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Nie wieder unterschätzt und ignoriert


founders magazin - epaper ⋅ Ausgabe 26/2021 vom 30.06.2021

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Bildquelle: founders magazin, Ausgabe 26/2021

Eigentlich kam Ricarda Farnbacher für ein Politologie-Studium nach Berlin, weil eine Freundin meinte, die Stadt würde ihr total gefallen, und tauchte in das wilde Hauptstadtleben ein. Heute führt sie eines der gefragtesten Event- und Catering- Unternehmen in Berlin, gehört zu den Top 10 der Catering-UnternehmerInnen deutschlandweit und betreut mit ihrem Team Kunden wie Moët-Chandon, Zalando, Daimler AG, eBay, Google und andere namhafte Unternehmen.

Warum haben Sie sich für die Selbstständigkeit entschieden?

Ich wurde in jungen Jahren als Kellnerin in einem angesagten Biergarten in München nach Umsatz bezahlt. D. h. wenn ich viel verkauft habe, habe ich viel verdient. Das fand ich ein gutes Modell – ich wurde für Leistung direkt entlohnt. Und ich war schnell und hatte meistens den höchsten Umsatz im Team. Doch da musste ich rennen für mein Geld. Dazu habe ich immer gedacht, warum hole ich für den Chef das Geld rein, wenn es meines sein könnte. Da kamen noch ein paar mehr Stationen dazu, aber ich habe mit 16 das Gleiche gedacht wie mit 25. Also war es klar, dass ich mein Glück erstmal auf eigene Faust versuche.

Welche Hürden und Stolpersteine gab es auf Ihrem Weg bis heute?

Ich war Praktikantin beim Radio und ich war erstaunt, dass eine Person wie ich nicht gesehen wird. Keiner hat sich für mich interessiert. Ich konnte noch so gute Vorschläge machen oder Interviews abstauben. Das hat mich ziemlich gekränkt und mir war klar, dass ich für meine Leistung bezahlt, wahrgenommen und ernst genommen werden will. In meinem Beruf als Eventmanagerin und Catererin habe ich selten das Gefühl, dass ich unterschätzt werde. Da habe ich sehr schnell großen Zuspruch erhalten.

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Was waren Ihre beruflichen Meilensteine in den letzten Jahren?

Die erste große Überwindung hat es mich gekostet, meinen ersten Mitarbeiter einzustellen. Ich wusste nicht, was ich bezahlen kann und auch generell war es für mich Neuland, ein Team zu bilden. Von Auftrag zu Auftrag wurde ich dann sicherer und zwei Jahre später hatte ich schon viele Angestellte mehr und hab mich viel unabhängiger als am Anfang gefühlt. Das hat mir viel Kraft und Power gegeben, plötzlich ein ganzes Team hinter mir zu haben, das mich unterstützt. Vier Jahre später hatte ich ein festes Team bestehend aus 20 Personen und mein Umsatz hatte sich verzehnfacht.Da war ich kurz vor dem Höhenflug.

Gab es in Ihrer Vergangenheit größere Krisen, die Sie zu bewältigen hatten und was haben Sie daraus gelernt?

Es gab und gibt in meinem Leben sehr große Krisen. Ich habe gelernt, dass die Ampeln dennoch auf grün schalten, die Sonne dennoch strahlt und auch die Vögel nicht vom Himmel fallen, weil es mir schlecht geht. In Deutschland haben die Menschen und Familien so viel mit sich selbst zu tun, dass man sich bei großen Krisen extrem auf sich selbst verlassen muss!

»Tue, was du liebst und steh dazu. Bleib integer und arbeite nicht umsonst. «

Was würden Sie Gründerinnen und Gründern heute mit auf den Weg geben?

Tue, was du liebst und steh dazu. Bleib integer und arbeite nicht umsonst. Wenn-Dann-Überlegungen bringen oft Arbeit, aber kein Geld und keine Anerkennung mit sich. Umsonst kann man sich zu Grunde arbeiten. Für umsonst wollen einen alle haben! Bei mir gibt es nur Deals! Die dürfen gut für den anderen sein, doch für mich muss es immer stimmen.

Gab es Grenzen, die Sie gespürt haben, weil Sie eine Frau sind?

Hin und wieder haben Männer mich für den Erstkontakt genutzt und haben dann den Deal direkt mit dem Geschäftsführer gemacht, ohne dass ich darüber informiert oder finanziell beteiligt wurde. Diese Leute habe ich sofort von meiner Liste gestrichen und den Kontakt abgebrochen. Generell habe ich in Berlin mit strategischen Partnern sehr gute Erfahrungen gemacht.Da wurde ich oft von Männern unterstützt! Dass Männer gern mit Frauen arbeiten, höre ich in unserer Branche öfter – mir wurde berichtet, dass ein Haufen Männer untereinander oft mehr Unruhe bringt, als wenn sie Geschäfte mit Frauen machen. Generell bin ich allen Geschlechtern gegenüber offen und erwarte das auch von meinem Gegenüber. Mir ist nur eines wichtig: Solidarität und Transparenz.

Muss man als Frau in der Geschäftswelt besonders stark sein?

Ja, als Frau muss ich stark sein. Das ist aber auch von Männern gewünscht. Ich finde generell, dass Unternehmerinnen in Deutschland viel abverlangt wird. Als Frau und Mutter musst du besonders organisiert sein. Generell ist es in Deutschland schwer, wenn man sensibel und nicht stressresistent ist. Das kann in der Arbeitswelt keiner verstehen, da braucht man ein dickes Fell. Ich gehe davon aus, dass Frauen wie Männer von den Behörden gleich behandelt werden. Und für mich ist die Bürokratie als Unternehmerin das Härteste, was ich zu ertragen und verkraften habe. Dazu gibt’s für Unternehmer wie Unternehmerinnen keine Kinderkranktage, keine Arbeitslosengeld oder ein staatliches Auffangnetz. Da gibt es nur das, was du selbst erreicht hast. Dafür hat man sich entschieden, da muss man Erfolg haben oder es verkraften, wenn es nicht klappt, als Frau und als Mann. So einfach ist es.

»Generell bin ich allen Geschlechtern gegenüber offen und erwarte das auch von meinem Gegenüber. Mir ist nur eines wichtig: Solidarität und Transparenz.«

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich arbeite auf eine sehr persönliche Weise, da ich viel an der Front dabei bin und auch mitbekomme, wie es meinen Mitarbeiter- Innen geht. Da gibt’s Umarmungen, aber auch mal Ärger. Erstaunlicherweise ist bei mir im Unternehmen die Fluktuation der Angestellten geringer als in der Branche üblich. Eventuell liegt es gerade an diesem Stil. Meine MitarbeiterInnen bekommen Lob, müssen aber auch ehrliche Kritik einstecken können. Bei mir weiß man immer, ob ich zufrieden bin oder nicht. Tatsächlich bin ich ziemlich genau, das kann bestimmt auch mal nerven, geht aber nicht anders. Denn ich verantworte schlussendlich unsere Arbeit.

Würden Sie heute rückblickend Ihre Karriere anders gestalten?

Natürlich gibt es auch Phasen, in denen ich alles in Frage stelle. Während der Pandemie habe ich öfter darüber nachgedacht, ob ich als Angestellte nicht besser dran wäre. Ob ich eventuell gar nicht für so viel Selbstverantwortung gemacht bin. Aber dennoch denke ich, dass solche Fragen nichts bringen, denn ich lebe nicht in der Vergangenheit und kann die Zeit auch nicht zurückdrehen. Man kann sich immer verändern, wenn es nicht mehr passt. Ich zitiere da manchmal den Schriftsteller Thomas Bernhard, der sinngemäß sagt:„auf der Reise bin ich glücklich, wenn ich ankomme, will ich eigentlich gleich wieder zurück.» Dieser Satz könnte von mir sein! Daher bin ich in meiner Branche schon gut aufgehoben – da ist ohne Pandemie eigentlich immer alles im Fluss. Der Job ist eine ständige Reise!

Wie motivieren Sie in Krisenzeiten Ihre MitarbeiterInnen?

Wir reden viel. Ich versuche, allen klarzumachen, dass keiner was für diese Situation kann. Ich versuche, jedem seinen Freiraum einzuräumen und auch Ängste und Sorgen zu verstehen. Das ist zeitaufwändig und auch nicht immer einfach. Denn aktuell kann man nicht einfach auf Routinen zugreifen. Sondern wir mussten unsere Arbeitszeiten aus Kostengründen extrem minimieren, es gibt wenig direkten Kontakt und die MitarbeiterInnen arbeiten nicht mehr in den für sie bekannten Bereichen. Dazu gibt es aufgrund von Kurzarbeit weniger Gehalt. Das ist eine riesige Umstellung und macht nicht jeden glücklich.

Was hat die Corona-Krise besonders in Ihrem Business deutlich gemacht?

Dass man als UnternehmerIn nicht immer was für Umsatzeinbrüche kann. Dass die Kurve nicht immer steil bergauf geht. Dass die Entscheidungen, die man während dieser Pandemie trifft, reine Spekulation sind und man selbst entscheiden muss, wann Schluss ist. Für den einen zählen da konkret die Zahlen, für den anderen hängt vielleicht das Lebenswerk dran.

Mir hat es gezeigt, dass ich klarkomme, wenn mein Schiff eine Zeit lang ohne Kurs übers Wasser fährt. Glücklich macht es mich nicht. Ich kann auch der vermeintlichen Entschleunigung und den Zuschüssen vom Staat nichts abgewinnen. Das ist natürlich gut zu haben, ich will mein Geld aber lieber selbst verdienen und mir gern dann freie Zeit nehmen, wenn ich es will. Eine gute Erkenntnis hat mir Corona doch gebracht: Viele UnternehmerInnen haben mir gesagt, sie konnten nachdenken und wollen vieles ändern. Mir geht’s da anders. Nach gefühlt einem Jahr im Lockdown habe ich gemerkt, dass ich gar nicht viel ändern will und freue mich drauf, so weiterzumachen wie vorher. Das gibt mir Kraft und zeigt mir, dass ich nicht dauernd alles ändern muss, wenn ich zufrieden mit mir und meiner Arbeit bin!

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»Für den einen zählen da konkret die Zahlen, für den anderen hängt vielleicht das Lebenswerk dran. Mir hat es gezeigt, dass ich klarkomme, wenn mein Schiff eine Zeit lang ohne Kurs übers Wasser fährt.«

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