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Nuno Oliveira – Teil 1: Reitmeister des 20. Jahrhunderts


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 18.09.2019

Er wird von Kennern der Reitkunst als größter Reitmeister des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Insbesondere seine geistige Haltung zur Reitkunst und dem Pferd gegenüber beeinflusst die nachfolgenden Generationen. Doch wie wurde ein Junge aus einer ganz normalen Familie zu einer der gefeiertsten Persönlichkeiten der Reiterei, wie brachte er es zu weltweiter Anerkennung, sodass sich Menschen aller Nationen nach Portugal zur „Quinta do Brejo“ begaben? Und vor allem: Was war das Besondere an seiner Reitlehre und welchen Nutzen können wir heute noch daraus für unsere eigene Reiterei ziehen?


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Nuno Oliveiras ...

Artikelbild für den Artikel "Nuno Oliveira – Teil 1: Reitmeister des 20. Jahrhunderts" aus der Ausgabe 2/2019 von Piaffe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Piaffe, Ausgabe 2/2019

Kunstwerk ?Nuno Oliveira? von Jean-Louis Sauvat (im Besitz von Manuel Jorge de Oliveira).
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... Eltern waren weder wohlhabend, noch besaßen sie Pferde oder gar eine Zucht, wie es sonst bei anderen großen Reitern der Fall war. Dennoch entdeckte Nuno Oliveira schon als Kind seine Leidenschaft für Pferde und ging regelmäßig nach der Schule zur Reitbahn seines ersten Lehrers, Joaquim Goncalves de Miranda. Dieser arbeitete nach den alten Prinzipien von Antoine de Pluvinel und François Robichon de la Guérinière, auch war er der letzte Reitmeister am königlichen Hof Portugals und hatte den König und den Prinzen das Reiten gelehrt. In dem passionierten, jungen Nuno erkannte er früh dessen Potenzial, nahm ihn in die Ausbildung und unterrichtete ihn auf seinen eigenen Pferden. Nach seinem Schulabschluss konnte Nuno Oliveira sich als Berufsreiter verdienen. Er begann damit, Pferde für Offiziere des Militärs auszubilden – in Ermangelung einer Reitbahn tat er das in den Straßen. Auch für einen Pferdehändler ritt er, was viel Arbeit für wenig Geld bedeutete. Sein Durchhaltevermögen wurde damit belohnt, die Pferde von größeren, bekannten Züchtern ausbilden zu dürfen. Hier hatte er einige der besten Lusitanos des Landes unter dem Sattel, und seine außergewöhnlichen Ergebnisse erregten schon bald Aufmerksamkeit.

Foto: Alastair Gordon Scott

Foto: Piotr Wojcik

Wie sein Vorbild, François Baucher, stellte auch Nuno Oliveira seine Pferde häufig im Zirkus vor. Mit starkem Sendungsbewusstsein wollte er dem Publikum die Liebe zur Reitkunst vermitteln und diese verbreiten. Zu diesem Zweck bereiste er ab den 1960er Jahren die ganze Welt mit verschiedenen seiner selbst ausgebildeten Pferde. Er gab Vorführungen und Kurse in ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Australien. Ein Nebeneffekt war die Verbreitung des bis dahin außerhalb Portugals wenig bekannten Lusitanos, zu der er wesentlich beitrug.

Gleichzeitig war Nuno Oliveira ein fleißiger Student und Schriftsteller: Er konnte Stunden mit Studien der Schriften anderer Reitmeister verbringen; die Theorie galt ihm genau soviel wie die Praxis. Ab 1963 veröffentlichte er mehrere Bücher, die sich aber nicht als Reitlehren verstehen, sondern kurze Tipps zu allen möglichen Situationen in der Pferdeausbildung enthalten. Darin vermittelt er seinem Leser mehr das Gefühl hinter der Technik, Timing, Pädagogik, das Wieso – und immer wieder die unabdingbare Liebe zum Pferd.

1973 gründete er seine Reitschule „Quinta do Brejo“ in Mafra und blieb dort bis zu seinem Tod. Sie besteht noch heute und wird von seinen Schülern fortgeführt. Hier bildete Nuno Oliveira Pferde aus und unterrichtete Schüler, die aus aller Welt zu ihm kamen und seine Lehren mit zurück in ihre Heimat nahmen. Er war eine fesselnde Persönlichkeit, und seine Schüler berichteten ähnlich viel über ihn selbst, wie über seine Reiterei. Bekannt für seine außergewöhnliche Liebe und den Respekt für die Pferde, galt er als schwieriger Mensch. Es heißt, er sei diszipliniert und intelligent gewesen, fordernd und gnadenlos ehrlich, ebenso liebenswert und charismatisch. Unglaublich fokussiert konnte er sich einer Sache hingegeben. Hatte er sich einmal an einem Experiment festgebissen, brachte ihn nichts mehr davon ab. Er verband die historische Reitkunst von Pluvinel und Guérinière mit den moderneren Meistern wie Baucher und Steinbrecht, und indem er eigene Erkenntnisse hinzufügte, erschuf er etwas ganz Neues, Einzigartiges. Durch ständiges Forschen, Beobachten und Austesten an verschiedenen Pferden konnte er einen Stil entwickeln, der sich so vollkommen individuell nach jedem Pferd richtete, wie es vor ihm noch niemand getan hatte.

Den Künstler Nuno Oliveira erkannte man auch in anderen Bereichen, er sang mit Leidenschaft und bei seinem täglichen Training lief klassische Musik in der Reitbahn. Als gläubiger Mensch galt ihm die Reitkunst, mit Liebe und Hingabe betrieben, fast als eine „Gabe an Gott“, etwas, das er als Mensch seinem Schöpfer zurückgeben konnte. Dennoch schienen ihn seine Erfolge nicht besonders glücklich gemacht zu haben. Nuno Oliveira starb ernüchtert und desillusioniert auf einer Reise in Australien. Sein Leben lang hatte er für die Verbreitung seiner Kunst gekämpft, und während ihm alles so klar und einfach vor Augen stand, wurde er nur von wenigen Menschen verstanden. Das ließ ihn oft frustriert und traurig zurück.

Foto: Dany Lahaye

Er sagte selbst, dass er wohl nach seinem Tod bekannter sein würde als zu Lebzeiten. Und tatsächlich entdecken gerade heute immer mehr Reiter seine Lehren von Feinheit, Leichtheit und Liebe wieder und ehren so das Lebenswerk eines Menschen, der sich wie die meisten großen Künstler unverstanden und bei aller Aufmerksamkeit dennoch einsam fühlte.

Zeitgeist

Portugal war in der Mitte des 20. Jahrhunderts kulturell wie geografisch noch weitgehend isoliert, doch so hatte sich hier eine der ältesten Formen der Reiterei erhalten. Bereits vor Nuno Oliveira hatte das Land große Reitmeister hervorgebracht, beispielsweise den Marquis de Marialva (18. Jahrhundert) oder Manoel Carlos de Andrade (um 1800). Außerdem konnte man hier auf eine der besten Zuchten Europas zurückgreifen: Der Lusitano war über Jahrhunderte hinweg streng auf Qualität von Charakter und Gebäude selektiert worden und ist auch heute noch eine der Rassen mit dem meisten Talent für die Versammlung und die Hohe Schule. Doch auch der Stierkampf spielte eine große Rolle für die portugiesische Reitkunst. Viele Bewegungen der Hohen Schule gehen auf Manöver des Stierkampfes zurück und das Pferd war ein überlebenswichtiger Partner in einem Kampf, der nur zu schnell blutig enden konnte. In Portugal waren es vor allem adlige und reiche Familien, die sich der Pferdeausbildung und der Zucht von Pferden und Kampfstieren widmeten. Normalerweise entstammen die bekannten portugiesischen Reiter einer dieser alten Züchterfamilien wie Andrade oder Veiga.

Diese portugiesisch / französische Schule, geprägt von Leichtheit, Anmut und einem entspannten, scheinbar völlig selbstständig arbeitenden Pferd stand im klaren Gegensatz zu der damals vorherrschenden deutschen Reiterei mit ihrer Liebe zu Genauigkeit, Gehorsam und dem sportlichen Wettbewerb. Oliveira selbst sagte, dass es schwierig sei, die Sichtweise der Richter zu ändern. Zu dominant seien die Kriterien der Deutschen hinsichtlich des Reitpferdetyps und der Reiterei. So verfolgte er ein anderes Ziel mit seiner Kunst, nicht das Messen im Wettbewerb: Das Pferd als (damaliges) Symbol für Reichtum sollte in einer Welt voller sozialer Unterschiede und Elend dazu beitragen, diese zu reduzieren und die Reitkunst allen interessierten Menschen zugänglich zu machen, nicht nur den Reichen und Privilegierten. Es entwickelten sich also diese beiden, nicht ganz gegensätzlichen, aber sich doch kritisch gegenüberstehenden Reitkulturen in Westeuropa. Ein junger Offizier der portugiesischen Militärreitschule in Mafra, der nach der modernen deutschen Reitlehre ausgebildet wurde, brachte es auf den Punkt: „Wir erkannten alle, wie unsere Pferde (…) von seinem (Anm.: Nuno Oliveiras) Unterricht profitierten. Leider waren seine Ideale bezüglich der Leichtigkeit für den Turniersport zu hoch. (…) Daher musste man einen Kompromiss schließen. (…). Erkennt man, dass es zwei verschiedene Schulen gibt, sollten Missverständnisse aber vermeidbar sein.“

Ausrüstung

Entsprechend der herrschenden Mode nutzte Nuno Oliveira ausschließlich moderne Dressursättel aus England, die ab etwa 1800 den barocken Sattel abgelöst hatten. Dieser Sattel begünstigt weniger den nach hinten ausgerichteten Sitz, der damals üblich war, als die Pferde noch überwiegend tief auf den Hanken gesetzt gingen. Für die neue, gleichgewichtige Reiterei waren die modernen Sportsättel, die auch Leichttraben und nach vorne Verlagern des Reitergewichtes erlauben, sehr viel besser geeignet. Junge Pferde arbeitete Nuno Oliveira meist mit einer einfachen Wassertrense und einem Hannoverschen Reithalfter (Anmerkung: Nasenriemen liegt tiefer und schließt unterhalb des Gebisses / der Trensenringe). Dieses verschnallte er so locker, dass die Kautätigkeit nicht behindert wurde, aber er schätzte die dadurch gewährleistete ruhige Platzierung des Gebisses im Pferdemaul. Die Ausbildung mit Gebiss zog Nuno Oliveira dem gebisslosen Anreiten vor, wie es noch zu Zeiten des Barock üblich war, weil in seiner an Baucher und Steinbrecht angelehnten Schule die Ausbildung über das Maul, inklusive der Abkauübungen, sehr wichtig war. Auch dem ständigen Kontakt zum Pferdemaul (Anlehnung) maß er mehr Bedeutung bei, als dies früher der Fall gewesen war.

Bei fortgeschrittenen Pferden brachte er dann meist die Kandare mit Unterlegtrense zur Anwendung, auch hier in Anlehnung an Bauchers Schule. So kann das Pferd zum Lösen des Unterkiefers und Öffnen des Maules angeregt werden, um die gewünschte Leichtheit zu erhalten. Außerdem hat man dadurch die aufrichtende und stellende Wirkung der Unterlegtrense (früher durch den Kappzaum) und die beizäumende, abwärts lösende Wirkung der Kandare.

Ein weiteres, sehr wichtiges Hilfsmittel für Nuno Oliveiras Reitkunst waren die Sporen. Der Abrichtung des Pferdes auf die Sporen maß er größte Bedeutung bei. Man sollte aber seine Warnung beachten, die Sporen nicht zu früh einzusetzen, da das die Pferde abstumpft und zu Muskelverspannungen führt. Beides wird man nur schwer wieder los. Auch nutzte er die Sporen nicht so, wie es heute oft geschieht, nämlich zum Vorwärtstreiben oder als Steigerung der Schenkelhilfe, sondern für die Versammlung. Der Sporn am Bauch kann diesen – und damit den Rücken – anheben und den Hinterfuß des Pferdes hochbringen. Durchhaltend eingesetzt kann der Sporn auch beruhigend auf das Pferd wirken. Dieses Hilfsmittel setzt allerdings ein ruhiges, entspanntes Reiterbein, viel Gefühl für das richtige Maß und besonders für den Moment des Loslassens voraus.

Die Pilaren in der Reithalle nutzte Nuno Oliveira gelegentlich, wie seine Vorgänger in der Reitkunst. Aber anders als diese empfahl er nicht, das Pferd zwischen den Pilaren auszubilden, sondern stellte das Pferd erst dazwischen, wenn es das Piaffieren bereits frei in der Bahn gelernt hatte. Waren die Grundlagen also gelegt, schätzte er die Pilaren durchaus als ein Mittel, welches dem Pferd hilft, in Ruhe und Entspannung piaffierend die richtige Muskulatur zu entwickeln.

Überraschenderweise brachte Nuno Oliveira bei der Longenarbeit auch Ausbinder zum Einsatz. Er warnte aber davor, diese anfangs zu kurz zu verschnallen, man solle sie erst einmal lang lassen und das Pferd allmählich an die richtige Position heranführen. Andernfalls könne der Rücken schnell hohl werden. Auch empfahl er, die Hilfszügel nicht dauerhaft zu nutzen, sondern nur solange, bis das Pferd von selbst in dieser Haltung bleibt.

Sitz und Hilfengebung

„Vorbereiten und geschehen lassen”, diese Formel fasst den Einsatz von Hilfen bei Nuno Oliveira wohl am besten zusammen. Er beeinflusste das Pferd so wenig wie möglich, trachtete immer danach, dass es sich von allein entfaltete und der Reiter nur noch entspannt den Bewegungen folgen sowie den äußeren Rahmen vorgeben musste. Wie alle großen Meister war auch Nuno Oliveira ein Freund der subtilen Hilfengebung, um die größtmögliche Leichtheit, Feinheit und Aufmerksamkeit beim Pferd zu erzielen. D. h. er nutzte kurze Signale mit Hüfte, Beinen oder Händen, auf die dann aber ein sofortiges Nachlassen folgte. Dauerdruck lehnte er ab.

Da der Rücken des Pferdes das Wichtigste, das Bewegungszentrum ist, ist auch der damit verbundene Teil des Reiters, die Hüfte, dessen wichtigster Teil. Die Taille sollte locker der Bewegung des Pferderückens folgen, das Gesäß ruht breit und entspannt im Sattel. Aus dieser Position nutzte er die Hüfte wie ein Akkordeon, um die Hinterhand durch zurückkippen zu belasten und zu senken, oder durch vorkippen zu entlasten und zum vermehrten Schieben aufzufordern.

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Wie Steinbrecht unterschied auch Nuno Oliveira zwischen zwei Sitzarten: Der „geöffnete Sitz“ unterstützt die Versammlung, indem der Reiter das Gesäß entspannt, schwer einsitzt und sich eher leicht nach hinten neigt. Der „geschlossene Sitz“ dagegen kommt bspw. bei Verstärkungen zum Einsatz, wenn mehr Schub- als Tragkraft gefordert ist: Das Gesäß wird angespannt, wodurch der Reiter leichter und nach vorn geneigt sitzt. Daran kann man erkennen, dass Nuno Oliveira eine flexible Position des Reiters verlangte. Er sagte, dass sich die Haltung des Reiters im Verlauf der Ausbildung eines Pferdes verändern muss, um dem Pferd helfen zu können. Man kann nicht von Anfang an schwer einsitzen, das würde den Rücken hohl machen. Einmal muss man das Gewicht durch Vorneigen von der Hinterhand nehmen, ein andermal durch Zurückneigen die Vorhand freier machen. Hierfür sind sehr schnelle Reaktionen des Reiters gefragt sowie viel Gefühl („Reitertakt“) für die richtige Hilfe oder Position im richtigen Augenblick.

Viel Zeit widmete er auch der Beschreibung des richtigen Einsatzes der Reiterschenkel. Oft spricht man von der Leichtheit der Hand, die Beine des Reiters müssen allerdings genauso leicht sein! Das Pferd muss atmen dürfen und in der Lage sein, jeden kleinsten Impuls wahrzunehmen; beides ist nicht möglich, wenn die Reiterbeine am Bauch kleben und diesen zusammendrücken. Auch haben angespannte Beine zur Folge, dass sich die Muskeln der Oberschenkel und im Rücken des Reiters verspannen und schon ist ein gelöstes Mitgehen in der Bewegung des Pferdes nicht mehr möglich. Die Schenkel sollen also locker am Pferdeleib herunterhängen, aber so nah sein, dass eine schnelle, kurze Berührung mit der Wade jederzeit möglich ist. Diese soll den Bauch nur kurz berühren und dann sofort wieder locker werden. Die Aufgaben der Reiterschenkel sind vielfältig: Sie wirken treibend, beruhigend, umfassend und biegend (innerer Schenkel).

Für eine gesteigerte Versammlung werden Sporen zum Einsatz gebracht. Durch entspannen des Fußknöchels mit der Fußspitze nach unten, berührt der tiefsitzende Sporn kurz den Pferdeleib. Auch hier sieht man wieder gut Oliveiras Konzept: Der Sitz soll nicht in eine feste Form gepresst werden, Funktionalität und Anpassungsfähigkeit stehen im Vordergrund. Den Reiter in eine Schablone zwingen zu wollen, würde zu Lasten von Leichtheit und Entspannung gehen.

Den Einsatz der Hände zu beschreiben ist Oliveira am Wichtigsten. Ihren Zweck beschreibt er als das Fühlen, ein ständiges Zwiegespräch mit dem Pferdemaul führend.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen grober, fester Anlehnung und dem leichten, sensiblen, aber doch dauerhaften Kontakt, den er fordert. Die Hand muss ruhig stehen und das Maul empfangen, sie darf aber niemals ziehen! Denn eine starke Hand bringt das Pferd dazu, sich darauf abzustützen und zu viel Gewicht auf die Vorhand zu bringen. Stattdessen soll das Pferd seine Stütze in der eigenen Hinterhand suchen. Oliveira beschreibt den Einsatz der Reiterhand wie folgt: „Die Hand ist das letzte Mittel, das zum Einsatz kommt, man sollte beim Annehmen immer mehr mit dem Kreuz als mit den Händen arbeiten. Ignoriert das Pferd allerdings diese Gewichtshilfe (Hüfte nach hinten kippen, „Kreuzhilfe“), schließen sich kurz die Finger auf den Zügeln, ohne dass die Hand ihre Position verlässt. Dem muss immer ein sofortiges Nachgeben folgen, das allerdings kein Fallenlassen der Zügel sein sollte, sondern ein Weichmachen, ein Öffnen der Finger, um jedes Gewicht vom Zügel zu nehmen.“

Für einen lockeren Kiefer und das tätige Maul, das eine große Rolle in Oliveiras Reiterei spielt, ist die ständige Aufmerksamkeit des Pferdes auf die Zügelhilfen unbedingt nötig. „Das Pferd darf nicht auf Ihren Händen schlafen!“, pflegte der Meister seinen Schülern zu predigen.

JULIKA TABERTSHOFER

Die Autorin Julika Tabertshofer hat sich der Umsetzung der Ideale der Alten Reitmeister verschrieben. Ihre Arbeit ist inspiriert von der klassischen und der Akademischen Reitkunst sowie des Vaquero Horsemanship. Nach ihrer Tätigkeit für die Anja Beran Stiftung für klassische Reitkunst ist sie heute als Bereiterin und Reitlehrerin nahe Bonn tätig.

KONTAKT

Julika Tabertshofer Tel.: +49 (0) 151 / 107 520 94 E-Mail: julika.tabertshofer@googlemail.com

Ausbildung

„Dressur heißt nicht, schwierige Lektionen vorzuführen, sondern das Pferd gelenkiger, geschmeidiger zu machen und ihm besseres Gleichgewicht zu vermitteln. (…) Eine Lektion bedeutet für das Pferd vor allen Dingen durchdachte Gymnastik, welche seinen Leib entspannt hält und bereit, ohne Anstrengung diese oder jene Bewegung auszuführen.“, sagte Nuno Oliveira selbst zum Zweck der Dressur. Wo in der heutigen Sportreiterei findet man noch diese Ansicht zu den Lektionen der Dressur?

Schauen wir uns zuerst an, worin Oliveiras Erfolg in der Ausbildung seiner Pferde begründet lag. Das erklärte Ziel seiner Ausbildung war es, jedes Individuum zur vollständigen Entfaltung seines Potentials und zu größtmöglichem Ausdruck zu bringen. Er wollte es so wirken lassen, als habe das Pferd den Reiter auf seinem Rücken völlig vergessen und bewege sich aus eigenem Antrieb. Zurückversetzt in seinen (veredelten) natürlichen Zustand präsentierte er das Pferd mit so wenig Beeinflussung und Aufwand wie möglich.

Ein weiterer Hauptpunkt mag wohl gewesen sein, dass er kein starres Konzept hatte und es so schaffte, seine Reitweise immer neu an Körper, Typ und Temperament des Pferdes anzupassen. Auch experimentierte er viel, probierte neue (oder alte) Ideen mit seinen Pferden aus und achtete genau auf deren Rückmeldung. Seine Schülerin Bettina Drummond berichtete z. B., dass er sich einmal an der Idee festbiss, herauszufinden, wie weit er das Hinterbein des Pferdes nach oben holen konnte. Und tatsächlich schaffte es ein eher schwaches Pferd in der Passage, mehrmals hintereinander mit den Fesseln seinen Bauch zu berühren, so hoch hob es die Hinterfüße.

Pädagogik

„Unmittelbar beim geringsten Vorzeichen von Verständnis belohnen. Oft auffordern, sich jedes Mal mit wenig begnügen und unmittelbar loben. … Man richte das Augenmerk auf Gelassenheit und Entspannung, Geraderichtung, Kadenz, Gehlust und prompte Reaktion auf die Hilfen. Man greife immer wieder auf Basisübungen zurück und widme ihnen mehr Zeit.“ waren seine zentralen Sätze. Die gesamte Vorgehensweise Oliveiras ist also darauf ausgerichtet, dem Pferd die Motivation für sein Tun zu bewahren und es geistig und körperlich in einem Zustand zu erhalten, in dem es jederzeit könnte – aber nicht immer muss. Genauso lässt man auch kein S-Springpferd jeden Tag einen Parcours der schweren Klasse springen, sondern widmet sich überwiegend der Basisarbeit und der Vorbereitung. Dieser Philosophie sollte man sich auch in der Dressur bedienen.

„Entspannung“ ist ein Schlüsselwort in Oliveiras Ausbildung und erstreckt sich auch auf die Maul- und Kieferpartie. Das gleichmäßige Klirren der Gebisse war eine ständige Begleitmusik in Oliveiras Reithalle. Zudem forderte er, dass das Pferd jederzeit in jeder Gangart den Hals lang machen kann und dabei im Takt bleibt, ohne auf die Vorhand zu fallen oder wegzueilen. Das Gleiche im Stand: Häufig sah man den Meister auf einem mit tiefem, langen Hals abkauenden, völlig ruhig und entspannt stehenden Pferd sitzen. Aus dieser Position nahm er wieder die Zügel und holte das Pferd zurück in eine versammelte Haltung, ohne dass es einen Fuß bewegte. Das war für ihn der Beweis für einen entspannten Geist und für einen runden, losgelassenen Rücken. Würde sich das Pferd nämlich nicht auf Aufforderung strecken, wäre das ein Hinweis für seinen Reiter, dass die Arbeit in der Versammlung falsch gewesen war, dass Hand und Bein die Haltung erzwungen hatten.

FORTSETZUNG

Lesen Sie weiter in Piaffe 1/2020 über Nuno Oliveiras Grundausbildung der Pferde, die Bedeutung des Schulterherein und des ruhigen Schritts sowie seine Spezialität, die Hohe Schule.

Zum Aufbau seiner Arbeitseinheiten sagte Oliveira, dass er an jede Einheit ohne festes Programm herangehe. Es ist die wichtigste Aufgabe des Reiters, durch ständiges Beobachten und Hineinspüren den Zustand des Pferdes zu beurteilen und sein Programm und die Übungen entsprechend anzupassen. Dabei sollte man nicht nach der Uhr vorgehen, sondern zeitlich flexibel bleiben. Ist das Pferd besonders gut und aufmerksam, kann die Einheit schon nach fünf Minuten beendet sein. Kommt es dagegen nicht zur Ruhe oder tut sich ein Problem auf, kann die Einheit auch mal sehr lange dauern.

Schwierige oder neue Übungen sollte man übrigens auf das Ende der Arbeit legen, wenn das Pferd gut dafür vorbereitet ist und danach zur Belohnung gleich die Bahn verlassen darf.

BISHER IN UNSERE SERIE ALTE MEISTER:

Xenophon, Antoine de Pluvinel und François de la Guérinière, Gustav Steinbrecht sowie François Baucher.

BLOG

Eine Sammlung hunderter Zeitungsausschnitte, Fotos und Zeitzeugenberichten von Piotr Wojcik.

→ www.nunoliveira.unblog.fr

ÜBER NUNO OLIVEIRA

„Er konnte ein junges, geeignetes, unausgebildetes Pferd in Sekunden versammeln und ins Gleichgewicht bringen. Pferden, die noch nie in ihrem Leben Galoppwechsel gemacht hatten, brachte er in weniger als einer Woche Zweier- oder selbst Einerwechsel bei. Er schaffte es, vor ungläubigen Zuschauern untalentierte Reitpferde piaffieren und passagieren zu lassen. Oftmals schienen die Pferde genauso überrascht wie ihre Besitzer. Seine Reiterei hatte beinahe etwas Überirdisches, so vollständig war seine Kontrolle über das Pferd und so vortrefflich seine Technik.“

Aus „Dressur – Die Kunst der klassischen Reitweise“ von Sylvia Loch.

BUCHEMPFEHLUNGEN

Die Kunst des Reitens. Gesammelte Schriften: 5 Bände in einem Band (Documenta Hippologica) von Nuno Oliveira, erschienen im Georg Olms Verlag 2016 ISBN-13: 978-3487085586

Erinnerungen eines portugiesischen Reiters (Sämtliche Schriften, Bd. 6) von Nuno Oliveira, erschienen im Georg Olms Verlag 2000 ISBN-13: 978-3487083827

30 Jahre Aufzeichnungen und Briefwechsel mit Maître Nuno Oliveira von Michel Henriquet, erschienen im Georg Olms Verlag 2005 ISBN-13: 978-3487084213

Zu Hause bei Nuno Oliveira von Eleanor Russell, erschienen im Georg Olms Verlag 2007 ISBN-13: 978-3487084701