Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN


Logo von Keys
Keys - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 05.11.2022

INTERVIEW: BRIAN ENO

Artikelbild für den Artikel "NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN" aus der Ausgabe 11/2022 von Keys. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Grenzen schien es für Brian Eno noch nie zu geben. Von Anfang an bewegte der Brite sich beherzt zwischen den Stilrichtungen. Beste Voraussetzungen, um so innovativ zu werden, dass der Filmkomponist Jon Brion sich sogar einmal traute, Eno den „einflussreichsten Künstler seit den Beatles“ zu nennen. In der Tat können es zumindest in der Breite seines Einflusses nur wenige mit dem heute 74-jährigen aufnehmen. Eno begann seine musikalische Lauf bahn bei den Art-Rockern von Roxy Music; als Produzent und Musiker arbeitete er später mit Künstlern wie David Bowie, U2, Coldplay, Talking Heads, Damon Albarn, Ultravox und Robert Fripp. Nicht zuletzt prägte er als Solokünstler die Ambient-Musik entscheidend (und gilt als ihr Namensgeber). Wie sich im Interview zeigte, sieht Eno seine Einflusssphäre längst nicht mehr nur auf die Kunst beschränkt – der Grenzgänger hat heute die ganze Welt im ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Keys. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2022 von ONLINE-INHALT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ONLINE-INHALT
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Kreativer Multieffekt Infiltrator 2 von Devious Machines. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kreativer Multieffekt Infiltrator 2 von Devious Machines
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von TICKER-NEWS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TICKER-NEWS
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
BUNTER GEHT’S NICHT
Vorheriger Artikel
BUNTER GEHT’S NICHT
JEDE MENGE GRATIS -KANDIDATEN
Nächster Artikel
JEDE MENGE GRATIS -KANDIDATEN
Mehr Lesetipps

... Blick.

KEYS: Brian, Daniel Lanois, mit dem du unter anderem U2s „The Joshua Tree“ produziert hast, sagte mir vor Kurzem, dass er seine Karriere in „Begeisterungskapitel“ unterteilt. Siehst du solche Kapitel auch in deiner Karriere, und wenn ja: In welchem Abschnitt befindest du dich gerade? Brian Eno:Ich arbeite ja in zwei unterschiedlichen Kunstgattungen, in der bildenden Kunst und der Musik. Deshalb gibt es bei mir eine Menge solcher Kapitel, die sich auch oft überschneiden. Ich habe aber auch Phasen, in denen ich keine Kunst mache – dann lese ich Bücher. Gerade stecke ich in einem Abschnitt meines Lebens, in dem es vor allem um das Verstehen von Zusammenhängen geht. Es fügt sich einiges zusammen, und jetzt besitze ich sozusagen einen Schirm, unter dem sich viele verschiedene Dinge versammeln lassen.

KEYS: Und das wären zum Beispiel? Brian Eno:In letzter Zeit denke ich viel darüber nach, warum autoritäre Regime gerade so populär sind. Warum gibt es so viele Figuren wie Trump, Bolsonaro und andere Quasi-Faschisten?

KEYS: Tatsächlich? Ehrlich gesagt, finde ich es problematisch, jemanden wie Trump in die Nähe von Faschisten zu rücken. Trump mag einiges sein, aber ein Adolf Hitler ist er nicht. Brian Eno:Ja, das ist wahr … Und diesen Vergleich wollte ich auch nicht anstellen. Was ich sagen wollte, ist, dass der Nettoeffekt von autoritären Regierungen, die mit überwachungsbasierten Datenerfassungssystemen arbeiten, uns zu einem Zustand führt, der dem Faschismus sehr ähnlich ist. Das ist ein Zustand, in dem abweichende Meinungen neutralisiert werden, bevor sie in der Lage sind, jemanden zu mobilisieren. Wir sehen das jetzt in Amerika, wo die Arbeit, die Trump begonnen hat, von seinen Richtern am Obersten Gerichtshof mit Enthusiasmus fortgesetzt wird. Mein – inzwischen verstorbener – bester Freund war der Maler Peter Schmidt, Sebastian Haffners Stiefsohn. Es war Haffners Buch „Geschichte eines Deutschen“, das mich auf die Prozesse aufmerksam machte, mit denen der Faschismus eine Gesellschaft an sich reißt. Und das beginnt mit genau den Dingen, die jetzt in Amerika passieren: Es werden Gerichte ausstaffiert, man entledigt sich sogenannter illoyaler Menschen, identifiziert Sündenböcke, zettelt Kulturkriege an und so weiter. Wenn wir nicht erkennen, dass dies geschieht, laufen wir direkt in eine Falle.

KEYS: Gibt es auch jüngere Bücher, die dich in dieser Frage beeindruckt haben? Brian Eno:Ich führe seit einigen Jahren Korrespondenz mit der türkischen Autorin Ece Temelkuran. Aus ihrem letzten Buch „Together“ konnte ich unheimliche viele Ideen gewinnen. So etwas ist wichtig für mich. Ich glaube, man muss als Künstler wie ein Athlet arbeiten. Man kann nicht auf seine Begeisterungskapitel warten, sondern muss immer fit bleiben. Es bringt nichts, erst zum Tag des Rennens zu erscheinen. Picasso hat einmal gesagt: „Die Inspiration wird kommen – aber sie muss dich bei der Arbeit vorfinden.“ Die Devise lautet: Keep working!

KEYS: Meine Freundin sagte, nachdem ich ihr „FOREVERANDEVERNO-MORE“ vorgespielt hatte, dass man aus diesem Album eine gewisse Todesahnung heraushören könne. Brian Eno:Das ist sicher ein Bestandteil dieser Platte (lacht). Aber es verhält sich natürlich auch so, dass, wenn man ein Album ohne Beat macht, viele Menschen sofort denken, es gehe um den Tod. Der Beat repräsentiert den Herzschlag, und wenn der fehlt, erinnert das die Leute an den Tod. Ein Beat ist für viele ein klares Anzeichen für organisches Leben. Man könnte es auch so sagen: Ich habe jahrelang den Menschen ausgeklammert, aber jetzt finde ich, dass ich mit meinem Gesang wieder mehr Menschliches in meine Musik lasse. Nicht als Zentrum des Ganzen, sondern eher als Beobachter, als eine Art Kommentar zur Musik. Für meinen Geschmack ist „FOREVER-ANDEVERNOMORE“ ziemlich lebendig (lacht). Ist deine Freundin besorgt, was ihren Tod betrifft?

KEYS: Ich glaube nicht, dass sie eine besondere Angst vor dem Tod verspürt, aber sie möchte sicher dafür Sorge tragen, dass bestimmte Dinge erledigt sind. Brian Eno:So sollten wir alle denken.

KEYS: Hast du Angst vor dem Tod? Brian Eno:Nicht vor meinem eigenen. Was mich aber besorgt, ist der Zusammenbruch der Zivilisation. Das beunruhigt mich sehr, denn ich habe Kinder und Enkelkinder. Ich denke an die Welt, die wir ihnen hinterlassen. Und im Moment tun wir den kommenden Generationen mit der Welt, die wir zu verantworten haben, keinen Gefallen. Ich akzeptiere die Tatsache, dass ich in rund 15 Jahre tot sein werde – wenn ich Glück habe. Sicher würde ich gern für immer leben, aber so, wie die Dinge liegen, bleibt mir nur, zu überlegen, was ich tun kann, um meinen Kindern und Enkeln eine bessere Welt zu hinterlassen.

>> Gerade stecke ich in einem Abschnitt meines Lebens, in dem es vor allem um das Verstehen von Zusammenhängen geht. <<

>> Was wir aber nicht feiern sollten, ist der Umstand, dass wir aufgehört haben, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. <<

KEYS: Aber ist es nicht so, dass die Welt in vielen Punkten deutlich besser geworden ist? Nehmen wir als Beispiel die Zahl der Menschen, die unter extremer Armut leiden, oder die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung … Brian Eno:Ich kenne das Argument, das Autoren wie Steven Pinker ins Feld führen – und halte es für zutiefst falsch. Jeder Passagier auf der Titanic dachte: „Ist das nicht eine fantastische Welt? Wir fahren hier auf dem schnellsten Schiff des Planeten, das auch noch unsinkbar ist – was haben wir für ein Glück!“ Und dann rammten sie den Eisberg. Selbstverständlich können wir all das Gute, das passiert ist, feiern. Was wir aber nicht feiern sollten, ist der Umstand, dass wir aufgehört haben, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Vor ungefähr 50 Jahren gingen wir plötzlich davon aus, dass wir nur die Maschine richtig kalibrieren müssten, damit uns nichts mehr geschehen kann. Die Geschichte würde für unsere kapitalistische, konsumorientierte Welt enden, wie der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama postulierte. Und jetzt schau, was passiert ist? Ece Temelkuran schreibt zu diesem Thema: „Als Gegenleistung für die Verbannung aus der Realität hat man uns als Schweigegeld eine unendliche Kindheit, ein Recht auf ewige Sorglosigkeit angeboten.“

KEYS: Was ist deiner Meinung nach das Resultat dieser Entwicklung? Brian Eno:Zum Beispiel der Umstand, dass alle, die in der Lage gewesen wären, vernünftige Politik zu machen, aus der Politik ausgestiegen sind und ein riesiges Vakuum hinterlassen haben. Menschen wie Trump, Bolsonaro, Johnson oder Duterte dachten sich: „Hey, keiner steht mehr an der Maschine! Warum übernehmen wir nicht die Steuerung?“

KEYS: Aber haben die Menschen nicht schon immer geglaubt, dass das Ende naht? Vor dem Weltuntergang wird seit Urzeiten gewarnt. Was lässt dich glauben, dass es dieses Mal ernst ist? Brian Eno:Die Größe der zu erwartenden Katastrophe. Und die Zeit, die es benötigen würde, um alles wieder ins Lot zu bringen. Es ist schon jetzt so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre, dass wir absolut sicher sein können, dass es in Zukunft sehr viel wärmer werden wird. Dazu möchte ich aber sagen, dass ich kein Pessimist bin. Ich glaube, dass wir, um die Klimafrage zu bewältigen, eine neue Ökonomie brauchen und eine andere Beziehung zu den indigenen Völkern, denn die verstehen Teile der Welt in einer Weise, von der wir keinen Schimmer haben. Ich gehe davon aus, dass harte 20 bis 30 Jahre vor uns liegen. Nach dieser Zeit werden wir entweder aufgehört haben, als Spezies zu existieren, oder wir haben einen Weg gefunden, eine Welt zu erschaffen, die uns überleben lässt. Ich glaube durchaus, dass wir Letzteres schaffen können.

KEYS: Du hast vor Kurzem gesagt, dass du dich damit angefreundet hast, als Musiker auch jemand zu sein, der mit Gefühlen Handel treibt – und dass Gefühle der Beginn von Gedanken sind. Das stimmt sicher. Aber doch längst nicht immer. Oft resultieren Gedanken aus anderen Gedanken, und ich denke, das ist häufig der bessere Weg, Einfluss in der Welt auszuüben. Schließlich sind es gerade autoritäre Herrscher, die mit Gefühlen Handel treiben, um die Gedanken des Volkes zu formen. Ist es nicht auch für Musiker gefährlich, in bestimmten Bereichen als jemand zu agieren, der Gefühle auslöst, um Gedanken zu beeinflussen? Brian Eno:Ja, da hast du Recht. Aber die Aussage von mir, die du hier zitierst, war eine Reaktion auf den Vorwurf, dass ich zu intellektuell sei. Unter Künstlern gibt es diese Annahme, dass man nicht versuchen sollte, über das Mysterium des kreativen Prozesses nachzudenken. Man soll ihn einfach geschehen lassen, denn sonst könnte man die Blase zum Platzen bringen. So habe ich noch nie gedacht. Ich war schon immer der Meinung, dass man so tief wie möglich empfinden sollte – aber auch so tief wie möglich denken. Und man sollte seine Gefühle befragen. Man sollte sich immer die Frage stellen: Woher kommt dieses starke Gefühl? Worauf basiert es? Es ist wichtig, sich bei Menschen, die Gefühle manipulieren, zu überlegen: „Was springt dabei für diese Personen heraus? Warum wollen sie, dass ich diese starken Gefühle empfinde?“

KEYS: Deine Aussage ist also eine Art Selbstverteidigung gewesen? Brian Eno:Ja, denn mir wurde vorgeworfen, dass meine Musik leidenschaftslos sei. Die Leute, die sich so geäußert haben, wollten vermutlich die Rolling Stones, Nick Cave oder Bono hören, und das bin ich nie gewesen. Ich bin ein Beobachter. Mir ist aber klar, dass diese expressiven Musiker es mit demselben Teil des Menschseins zu tun haben, mit dem auch ich mich beschäftige. Ich möchte diesen Teil meines Seins aber nicht personifizieren wie die Stones oder Nick Cave, sondern ihn eher anschauen und über das berichten, was ich sehe.

>> Ich habe hier ein bisschen Geld und gebe es den Menschen, von denen ich möchte, dass sie an ihrer Sache weiterarbeiten. <<

KEYS: Du möchtest mit deinen Songs größeren Einfluss in der Welt nehmen. Mir kam dabei folgender Gedanke: Wer vorgibt Gutes zu tun, hat oft auch den eigenen Status im Sinn. Häufig sind solche Machtfragen dem Handelnden selbst gar nicht bewusst, oder? Brian Eno:Absolut. Ich glaube, wir fühlen uns von Philosophien angezogen, die uns versichern, dass wir auf der richtigen Seite stehen und die richtigen Gedanken hegen. Die mächtigste Philosophin des 20. Jahrhunderts war vermutlich Ayn Rand. Eine Frau, die ich für irre halte. Jemand hat Rand einmal als „Nietzsche für Teenager“ beschrieben. Das trifft es perfekt. Ihre Philosophie lässt sich im Grunde auf die Aussage runterbrechen, dass das Beste, was man tun kann, darin besteht, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Alles wird gut, wenn du deinen Willen verwirklichst! Das mag Sinn ergeben, wenn man den Planeten als totes Objekt betrachtet. Das ist aber nicht der Fall. Unser Planet lebt, und unsere Handlungen ziehen Auswirkungen auf die Natur nach sich. Rands Philosophie ist überholt, aber sie spricht Menschen an, die viel Geld verdienen – für diese Leute funktioniert so eine Weltanschauung.

KEYS: Vielen Menschen täte es sicher gut, sich zu fragen, ob sie wirklich etwas in der Welt zum Guten bewegen möchten oder ob es ihnen nicht eher darum geht, dass sie auf Facebook oder Instagram tugendhaft erscheinen. Brian Eno:Es ist sehr schwer, solche Fragen zu beantworten. Man kann aufrichtig daran scheitern, herauszufinden, wo das eigene Selbstinteresse liegt. Geht es mir nur darum, mich gut zu fühlen, nachdem ich 25.000 Pfund an eine Klimaschutzorganisation gespendet habe? Und sollte ich mich nicht gut fühlen? Sollte ich mir sagen: „Es tut nicht weh, also kann das, was ich getan habe, nicht das Richtige sein.“ Das ist ein ständiges Hinterfragen von Handlungen, das mich – ehrlich gesagt – in den Wahnsinn treibt. Irgendwann muss man sich einfach sagen: Ich habe hier ein bisschen Geld und gebe es den Menschen, von denen ich möchte, dass sie an ihrer Sache weiterarbeiten.

KEYS: Mir ist aufgefallen, das recht viele Vocals auf deinem neuen Album bearbeitet wurden … Brian Eno:Ehrlich gesagt, waren das gar nicht viele. Es ist lustig: Eine ganze Reihe von Leuten hat mir schon gesagt, dass der Gesang auf diesem Album ja so stark bearbeitet wurde, aber das bin meist einfach nur ich, der da singt (lacht). Nein, im Ernst: Es gibt nur drei Songs auf dem Album, bei denen ich die Vocals bearbeitet habe.

KEYS: Was hast du genau mit den Spuren angestellt? Brian Eno:Es kommt natürlich darauf an, was man unter „Bearbeiten“ versteht. Selbstverständlich wurden alle Spuren mit EQs und so weiter behandelt. Aber wenn es um echtes Vocal-Processing geht, kann ich dir sagen, dass ich bloß für einen Song Autotune verwendet habe, um die Stimme absichtlich weniger menschlich klingen zu lassen. Sie sollte makellos klingen. Wenn ich etwas bearbeite, geht es mir nie darum, etwas zu verbergen. Ich möchte die Instabilität meiner Stimme gar nicht verdecken. Ich möchte ihr aber einen anderen Charakter verleihen. Für „Garden of Stars“ habe ich auch eine alte Hardware eingesetzt, den Digitech Vocalist Pro – in meinen Augen noch immer einer der am besten klingenden Vocal-Prozessoren. Ich glaube nicht, dass es Software gibt, die da herankommt. Ich hätte noch viel anspruchsvollere Dinge mit den Stimmen anstellen können, entschied mich aber dafür, es nicht zu tun. Denn wie dir schon aufgefallen ist: Ich besitze einen natürlichen Vocal-Prozessor in mir (lacht).

>> Man kann sich nicht immer daran erinnern, was einen beeinflusst hat. Manchmal wird man sogar durch den reinen Gedanken, das etwas möglich ist, inspiriert. <<

KEYS INFO

PRODUCTION-TALK

Co-Produzent Leo Abrahams über die Arbeit an Brian Enos „FOREVERANDEVER-NOMORE“.

KEYS: Leo, haben Brian und du vor Beginn der Aufnahmen genau geplant, welches künstlerische Ziel ihr mit diesem Album erreichen wolltet? Leo Abrahams:Brian hat ein enormes Archiv von Stücken, die sich in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung befinden. Oft macht er Alben, indem er einfach eine Auswahl an Songs zusammenstellt, die sich ergänzen. Im Zuge der letzten Jahre wurde klar, dass er auf ein Album mit Vokalmusik zusteuerte – ein Nachfolger von „Another Day on Earth“, wenn auch weniger songartig. Ich persönlich sehe diese neue Platte aber eher als einen Nachfolger von „The Ship“. Die Stimme nimmt eine zentrale Position ein, doch auf andere Weise als in herkömmlichen Songs. Ich hatte das Gefühl, dass Brians Texte vom aktuellen Zustand des Planeten beeinflusst sind, aber ich würde nicht sagen, dass sein „Ziel“ darin bestand, eine Platte darüber zu machen. Das Album ist einfach eine Manifestation. Wie Brian selbst einmal sagte – und ich muss hier paraphrasieren: „Manche Künstler versuchen, ein Ziel zu treffen; ich ziehe es vor, meine Pfeile dorthin zu schießen, wo es mir gefällt, und danach Ziele um sie herum zu malen.“

KEYS: Welche Synthesizer wurden für „FOREVERANDEVERNOMORE“ genutzt? Leo Abrahams:Wir haben ausschließlich Soft-Synthesizer verwendet. Bei den meisten handelte es sich schlicht um jene, die in der DAW Logic mitgeliefert werden. Brian besitzt eine riesige Sammlung von Sounds, die er mit diesen Synths erstellt hat. Er ist in der Lage, mit relativ einfachen Tools wie dem ES2 bemerkenswert tiefgehende Ergebnisse erzielen. Brian belegt einfache Klänge bis hin zur vollständigen Transformation mit Effekten. Dabei kommt ganz unterschiedliche Software zum Einsatz, aber zwei Hersteller, die er besonders zu mögen scheint, sind Zynaptiq und Melda.

KEYS: Was war das wichtigste nicht-elektronische Instrument, das für „FOREVER-ANDEVERNOMORE“ Verwendung gefunden hat? Leo Abrahams:Das „echte“ Instrument, das am häufigsten verwendet wurde, war wahrscheinlich meine E-Gitarre. Manchmal füllt sie auf dem Album eine traditionelle Rolle aus, das heißt, sie ist für Akkorde oder eine Gegenmelodie verantwortlich und bildet sozusagen eine Brücke zwischen dem Gesang und den synthetischen Texturen. Aber die meiste Zeit wird sie, ehrlich gesagt, in Ableton Live durch verschiedene Audio-Racks voller Plug-ins von Drittanbietern geschickt. Mir gefällt, dass man, obwohl der resultierende Sound oft weit vom ursprünglichen Gitarrenton entfernt ist, immer noch die Präsenz einer Saite spüren kann – das hat etwas Physisches.

KEYS: Wie wurden Brians Vocals aufgenommen? Leo Abrahams:Brian mag ein einfaches technisches Setup, denn er schreibt einen Großteil der Texte und Melodien spontan. Er nutz häufig ein Shure SM58 oder ein batteriebetriebenes hand-held Mic von AKG, aber für diese Platte habe ich ihm das SM7 vorgeschlagen. Ihm gefielen die leicht erweiterten oberen und unteren Bereiche im Frequenzspektrum sehr. Das Mikro geht direkt in den Vorverstärker seines Focusrite-Wandlers. Die gesamte Bearbeitung einschließlich der Kompression erfolgt „in the box“.

KEYS: Gab es einen wichtigen Schritt beim Abmischen, der dir in Erinnerung geblieben ist? Leo Abrahams:Da viele der Stücke über einen langen Zeitraum hinweg entstanden sind, bedurften sie gar nicht so sehr der Nachbearbeitung im Mix. In dieser Hinsicht ähneln sie eher Klangkunst als Songs. Die meiste Arbeit beim Abmischen hatte damit zu tun, die Stimme richtig zu platzieren. Ich habe da bestimmte Maßnahmen ergriffen, meist Korrekturen wie Multiband-Kompression und Lautstärke-Automation. Am Ende hat Brian nochmal etwas kräftiger eingegriffen.

KEYS: Wurden in den Arrangements der urpsrünglichen Songs, die Brian schon vorlagen, radikale Eingriffe vorgenommen – und wenn ja, wofür sollten diese Eingriffe sorgetragen? Leo Abrahams:Gute Frage, aber leider fällt mir nichts dergleichen ein! Längere Stücke wurden oft einfach aufgrund ihrer Länge bearbeitet, aber das ist ja nicht besonders radikal oder interessant. Sorry, ich kann hier mit keiner klugen Antwort dienen. Die wichtigsten Entscheidungen, die wir in der Endphase getroffen haben, betraf die Auswahl der Stücke. Zwei der Songs nutzen Mehrspuraufnahmen von einem Konzert in der Akropolis aus dem letzten Jahr – mit Brian, Roger und Cecily Eno, Peter Chilvers und mir. Bei diesen Performances erschien es uns wichtig, sie gewissermaßen als endgültige Statements zu akzeptieren.

KEYS: An einigen Stellen dachte ich, dass du durch den Musiker Burial beeinflusst sein könntest … Brian Eno:Ich hatte in der Tat eine Zeit, in der ich Burials Musik hörte. Insofern hat mich das vermutlich beeinflusst, ja. Man kann sich nicht immer daran erinnern, was einen beeinflusst hat. Manchmal wird man sogar durch den reinen Gedanken, das etwas möglich ist, inspiriert. Man kopiert dann nicht wirklich, sondern begreift schlicht: „Hey, diese Tür steht also auch offen. Da kann ich durchgehen und schauen, was ich auf der anderen Seite finde.“ Um auf diese Weise beeinflusst zu werden, reicht es manchmal schon, dass man etwas zwei Sekunden hört. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal Bus fuhr und jemand aus Versehen seinen Kopf hörer ausstöpselte, worauf hin für einen minimalen Moment Musik im Bus erklang. Es kann nicht mehr als eine Sekunde gedauert haben, bis die Person den Stecker wieder im Wiedergabegerät hatte, aber das reichte, um mich denken zu lassen: Diese Art von Kompression und Klangbild könnte ich auch in meine Arbeit einfließen lassen. Bis heute weiß ich nicht, was es war, das ich damals gehört habe.

KEYS: Brian, vielen Dank für das Gespräch.

Florian Friedman

KEYS INFO

ALBUM: „FOREVERANDEVER-NOMORE“

Auf seinem neuen Album denkt Popgott Brian Eno über die Zukunft des Planeten nach – in sich sphärisch anschleichenden Songs, denen trotz aller Düsterkeit noch viel Neugier auf die Welt anzuhören ist. Klangkunst mit einer Attitüde, die den Kitsch mitunter streift, meist aber gerade noch zurück auf die Fahrbahn findet.