Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Nur der HSV! Die letzten Geheimnisse von Uns Uwe


Logo von Sport Bild
Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 27.07.2022

SERIE

Artikelbild für den Artikel "Nur der HSV! Die letzten Geheimnisse von Uns Uwe" aus der Ausgabe 30/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 30/2022

HSV-Legende Seeler wird von den Fans nach seinem Abschiedsspiel gegen eine Weltauswahl (u. a. mit Beckenbauer, Charlton, Eusébio) am 1. Mai 1972 auf den Schultern getragen

60 Jahre Bundesliga

Unglaubliche Geschichten

TEIL 4

Es war 17.01 Uhr, als Ilka Seeler (85) am vergangenen Donnerstag die traurige Nachricht via WhatsApp im engsten Freundeskreis bestätigte. „Ihr Lieben ...“, waren ihre ersten Worte. Uwe sei im Kreise der Familie friedlich eingeschlafen, schrieb sie weiter, nachdem BILD elf Minuten zuvor als Erstes über den Tod von Uwe Seeler († 85) berichtet hatte. Mit „In Liebe! Ilka und Familie“ beendete die Witwe die Kurznachricht.

Geliebt haben „Uns Uwe“ alle. Er steht für spektakuläre Tore, Einsatz, Fairplay, Bodenständigkeit, Treue. Er war ein Superstar zum Anfassen, der selbst im Rentenalter jeden Autogramm- und Fotowunsch geduldig erfüllte. Am wohlsten fühlte er sich daheim in Norderstedt am Stadtrand von Hamburg. Er lebte dort in keiner Protz-Villa, sondern seit Ende der 50er-Jahre in einem normalen Familienhaus.

Am liebsten machte er Urlaub in St. ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sport Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Schenkt UNS und UWE den Wembley-Sieg!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schenkt UNS und UWE den Wembley-Sieg!
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Fußballerinnen sind Vorbilder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fußballerinnen sind Vorbilder
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von 54 Preise für über 20 000 Euro – exklusiv für Abonnenten!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
54 Preise für über 20 000 Euro – exklusiv für Abonnenten!
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Bayerns neue Transfer-Strategie. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bayerns neue Transfer-Strategie
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Mythos Grünwalder Straße
Vorheriger Artikel
Mythos Grünwalder Straße
Wie viele Länderspiele bestritt BVB-Legende Zorc?
Nächster Artikel
Wie viele Länderspiele bestritt BVB-Legende Zorc?
Mehr Lesetipps

... Peter-Ording an der Nordsee oder in Obertauern in den österreichischen Alpen statt an der Côte d’Azur, Ibiza oder in Dubai, wie es heutzutage bei Fußballern der Fall ist. Leberwurst, Fleischsalat, Bohnenkaffee „Milde Sorte“ oder ein Pils gehörten auf den Esstisch statt Lachs, Kaviar und Champagner. Daheim trug Seeler am liebsten Trainingsanzug. „Ich bin nichts Besseres als andere, sondern ein stinknormaler Mensch. Ich habe einfach nur Fußball gespielt“, sagte Seeler über sich.

Einfach nur Fußball gespielt? Typisch Seeler. Er gehörte zu den größten Stürmern aller Zeiten. Kein Spieler steht so für einen Verein wie der „Dicke“, wie er wegen seiner stämmig-untersetzten Statur schon als Kind liebevoll genannt wurde, für den HSV!

Die Liebe zu seinem Herzensklub begann, als der spätere Ehrenspielführer der Nationalmannschaft und Vize-Weltmeister von 1966 neun Jahre alt war. Der 24. Dezember 1945 war dabei ganz entscheidend. Die Familie Seeler feierte in ihrer 50-Quadratmeter-Wohnung im Hamburger Stadtteil Eppendorf das erste Weihnachten in Frieden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein halbes Jahr zuvor. Unter dem Tannenbaum verkündete Vater Erwin Seeler (Jahrgang 1910), einst selbst ein erfolgreicher Fußballer in Norddeutschland und von 1938 bis 1949 Führungsspieler beim späteren zweimaligen Europapokalsieger: „Uwe, mit dem Straßenfußball ist es vorbei. Wir melden dich beim HSV an.“

Der Lütte Uwe war mächtig stolz, musste aber bis zum 1. April 1946 warten, ehe er mit der Mitgliedsnummer 1725 eine Rothose wurde. Damals konnte noch keiner erahnen, dass Seeler später der größte HSVer aller Zeiten werden würde. Immer wieder angetrieben durch Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Erziehung.

Um als Kind regelmäßig zum Training zu kommen, jobbte er im Fahrradgeschäft Oergel am Grindelberg und besserte sich sein Taschengeld auf. Von seinem Ersparten kaufte sich Seeler einen schwarzen Drahtesel, mit dem er zum Training ins rund 15 Kilometer entfernte Ochsenzoll in Norderstedt fahren konnte. Diese Einstellung beeindruckte vor allem seinen Vater, zu dem Junior Uwe immer aufschaute.

Seeler war mit viel Talent gesegnet, aber darauf verließ er sich nie. „Es ist ein Irrglaube, wenn einer sagt: Ich beherrsche eine Sache, die brauche ich nicht zu trainieren. Mein Motto war immer: Alles, was ich kann, muss ich immer wieder üben.“ Vor allem am Kopfball-Pendel legte er nach den Übungseinheiten Sonderschichten ein. Auch Seitfallzieher übte er permanent am Trainingsgerät. Das machte ihn besonders und weltberühmt.

Selbst der dreimalige Weltmeister Pelé (81), der wohl beste Fußballer aller Zeiten, schwärmt vom Hamburger. „Ich habe Uwe Seeler immer bewundert. Sein Kopfballspiel, seine Schüsse im Fallen – das habe ich bei keinem anderen Spieler gesehen. Dazu seine Ballbehandlung, die war einzigartig. Es war mir eine Ehre, gegen ihn zu spielen. Zum Beispiel, als wir 1962 mit dem FC Santos in Hamburg auf den HSV trafen“, sagte der Brasilianer im SPORT BILD-Gespräch 2013. „Es ist schade, dass Uwe Seeler mit Deutschland nie Weltmeister wurde. Verdient hätte er es gehabt.“

Gleichwohl legte „Uns Uwe“ eine außergewöhnliche Karriere hin, die beim HSV begann und endete. Dabei war vor allem Jupp Posipal († 69), der einzige Weltmeister in der HSV-Historie, ein Vorbild für ihn. Weil er sich um die jungen Spieler kümmerte, ihnen den Fair-Play-Gedanken beibrachte.

Am 5. August 1953 mit nur 16 Jahren lief Seeler im Freundschaftsspiel gegen Göttingen 05 erstmals für die Senioren des HSV auf. Ab Juli 1954 war er dank einer Sondergenehmigung des DFB dauerhaft in der Ligamannschaft (Oberliga Nord) spielberechtigt. Wenige Wochen zuvor wollte der damalige Bundestrainer Sepp Herberger († 80) das Super-Talent bereits mit zur Weltmeisterschaft in die Schweiz nehmen, doch die Meldefrist war abgelaufen. 1972 beendete Seeler in Hamburg seine Laufbahn.

Diesen Rücktritt unterbrach er noch einmal, als er auf Bitten des Sportartikelherstellers Adidas, für den er als Generalvertreter tätig war, am 23. April 1978 ein Gastspiel bei Cork Celtic in der ersten irischen Liga bestritt. Seeler war nach eigenen Angaben nicht bewusst, dass es sich dabei um ein Punktspiel handelte.

In 587 Pflichtspielen für den HSV erzielte Seeler 507 Treffer. Einer war spektakulärer als der andere. Sein Pech: Die Auszeichnung „Tor des Monats“ wurde ihm nur nach seiner aktiven Karriere zuteil. Denn die ARD-Sportschau führte erst ab März 1971 die Ehrung durch, ein Jahr vor Laufbahn-Ende des 72-maligen Nationalspielers. 1985 erhielt Seeler trotzdem die Medaille, als er für „Deutschlands Allstars“ bei einer Neuauflage des WM-Finales von 1966 in Leeds gegen die englische Auswahl traf.

Viele Titel gewann Seeler auch deshalb nicht, weil er seinen HSV nie verließ – trotz des Lockrufes des Geldes. 1961 wollte Inter Mailand, damals die beste Vereins-Mannschaft der Welt, ihn verpflichten. Die Italiener warben am Ende mit 1,2 Millionen Mark Handgeld – der Koffer lag auf dem Tisch – sowie einem Dreijahresvertrag mit insgesamt 1,5 Millionen Mark Gehalt plus Nebengeräuschen wie einer Villa und einer Limousine.

Doch Seeler lehnte ab, obwohl er in Deutschland laut Vorgabe des DFB nur 400 Mark verdienen durfte. Das alles aus Liebe – zu seinem HSV. Nach mehreren Verhandlungen mit den Mailändern im Atlantic Hotel an der Alster reifte sein Entschluss bei einem nächtlichen Spaziergang daheim in Norderstedt. Seeler war aufgewühlt, selbst die von Frau Ilka geschmierten Quarkbrötchen konnten ihn nicht beruhigen. Als er spätabends nicht schlafen konnte, ging er auf das direkt an sein Grundstück grenzende Trainingsgelände. Dort reifte der Entschluss zu sagen: „Ich gehe nicht. Ich bin Hamburger.“

SOGAR SEINE HOCHZEIT MIT SEINER ILKA FEIERTE SEELER 1959 IM KLUBHEIM DES HSV

Für Seeler galt wirklich, was heute ein Slogan ist: Nur der HSV. Selbst seine Hochzeit 1959 feierte er im Klubheim. Dabei war er auf dem Weg zu einem Megastar. Als 1963 die neugegründete Bundesliga in ihre Premieren-Saison startete, war der Hamburger eines der Zugpferde. Mit 30 Treffern wurde er 1964 der erste Torschützenkönig und zu Deutschlands Fußballer des Jahres gekürt.

Neun Jahre prägte er die neue höchste deutsche Spielklasse, doch einen Titel konnte er in der Zeit mit dem HSV nach dem Gewinn der Meisterschaft 1960 und dem DFB-Pokal-Erfolg 1963 nicht gewinnen. Trotzdem verehrten ihn die Fans, egal ob Anhänger des HSV oder von anderen Vereinen. „Uns Uwe“ war für viele ein Vorbild – was insbesondere die Einstellung betrifft.

In Seelers Krankenakte sind mehr als 60 Verletzungen dokumentiert. Zerrungen, Brüche, Muskelfaserrisse. Doch Klagen – das gab es bei ihm nicht. Das brachte ihm sein Vater bei, der als Arbeiter im Hamburger Hafen sein Geld verdiente. „Ich war nie ein Jammerlappen“, sagte Seeler über sich. Und: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

Selbst als er im Februar 1965 einen Achillessehnenriss erlitt und die Fortsetzung seiner Karriere in großer Gefahr war. Doch Kämpfer Seeler kam nach nur einem halben Jahr zurück. Sein Ausrüster Adidas fertigte ihm einen Spezialschuh an, der hinten geschnürt wurde und die lädierte Stelle entlasten sollte.

Seelers Sprüche!

„Ich entscheide die großen Dinge und meine Frau die kleinen.

Welche Dinge groß und welche Dinge klein sind, entscheidet meine Frau.“

„Wenn sich der Gegner hinten etwas entblößt, ist es einfacher für unsere Jungs.“

„Der große Favorit ist für mich Brasilien, der Geheimfavorit Italien – und Weltmeister wird Deutschland.“

„Ein Mittelstürmer verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Strafraum.“

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“

„Wir stehen mit dem Rücken nicht mehr an der Wand, sondern in der Wand.“

„Wenn im Fernsehen Fußball läuft, muss alles um mich herum ruhig sein. Da bin ich wie weggetreten.“

„Erst wenn der Schiedsrichter abpfeift, ist das Spiel zu Ende oder gewonnen.“

INVESTOR KÜHNE SAGT ÜBER DIE UMBENENNUNG DER ARENA IN UWE-SEELER-STADION: „ENTSCHEIDEND IST, OB DIE SCHWACHE VEREINSFÜHRUNG DIES AUFNIMMT“

Seeler hatte auch nach seiner Spielerkarriere während seiner Präsidenten-Zeit zwischen 1995 und 1998 große Verdienste um seinen HSV. Sein einstiger Mitspieler, langjähriger Freund und damaliger Funktionärs-Kollege Harry Bähre (81) sagt: „Ohne Uwe würde es das heutige Stadion nicht geben. Er hat dank seiner Popularität und Kontakte dafür gesorgt, dass die Arena gebaut wurde – was für den Verein vor allem wirtschaftlich überlebenswichtig war.“

Die Stadt Hamburg verkaufte 1998 das Volksparkstadion für eine symbolische Summe von einer D-Mark an den HSV. Das am Ende 200 Millionen Mark teure Projekt wurde zudem mit einem Betrag von 21,3 Millionen Mark bezuschusst. Darum ist es für Bähre keine Frage: „Das Volksparkstadion muss in Uwe-Seeler-Stadion umbenannt werden. Das hat Uwe verdient.“

Der aktuelle Namenssponsor Klaus-Michael Kühne (85) wäre dafür, nachdem auch sein freundschaftlicher Ratgeber Reiner Calmund (73) ihn in einer Mail darauf aufmerksam gemacht hatte. In seinem Antwortschreiben an den früheren Macher von Bayer Leverkusen betonte Kühne aber: „Entscheidend ist, ob die schwache Vereinsführung dies a u fnimmt.“

Das Volksparkstadion stand vergangenen Sonntag bundesweit im Blickpunkt. 54 500 Zuschauer nahmen beim Heimspiel gegen Hansa Rostock (0:1)

Abschied von Hamburgs größtem Fußballer, dessen gesundheitlicher Zustand nach einem schweren Autounfall 2010 stetig schlechter wurde. Damals touchierte ein Fahrer, dessen Blutalkoholwert 0,9 Promille aufwies, Seelers Auto am Hamburger Elbtunnel. Beide Wagen hatten einen Totalschaden – und Seeler Glück, dass er überlebte.

Im VIP-Bereich des Stadions stellten Freunde zu seinem Gedenken ein Porträtfoto von Seeler mit einer Botschaft auf einen Tisch. „Wir trauern um einen Freund. Deine Delta-Loge.“ Mit diesen Worten sagten engste Wegbegleiter, mit denen er dort über viele Jahre die HSV-Spiele sah, Siege und Niederlagen mit einem Glas Pils feierte oder runterspülte: Tschüs, Uwe.

Nächste Woche Der Wechsel, der Dortmund und Schalke erschütterte