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Nur noch Steppe statt grüne Wiese?


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 12.07.2021

Klimawandel

Artikelbild für den Artikel "Nur noch Steppe statt grüne Wiese?" aus der Ausgabe 80/2021 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Steppengräser aus der Mongolei haben teilweise auch hierzulande schon Einzug gehalten.

Steigende Meeresspiegel, sinkende Grundwasserspiegel, Ernteverluste – wohl die meisten Menschen kennen inzwischen diese und viele weitere unterschiedliche Aspekte des Klimawandels. Viele wissen auch, wodurch er entsteht, wie er sich zeigt, was zu tun ist, um das Schlimmste zu verhindern, und was andersherum zu tun ist, um sich vor ihm zu wappnen. Aber wie ist das mit der Pferdehaltung hierzulande verknüpft?

Dietbert Arnold ist von der Handelskammer Bremen und Bremerhaven öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung und beobachtet: „Bei Pferdeleuten ist das Bewusstsein dafür, dass der Klimawandel einen Einfluss auf ihre Pferdehaltung hat, nicht ausreichend ausgeprägt.“ Arnold war jahrzehntelang Berufsschullehrer für Pferdewirte.

Seine thematischen Schwerpunkte lagen dabei auf der Pferdefütterung, Weidehaltung, Bodenkunde, Düngung und Nachhaltigkeit, ...

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... sprich auf dem großen Bereich des Klimawandels und seinen Folgen. Als Experte weiß er daher, wie enorm sich der Klimawandel auf die Haltung von Pferden auswirkt und noch auswirken wird.

UNSER EXPERTE

DIETBERT ARNOLD

Ö. b. und vereidigter Sachverständiger für Pferdezucht und Haltung, Berufsschullehrer für Pferdewirte i.R., Fachbuchautor und Dozent, Schwerpunkte sind u.a. Klimawandel und Nachhaltigkeit. www.pferdegruenland.de

DÜRRER BODEN

Das Grünland und sein optimales Management ist für die Haltung von Pferden essenziell. Die Produktion von Heu und genügend Weidezeit sind elementare Bestandteile dafür, dass Pferde tiergerecht leben können.

Doch beides so aufrechtzuerhalten wie bisher, erfordert immer größere Anstrengungen von Landwirten und Pferdebetrieben. Die Dekade 2010 bis 2019 war die bisher wärmste seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen 1850: Das Wasser wird selbst in Deutschland knapp und sorgt regional zu Ernteausfällen zwischen 50 und 70 Prozent. Auch 2020 fiel der Grundwasserspiegel weiter ab. Die Böden sind mittlerweile so ausgetrocknet, dass selbst starke Regenfälle den Wassermangel nicht ausgleichen könnten, so Dietbert Arnold: „Nach Prognosen werden wir zwar fast dieselbe Niederschlagsmenge haben im Vergleich zum Durchschnitt des frühindustriellen Zeitalters, allerdings in anderen Monaten des Jahres. Wir werden also viel Regen im Winter haben, der dann aber nicht in der Erde einsickern kann, weil die Temperaturen dafür zu hoch und der Boden daher noch immer zu trocken ist. Im Sommer bringt Regen sogar noch weniger. Das Wasser verdunstet, ehe es im Boden versickern kann, die Luftfeuchtigkeit steigt, der Dampf kondensiert: Es entstehen Gewitter mit heftigen Niederschlägen.“ Wenn diese dann wieder abregnen, führt das wieder zu Überschwemmungen, weil der Boden das viele Wasser nicht aufnehmen kann.

Selbst nach diesem Frühjahr waren die Talsperren z. B. im Harz nur zur Hälfte gefüllt. Auch aktuell trifft man in den ersten 20 bis 30 Zentimetern der Bodenschicht in großen Teilen Deutschlands auf zu wenig Wasser.

NEUE ARTEN

Das hat Auswirkungen auf Flora und Fauna. „Wir sprechen beim Klimawandel immer von den zwei großen Bereichen Mitigation (Vermeidung) und Adaption (Anpassung)“, erklärt Arnold. Mithilfe massiver Düngung versuchen Landwirte, die Nutzung des Grünlands, wie wir es bisher kennen, weiterhin aufrechtzuerhalten, also Ernteverluste zu vermeiden. Und doch kann das nicht verhindern, dass sich in Teilen Deutschlands bereits andere, trockenresistentere Arten von z. B. Gräsern ausbreiten können. Dietbert Arnold sieht das auch als Chance. Bisher dominierte Weidelgras, ein Gras, das schnell wächst und viel Ertrag hat, auf den Grünlandflächen in Deutschland. Diese Art hat durch die große Blattmasse jedoch auch die Eigenschaft, dass die Blätter viel Wasser anreichern müssen, damit sie ‚stabil‘ sind. Und ebendieses Wasser wird auf lange Sicht durch trockene Böden und hohe Verdunstungsraten nicht zur Verfügung stehen, zeigen Prognosen.

In den trockeneren Regionen Deutschlands haben mittlerweile aber auch Steppengräser beste Lebensbedingungen (Stichwort: Adaption!), die ursprünglich aus der Mongolei – der Eurasischen Steppe – stammen. Von dort also, wo Pferde nach wie vor Nutztiere sind, viel Leistung für die Nomaden erbringen müssen und sich hauptsächlich von den dort heimischen Steppengräsern ernähren. In Deutschland kommen mittlerweile vor allem zwei Steppengras-Arten vor: das Echte Federgras und das Haar-Pfrimengras. Kartiert werden sie bisher hauptsächlich im Odertal in Brandenburg, im östlichen Harz- Vorland, in Sachsen-Anhalt und im Thüringer Becken. Aber auch in Sachsen, im Süden von Hessen und Rheinland-Pfalz gibt es bereits Federgras-Vorkommen. Einige isolierte Bestände sind in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen zu finden. Weil diese Gräser kleinere Blätter aber dafür größere und tiefer reichende Wurzeln haben, sind die widerstandsfähiger gegen Trockenheit. Der Nachteil: Sie haben weniger Ertrag. Dafür sind ihre Nährwerte gegenüber den hier üblichen Gräsern für die Pferdehaltung im Grunde sogar besser geeignet: Sie haben einen höheren Energie- und Rohfasergehalt bei gleichzeitig deutlich reduzierter Eiweißkonzentration als das mitteleuropäi sches Weidegras. „Pferde sind nach wie vor an die Steppe angepasst“, sagt Arnold.

Trotzdem steht Deutschland noch ganz am Anfang der Etablierung von Steppengras in der Landschaft oder gar seiner Verfütterung an Pferde. Noch ist Deutschland kein ganzjähriges Steppengebiet. Aber langfristig sieht Dietbert Arnold die Versteppung der Landschaft in Deutschland als unvermeidbar an. Schließlich herrscht hierzulande im Sommer schon jetzt teils Steppenklima und auch der Wald hat mit dem Klimawandel immer mehr zu kämpfen.

Pferdebetriebe sollten also jetzt schon vorsorgen für das Klima, das sich in den nächsten Jahren mehr und mehr in Deutschland etablieren wird. Auch hier kommen wieder Mitigation und Adaption ins Spiel. Beide Strategien müssen im Hinblick auf das Grün- und Weidelandmanagement angewendet werden (s. S. 72/73).

ZU WENIG KENNTNISSE

Wie sich der Klimawandel auf die Pferdehaltung und das Grünlandmanagement auswirkt, ist übrigens nur am Rande Bestandteil des Lehrplans für angehende Pferdewirte. Dietbert Arnold hat in seiner Zeit als Berufsschullehrer eines festgestellt: „Bei den Profis, wie bei den Amateuren bestehen – wenn überhaupt – nur rudimentäre Kenntnisse, was das Grünlandmanagement angeht.“ Arnold vermisst eine Wissensvermittlung über die Bereiche Boden, die fachgerechte Aussaat, regional vorteilhafte Saatmischungen und die fachgerechte Düngung. Dass Nachhaltigkeit, also der Prozess hin zum Einklang sozialer, ökologischer und ökonomischer Faktoren, auch in der Pferdehaltung eine größere Rolle spielen muss, sieht der Experte als dringend notwendig an.