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Nukleotide in der Pferdefütterung: Grundlage des Lebens


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.04.2018

Ohne Nukleotide läuft im Pferdeorganismus so gut wie nichts – schon alleine deshalb, weil er diese winzig kleinen Bausteine für die Zellerneuerung braucht. Doch wann benötigen unsere Vierbeiner zusätzlich Unterstützung durch nukleotidhaltiges Ergänzungsfutter?


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UNSERE EXPERTEN

Prof. Dr. Dirk Winter ist Studiendekan Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen.

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Dr. Heike Kühn ist Tierärztin und forscht auf dem Fütterungsgebiet der Nukleotide.

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Cornelia Fritz ist Geschäftsführerin der Ludger Beerbaum Produkte GmbH.

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Bernd Ebert ist Geschäftsführer der St. Hippolyt Mühle Ebert GmbH.

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Das Thema poppt im Moment gerade hoch“, sagt Professor Dirk Winter, Studiendekan Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen, und meint damit das Phänomen „Nukleotide in der Pferdefütterung“. In Ordnung, aber dennoch gilt, dass sich längst nicht jeder etwas unter diesem irgendwie nach atomarer Strahlung klingenden Begriff vorzustellen vermag. Nukleotide, so viel zur Beruhigung, sind keine Atomkerne, sondern winzig kleine, nur unter dem Elektronenmikroskop erkennbare Bausteine der Nukleinsäuren – und zwar sowohl der Ribonukleinsäure (RNA) als auch der Desoxyribonukleinsäure (DNA), die bekanntlich die Erbinformation trägt. Woraus sich schon ersehen lässt: Nukleotide bestehen chemisch gesehen aus dem Anteil eines zuckerähnlichen Stoffes namens Ribose, einem Phosphorsäurerest und einer der fünf Basen Adenin, Guanin, Cytosin, Thymin oder Uracil. Sie stecken in jeder einzelnen Körperzelle jedes wie auch immer gearteten Lebewesens – sei es Mensch, Tier, Pflanze oder Einzeller. Dort erfüllen sie eine Schlüsselrolle: „Nukleotide sorgen dafür, dass die Körperzellen, deren Lebensdauer begrenzt ist, ihre Erbinformation duplizieren und sich teilen können“, erklärt Cornelia Fritz, Geschäftsführerin der Ludger Beerbaum Produkte GmbH.

Ohne Nukleotide gäbe es also weder eine Zellerneuerung noch könnte der Organismus fortbestehen. Oder anders ausgedrückt: Ohne Nukleotide würde es kein Leben geben. Ohne riesige Mengen an Nukleotiden, um genau zu sein. „Im Körper eines Pferdes werden pro Sekunde mehrere Millionen Nukleotide gebildet“, sagt Bernd Ebert, Geschäftsführer des Futtermittelherstellers St. Hippolyt. Womit wir bei der nächsten spannenden Frage wären: Was haben diese Tausendsassas im Pferdefutter, insbesondere in kommerziell hergestellten Ergänzungsfuttermitteln, verloren? Hier hilft ein Blick auf die drei Varianten der Nukleotid-Gewinnung des Pferdes weiter. Um den enormen Bedarf an Nukleotiden – pro Tag und Körperzelle soll er sogar bei drei Milliarden liegen – zu decken, praktiziert der Organismus erstens Recycling. Das heißt, er gewinnt die Nukleotide aus abgestorbenen Körperzellen zurück. Zweitens bedient er sich, in geringerem Umfang, der Neu- oder Eigensynthese, wozu allerdings nicht alle Zelltypen in der Lage sind. „Knochenmark-, Darmschleimhaut-, Muskel-, Leber-, Blut- und auch bestimmte Gehirnzellen können keine Nukleotide synthetisieren“, zählt Bernd Ebert einige Beispiele auf.

Wichtiger Umbauprozess

Für sie bleibt noch der dritte Weg: Über die Nahrung führt das Pferd seinem Körper Nukleotide von außen zu. Denn, wie eingangs schon erwähnt: Auch in jeder Pflanze und damit in jedem Pferdefutter – vor allem in proteinreicher Nahrung wie zum Beispiel jungem Gras – sind Nukleotide enthalten. Diese Nukleinsäure-Bausteine unterscheiden sich eigentlich nicht, uneigentlich aber sehr wohl von denen im Organismus des Pferdes. „Alle Lebewesen tragen in ihren Zellen dieselben Nukleotide. Aber deren Abfolge auf der DNA ist von Fall zu Fall unterschiedlich und macht das individuelle Erbgut aus. Der Organismus weiß ganz genau, in welcher Reihenfolge er die von außen zugeführten Nukleotide aneinanderreihen muss, um seine DNA zu bauen“, erklärt Dr. Heike Kühn, Tierärztin und Geschäftsführerin der Firma Helix UG, die seit Anfang April über die Ludger Beerbaum Produkte GmbH vertriebene nukleotidhaltige Ergänzungsfuttermittel „Goldfever“ entwickelt hat. Die aufgenommene Nahrung müsse im Darm zuerst aufgespalten werden, um die in den Zellen enthaltenen Nukleotide freizulegen, macht sie deutlich. Dann werden die Nukleoproteine über die Darmwand resorbiert und in die Blutbahn aufgenommen, sodass sie zu den Gewebezellen gelangen und zu körpereigenen Nukleotiden zusammengesetzt werden können – so im Schnelldurchgang der Umbauprozess, der allerdings ausgesprochen zeit- und energieaufwendig ist.


„Der Organismus weiß ganz genau, in welcher Reihenfolge er die von außen zugeführten Nukleotide aneinanderreihen muss, um seine DNA zu bauen.”
Dr. Heike Kühn, Tierärztin


Frisches Weidegras ist nukleotidhaltig


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Die erste wichtige Quelle ist aber das Euter der Mutter, denn die Kolostralmilch versorgt das Fohlen ebenfalls mit Nukleotiden


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Das Immunsystem von Hochleistungssportpferden braucht Unterstützung. Spezielles Futter kann helfen.


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Dass diese Variante der Nukleotid-Beschaffung nicht unbedingt das erste Mittel der Wahl ist, hat indes noch einen anderen Grund. „Wenn das Pferd über die Nahrung Nukleotide aufnimmt, liegt die Bioverfügbarkeit, außer bei der Bierhefe, bei lediglich fünf Prozent“, sagt Bernd Ebert. Das heißt, nur fünf Prozent der aufgenommenen Nukleotide kann der Organismus überhaupt verwerten. Dennoch gilt: Unter normalen Umständen reichen die beschriebenen drei Wege – Recycling, Eigensynthese und Aufnahme über natürliches Pferdefutter wie Gras, Graskonserven oder Getreide – aus. Anders sieht es unter „anormalen Umständen“ aus. So macht es Sinn, Nukleotide zuzufüttern, wenn der Organismus des Pferdes Energie für mehrere Baustellen im Körper benötigt, beispielsweise für die Immunabwehr und die Fruchtbarkeit. Fest steht, dass Nukleotide nicht nur für die Zellteilung unerlässlich sind, sondern auch viele andere wichtige Aufgaben erfüllen. „Sie sind eine Schlüsselsubstanz der Proteinbiosynthese, Cofaktoren der Enzymbildung und für den Energietransfer im Zellstoffwechsel von entscheidender Bedeutung“, zählt Professor Winter auf. Fast alle lebensnotwendigen Zellprozesse sind auf die Energiebereitstellung durch das Nukleotid Adenosintriphosphat (ATP) angewiesen, dessen Basenanteil aus Adenin besteht. Unter anderem nutzt der Körper ATP für die Muskelkontraktion und den Muskelaufbau.

Gesunder Zusatz?

Kein Wunder angesichts dieser Fülle, dass auch die Einsatzgebiete nukleotidhaltiger Produkte nahezu grenzenlos zu sein scheinen. Starke körperliche Belastung, Stress jeglicher Art, Krankheit und Rekonvaleszenz, Wundheilung, Wachstum, Wurmbefall, Verdauungs- und Atemwegsprobleme, Entzündungen, und und und …

Wer sich mit den von den Herstellern angepriesenen Indikationen beschäftigt, bekommt langsam, aber sicher den Eindruck, dass es praktisch nichts gibt, wogegen sie nicht gut sind. „Nukleotide beschleunigen die Immunantwort, verbessern den Sauerstofftransport im Blut und verändern die Zusammensetzung der Darmflora so, dass zuckerverarbeitende Bakterien mit einem höheren Anteil vertreten sind. Verdauungsstörungen wie Durchfall können mithilfe von Nukleotiden wesentlich schneller überwunden werden“, betont etwa Bernd Ebert. Dr. Heike Kühn weist außerdem darauf hin, dass Nukleotide den Cortisolspiegel, also die Menge des besagten Stresshormons im Blut, reduziere. „Das führt dazu, dass die Pferde weniger anfällig für Infekte sind und dadurch leistungsfähiger“, beschreibt Kühn.

Fest steht, dass die Wirkung von Nukleotid-Produkten bei Menschen, insbesondere bei Sportlern, aber auch bei Nutztieren wesentlich besser erforscht ist als beim Pferd. Kolostralmilch ist extrem reich an Nukleotiden. Bei Rindern, Schweinen, aber auch in der Fischzucht hat sich mit Nukleotiden angereichertes Futter längst etabliert. „Weil es die Abwehrkräfte stärkt, war es möglich, den Einsatz von Antibiotika bei Fischen um 80 bis 90 Prozent zurückzufahren“, weiß Bernd Ebert.


Bei Rindern, Schweinen, aber auch in der Fischzucht hat sich mit Nukleotiden angereichertes Futter längst etabliert. Weil es die Abwehrkräfte stärkt, war es möglich, den Einsatz von Antibiotika bei Fischen um 80 bis 90 Prozent zurückzufahren .“


Bernd Ebert, Geschäftsführer der St. Hippolyt Mühle Ebert GmbH

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Aus Hefe gewonnen

Die Futtermittelhersteller nutzen Nukleotide, die in einem natürlichen Prozess aus aufgearbeiteter Hefe gewonnen werden. „Wir arbeiten mit einer großen italienischen Firma zusammen, von der wir die Rohware beziehen“, berichtet Heike Kühn. Ähnlich wie bei der Käseherstellung wird ein Schlamm mit Hefe angesetzt und die Hefewand durch bestimmte Enzyme aufgebrochen. Filtern und Zentrifugieren sind die nächsten Schritte. Anschließend schneiden wiederum andere Enzyme die einzelnen Nukleotide auseinander, bevor das Ganze am Ende getrocknet und als feines Pulver weiterverarbeitet wird. „Von einem Lkw voller Hefe bleibt am Ende eine Kaffeetasse voller Nukleotide zurück“, veranschaulicht Kühn diesen Prozess.

Drei Begriffe begegnen einem immer wieder, wenn man sich mit dem Thema „Nukleotide in der Pferdefütterung“ befasst: „dopingfrei“, „gereinigt“ und „bedarfsbalanciert“. Ersterer bedeutet, dass Nukleotide zwar die Leistung steigern, aber nicht unter die verbotenen Substanzen fallen – wie auch, wenn sie zu Millionen und Milliarden in jeder einzelnen Körperzelle stecken? „Reinigen“ meint, die Hefezellen, aus denen man Nukleotide gewinnt, von den Zellwänden zu befreien und sie dadurch schneller und besser für den Organismus verfügbar zu machen. Dasselbe Ziel verfolgt die sogenannte Hydrolyse, die Bernd Ebert mit den Worten. „Wir zerlegen die Nukleotide in ihre Einzelbestandteile und setzen sie neu zusammen“ umschreibt. Und was hat es mit der Vokabel „bedarfsbalanciert“ auf sich? „Jeder der fünf Nukleotid-Typen, Adenin, Guanin, Cytosin, Thymin und Uracil, bewirkt etwas anderes im Organismus. Deshalb ist es wichtig, sie nicht wahllos in irgendeiner beliebigen Mischung, sondern getrennt voneinander und zielgerichtet zu füttern“, betont Cornelia Fritz. Diese spezielle Trennung der Nukleotid-Typen und ihr punktueller Einsatz ist eine neue Entwicklung auf dem Markt und unterscheidet diese Produkte von denen, in denen vorhandene Mischungen verwendet werden. „Nehmen wir zum Beispiel den Muskelkraftstoff Adenintriphosphat. Er macht Pferde munter. Bei einem Kolikpatienten, der sich gerade von einer OP erholt, wäre das mit Sicherheit kontraproduktiv“, erklärt Fritz. Das von Dr. Heike Kühn entwickelte Ergänzungsfuttermittel unterstütze speziell das Immunsystem und den Stoffwechsel. „In einer Studie mit unserem italienischen Partner konnten wir sowohl eine entzündungshemmende als auch eine antioxidative und immunmodulierende Wirkung der von uns verwendeten Nukleotide nachweisen“, sagt Kühn.

Eine Futter-Kur

Bleibt die Frage: Welchen Pferde-Typus haben die Hersteller solcher Ergänzungsfuttermittel eigentlich am stärksten im Visier? Das ist vielschichtig. Denn sowohl die Hochleistungssportpferde als auch die Pferde, die nach einer Krankheit in Rekonvaleszenz sind, oder schlicht alte Tiere gehören zur Zielgruppe. Einig sind sich die Experten darin, dass man nukleotidhaltige Produkte im Normalfall nur bei Bedarf füttert, etwa um eine Wundheilung zu unterstützen – sprich: dass man sie nur kurweise und vorübergehend einsetzt. Ausnahmen, wie sie beispielsweise bei einem chronisch kranken, alten oder im Wachstum stehenden Pferd vorliegen, bestätigen die Regel. Im Zweifel kann eine Futterberatung helfen. Damit das Pferd ausreichend mit Nukleotiden versorgt ist. Schließlich sind sie Teil des Lebens.