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NUR NICHT DEN MUT VERLIEREN!


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 20/2019 vom 11.01.2019

Mein Pferd -Leserinnen berichten, wie es ihren Pferden nach der Diagnose „Periodische Augenentzündung“ heute geht


ELKE & RÄUBER, 16-JÄHRIGES DEUTSCHES SPORTPFERD

Artikelbild für den Artikel "NUR NICHT DEN MUT VERLIEREN!" aus der Ausgabe 20/2019 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 20/2019

„Als Räuber vor drei Jahren ein schmerzendes Auge hatte, habe ich direkt meinen Tierarzt angerufen. Am nächsten Tag sah das Auge zwar fast wieder gut aus, aber mein Tierarzt ist sehr gründlich und wollte sich das Auge dennoch anschauen. Diverse Untersuchungen wurden gemacht und die Pupille geweitet. Der Verdacht: periodische Augenentzündung. Als nach ein paar Wochen der nächste Schub kam, habe ich direkt einen Termin in Sottrum gemacht, da ich ...

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... nun Gewissheit wollte. Räuber wurde operiert und das andere Auge sicherheitshalber punktiert – es war aber nicht betroffen. Nach ein paar Tagen wurde er entlassen. Nun hieß es zwei Jahre abwarten. Bleibt nur ein klitzekleines Stück des Glaskörpers oder der Augenflüssigkeit übrig – was durchaus der Fall sein kann, da bei der Entfernung des Glaskörpers die Netzhaut einfallen kann –, wurde der Herd nicht vollständig beseitigt, und die Bakterien können sich wieder vermehren. Mittlerweile sind über drei Jahre vergangen und die equine rezidivierende Uveitis ist nicht wieder ausgebrochen. Sie wurde rechtzeitig erkannt und behandelt, sodass Räuber keine Sehkraft einbüßen musste.“

CARINA & COCO, 9 JAHRE

„Wir haben die Diagnose Mondblindheit im April 2018 erhalten. Cocos linkes Auge war an diesem Tag leicht gerötet. Da die Tierärztin zufällig am Stall war, ließ ich sie danach sehen. Sie meinte zunächst, im Frühjahr könne dies vielleicht eine Allergie sein. Also nichts Tragisches. Sie gab uns eine leichte Augensalbe und wollte nach einer Woche noch mal kontrollieren. Dieser Tag war dann anders. Cocos Auge war leicht trüb, und ich hatte schon so ein komisches Gefühl. Die Tierärztin hatte dann auch keine guten Nachrichten, und ich beschloss, mir bei einer Augenspezialistin eine zweite Meinung zu holen. Dort stand nach zwei Stunden fest: Coco hatte bereits eine komplette Netzhautabtrennung, die mindestens vier Jahre zurückliegen musste. Das Ganze muss im hinteren Auge schleichend begonnen haben, mittlerweile war sie auf dem Auge blind. Am Anfang konnte ich es kaum glauben. Aber meine Tierärztin ermutigte mich, so weiterzumachen wie bisher und nichts zu verändern. Lediglich regelmäßige Augenkontrollen ein- bis zweimal im Jahr seien notwendig, um das gesunde Auge zu schützen. Sie gab mir sogar das Okay, weiter zu reiten. Also saß ich am Tag nach der Diagnose auf dem Pferd. Ein ganz komisches Gefühl, aber schon nach einigen Wochen ritt ich meine erste Dressurstunde und das erste erfolgreiche Turnier. Ich wusste einfach, Coco vertraut mir. Auch jetzt, acht Monate später, verhalten wir uns ganz normal. Bei starker Sonne und Wind sowie beim Reiten trägt sie eine Augenmaske, ansonsten lebt sie wie ein ganz normales Pferd.“

NADINE & WAIKIKI, 27-JÄHRIGE TRABERSTUTE

Augenentzündung betroffen. Die Diagnose erfolgte im Oktober 2016, mit bisher stillem Verlauf. Wir dachten damals zuerst an eine Bindehautentzündung, da sie zu diesem Zeitpunkt ein dick geschwollenes, tränendes Auge hatte. Tatsächlich war dies der erste Schub; seither haben wir abwechselnd auf beiden Augen mehrere Schübe hinter uns, die sich alle so geäußert haben. Im Schnitt haben wir zwei bis drei Schübe pro Jahr. Aufgrund von Waikikis Alter und ihrem allgemeinen Zustand (Kreislaufprobleme) kommt ein Transport – und somit auch eine OP – nicht infrage. Wenn ein Schub auftritt, behandeln wir mit verschiedenen Augensalben (Antibiotika, Vitamin A, Heparin), Entzündungshemmern, Schmerzmitteln und Globuli. Ein Notfallset habe ich immer im Stall, um direkt behandeln zu können. Seit der Diagnose trägt mein Pferd immer eine Schutzmaske mit einem Wind- und UV-Schutz von 95 Prozent. Gerne würde ich weiteren Betroffenen Mut machen, dass es nicht immer gleich eine OP sein muss!“

ANNA LENA & NIKLAS, 27-JÄHRIGER TRABERWALLACH

„Als ich Niklas vor 11 Jahren bekommen habe, tränten ihm immerzu die Augen. Mir wurde gesagt, er habe eine Heuallergie. Da ich noch unerfahren war, glaube ich dies zunächst – bis er plötzlich mit einem weißen Auge vor mir stand. Zunächst ging ich davon aus, dass er sich gestoßen oder einen Schlag bekommen habe. Aber plötzlich hieß es dann, er habe die periodische Augenentzündung. Der Tierarzt verordnete uns Atropin, Cortison und Schmerzmittel. Während der Behandlung sollte Niklas eine Maske tragen, da die Atropin-Tropfen das Auge weitstellen und somit lichtempfindlich machen. Da Niklas immer wieder Schübe hatte, bekam er schließlich ein Langzeitdepot ins Auge gespritzt. Ich begriff erst spät, womit wir es zu tun hatten, da ich vorher noch nie von der PA gehört hatte. Also begann ich, mich zu informieren. Zuallererst beschloss ich, dass Niklas nur noch mit Maske rauskommt, um das Auge vor UV-Licht und Wind zu schützen. Zusätzlich versuche ich, über die Ernährung gegenzusteuern und immer wieder die Leber mit Mariendistel zu pushen. Seit gut zwei Jahren bekommt er nun zweimal täglich eine Salbe mit kolloidalem Silber in beide Augen. Seitdem haben wir keinen oder nur noch ganz kleine Schübe. Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg! Allerdings ist er auf einem Auge komplett blind, auf dem anderen sieht er nicht mehr viel. Ginge es nach den Tierärzten, müsste er eingeschläfert werden oder ihm müssten beide Augen entfernt werden. Aber ich habe mich gegen beides entschieden, und wir fahren sehr gut damit. Die erste Zeit hat er sich nicht mehr getraut, zu traben oder zu galoppieren, aber mittlerweile klappt beides wieder gut. Aber wir gehen nie alleine ins Gelände. Er hat Probleme damit einzuschätzen, wie eng manche Stellen sind. Auch klopfen wir Hindernisse ab, damit er weiß, wo er aufpassen muss. Seitdem er fast blind ist, hört er mir viel besser zu. Er findet nur durch meine Stimme über die große Wiese zu mir!“

Wortkommandos helfen, Verknüpfungen im Alltag herzustellen


Die Gerte gibt Pferd und Mensch bei der Bodenarbeit Sicherheit und Distanz


Als Hauptursache gelten Leptospiren, die von Mäusen über den Urin in Heu, Stroh und auf der Weide ausgeschieden werden. Wie wahrscheinlich ist eine Infektion?
Als möglicher Auslöser spielen die Leptospiren bei der PA in Europa tatsächlich eine bedeutende Rolle. Die Bakterien können in ein oder beide Augen gelangen. Das kann annähernd gleichzeitig aber auch zeitlich unabhängig erfolgen. Bei den betroffenen Pferden muss eine gewisse Anfälligkeit unterstellt werden, da sich mehr als 80 Prozent der Pferde infizieren, ohne zu erkranken. Auch fallen in Deutschland bei Pferden, die unter der ERU leiden, maximal 40 bis 80 Prozent der Proben positiv aus, je nach Region. Aber: Ein negatives Ergebnis der Leptospirenuntersuchung bedeutet nicht, dass das Pferd keine ERU hat.

Gibt es auch Anhaltspunkte für eine genetische Veranlagung?
In England kam diese Theorie schon 1966 auf, unter anderem, weil hier ein starker Rückgang der ERU nach Zuchtausschluss von Hengsten mit Augenveränderungen verzeichnet werden konnte. Neueste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die ERU gehäuft bei bestimmten deutschen Warmblutpferden und beim Appaloosa auftritt, was auf einen genetischen Hintergrund der Krankheit hindeutet. Andere Studien bestätigen außerdem die spezielle Natur des Immunsystems des Pferdeauges.
Das erklärt, warum das Pferd – im Vergleich zu anderen Tierarten – so außerordentlich empfindlich auf immunbedingte Augenkrankheiten reagiert.

Es gibt verschiedene Behandlungsansätze. Welche Therapie empfiehlt sich für welches Pferd?
Die medikamentöse Therapie ist teuer, zeitaufwendig und kann das Wiederauftreten von weiteren Entzündungsschüben nicht verhindern. Trotzdem ist ein ERU-Schub ein Notfall, bei dem das Pferd eine kontrollierte, intensive Versorgung braucht. Bei akuter Augenentzündung werden in der Regel Atropin-Augensalbe zur Weitstellung der Pupille und Unterdrückung des Lidkrampfes, Kortison-Augensalbe sowie entzündungs- und schmerzhemmende Präparate verordnet. Aber: Trotz intensiver und konsequenter Behandlung treten in der Regel Rezidive auf. Die langfristige Prognose bei einer rein medikamentösen Therapie ist deshalb vorsichtig bis schlecht. Außerdem werden zwei operative, allerdings kontrovers diskutierte Therapien vorgeschlagen.

Welche sind das?
Die Augenärzte in den USA schlagen vor, den erkrankten Pferden ein Implantat einzusetzen, das Cyclosporin enthält. Dabei handelt es sich um ein dopingrelevantes Medikament, das über einen maximalen Zeitraum von drei bis vier Jahren abgegeben wird und wirkt. Allerdings führt es nicht zu einer Rezidivfreiheit, sondern nur zu einer Rezidivreduktion. Das bedeutet, dass die Entzündungsschübe weiterhin auftreten, jedoch seltener und weniger stark ausgeprägt sind als früher. Auch kann mit der Implantierung nicht einer Erblindung vorgebeugt, sondern nur die Zeit bis dahin verlängert werden. Sind bereits Veränderungen des Glaskörpers eingetreten, ist in jedem Fall zusätzlich oder alleine eine Vitrektomie (Glaskörperoperation) notwendig. Dies ist dann letztendlich die einzige sinnvolle Möglichkeit, weitere Entzündungen und die damit fortschreitende Zerstörung des Auges zu stoppen. Der Glaskörper wird dabei (teilweise) entfernt und durch eine geeignete Flüssigkeit ersetzt; außerdem werden die sogenannten T-Lymphozyten-Zellen (Memory-Zellen), Entzündungsprodukte und Trübungen aus dem Auge, entnommen. In vielen Fällen ist die Sehfähigkeit nach der Operation deutlich besser und weitere Entzündungen werden verhindert.

Spaziergänge sind eine ideale Möglichkeit, dem Pferd die Angst vor Geräuschen und fremder Umgebung zu nehmen


Sind alternative Heilmethoden ebenfalls eine Option?
Man darf prinzipiell jede Methode nutzen, die gesichert nicht schadet. Insbesondere die Akupunktur ist eine hilfreiche Zusatztherapie, mit der die Ruhephase zwischen zwei Schüben verlängert werden kann.

Gibt es Möglichkeiten, mein Pferd vor der PA zu schützen?
Eine richtige vorbeugende Maßnahme steht im Moment leider noch nicht zur Verfügung. Hygiene im Stall und die Bekämpfung von Mäusen und Ratten sind natürlich wichtig, reichen aber nicht aus, da es auch auf der Weide zum Kontakt mit Leptospiren kommen kann. Welche anderen Bakterien, Viren oder Pilze noch eine Rolle spielen bei der ERU, ist leider bis dato nicht bekannt; auch vermuten wir eine genetische Disposition (siehe oben). Wir hoffen, dass die Forschung in naher Zukunft Möglichkeiten wie einen klinischen Gentest bieten wird.

ALLTAG & TRAINING MIT BLINDEN PFERDEN

Tipps von Nadja Unger, Mitgründerin und 2. Vorsitzende des Vereins IG Blinde Pferde

UMGANG: Ein ganz normaler Umgang ist wichtig. Das Pferd nicht mit Samthandschuhen anfassen! Eine klare Hand gibt Sicherheit und verhindert, dass sich das Pferd zum Rüpel entwickelt.

WORTKOMMANDOS: Helfen, Verknüpfungen im Alltag herzustellen, zum Beispiel „Achtung!“ für das Heben der Hufe. Man kann mit ihnen auf Hindernisse aufmerksam machen. Auch Longieren funktioniert sehr gut über Wortkommandos.

GERTE: Hilft bei der räumlichen Eingrenzung. Sie dient lediglich zur Hilfengebung, hält Distanz und gibt Pferd und Mensch Sicherheit.

SCHEUTRAINING: Das Pferd muss an Geräusche gewöhnt werden. Dies geschieht idealerweise im Erblindungsprozess – wenn es also noch ein bisschen sieht. So sind die Geräusche schon positiv verknüpft, wenn es später ganz erblindet ist.

ANSPRÜCHE HERUNTERSCHRAUBEN: Vieles, was vorher normal war, ist es jetzt nicht mehr. Im Erblindungsprozess sieht das Pferd verschwommen, das macht es unsicher. Auch haben viele Pferde Probleme mit Schwindel, gerade anfangs. Das Tempo deswegen zurücknehmen und das Training langsam angehen lassen.

KÖRPERGEFÜHL: Viele Pferde verlieren in der neuen Situation Balance und Körpergefühl. Hier hilft die Arbeit an der Doppellonge oder der Einsatz von Körperbandagen nach Linda Tellington Jones. So lernt das Pferd, seinen Körper wieder wahrzunehmen und zu spüren.

TRAINING: Prinzipiell muss man auf nichts verzichten. Manche Pferde fühlen sich unter dem Reiter sicherer, manche bevorzugen Bodenarbeit oder das Fahren vom Boden aus. Manche mögen auch weiterhin kleine Sprünge, das ist eine Sache des Vertrauens.

GELÄNDE: Ich muss für mein Pferd vorausschauend mitgucken. Wo kann es sich erschrecken? Wann kommt es an seine Grenzen? Wir haben viele im Verein, die auch auf fremden Wegen reiten oder an Wanderritten teilnehmen. Die Basis ist auch hier das Vertrauen.

HALTUNG: Ist eine Frage des Typs. Einige Pferde bleiben gerne im Offenstall, einige fühlen sich in der Paddock-Box sicherer. Bei der Gruppenhaltung finde ich jedoch eine gewachsene Herde wichtig; es ist schwierig, ein blindes Pferd zu integrieren.

PROGNOSE: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Blinden irgendwann wieder cooler werden. In der Erblindungsphase sehen viele Dinge so schattig und verschwommen aus, sodass die Pferde sehr schreckhaft sind.

UNSERE EXPERTEN

NADJA UNGER ist Mitgründerin und 2. Vorsitzende des Vereins IG Blinde Pferde. Der Verein ist noch recht jung, erst seit Anfang 2018 eingetragen und hat direkt den PM Award von der FN erhalten. Die 35 Mitglieder besitzen alle blinde Pferde und sind in ganz Deutschland verteilt. Der Verein bietet Beratungsgespräche, Hilfe bei der Kliniksuche u.v.m.
www.ig-blinde-pferde.de

PROF. DR. DR. MED. VET. JÓZSEF TÓTH ist Professor für Chirurgie und Augenheilkunde sowie Leiter der Augenabteilung am Tierärztlichen Kompetenzzentrum Karthaus GmbH in Dülmen (Nordrhein-Westfalen). Er gilt als einer der führenden Augenspezialisten für Pferde in Deutschland.
www.tierklinik-karthaus.info


Fotos: slawik.com (5), Privat (5), IMAGO/ Frank Sorge (2)