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NORWEGEN: HARDANGERVIDDA: SCHWERES WASSER


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 121/2018 vom 23.11.2018

Wenn die Hardangervidda sprechen könnte, wären die Geschichten abendfüllend. Sei es die Herstellung von Bauteilen für Atombomben, Angriffe norwegischer Widerstandskämpfer, oder – weniger dramatisch – die unzähligen Fänge von Bachforellen und Saiblingen. Noch heute lockt das Fjell in Zentralnorwegen Angler und Wanderer auf seine Pfade zwischen Moosen und Flechten.


Artikelbild für den Artikel "NORWEGEN: HARDANGERVIDDA: SCHWERES WASSER" aus der Ausgabe 121/2018 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blinker, Ausgabe 121/2018

Wasser gibt es in der Hardangervidda zuhauf. Und überall wimmelt es von Fischen.


„DER WIDERSTANDSKÄMPFER HAUKELID BRACHTE EINE SPRENGLADUNG AN UND VERSENKTE DIE FÄHRE.“


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Nicht riesig, aber farbenfroh: ein Fjell-Saibling.


Dort, am Rande des Plateaufjells, spielte sich am 18. Februar 1944 ein Ereignis ab, das den Nationalsozialisten einen schweren Schlag versetzte und ihre Hoffnungen auf den Bau einer Atombombe zunichte machen sollte. Dafür wird sogenanntes „Schweres Wasser“ benötigt, das mit dem Isotop Deuterium angereichert ist. Die Produktion von Schwerem Wasser durch Wasserelektrolyse ist extrem zeitaufwändig und wurde vor 70 Jahren in größeren Mengen nur in dem norwegischen Kraftwerk Vemork bei der Ortschaft Rjukan in der Provinz Telemark am Rande der Hardangervidda hergestellt – als Abfallprodukt der Herstellung von Ammoniak. Schon vor der Besetzung Norwegens durch die Deutschen zeigten die Nazis ihr Interesse an der Fabrik und gaben ein Kaufangebot für Schweres Wasser ab. Sie benötigten es dringend für ihr Uranprojekt, in dem sie die Kernspaltung erforschten und den Bau einer Atombombe vorantreiben wollten. Die Norweger lehnten das Angebot ab, da sie über die französische Regierung von dem Vorhaben der Deutschen erfahren hatten. Unmittelbar nach Besetzung Norwegens forcierten die Nazis die Produktion des Schweren Wassers massiv. Nach mehreren Sabotageakten und Bombardierungen der Alliierten beschlossen die Deutschen, 500 Kilogramm schweres Wasser möglichst zügig nach Berlin zu transportieren. Am 18. Februar 1944 wurde das Schwere Wasser auf die Eisenbahnfähre Hydro verladen, die den langgestreckten Tinnsjoen überqueren musste. Der norwegische Widerstandskämpfer Knut Anders Haukelid sabotierte diese gefährliche Fracht, indem er in der Nacht zum 18. Februar 1944 Sprengladungen am Schiff anbrachte und die Fähre über einer der tiefsten Stellen des Sees (bis zu 400 Meter) versenkte. Durch diese mutige Tat, bei der leider auch viele Zivilisten starben, verhinderte ein Norweger, dass den Deutschen doch noch der Bau einer Atombombe gelang. Unser Guide Jan-Peter Røisgaard erzählte uns diese abenteuerliche Geschichte, als wir an genau diesem wunderschönen See entlangfuhren.

AUF IN DIE HARDANGERVIDDA

Seit vielen Jahren träumte ich schon davon, einmal auf dieser norwegischen Hochebene zu wandern und dort vor allen Dingen mit der Fliege gezielt auf Bachforellen zu fischen. So viele Geschichten hatte ich schon über diese karge Landschaft und ihre rotgepunkteten Bewohner gehört und gelesen. Und jetzt stand ich am Bug eines kleinen Motorbootes, das als Fähre auf dem See Mär fungierte, dachte an die vielen mutigen Widerstandskämpfer, die für ihre Überzeugung gestorben waren, und blickte aufgeregt der Hardangervidda entgegen. Was für ein unbeschreibliches Gefühl! Nach rund zweieinhalbstündiger Fahrt war es endlich soweit und mein Freund Gustavo, unser Guide und ich betraten die Hardangervidda bei dem kleinen Naturhafen Mårbu. Was ursprünglich als Anlaufstelle für zwei Nächte gedacht war, entpuppte sich später als unser Basislager – die Full-Service-Cabin Mogen, die nur einen kurzen Fußmarsch von der Anlegestelle der Fähre entfernt liegt. Eigentlich wollten wir von dort aus zu Fuß verschiedene Hütten anlaufen, um an unterschiedlichen Gewässern unser Glück zu versuchen. Doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung: Eisiger Regen peitschte an die Fenster, als wir im Warmen in der Hütte saßen und die nächsten Tage planten. Während ich nervös hinausblickte und mich an einer Bierdose festhielt, schmunzelte unser Guide nur und meinte: „Matthias, keine Angst, das ist doch nur Wasser und ein bisschen Wind.“ Wenn der wüsste, dass ich eigentlich mit einer 4er Rute fischen möchte, würde er nicht so leicht daherreden, dachte ich noch und machte es mir am warmen Kamin gemütlich.

SO WEIT DIE FÜSSE TRAGEN

Kaum war das Frühstück nach einer sehr kurzen und unruhigen Nacht verschlungen, machten wir uns auch schon zu Fuß auf den Weg zu einem rund sechs Kilometer entfernten See, der Bachforellen bis zu fünf Kilo beherbergen sollte. Schnell wurde mir nun auch klar, warum sich unser Guide Jan-Petter nicht ums Wetter scherte: a) Er war deutlich besser ausgerüstet als wir, was seine Klamotten betraf, und b) er packte eine Tele-Spinnrute in seinen Rucksack, die locker ein Wurfgewicht von 60 Gramm besaß! Schnell gingen wir den Weg an, fröhlich schwatzend, die Köpfe gegen den Starkwind und Regen gesenkt, und bahnten uns unsere Wege über ein unwirtliches Gelände aus Gesteinsbrocken, Flechten und Moosen. Marschierten wir anfangs noch alle dicht beisammen, lichteten sich die Reihen bereits nach drei Kilometern. Von da an ging jeder seinen Weg. Der eine, Jan-Petter, schnell und trittsicher, Gustavo, schimpfend und mit sich hadernd – und ich, langsam und vorsichtig. Dass uns noch ein über 70 Jahre alter Norweger mühelos auf dem steinigen Weg zum See überholte, sei hier nur am Rande erwähnt. Auf jeden Fall drillte er bereits seine erste Bachforelle, als wir endlich am Seeufer auftauchten. Nach zwei, drei ereignislosen Stunden traf man sich beim Feuer zum Lunch. Unser Norweger, der sich als Lloyd vorstellte, hatte inzwischen vier Salmoniden mit Sbirolino und Fliege erwischt, war dementsprechend also zufrieden und in geselliger Stimmung. Gustavo und ich waren noch ganz entspannt und freuten uns schon auf den Abendsprung. Doch der fiel leider wortwörtlich ins Wasser, da ein Wolkenbruch einsetzte, der uns trotz Regenkleidung bis auf die Haut durchnässte. Um es mit Lloyds Worten zu sagen: „Lasst uns gehen, morgen ist auch noch ein Fischtag.“ Wir schlossen uns dem sympathischen Norweger an, der, wie sich herausstellte, auch bei uns in der Hütte wohnen sollte. Da war natürlich klar, womit wir den Rest des Abends und die halbe Nacht verbringen würden. Es wurde über die richtigen Fliegenmuster diskutiert, riesigen Fischen nachgetrauert, die sich kurz vorm Landen verabschiedet hatten, und wir durften viele Traumforellen auf Lloyds Smartphone bestaunen, die er auf der Hardangervidda bereits gefangen hatte.

Trotz seiner über 70 Jahre fängt Norweger Lloyd noch kapitale Forellen in der Hardangervidda.


„SBIRO UND FLIEGE BRINGEN AUCH AN SCHWIERIGEN TAGEN FISCHE AN DEN HAKEN.“


Reich gedeckt: Köcherfliegen findet man unter fast jedem Stein.


Selbst zubereitete, frisch gefangene Saiblings-Koteletts: absolut lecker!


ES KAM NOCH SCHLIMMER

Die Temperatur sank nachts auf den Gefrierpunkt und schaffte tagsüber gerade noch die acht Grad Celsius. Und die Fische waren auch nicht in Beißlaune. So bekam der Begriff „Schweres Wasser“ eine weitere Bedeutung. Obwohl diese Tour für uns so frustrierend endete, möchte ich Ihnen trotzdem die Hardangervidda ans Herz legen. Ich kenne kaum eine Landschaft, die so beeindruckend in ihrer Kargheit ist. Die Weite ist überwältigend und die Fischerei an guten Tagen unvorstellbar. Ich habe selten so viele große und wilde Bachforellen auf Fotos gesehen – und ich habe in den letzten 40 Jahren rund um den Globus mit der Fliege gefischt. Die norwegische Hochebene ist launisch und bietet Anglern nur ein kleines Zeitfenster von Mitte Juni bis Ende August – ansonsten können Sie sich dort nur auf Skiern fortbewegen. Wie ein Netz umspannen die bewirtschafteten Häuser und die Hütten für Selbstversorger das Hochfjell. Mit etwas Glück wandern Sie dann in einer traumhaften Landschaft von Gewässer zu Gewässer und fangen Bachforellen und Saiblinge. Auch ich werde wiederkommen – aber diesmal will ich nichts dem Zufall überlassen. Selbstverständlich werden in meinem Gepäck neben warmen Regenklamotten auch zwei Fliegenruten mit von der Partie sein – allerdings keine Klasse 4 mehr. Ich würde mich heute für Ruten ab Klasse 6 entscheiden. Sicher ist sicher.

CHECKLISTE – DAS MUSS MIT!

Folgende Dinge brauchen Sie, damit Ihr Trip auf die Hardangervidda ein voller Erfolg wird:

► warme, windfeste Kleidung

► Regenbekleidung

► gutes Schuhwerk (Wanderschuhe)

► Mückenschutzmittel

► Sonnenschutzmittel (wenn die Sonne scheint, glühen abends der Nacken und die Nase)

► Rucksack, zum Transport von Lebensmitteln, Kleidung, Rollen und Köder

► atmungsaktive Wathose (kann mit, muss nicht!)

► Fliegenruten der Klasse 5/6

► Vorfachspitzen (0,20 Millimeter)

► Tele-Sbirolinorute (3,60 Meter)

► Stationärrolle mit 200 Meter Hauptschnur (max. 0,23 Millimeter)

► Fliegenimitate von Köcherfliegen in Grau und Braun

► Fliegenimitate der March Brown

► Fliegenimitate von Mücken

► Fliegenimitate von Kleinfischen

► schwimmende Sbirolinos

Die Hardangervidda liegt nordwestlich von Oslo. Mit 35.000 Tieren lebt hier die größte wilde Rentierherde Nordeuropas. Die Hochebene ist mit dem Auto in rund zwei Stunden von der norwegischen Hauptstadt aus erreichbar. Wenn Sie das erste Mal auf dieses norwegische Fjell fahren, sollten Sie sich auf jeden Fall einen Guide mitnehmen – ansonsten verlaufen Sie sich schnell und finden womöglich nicht die richtigen Gewässer. Ich kann Ihnen unseren Guide Jan-Petter Røisgaard nur ans Herz legen. Er kümmert sich rührend um seine Gäste und ist 24 Stunden für Sie unterwegs. Info: www.uvdal.no • E-Mail: post@uvdal.no
Erlaubnisscheine zum Fischen erhalten Sie direkt vor Ort in den Full-Service-Cabins. Die Zweitageskarte kostet pro Person 20 Euro. Übernachtungen im Einzelzimmer schlagen mit 65 Euro pro Tag zu Buche. Ein umfangreiches Frühstück gibt es für 13 Euro, Abendessen für 36 Euro (alle Preise aus 2017).
Weitere Informationen zu Land und Leuten erhalten Sie über das Norwegische Fremdenverkehrsamt Innovation Norway: Caffamacherreihe 5 • 20355 Hamburg Tel.: 040/2294150 • www.visitnorway.com

Die Hardangervidda ist das größte Naturschutzgebiet Norwegens.


Solche Hütten sind gemütlich und bestens zum Übernachten geeignet.

FOTOS: M. SIX, G. SERRANO-SMETHURST

FOTOS: M. SIX, B. O. CLARKE

FOTOS: M. SIX, B. O. CLARKE

FOTOS: M. SIX, B.O. CLARKE, KARTEN: OPENSTREETMAP