzel als Ursache für die Migräne vermutete. „Zwar konnten die Triptane das Schmerzlevel etwas herunterfahren, aber gegen die Schlagzahl der Anfälle half nichts so richtig“, sagt Louisa. Das Problem blieb. Hartnäckig und quälend. Es gibt nur wenige glückliche Menschen, die noch nie Kopfschmerzen hatten. Fast jeder kennt das Übel aus eigener Erfahrung. Allein 54 Millionen Menschen hierzulande leiden laut einem Bericht der Techniker Krankenkasse häufig oder chronisch an Kopfschmerzen. Jeder 20. Bundesbürger ist sogar täglich betroffen. Bei den einen poltert der Schmerz an der Schläfe, bei anderen sägt er an der Schädeldecke oder brennt hinter den Augen. Und das einzig Gute, was man über Kopfschmerzen sagen kann, ist, dass sie aus medizinischer Sicht meistens ungefährlich sind. Was weh tut, sind Schmerzrezeptoren an den Hirnhäuten, die das Gehirn umgeben.


Was weh tut, sind Schmerzrezeptoren an den Hirnhäuten.
Prof. Dagny Holle-Lee


Spurensuche: Sekundäre oder primäre Schmerzen

Diese werden durch eine Art Entzündungsreaktion und Freisetzung bestimmter Botenstoffe aktiviert. Das Gehirn selbst hat keine Schmerzsensoren“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee. Die Oberärztin und Leiterin des Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum Essen weiß, wovon sie spricht, sie leidet selbst unter Migräne: „Das verschafft mir einen guten Zugang zu den Patienten. Ich kann meist sehr gut nachempfinden, wie es ihnen geht.“

BIOFEEDBACK Patienten lernen das Schmerzgeschehen zu beeinflussen. So soll die Migränehäufigkeit um bis zu 45 Prozent verringert werden können


Mittlerweile sind 256 verschiedene Kopfschmerzarten bekannt, die von der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft IHS in zwei Gruppen unterteilt werden: Beim sekundären Typ ist der Kopfschmerz nur Symptom, tritt etwa bei einer Erkältung auf, wenn ein drückendes Tief über das Land zieht oder auch, weil zu viel Alkohol geflossen ist. Bei den primären Kopfschmerzen ist aber weder ein Schnupfen, das Wetter oder ein Kater Ursache für die Dämonen hinter der Stirn. Der Kopfschmerz selbst ist die Erkrankung. Zu den bekanntesten primären Formen zählen Migräne und Spannungskopfschmerz. Über 90 Prozent aller Kopfschmerzgeplagten leiden unter einem von diesen beiden Beschwerdebildern - manche sogar an beiden.

Doch nur etwa jeder dritte Betroffene begibt sich in ärztliche Behandlung. Der Großteil der Geplagten löst das Problem lieber mit dem schnellen Griff zur Tablette. Kopfschmerzen erscheinen ihnen als ganz normal und nicht behandlungsbedürftig, eben weil sie so häufig sind. „Aber normale Kopfschmerzen gibt es nicht. Es ist normal, keine Kopfschmerzen zu haben“, sagt Dagny Holle-Lee: „Werden ständige Kopfschmerzen bagatellisiert, können sie ein Eigenleben entwickeln und mit der Zeit chronisch werden.“ Länger anhaltende Schmerzen machen die Nervenzellen immer empfindlicher. Ohne erkennbaren Grund senden sie Schmerzsignale zum Gehirn, die dort abgespeichert werden. Und schon entsteht das sogenannte Schmerzgedächtnis.

EISKALT GEGEN MIGRÄNE Bei 110 Grad minus sollen in der Kältekammer Schmerzrezeptoren blockiert werden


Spannungskopfschmerz ist mit etwa 25 Millionen Betroffenen, wie die Stiftung Kopfschmerz errechnet hat, die häufigste Form der Pein. Meist steigt der dumpfe Schmerz etwa nach einem stressigen Tag vor dem Computer- Bildschirm oder zwischen Handy-Klingeln und Kindergeschrei vom Nacken her auf, zieht sich über die Stirn und legt sich wie ein zu enger Hut über den Kopf.

„Als Ursache gehen wir zurzeit von einer erhöhten Anspannung der Nackenmuskulatur aus, die bei häufigem Auftreten zu einer größeren Empfindlichkeit der Schmerzzentren im Gehirn führt“, sagt die Kopfschmerzexpertin, „doch wir wissen noch viel zu wenig!“ Häufig verberge sich hinter einem Spannungskopfschmerz eine Migräne, und die müsse anders behandelt werden: „Chronischer Spannungskopfschmerz ist äußerst selten. Wir erleben ihn hier bei nur wenigen unserer jährlich 4.000 Patienten.“

Das Denken ist wie gelähmt

Bei der Entschlüsselung der Migräne konnten dennoch in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt werden. Kürzlich haben Forscher 44 Gene identifiziert, die mit einem erhöhten Migränerisiko zusammenhängen könnten. Und nein, Migränen sind nicht einfach nur starke Kopfschmerzen. Der Schmerz hämmert meist einseitig an Stirn und Schläfe oder brennt hinter dem Auge. Das Denken ist wie gelähmt, vielen Betroffenen ist speiübel, der Kopf droht zu zerspringen. Deutschlandweit leidet jeder zehnte Erwachsene können. Auch wird eine Störung im Hypothalamus vermutet. Bis zu achtmal täglich greift der Schmerz an, immer nur in einer Gesichtshälfte, oft gefolgt von monatelangen Pausen. Deutschlandweit gibt es mehr als 120.000 Betroffene, manche Experten gehen sogar von bis zu 250.000 aus. „Mittlerweile ist die Intensität der Schmerzattacken und vor allem auch deren Häufigkeit bei der großen Mehrzahl der Patienten gut behandelbar“, sagt die Neurologin. Das gilt genauso für die Migräne und den Spannungskopfschmerz (s. Therapieguide). „Allerdings gibt es keine einzelne Methode, die Schmerzen einfach wegzaubert!“

unter regelmäßigen Attacken. Jedes Jahr fallen dadurch laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft DMKG mehr als 30 Millionen Arbeitstage aus. Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen wird die Pein durch Seh-, Sprach-, Gefühls-und Konzentrationsstörungen eingeleitet. Mediziner sprechen dann von einer Migräne mit Aura. „Wenn ich selbst Migräne habe, bekomme ich oft Sehstörungen, sodass ich für 30 Minuten Teile des Gesichtsfelds nicht mehr sehe“, sagt die Schmerzexpertin.

Nerven unter Dauerfeuer

Etwa zwei Drittel der Migränepatienten sind familiär vorbelastet. Da ist die Anlage für eine Migräne fest im genetischen Bauplan verankert, wie die Haarfarbe oder das Geschlecht. Deshalb lässt sie sich auch nicht einfach abschütteln. Als wissenschaftlich gesichert gilt, dass das Gehirn von Migränikern Reize anders verarbeitet. Ihre Nerven stehen ständig unter Hochspannung. Sie sind sensibler, hören sozusagen schon das Gras wachsen, bevor es gesät ist und spüren das Gewitter nahen, noch bevor sich Regenwolken am Himmel bilden. Wenn dann zu viele verschiedene Reize zu schnell, zu impulsiv auf ihre Nervenzellen einstürmen, kann das zu einer schmerzhaften Entzündungsreaktion führen – und damit zu einer Migräne-Attacke.

Zaubermittel gibt es nicht

Eine genetische Komponente scheint auch der Entstehung der Cluster-Anfälle zugrunde zu liegen. Sie zählen zu den dramatischsten Schmerzen, die Menschen heimsuchen können. Auch wird eine Störung im Hypothalamus vermutet. Bis zu achtmal täglich greift der Schmerz an, immer nur in einer Gesichtshälfte, oft gefolgt von monatelangen Pausen. Deutschlandweit gibt es mehr als 120.000 Betroffene, manche Experten gehen sogar von bis zu 250.000 aus. „Mittlerweile ist die Intensität der Schmerzattacken und vor allem auch deren Häufigkeit bei der großen Mehrzahl der Patienten gut behandelbar“, sagt die Neurologin. Das gilt genauso für die Migräne und den Spannungskopfschmerz (s. Therapieguide). „Allerdings gibt es keine einzelne Methode, die Schmerzen einfach wegzaubert!“

Der Patient muss mitarbeiten

Im Kopfschmerzzentrum, wie auch in anderen Schmerz-Praxen und Kliniken, arbeiten Mediziner verschiedener Fachrichtungen Hand in Hand, entwirren gemeinsam das Netzwerk überreizter Nerven. Wie die Zahnräder eines Uhrwerks greifen die Therapien ineinander und bringen so das System Mensch wieder zum Laufen. Analysiert werden biologische, psychosoziale und ökonomische Bedingungen der Krankheit. Der Patient selbst nimmt dabei die zentrale Rolle ein, führt Schmerzkalender, lernt mit, nicht gegen seine Krankheit zu leben. Sind Auslöse- und Verstärkungsmechanismen identifiziert, verbindet ein ganzheitliches Behandlungskonzept dann für jeden Einzelfall medikamentöse und nicht-medika- mentöse Strategien. Es folgen zum Beispiel Ernährungs-Umstellungen, Entspannungs-Verfahren und physikalische Therapien.

BEWEGUNG Nicht zu viel, nicht zu wenig: Moderates Ausdauertraining ist ein wichtiger Baustein in der Anti-Kopfschmerz-Strategie


GRIFF ZUR TABLETTE Ohne geht es anfangs meistens nicht. Für die Migräne gibt es neue Akutmedikamente


Mit dieser therapieübergreifenden Strategie kriegen wir bei den meisten Patienten eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden hin“, weiß Prof. Holle-Lee. Sie konnte in ihrer täglichen Arbeit beobachten, „dass es bei Migräne manchmal nur Kleinigkeiten sind, die Linderung verschaffen.“ Deshalb sei eine konsequente Basistherapie extrem wichtig: Weniger Stress, regelmäßiger Ausdauersport, Muskelentspannung und ein geregelter Tagesablauf können das Schmerzgeschehen nachweislich deutlich senken.

Auch ein immer gleicher Schlafrhythmus gehört dazu. „Unter der Woche fünf und am Wochenende zwölf Stunden Schlaf pro Nacht, das funktioniert nicht bei Migränikern!“, sagt Holle-Lee und berichtet von ihrer Arzthelferin, die sonnabends und sonntags gerne lange ausschlief. „Prompt hatte sie immer am Wochenende Migräne“, sagt Prof. Holle-Lee, „jetzt steht sie um 9 Uhr auf, und die Attacken haben nachgelassen.“ Dass kleine Veränderungen Großes bewirken können, weiß Holle-Lee aus eigener Erfahrung: „Ich muss zugeben, dass ich ein großer Fan von nicht-medikamentösen Maßnahmen bin“, sagt sie. Auch sie konnte ihre Migräneanfälle durch Ausdauersport und einen regelmäßigen Schlafrhythmus deutlich reduzieren. „Aber ohne eine Änderung des Lebensstils können auch die besten Medikamente nichts bringen!“

SUSAN JUNGHANS-KNOLL

lifeline.de/kopfschmerzhilfe Hier finden Sie viele nützliche Tipps und wirksame Hausmittel gegen Kopfweh

Die App bei Migräne

Mit digitaler Unterstützung die Häufigkeit der Kopfschmerz-Attacken verringern

Migraine Buddy, M-sense oder einfach Migräne App. Es gibt eine ganze Reihe von Kopfschmerz-Helfern in den App-Stores, mit denen sich per Smartphone Symptome erfassen und Anfälle in einem digitalen Schmerztagebuch dokumentieren lassen. Einige Apps fügen zum Beispiel automatisch mögliche Auslösefaktoren wie Wetterdaten hinzu, schlagen Übungen zur progressiven Muskelentspannung vor und liefern Kontaktdaten von Kopfschmerz-Experten.


FOTOS: RECKER/RAMSPOTT/GETTY IMAGES (2)[M], FRANK LOTHAR LANGE

FOTOS: OMEROVIC/KELLY/ARDEN/GETTY IMAGES (5)