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NO CALL TO ACTION?


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 01.11.2021

KRITIK IM DIALOG

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Ölmagnat J. Arnold Ross (Wolfram Koch) allein im Sessel. Im Hintergrund links streikt seine Arbeiterschaft, gebildet aus dem Schauspielensemble des Abends samt Bühnentechnikern und Souffleuse

ANDREAS FALENTIN Upton Sinclair, auf dessen Roman „Öl!“ die Aufführung basiert, die wir gerade gesehen haben, war nicht nur Autor, sondern auch Sozial- und Politaktivist. Besonders setzte er sich gegen Ausbeutung in Arbeitsverhältnissen ein. Dennoch war er für viele Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika ein lebenslanges Feindbild. Hier steckt vielleicht eine Parallele zu Ihrer Partei, Herr Borhani. Auch die Grünen müssen ja seit ihrer Gründung 1980 immer wieder mal als massentaugliches Feindbild herhalten, zuletzt als „Verbotspartei“.

BEHZAD BORHANI Man hat immer Angst vor Veränderungen, vor dem Unbekannten. Und es ist bequem, in der eigenen Box zu bleiben. Das verstehe ich, aber es hat in letzter Zeit besondere Auswüchse angenommen. Zum Beispiel, wenn ich jetzt auf Facebook und in Gesprächen überwiegend damit beschäftigt bin, Leuten zu erklären, dass es nicht stimmt, was ...

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... wir angeblich alles verbieten wollen, von Antibiotika-Behandlung für Haustiere bis hin zu Urlaubsreisen. Das Fake-Narrativ ist: „Die Grünen wollen euch eure Freiheit wegnehmen.“ Richtig ist, dass wir vieles massiv verändern müssen, um uns unsere Freiheit zu bewahren. In diesem Zusammenhang vor einem „Linksrutsch“ zu warnen ist in meinen Augen unverantwortliche politische Kommunikation.

ANDREAS FALENTIN Auch in Jan- Christoph Gockels Theaterumsetzung von „Öl!“ geht es wesentlich um Narrative. Die Hauptfiguren sind hier allerdings eher besessen von ihren eigenen Erzählungen. Für J. Arnold Ross geht es nur um Öl. Um „Ölmann“ sein zu können, scheut er keine Lüge und kaum ein Verbrechen. Sein Sohn Bunny sieht sich als guten Menschen. Gleiches gilt für die Geschwister, die Ross beim Verkauf ihres ölhaltigen Landes über den Tisch zieht. Für den Prediger Eli gibt es nur die Religion, Paul sieht sich als Arbeiter im Klassenkampf. Und jeder setzt sich selber absolut, vielleicht außer Bunny, der oft nachgibt und dadurch etwas klein wirkt.

BEHZAD BORHANI Und das alles ist so ins Groteske getrieben, dass hier wirklich etwas erzählt wird über unsere heutige Gesellschaft. Ich bin vor heute Abend lange nicht im Theater gewesen und muss jetzt erst mal diese vielen verschiedenen Eindrücke verarbeiten. Allein die Tatsache, dass neben mir der Platz nicht frei ist. Auf der Bühne gab es so viele unterschiedliche Mittel, so viele Ausdrucksebenen. An vielen Stellen fühlte ich mich eingeladen, dabei zu sein, wurden mir Projektionsflächen angeboten, was ich sehr schön fand. Etwa, wenn der Kameramann im Rollstuhl auf das Auto zurast und wir die Entstehung eines Crashs auf zwei Ebenen gleichzeitig erleben. Wenn am Ende die Bankentürme einstürzen wie in „Fight Club“ oder wenn Paul in mit Flammen verzierten Stiefeln auftritt wie früher der Wrestler Bam Bam Bigelow …

ANDREAS FALENTIN … den ich zum Beispiel gar nicht kenne. Es stimmt, es wird auf sehr vielen Ebenen erzählt. Sowohl der erste als auch der zweite Teil beginnen mit einem Livefilm. Am Anfang kommen Ross und Bunny mit einem alten Ford sozusagen live auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Theater an und gehen über den roten Teppich wie zu einer Filmpremiere. Nach der Pause sitzt die ganze Besetzung im Foyer. Und hier verstehe ich die Kostüme und Masken nicht. Die gehen in Richtung Stummfilm und Expressionismus. Was mich stört, ist die Uneinheitlichkeit im Spiel, mal distanziert, mal identifikatorisch, dann wieder irgendetwas dazwischen, dann wieder ein symbolisches Bild oder eine Musikeinlage.

BEHZAD BORHANI Der Ballettdirektor in Gießen hat oft zu mir gesagt: „Du musst nicht alles verstehen, was auf der Bühne passiert.“ (lacht) Betrachten wir es mal von der politischen Ebene: Stücke wie dieses wollen uns anregen, uns zum Nachdenken bringen. Aber hier ist es genau wie in der politischen Kommunikation. Es bringt uns nichts, viele kleine Bilder zu machen, mit denen jeder etwas anfangen kann, in denen aber keine große Erzählung steckt. Ich gehe hier vielleicht raus und weiß ein bisschen mehr, fühle mich vielleicht auch in meinem Urteil über das eine oder andere bestärkt.

Aber es gibt keinen „Call to Action“-Moment, ich gehe hier nicht raus und sage: „Stimmt! Genau das müssen wir, muss ich ändern.

Jetzt!“ Und das Problem haben wir in der Politik genauso. Auch uns fehlt es an den großen Bildern, die die Leute dazu bringen, für sich zu beschließen, etwas zu ändern.

Ich finde, dieser Abend hat viele sehr gute Regieeinfälle, aber als Ganzes zu wenig Dynamik. Dazu kommt, und das ist natürlich ganz subjektiv: Ich bin kein Freund von allzu viel Klamauk auf der Bühne. Ich finde, das ist ein schmaler Grat. Da geht zum Beispiel Wolfram Koch während der Streikszene mit dem Mikrophon nach vorn und sagt: „Wenigstens ist der Ton noch da!“, und ich weiß: In diesem Moment geht das Mikro aus. Wenn etwas so vorhersehbar ist, schadet das für mich der Qualität, auch inhaltlich.

ANDREAS FALENTIN Ja, das war ein schwacher Moment. Den Streik an sich fand ich aber sehr stark. Paul und die Arbeiter setzen sich gegen Ross alias Wolfram Koch zur Wehr. Das wird dadurch gezeigt, dass das Ensemble samt Technikern und Souffleuse lange mit Pappschildern am Rand sitzt – und einfach nichts macht. Einfach ruhig ist. Das war schon etwas Besonderes, fand ich. Und weil ja eigentlich immer mehrere Ebenen da sind, habe ich mich gefragt, ob hier bewusst und absichtlich ein Bezug auf die Situation der Arbeitnehmer am Theater hergestellt wird, auf die Diskussion etwa über den NV Bühne und um prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

BEHZAD BORHANI Bei mir kam das nicht rüber. Das erscheint mir zu konstruiert. Aber an diesem Abend muss man ja generell viel Phantasie mitbringen, um die verschiedenen Ebenen gleichzeitig zu denken.

ANDREAS FALENTIN Upton Sinclairs Roman ist ja unverhüllte Kapitalismuskritik. Die Reichen besitzen die Ressourcen, hier: das Öl, und lassen alle anderen nicht hochkommen. Ist das nicht generell das Problem kapitalistischer Gesellschaften? Wie sehen Sie das als Grünen-Politiker?

BEHZAD BORHANI Ich bin sehr für die soziale Marktwirtschaft. Und ich glaube, dass Demokratie keine perfekte, aber die beste mögliche Staatsform ist. Ich glaube aber, wenn Kapitalismus funktionieren soll, müssen klare Rahmenbedingungen gesetzt werden. Zentraler Zweck eines Marktes ist ja Wachstum, das Generieren von immer mehr Profit. Und hier muss Politik klare Regeln haben, die lenken, aber nicht einschränken, sodass der freie Markt sogar zum Transformationstreiber werden kann.

Und wir müssen immer den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Denn: Geht es um bestimmte Arbeitsplätze oder darum, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können? Wenn wir alles nur unter einem BWL-Aspekt sehen und Deutschland als ein Unternehmen beschreiben, verkennen wir die Realitäten.

„Und das Problem haben wir in der Politik genauso. Auch uns fehlt es an den großen Bildern, die die Leute dazu bringen, für sich zu beschließen, etwas zu ändern.“

Behzad Borhani

ANDREAS FALENTIN In „Öl!“ erleben wir nicht nur Kapitalismus ohne Regeln, sondern auch eine Gesellschaft ohne jede Solidarität.

BEHZAD BORHANI Selbst die, die auf solidarisch machen, verfolgen ihre eigenen Interessen. Das finde ich sehr gut gemacht. Im heutigen Leben braucht es ja auch häufig die Notsituation, damit sich die Menschen solidarisch verhalten.

ANDREAS FALENTIN Wie aktuell nach der Flutkatastrophe in der Eifel und im Ahrtal.

BEHZAD BORHANI Ja, aber auch 2015 ist mir das aufgefallen, während der Flüchtlingskrise. Wenn Menschen dort und sofort helfen können, wo es auch greifbar ist, sind alle da. Aber für die langfristige, schwer abzubildende Aufgabe der Integration haben sich viel weniger Menschen zur Verfügung gestellt. Dabei ist das der eigentlich schwierige Prozess. In „Öl!“ ist es ja ganz ähnlich. Es werden nie gemeinsam längerfristige Perspektiven entwickelt.

ANDREAS FALENTIN Ein anderes Thema – oder Wortfeld –, das immer wieder thematisiert, auf das immer wieder angespielt wird in „Öl!“, ist „Fortschritt“.

BEHZAD BORHANI Ich finde viele unterschiedliche Haltungen zu und Definitionen von Fortschritt in der Aufführung, etwa zum Thema Mensch und Maschine, was ja auch durch die Anspielungen auf den Film „Metropolis“ immer wieder thematisiert wird. Aber das wird nicht diskutiert und zusammengeführt.

ANDREAS FALENTIN So ging es mir auch mit einigem anderem. Ich konnte etwa die Filmebene nicht einordnen, die ja auch inhaltlich eine Rolle spielt. Natürlich spiegelt sich darin alles Mögliche, wird brillant auf Filme angespielt, aber ich verstehe nicht, was diese Ebene für diesen Theaterabend leistet.

BEHZAD BORHANI Die komplett gefilmten Szenen fand ich dagegen sehr gelungen. Die Dialogszenen nach der Pause etwa habe ich begriffen als Konfrontation von Wirtschaft und Religion oder Politik und Religion. Da gab es Momente, wo die Assoziationen sprießen, bis hin zu den Kurfürsten und den Fuggern. Es bleiben aber immer Fetzen, immer nur ein kurzes Aufblitzen, und dann kommt schon das nächste Bild. Auch die musikalischen Einlagen fand ich irritierend, weil ich sie nicht gut in das Geschehen einordnen konnte. Die Regie hat es für mich nicht geschafft, all diese Ansätze und Momente zu einer Haltung zusammenzuführen.

ANDREAS FALENTIN Genau. So bleibt es ein Parcours. Wir springen über Hindernisse und erfreuen uns an der Überquerung.

BEHZAD BORHANI Es gab viele sehr schöne Momente. Einen aus dem Schlussteil möchte ich noch aufgreifen. Da wurde ja der alte Ross sektiererisch.

Das manifestiert sich in dem Satz „Gott ist tot und er wird zu Licht“. Am Anfang hat er ja mit Religion gespielt, um seine Interessen durchzusetzen, sogar selbst eine Offenbarung erfunden. Im zweiten Teil glaubt er selbst, ist seine kapitalistische Sichtweise zur Obsession, fast zur Religion geworden.

ANDREAS FALENTIN Das ist sehr intensiv. Gerade, wenn er dann rausgeht, den Theatervorplatz – wieder im Livefilm – aufhackt und glaubt, auf Öl zu stoßen. Die Profitgier hat ihn durchdrehen lassen. (Wer denkt da nicht beispielsweise an unsere Autobosse?) Ross hat die Distanz verloren, zu sich selber. Es geht ja viel ums Zuschauen in der Inszenierung, um die Distanz, die man sich erhält und die man gewinnt, indem man zuschaut. Das ist ein Thema der Aufführung. Wer diese Distanz verliert, ist verloren. Das ist eine Geschichte, die meiner Meinung nach konsequent erzählt wird an diesem Abend.

BEHZAD BORHANI Das stimmt. Für mich war es einfach sehr schön, wieder mal im Theater zu sein, das für mich ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Dialogs ist, obwohl wir auch im Theater zu einer Konsumhaltung gelangt sind.

Wir gehen hin, konsumieren und gehen wieder nach Hause. Das Schönste am Theater war für mich immer, mich nach der Vorstellung mit jemandem auszutauschen. „Wie hast du das gesehen?“ Die Perspektiven vergleichen und vielleicht synchronisieren. Das muss wieder mehr stattfinden. So wie jetzt bei uns über diese ungewöhnliche Premiere.

Postscriptum: Auf dem Weg durchs Foyer nach der Vorstellung bleibt Behzad Borhani stehen und sieht aus dem Fenster. Man muss nah an die Scheiben treten und den Kopf in den Nacken legen, um die Bankhochhäuser ganz zu sehen. Borhani lächelt: „Das hier ist für mich das Bild für das aktuelle Verhältnis von Wirtschaft und Kultur in unserer Zeit.“

UNSER GESPRÄCHSPARTNER

BEHZAD BORHANI, geboren 1984 im Iran, lebt seit 1990 in Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und deutsche Literaturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Von 2004 bis 2021 war er in verschiedenen Funktionen für das Stadttheater Gießen tätig, unter anderem als Leiter der Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation, Vernetzung und Sonderveranstaltungen. Zusätzlich engagierte er sich in mehreren Sportverbänden. Behzad Borhani kandidierte für Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl 2021. Er ist Lehrbeauftragter an der Justus-Liebig-Universität und Träger der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland.