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Notre-Dame nach dem Feuer


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 25.03.2022

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 4/2022

Klaffende Wunde: Im April 2019 setzte das Feuer den Vierungsturm auf der Kathedrale in Brand. Der Blick von oben zeigt verkohlte Eichenbalken, die in das Loch ragen, das er bei seinem Sturz durch die steinernen Gewölbe gerissen hat. Die Trümmer zerstörten einen modernen Altar.

Die Feuersbrunst von 1831 verschonte die Kathedrale selbst. Die Aufrührer kletterten auf das Dach und stürzten ein riesiges Eisenkreuz hinab.

Sie schlugen Buntglasfenster ein, traktierten eine Jesus-Statue mit Äxten, zerschmetterten eine Statue der Jungfrau Maria. Eigentlich waren sie hinter dem Erzbischof von Paris her, doch der war abwesend. Also plünderten sie seinen Palast an der Südseite der Kathedrale und setzten ihn dann in Brand. Den Palast gibt es heute nicht mehr. Wo er einst stand, ragt ein 75 Meter hoher Baukran in den Himmel.

Eine Skizze zeigt die Ereignisse jener Nacht des 14. Februar 1831. Gezeichnet hat sie Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc – der Mann, der 13 Jahre später eine 20 Jahre dauernde Restaurierung der Kathedrale in Angriff nehmen sollte. Viollet-le-Duc war 17, als er den Überfall vom Quai de Montebello am anderen Seine-Ufer aus beobachtete. Auf seiner flüchtig hingeworfenen ...

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... Bleistiftskizze überrennen aufgeregte Strichmännchen den Palast. Dahinter erhebt sich Notre-Dame, zu dem Zeitpunkt sechs Jahrhunderte alt.

Im Jahr 1980 sah der ebenfalls 17-jährige Philippe Villeneuve im Grand Palais eine Ausstellung über Viollet-le-Duc. Heute ist er einer von 35 „Chefarchitekten historischer Denkmäler“ in Frankreich, eine Funktion, deren berühmtester Vertreter Viollet-le-Duc ist. Seit 2013 leitet Villeneuve Restaurierungsarbeiten an Notre-Dame. Seit im April 2019 ein Feuer das Dach der Kathedrale zerstörte, steht er unter besonders großem Druck. Das Gebäude ist endlich stabilisiert, die Rekonstruktion wird in Kürze beginnen. Seine aktuelle Aufgabe, den Höhepunkt seines Berufslebens, verdankt Villeneuve in mehrfacher Hinsicht seinem genialen Vorgänger Viollet-le-Duc.

„Er war der Erfinder der Restaurierung historischer Monumente“, sagte Villeneuve. „So etwas gab es vorher nicht. Davor haben die Leute sie repariert, und zwar im Stil ihrer Zeit.“ Oder sie haben gar nicht erst repariert, sondern abgerissen.

Im 19. Jahrhundert gründete die französische Regierung erstmals Institutionen, die sich systematisch mit einer Frage auseinandersetzten, die uns alle angeht: Welcher Teil der Vergangenheit ist es wert, für die Nachwelt erhalten zu werden? Welche Verpflichtungen haben wir gegenüber den Werken unserer Vorfahren, welche Kraft, welchen Halt ziehen wir aus ihrer Existenz – und wann werden sie, im Gegenteil, zu einer Last, die uns daran hindert, uns eine eigene Welt zu erschaffen? Oft wissen wir gar nicht, wie sehr staatliche Entscheidungen für oder gegen die Erhaltung uns persönlich betreffen, wie sehr alte Gebäude uns berühren. Bis sie bedroht sind.

Zur Zeit ihrer Erbauung Ende des 12. bis Mitte des 13. Jahrhunderts war Notre-Dame revolutionär. Die Kathedrale war das erste große Meisterwerk einer neuen französischen Architektur, in der Spitzbogen und Strebewerk hoch aufragende Mauern und riesige Fenster zuließen, durch die das Licht einströmen konnte. Die neidischen Italiener nannten das „gotisch“ und meinten „barbarisch“, doch der französische Stil eroberte Europa. In dem von oben einfallenden Licht spürten die Menschen die Gegenwart Gottes.

Im frühen 19. Jahrhundert hatten Erosion und Vernachlässigung – die schon vor der Revolution von 1789 eingesetzt hatten – die Kathedrale in einen gefährlich maroden Zustand versetzt. Victor Hugo war darüber dermaßen erzürnt, dass er der Kathedrale einen Roman widmete, „Der Glöckner von Notre-Dame“ (im Original „Notre-Dame de Paris“). Das Buch erschien 1831, einen Monat nach dem Brand des erzbischöflichen Palastes. Während der Revolution waren überall in Frankreich alte Kirchengebäude wegen des Baumaterials geplündert worden. Hugo trug zur Gründung einer Bewegung bei, deren Motto lautete „Genug!“. Auch Viollet-le-Duc ließ sich davon mitreißen.

Er rettete Notre-Dame, die Königin der französischen Kathedralen. Er baute Strebepfeiler wieder auf, ersetzte von Revolutionären zertrümmerte Skulpturen und fügte Neues hinzu: Die berühmten Grotesken auf der Kathedrale sind sein Werk. Als er den neuen hölzernen Vierungsturm konstruierte, 15 Meter höher als das mittelalterliche Original, fügte er auf stufenförmigen Podesten rund um die Basis des Turms überlebensgroße kupferne Statuen der Zwölf Apostel hinzu. Elf Apostel überblickten Paris. Dem zwölften, dem ungläubigen Apostel Thomas, verlieh Viollet-le-Duc seine eigenen Gesichtszüge und ließ ihn zum Turm hinaufschauen. Er selbst war nicht gläubig.

Und jetzt wird diese Kirche aufs Neue gerettet. In Villeneuves Büro im zweiten Stock eines Stapels von Containermodulen blickt man vom Schreibtisch auf einen Druck der Zeichnung Viollet-le-Ducs aus dem Jahr 1843. Ein erstarrtes Rinnsal Blei vom Dach, das im Feuer von 2019 geschmolzen war, steckt in einer Ecke des Rahmens. Seit der Brandnacht ist es Villeneuves Ziel, die Kirche so wiederaufzubauen, wie Viollet-le-Duc sie hinterließ. Dazu zählen das Bleidach und der „Wald“ von gewaltigen Eichenbalken, die es stützten. „Wir restaurieren den Restaurator“, so drückte er es aus.

INFRANKREICH ERINNERT SICH JEDER daran, wo er an jenem Aprilabend war, als Notre-Dame brannte.

Jean-Michel Leniaud, Architekturhistoriker, befand sich auf einem Empfang im Schloss Versailles. Er eilte zurück nach Paris und beobachtete das Drama. „Menschen haben geweint. Menschen haben gebetet. Menschen knieten auf der Straße“, sagte er.

Zehn Kilometer weiter westwärts beendete Faycal Aït Saïd, der jetzt einen Kran hoch über der beschädigten Kathedrale führt, gerade seine Schicht auf einem noch höheren Kran auf der Baustelle eines neuen Büroturms. Ganz allein in 130 Meter Höhe, sah er die riesige Rauchwolke am Horizont, die allmählich westwärts trieb.

Als die für Notre-Dame zuständige Konservatorin Marie-Hélène Didier durch die Absicherung der Feuerwehr gelangte, waren die meisten der kostbaren Artefakte bereits in den Hof hinausgeschafft worden. „Es sah aus wie ein großer Flohmarkt“, sagte sie. Spät am Abend begleitete sie einige der Schätze in einem städtischen Lastwagen zu einem Tresorraum im Rathaus. Auf dem Schoß hatte sie das weiße Leinengewand des heiligen Ludwig, König und Kreuzritter im 13. Jahrhundert. Ihr Chef neben ihr hielt die Dornenkronen-Reliquie.

Präsident Macron befand sich im Élysée-Palast. Gerade hatte er eine Ansprache an die Nation aufgenommen, die an dem Abend im Fernsehen übertragen werden sollte. Er sagte die Ansprache ab und eilte zur Kathedrale. Notre-Dame sei „unsere Geschichte, unsere Literatur, unsere kollektive Vorstellungskraft … das Epizentrum unseres Lebens“, sprach er vor den Fernsehkameras. „Diese Kathedrale, wir werden sie wieder aufbauen, wir alle zusammen.“

Dorothée Chaoui-Derieux, als Konservatorin zuständig für archäologische Grabungen in Paris, las die Nachricht auf Twitter, als sie gerade das Abendessen zubereitete. In dem Moment dachte sie nicht daran, dass sie die nächsten beiden Jahre in der Kathedrale zubringen und den Schutt – sie nennt es „Relikte“ – durchsieben würde. Dass Notre-Dame selbst zu einer archäologischen Stätte werden sollte.

Während die Kirche noch brannte, zeigten die Fernsehstationen Kommentare am laufenden Band. „Dummerweise bin ich vor dem Fernseher sitzen geblieben, obwohl ich in Paris lebe. Ich hätte hingehen sollen“, sagte der Forstexperte Philippe Gourmain. Er wurde immer wütender, als er hörte, wie manche Fachleute behaupteten, dass die Holzkonstruktionen im Dachstuhl von Notre-Dame nie mehr erneuert werden könnten – da es in Frankreich weder genügend Eichen noch ausreichend Know-how gäbe. Gourmain verwaltet Forste im ganzen Land. Um 23 Uhr hing er mit einem Freund im Büro des Nationalen Forstamts am Telefon. Sie tüftelten einen Plan aus, wie man mithilfe von Spenden das benötigte Holz beschaffen könnte.

Um diese Zeit erreichte Villeneuve den Parvis, den Platz vor der Westfassade der Kathedrale. Als Viollet-le-Ducs Vierungsturm einstürzte, hatte er sich im Zug befunden, offline. Am nächsten Tag stieg er hinauf in den Nordturm, um den Schaden zu inspizieren. Da fiel sein Blick auf den kupfernen Wetterhahn, der auf dem Turm gethront hatte. Er war herabgesegelt und auf einem Nebendach gelandet. Ein Foto in der Zeitschrift Le Parisien zeigte den strahlenden Architekten, der den zerknautschten Vogel an seine Brust drückt.

„Als ich auf dem Parvis ankam, war ich tot. Jetzt bin ich im Koma“, sagte er zu mir. „Wenn ich die Kathedrale wiederaufbaue, baue ich mich auch selbst wieder auf. Wenn sie wiederhergestellt ist, wird es mir besser gehen.“ Im September, kurz vor Beginn der Bauarbeiten, ließ sich Villeneuve eine Zeichnung des Vierungsturms auf den linken Arm tätowieren.

IMS OMMER 1998 hatte mich ein Kunsthistoriker in den Dachstuhl von Notre-Dame geführt. Wir schritten durch das Gitterwerk grob behauener Eichenbalken. Unter unseren Füßen breiteten sich die gebogenen Decken der aufragenden Kalksteingewölbe wie graue Elefantenrücken aus. Staub hatte sich in den Hohlräumen gesammelt. Unten in der Kirche stehend, den Blick nach oben gerichtet, hätte ich mir diese Welt hinter den Kulissen nie vorstellen können – die Welt der Kirchenbaumeister. An der Vierung von Querschiff und Hauptschiff schaute ich hinauf in das komplizierte hölzerne Skelett des Turms.

Im letzten Sommer befand ich mich an derselben Stelle. Doch dieses Mal stand ich auf einem Gerüst und blickte hinab in das gigantische Loch, das der Turm gerissen hatte, als er durch die steinernen Gewölbe krachte. Die Spitze hatte ein zweites Loch ins Hauptschiff gebohrt. Ein drittes entstand am Nordende des Querschiffs. Während die Feuersbrunst durch den „Wald“ fegte, stürzten zehn Meter hohe dreieckige Eichenbalken auf die Gewölbe. Schutt fiel durch die Löcher. An der Vierung häuften sich verkohltes Holz und Stein mehr als einen Meter hoch auf dem Boden der Kathedrale.

Innerhalb von Tagen nach dem Brand, selbst als Macron noch versprach, dass Notre-Dame rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris wieder eröffnet würde, hatten Chaoui-Derieux und ihre Kollegen bereits entschieden, dass man den Schutt nicht einfach abtransportieren könne. Es handelte sich ja um gesetzlich geschütztes kulturelles Erbe, das von Experten aussortiert werden musste. Schon bald machten sich Dutzende Fachleute über die Kirche her. Das Laboratoire de recherche des monuments historique (LRMH; dt. Forschungslabor für historische Denkmäler) habe den Großteil seiner 34 Mitarbeiter geschickt, sagte mir der stellvertretende Direktor Thierry Zimmer.

Wegen der Einsturzgefahr setzten Wissenschaftler ferngesteuerte Roboter ein, um den Schutt zusammenzutragen. Mit Atemschutzmasken gegen den Bleistaub sortierten sie das Material in einem Seitenschiff und wählten alles aus, was Informationen für die Rekonstruktion bieten konnte oder von historischem Interesse war. Jahresringe in den größeren Holzstücken lassen zum Beispiel auf den detaillierten Bauablauf der Kirche schließen. „Dieses ganze Zeug hatten wir vorher nie in die Hand bekommen“, sagte Zimmer. Ein kleiner Lichtblick: Man wird über die Kathedrale und die Zeit, in der sie gebaut wurde, mehr erfahren.

Zwei Jahre dauerte es, bis der ganze Schutt sortiert und in ein Lagerhaus in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle transportiert worden war. Die Holzfragmente, die für eine Untersuchung zu klein sind, die winzigen Steinsplitter, Staub und Asche – selbst das wurde gerettet und vorerst in Hunderten Beuteln aufbewahrt. Es sei eine zermürbende Arbeit gewesen, so Chaoui-Derieux – aber auch spannend, ein „menschliches Abenteuer“, wie sie es wohl nie wieder erleben würde.

Eine technische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Wände ohne das Bleidach und die Balken, die auf ihnen lasteten und sie verbanden, erschreckend windempfindlich waren. Von 2019 bis Ende des Sommers 2021 stützten Zimmerleute Strebebögen und Teile der Gewölbe ab, schoben unter jedes einzelne Teil passgenaue tonnenschwere halbrunde Holzschienen. Währenddessen trugen Industriekletterer Stück für Stück das alte Gerüst ab – als das Feuer ausbrach, war Villeneuve kurz davor gewesen, den Vierungsturm zu renovieren. Dieses Gerüst war jetzt nur noch eine undefinierbare verbogene Masse, die herabzustürzen und weiteren Schaden anzurichten drohte.

Im Frühjahr 2020 standen die Arbeiten an der Baustelle wegen Covid für zwei Monate still. Der allgegenwärtige Bleistaub hatte schon 2019 für eine Unterbrechung von sechs Wochen gesorgt, nachdem Arbeitsplatzinspektoren entschieden hatten, dass die anfänglichen Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichten. Seitdem trennt eine Reihe von Duschen die Baustelle in schmutzige und saubere Bereiche. Die Arbeiter passieren diese Grenze mehrmals täglich, entkleiden sich und legen Schutzkleidung zur Arbeit an. Dasselbe in umgekehrter Reihenfolge – dazu duschen und Haare waschen –, wenn sie die Baustelle verlassen, sei es auch nur zum Mittagessen. Für Besucher gilt die gleiche Prozedur. Einweg-Unterwäsche und -Overalls werden zur Verfügung gestellt.

Selbst Emmanuel Macron hält sich daran. Diese Information habe ich aus sicherer Quelle – von einem Fünf-Sterne-General, den der Präsident einen Tag nach dem Brand aus dem Ruhestand geholt und gebeten hatte, die Leitung des Wiederaufbaus der Kathedrale zu übernehmen.

JEAN-LOUIS G EORGELIN hatte als oberster Militärberater eines Präsidenten und als Generalstabschef eines anderen gedient. Macron, sagte er, habe ihm Notre-Dame aus zwei Gründen anvertraut: Der General, ein gläubiger Katholik, ist politisch versiert und er besitzt die Autorität, um die Eröffnung der Kathedrale bis 2024 zu sichern. Das bedeutet, er muss mit der französischen Bürokratie umgehen können. Georgelin steht einem établissement public vor, einer öffentlichen Einrichtung, die speziell für die Restaurierung von Notre-Dame geschaffen wurde, und zwar mit Spenden von insgesamt 840 Millionen Euro, die aus dem Inund Ausland stammen.

Normalerweise leitet das Kulturministerium Restaurierungsprojekte. Manche Leute aus diesem Umfeld halten die Beteiligung des Generals für befremdlich und die Frist bis 2024 für unrealistisch. „Ist sie das?“, fragte ich Georgelin. Er wischte die Frage vom Tisch, bester Stimmung.

„Ich verstehe, Monsieur. Sie sind von diesen Leuten angesteckt, die glauben, der Präsident der Republik sollte sich nicht in die Rekonstruktion von Notre Dame einmischen“, polterte er. „Sie sind angesteckt von der Partei der Langsamkeit.“ Georgelin ist ein jovialer Alphatyp, der einem im Befehlston ins Wort fällt und einen mit ironischen Bemerkungen aufzieht.

Der Schaden an der Kirche, sagt er, sei schwer, doch unter Kontrolle. Mir selbst war es aufgefallen – wie unberührt manches schien, wenn man hinter die Gerüste blickte, die jetzt einen Großteil der Kathedrale füllen. Auch Marie-Hélène Didier war überrascht, als sie am Tag nach dem Brand den Schaden besichtigte, mit dem Finger über die Wände strich, um sie auf Ruß zu prüfen. „Nichts ist zerstört!“, rief sie aus und meinte: keine der Kostbarkeiten oder wertvollen Kunstwerke. Der moderne Altar an der Vierung war zertrümmert – doch einen Meter entfernt stand die ikonische Notre Dame de Paris, eine steinerne Statue der Jungfrau mit dem Kind aus dem 14. Jahrhundert, staubig, aber unbeschädigt, mit Schutt zu ihren Füßen. Im Forschungslabor der LRMH erzählte mir Claudine Loisel, Expertin für Glasmalerei, dass die Turmspitze nur wenige Scherben von drei kleinen Glasscheiben herausgebrochen hatte. Alle übrigen waren unversehrt.

Insgesamt verlor die Kirche ihren Spitzturm, das Dach und Dachsparren sowie einige wenige ihrer Steingewölbe. Eine Menge – aber nicht zu viel, um nicht bis 2024 repariert zu werden, meint Georgelin.

Anders als die meisten meiner Gesprächspartner hatte der General vor dem Brand manchmal die Messe in Notre-Dame besucht. An jenem schrecklichen Abend saß er zu Hause in Paris vor dem Fernseher und weinte – „wie alle anderen auch“. Er hörte Leute sagen, sie würden es sicher nicht mehr erleben, Notre-Dame restauriert zu sehen. Darum sei das Versprechen des Präsidenten an die Nation unbedingt notwendig gewesen, sagte Georgelin – und was die Fünfjahresfrist betreffe, so hätten Architekten und andere die Arbeit bestimmt auf 15 Jahre ausgedehnt, wenn Macron sie nicht gesetzt hätte. Der General richtete den Blick zur Decke und gab ein unangenehm klingendes Pfeifen von sich, um zu demonstrieren, was er von so einer abgehobenen Zeitverschwendung hält.

WAS DEN CHEFARCHITEKTEN für historische Denkmäler betrifft . . . Ich habe ihm immer wieder erklärt, und ich werde es ihm wieder sagen ... Er soll gefälligst die Klappe halten.“ Das waren Georgelins Worte über Philippe Villeneuve vor einem Komitee der französischen Nationalversammlung im November 2019.

Wahrscheinlich mussten die beiden Männer früher oder später aneinandergeraten. Georgelin duldet grundsätzlich keine Fisimatenten, wenn es um seine Arbeit geht. Als Chefarchitekt ist Villeneuve einigen Ermessensspielraum gewohnt. Georgelin trägt Anzug und zweireihige Blazer, die, so ist anzunehmen, keinerlei Tattoos verbergen. Villeneuve ist ein Intellektueller, trägt Jeans, zerknittertes Jackett, Nickelbrille. Er ist emotional und nimmt die Krise persönlich.

Es ist nicht seine erste Begegnung mit einer solchen Katastrophe. Am Tag seiner Beförderung zum Chefarchitekten für historische Denkmäler im Jahr 1998 erfuhr Villeneuve, dass eine mittelalterliche Kirche in seinem Département Charente-Maritime von einem Blitz in Brand gesetzt worden war. Am Tag des Feuers von Notre-Dame arbeitete Villeneuve an seinem anderen Hauptprojekt, dem Rathaus von La Rochelle aus dem 15. Jahrhundert, das ebenfalls zuvor von einem Feuer zerstört worden war.

Es tauchten keinerlei Hinweise auf, die die beiden Brände mit Restaurierungsarbeiten in Zusammenhang bringen konnten. Die Pariser Polizei hat ihre Ermittlungsergebnisse zu Notre-Dame bislang nicht veröffentlicht; ein Kurzschluss steht an erster Stelle der möglichen Ursachen. Doch Villeneuve belastet das Gefühl, die Tragödie wiedergutmachen zu müssen.

TV-TIPP

Am 15. April, dem dritten Jahrestag des Feuers, bringt NATIONAL GEOGRAPHIC um 21 Uhr die Dokumentation Der Brand von Notre-Dame. Neben den dramatischen Ereignissen des Abends zeigt der Film die Maßnahmen zur Rettung der Kathedrale.

„Es zeigt sich, dass er der Situation gewachsen ist“, sagte Chefarchitekt Jacques Moulin, der die Kathedrale von Saint-Denis in der Nähe restauriert. „Ja, er ist über sich hinausgewachsen. Das ist eine seltene Fähigkeit.“ Doch es brachte ihn in einen Konflikt mit dem Präsidenten.

Nach dem Brand rief Macron öffentlich dazu auf, beim Wiederaufbau von Notre-Dame etwas architektonisch Neues zu gestalten – eine „zeitgenössische architektonische Geste“, nannte er es. „Die Baumeister reagierten begeistert: Aus aller Welt trafen Vorschläge für Glasdächer, Kristalltürme und Türme aus Licht ein. Ein Architekturbüro schlug ein Gewächshaus auf dem Dach vor. Ein anderes wollte das Dach durch einen Open-Air-Swimmingpool ersetzen.

Villeneuve wollte das alles unbedingt im Keim ersticken. Er habe sich nicht am Bau eines modernen Turms beteiligen wollen, sagte er. Bei dieser Gelegenheit versuchte Georgelin ein wenig ungeschickt, ihm den Mund zu verbieten. Doch die irren Vorschläge trugen letztlich dazu bei, dass sich Villeneuves Standpunkt durchsetzte. Am Ende waren sich alle einig, dass die Kathedrale kein Swimmingpool in luftiger Höhe werden sollte. Bis zum Sommer 2020 hatten der General, der Präsident und die Nationale Kommission für Kulturerbe und Architektur dem Plan Villeneuves zugestimmt. Notre-Dame soll wiederaufgebaut werden, in ihrem „letzten bekannten Zustand“ – das bedeutet: so wie ihn Viollet-le-Duc hinterlassen hatte.

Es war ein Triumph der Orthodoxie. Wiederaufbau „im letzten bekannten Zustand“, das ist es, was französische Restauratoren gewöhnlich tun. Die Charta von Venedig, die 1964 auf einer internationalen Expertenkonferenz beschlossen wurde, schreibt dieses Prinzip fest, bei dem das Ziel historischer Restaurationen nicht das schönste, sondern das „authentischste“ Bauwerk ist – und bei dem alle historischen Schichten bewahrt werden. Das klingt akademisch, ist aber auch emotional besetzt. Identisch wiederaufzubauen, besonders nach einer Katastrophe, ist ein „starker symbolischer, ja, ein kathartischer Akt“, so Historiker Leniaud. „Es ist die einzige Möglichkeit zu trauern. Zu trauern ist sehr wichtig.“

Die Ironie an der Geschichte: Viollet-le-Duc, der den Angriff auf Notre-Dame miterlebt hatte, zeigte keine solche Zurückhaltung. Sein Ziel war es nicht, Notre-Dame genauso wiederaufzubauen, wie sie vorher war. Er wollte die ideale Kathedrale bauen. Einige Wände um die Vierung erneuerte er vollständig, weil ihm nicht gefiel, wie sie im 13. Jahrhundert verändert worden waren. Er ließ die Sakristei aus dem 18. Jahrhundert abtragen und ersetzte sie durch eine neogotische. Er würdigte gotische Architekten, indem er versuchte, selbst einer zu werden. Mit dem Spitzturm hat er sich selbst übertroffen. Bei einigen anderen Freiheiten, die er sich nahm, ist das nicht unbedingt der Fall.

„Als ich noch ganz jung an der Architekturschule war, galt eine Restaurierung von Viollet-le-Duc als totales Desaster“, sagte Moulin. Viollet-le-Duc ließ alle 24 Seitenkapellen von Notre-Dame dekorativ ausmalen; in den 1970er Jahren wurden Wandgemälde in den zwölf Kapellen des Hauptschiffs wieder abgekratzt. Doch zu dem Zeitpunkt stand die Rehabilitierung des großen Mannes kurz bevor. Die Ausstellung, die der 17-jährige Villeneuve 1980 sah, markierte einen Wendepunkt. „Auf einmal“, sagte Moulin, „wurde aus dem diabolischen Viollet-le-Duc praktisch ein Heiliger.“

Moulin glaubt an die Bewahrung von Geschichte. Doch zu versuchen, ein Gebäude ein für allemal in seinem „zuletzt bekannten Zustand“ zu erhalten, bedeute, man erkläre seine Geschichte für beendet. Vielleicht sei es nicht einmal das Beste für den Erhalt. Wenn das Dach einer Kathedrale gerade abgebrannt sei, argumentierte Moulin, sei es sinnlos, die Dachsparren wieder aus Holz zu bauen.

Im Fall von Notre-Dame wurde das Argument angehört – und verworfen. Der „Wald“ und der Vierungsturm werden tatsächlich aus Holz gebaut, allerdings werden mehr feuerfeste Materialien sowie brandbekämpfende Sprinkleranlagen eingesetzt. Details sind noch in Arbeit.

D AS FEUER, DAS 2019 durch den „Wald“ aus Eichenbalken fegte, wurde so heiß – vermutlich mehr als 760 °C –, dass es sich in die angrenzenden Kalksteinwände und einige Gewölbedecken fraß. Zwei Steinspezialisten vom Forschungslabor für historische Denkmäler, die Geologin Lise Cadot-Leroux und der Konservierungswissenschaftler Jean-Didier Mertz, absolvierten eine Höhenarbeiter-Ausbildung, um den Schaden selbst inspizieren zu können. Mertz zeigte mir etwa 30 Zentimeter lange Bohrkerne, die sie aus etwa 60 Zentimeter dicken Steinen extrahiert hatten. Die Oberflächen einiger Steine waren pulverisiert, innen hatten sich Risse gebildet, wodurch sich Schichten von etwa zwölf Zentimetern abgelöst hatten. Doch die meisten Steinblöcke waren offenbar dick genug geblieben, um ihre Funktion zu erfüllen, so Mertz. Er und seine Kollegen entwickelten eine Methode zur Versiegelung der Risse durch Einspritzen von Kalkschlamm. Für die zu ersetzenden Steine suchen Forscher nach passenden Steinen nördlich von Paris. Die Stadt ist über die mittelalterlichen Steinbrüche hinausgewachsen, die sich damals an den Stadträndern befanden.

Die meisten der 460 Tonnen Blei von Dach und Turm schmolzen einfach und regneten ins Kircheninnere, doch die Hitze war stark genug, um Bleipartikel in den Qualm zu schleudern. Die Gefahr, in jener Nacht Blei einzuatmen, sei dennoch „vernachlässigbar“ gewesen, es sei denn, man stand direkt beim Feuer, so Jérôme Langrand, Arzt, Toxikologe und Leiter der Pariser Giftzentrale im Krankenhaus Lariboisière Fernand-Widal. Bei Blei besteht die eigentliche Gefahr darin, dass man es über längere Zeit unbemerkt aufnehmen kann. Doch es gebe keine Hinweise auf signifikante Bleivergiftungen, so Langrand. Er und seine Kollegen analysierten Blutproben von 1200 Kindern im betroffenen Gebiet. Bei nur wenig über einem Prozent fanden sie Konzentrationen „oberhalb der kritischen Grenzwerte“ – das entspricht etwa den Werten der französische Gesamtbevölkerung.

Doch Bleigehalt im Blut, egal, wie gering, ist niemals ungefährlich. Bleidächer belasten die Umwelt, wenn daran gearbeitet wird oder wenn es regnet. Im Februar 2021 empfahl eine wissenschaftliche Beratungskommission des Gesundheitsministeriums, der auch Langrand angehörte, die Verwendung von Blei für neue Dächer zu verbieten. Bei historischen Restaurierungen solle man nach Alternativen für den Bleieinsatz suchen. Zu dem Zeitpunkt hatte der Pariser Stadtrat bereits dafür gestimmt, dass man verlangen solle, Notre-Dame nicht wieder mit Blei zu decken.

„Blei ist ein zwingend notwendiges Element für die Konstruktion“, sagte Villeneuve. Sicher, die Kathedrale von Chartres habe ein Kupferdach – aber Kupfer werde grün, und die Dächer von Paris seien grau. Die meisten seien aus Zink, doch nur mit Blei könne man den Spitzturm und die figürlichen Ornamente auf dem Dach von Notre-Dame reproduzieren. Das Panthéon, die Kuppel des Invalidendoms und andere Denkmäler seien mit Blei ummantelt, sagte Villeneuve. Warum sollte die Kathedrale das einzige Opfer der „Verrücktheit dieser Blei-Fundamentalisten“ sein? Vom neuen Dach rinnendes Regenwasser werde aufgefangen und gefiltert.

Villeneuve plant, die Holzkonstruktion des Dachstuhls originalgetreu wiederherzustellen. Sie bestand aus zwei getrennten Teilen. Als Violletle-Duc den Spitzturm wiederaufbaute, ersetzte er den Dachstuhl des Querschiffs, jedoch nicht mit mittelalterlichen Verfahren. Er ließ die Balken in Sägewerken schneiden. Ebenso wird es Villeneuve halten. Im letzten Winter koordinierte Gourmain die Spenden von 1200 Eichen aus ganz Frankreich. Die ältesten Bäume, kurz vor der französischen Revolution gepflanzt, werden die Basis des Spitzturms bilden.

Die Dachbalken des Hauptschiffs und des Chors dagegen stammten noch weitgehend aus dem 13. Jahrhundert. Im September 2020 rekonstruierte die Non-Profit-Organisation Charpentiers sans Frontières („Tischler ohne Grenzen“) eines der Dachstuhl-Bindegespärre mit Hängewerk auf dem Vorplatz der Kathedrale, um zu demonstrieren, dass ein Wiederaufbau mit mittelalterlichen Verfahren durchaus möglich sei. François Calame, Ethnologe, Tischler und Gründer der Gruppe, zeigte mir das Bindergespärre. Es besteht aus einem Dutzend Balken – jeder handbehauen aus einer einzigen Eiche, nicht mehr als 30 Zentimeter im Durchmesser.

Im Mittelalter bearbeiteten Tischler grünes Holz, das nicht getrocknet wurde. Das taten auch die „Tischler ohne Grenzen“. Sie arbeiteten entlang der Maserung, wobei das Kernholz stets die Mitte bildete. Im Verlauf des Trocknungsprozesses können Vorspannungen entstehen, die unter Umständen günstig für das Trageverhalten sind. Die Balken in Notre-Dame hielten mehr als 800 Jahre, ehe das Feuer sie zerstörte.

Nach Calames Ansicht sollte es bei historischen Restaurierungen nicht nur darum gehen, Bauwerke wiederherzustellen, sondern auch verloren gegangene Fertigkeiten wiederzuerlangen. Das diene nicht nur dem Handwerk. Der Grund für den tiefen Eindruck, den Notre-Dames „Wald“ auf die Menschen machte, so meinte er, sei eine Botschaft, die durch die Jahrhunderte gereist sei, geschickt von den Handwerkern, die ihn erschaffen hatten.

„Der Dachstuhl war 800 Jahre alt. Es gibt ihn nicht mehr. Aber ich glaube, wenn wir ihn originalgetreu wiederherstellen, mit denselben Verfahren und den gleichen Materialien, dann kann die Botschaft übermittelt werden“, sagte Calame. „Man wird sie spüren können.“

Villeneuve war von der Vorführung der „Tischler ohne Grenzen“ sehr beeindruckt. Um Zeit zu sparen, sagte er, würden die Baumstämme für das Hauptschiff und den Chor in Sägewerken zurechtgeschnitten, doch die Balken werde man per Hand mit Zimmermannsäxten nachbearbeiten. An erster Stelle stehe aber die Konstruktion des Vierungsturms. Viollet-le-Duc musste ein Loch in die Gewölbe brechen, um seinen Turm von innen her aufbauen zu können. Villeneuve ist im Vorteil: Das Loch ist schon da.

MAURICE DE SULLY, Bischof von Paris, der im Jahr 1163 den Bau von Notre-Dame in Auftrag gab, war ein Bauernsohn. Während der Spitzturm himmelwärts strebte, waren Sullys Bestrebungen auch weltlicher Art: Er demonstrierte seinen Rivalen sowie dem König seine Macht. Der Turm auf dem Bischofspalast sah aus wie der Wehrturm einer Festung. Die Westfassade der Kathedrale war sogar noch wuchtiger.

Der Bau der Kathedrale wurde weitgehend durch Spenden einfacher Leute finanziert, sagte Dany Sandron, Kunsthistoriker an der Sorbonne. Wie diese Menschen die Kirche erlebten, sei nicht zu vergleichen mit der Erfahrung heutiger Gottesdienstbesucher. Sie liefen im Hauptschiff herum, das keine Bestuhlung hatte. Von den Messen, die achtmal am Tag hinter einer Wand im Chor gelesen wurden, konnten sie nichts sehen und kaum etwas hören. In den Seitenkapellen hielten Geistliche flüsternd etwa 120 Messen pro Tag ab, aber nicht für die Lebenden; es waren Seelenmessen für die wohlhabenden Verstorbenen, gestiftet in der Hoffnung, so ihre Seelen aus dem Fegefeuer zu befreien.

Dennoch strömten einfache Menschen in die Kathedrale. Manche schliefen auf dem Boden vor dem Altar und träumten von der Wunderheilung ihrer Gebrechen. Der katholische Glaube war lebendig. Heute ist er es nicht mehr.

„Notre-Dame ist kein Museum“, bekräftigte Patrick Chauvet, Domdekan der Kathedrale. Doch vor dem Brand kamen jährlich zehn bis zwölf Millionen Touristen, viele mit nur geringen Kenntnissen über das Christentum. „Wie können sie von der Gnade dieses Ortes berührt werden?“, fragte Chauvet. „Wie könnte die Schönheit dieses Ortes sie vielleicht dazu bewegen, wenigstens nach dem Sinn ihres Lebens zu fragen?“

Nach der Wiedereröffnung sollen die Besucher auf einem neuen Rundgang an den Kapellen vorbeigeführt werden. Von Norden nach Süden – von der Finsternis ins Licht – werden sie erst dem Alten Testament begegnen, dann dem Neuen, um so „schrittweise in das Mysterium Gottes einzutreten“, sagte Chauvet.

Der gesamte Innenraum der Kirche, inklusive aller Kapellen und Malereien, sowie fast alle Buntglasfenster werden gereinigt – eine strahlende Wiedergeburt. Wenn, wie Georgelin meint, „die Schönheit der gotischen Architektur einer der besten Beweise für die Existenz Gottes“ sei, dann werde Gott auferstanden sein, um den Kampf in Frankreich wieder aufzunehmen. Das Feuer werde nicht umsonst gewesen sein.

Jenen Aprilabend verbrachten meine Frau und ich mit alten Freunden. Nach dem Abendessen beschlossen wir, zu Fuß zu ihrem Hotel am linken Seine-Ufer zu gehen. Die Ufer waren gesäumt von Menschen, die Notre-Dame brennen sahen. Wir überquerten die Île Saint-Louis. Auf dem Pont de la Tournelle blieben wir bei einem spontan gebildeten Chor stehen, der leise Hymnen an Unsere Liebe Frau sang.

„Es war wunderschön – man muss die Schönheit des Feuers rühmen“, sagte Jean-Michel Leniaud, der Architekturhistoriker. „Es war fantastisch. Aber erst ist es schön, dann ist es hässlich. Es gibt nur noch Zerstörung. Zuerst sind da nur Schwärze, Finsternis, Tod.“ Bis Notre-Dame wieder zum Leben erwacht. Und das muss sie. j Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Fotograf Tomas van Houtryve lebt in Paris. Mit seiner Kamera aus dem 19. Jahrhundert erkundete er die verborgene Geschichte des amerikanischen Westens für sein Buch „Lines and Lineage“. Umweltredakteur Robert Kunzig lebte zwölf Jahre lang in Frankreich.