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NUR SCHRAUBEN?


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Bike Bild - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 20.10.2022
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Bildquelle: Bike Bild, Ausgabe 5/2022

Eine ältere Dame kommt in einen großen Fahrradmarkt, stiefelt resolut zum Werkstatt-Tresen und empört sich darüber, dass sie der Austausch zweier sich schon in Auflösung befindlicher Reifen rund 80 Euro kosten soll. Die Reifen seien doch nur unten abgefahren gewesen und auch nur ein bisschen.

Können Vorkommnisse wie diese tatsächlich der Grund dafür sein, dass in deutschen Fahrradläden eklatanter Fachkräftemangel herrscht und dass Termine in deren Werkstätten aktuell und deutschlandweit erst für den nächsten, übernächsten oder noch späteren Monat angenommen werden?

Nun, im Unterschied zu den Kfz-Kollegen haben Zweiradmechaniker und -mechatroniker deutlich mehr direkten Kundenkontakt. Aber beim Besuch einer vor wenigen Wochen in die Ausbildung gestarteten Klasse am Nicolaus-August-Otto-Berufskolleg für Fahrzeugtechnik und Verkehrswesen Köln (NAOB) hat keiner der Frischlinge wirkliche Bedenken ...

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... gegenüber solcher Szenen. Natürlich haben alle „eher Bock aufs Schrauben“, Gründe gegen den Job wären indes eher die noch recht geringen Verdienstmöglichkeiten.

Job im Wandel

Vielleicht ändert sich das bald. Anfang der 2000er-Jahre waren noch deutlich weniger Bikes und vor allem weniger Pedelecs auf der Straße, und die Werkstätten konnten sich eher mit ungelernten Kräften und Saisonarbeitern behelfen. Das hat sich durch den Rad- und insbesondere den E-Bike-Trend geändert. Heute braucht es zwingend Fachkräfte sprich Zweiradmechatroniker.

Die Ausbildung zum Mechatroniker dauert dreieinhalb Jahre, kann aber um ein halbes Jahr verkürzt werden, wenn die Leistungen gut sind und der Ausbildungsbetrieb dabei mitmacht. Was wenige wissen: Es gibt auch eine Ausbildung zum Fahrradmonteur, die nur zwei Jahre dauert und in der es rein um Fahrradtechnik geht – Motorradthemen zum Beispiel sind hier außen vor. Die Monteure seien im Grundsatz kein Stück schlechter am Rad, oft würden sich für diesen Weg aber eher Schüler mit bescheidenen Abschlusszeugnissen bewerben, was den Betrieben wiederum vermittle, dass sie weniger draufhätten, sagt NAOB-Direktor Wolfgang Ehlert.

In seiner Klasse sitzen 24 Schüler, davon eine Schülerin. Die Masse ist mit Mittlerer Reife direkt in die Ausbildung eingestiegen, ein paar mit Hauptschulabschluss, ein Abiturient mit akademischem Titel ist aus seinem kaufmännischen Job noch mal zurück in die Ausbildung gegangen. „Im Finanzwesen wurde viel, sehr viel geredet, aber so wirklich bewegt oder bewirkt hab ich da nichts“, erklärt Milan seinen Wechsel. Ähnlich brennt Michel darauf, nach acht Jahren als Zeitsoldat endlich produktiv werden zu können. Da stört es ihn offenbar nicht, mit 33 noch einmal mit einem Lehrlingsgehalt zurechtkommen zu müssen.

In einer Doppelstunde lehrt Direktor Ehlert die Grundlagen der Hebelgesetze direkt am Beispiel von Schraubenschlüssel und Fahrradbremse. Man spürt die Unterschiede im physikalischen Vorwissen der Klasse. Weil aber unmittelbar am Objekt der Begierde, am Rad, unterrichtet wird, bleibt keiner auf der Strecke. Wer Bock auf Fahrrad habe, packe das, resümiert Ehlert resolut. Wichtigste Voraussetzung für die Ausbildung, so Ehlert, sei das Interesse, Probleme technischer Art lösen zu wollen.

Die relative Einfachheit des Fahrrads im Vergleich zum Auto macht das Arbeiten daran so spannend. Zum einen ist man nicht markengebunden, zum anderen muss man Komponenten und Bauteile nicht nach Checkliste tauschen, sondern kann sie auseinanderbauen und verstehen, wie sie funktionieren, sich Alternativen oder Reparaturwege selbst überlegen, und das bei einem sich jährlich bewegenden Markt.

Diese Faszination teilt auch Simon mit uns. Er ist schon deutlich weiter in seiner Ausbildung, kann es kaum erwarten abzuschließen und Meister zu werden. Das Auto sei doch nur so was wie eine Blackbox. Man nehme etwas raus und baue etwas Neues ein, sagt er. Das interessiere ihn null. Er habe als Chemikant über Jahre super verdient, und seine Karriere sei auf Lebenszeit planbar gewesen. Dennoch wollte er es nicht mehr. Geld sei doch so viel weniger wert, wenn man dafür Dinge tun müsse, die einem ein Graus seien.

Dabei ist sich der NOAK-Direktor sicher, dass sich am Einkommen des Zweiradmechatronikers und -monteurs in den kommenden Jahren etwas tun wird. Der Bedarf ist so hoch, jeder dritte Betrieb im Regierungsbezirk sucht einer Umfrage zufolge Azubis oder sogar Gesellen. Etwa 70 bis 80 Gesellen pro Jahr machen derzeit im Regierungsbezirk Köln den Abschluss, der Bedarf an Kräften ist um mehr als die Hälfte größer. Das geht so weit, dass unzufriedene Lehrlinge von Klassenkameraden schlicht abgeworben werden, wie uns unter der Hand berichtet wird.

“WER BEI UNS DIE AB-SCHLUSS-PRÜFUNG BESTEHT, HAT EINEN JOB SICHER!

WOLFGANG EHLERT, NAOB KÖLN

Der Trend hält an

„Wir könnten sicher noch 40 Mechaniker oder mehr einstellen“, sagt Felix Terhorst, Werkstattleiter Deutschland bei B.O.C. Auch er hat in früheren Jahren die Ausbildung zum Zweiradmechaniker gemacht. Nicht zuletzt weil er als junger Downhill-Fahrer finanziell gezwungen war, früh selbst Hand ans gebeutelte Rad zu legen. Er weiß, wie sehr die bestehenden Arbeitskräfte derzeit strapaziert werden.

Der 36-Jährige ist unter anderem auch für externe Schulungen zuständig, kennt also sowohl Gesellen, Azubis als auch Quereinsteiger bei B.O.C. Vorkenntnisse wie bei ihm selbst setzt er nicht voraus, ihm reichen ein grobes technisches Verständnis und seit Neuestem auch grundlegende PC-Fähigkeiten, da im E-Bike-Bereich der Service oft über den Computer laufe. „Fahrradfit“, wie er es nennt, bekämen er und seine Kollegen dann quasi jeden.

Offenbar nimmt es die Bike & Outdoor Company recht ernst mit der Aus- und Weiterbildung. Alle befragten Mitarbeiter loben die Lernmöglichkeiten bis hin zur eigenen Ausbildungswerkstatt in Mönchengladbach. Ausbildungsleiter Thomas Schlüter sorgt hier für Nachschub an versierten Kräften, aber nicht beschränkt auf Lehrlinge, auch ungelernte Angestellte und altgediente Mitarbeiter werden hier auf die neueste Technik am Markt vorbereitet. Er schwärmt davon, als Fahrradmechatroniker mit als Erster in Kontakt mit den faszinierenden Neuheiten im Bereich Schaltung, Bremsen, Materialien, Antrieben oder Fahrwerksteilen zu kommen. Das stünde der Technik aus dem Motorradbereich mittlerweile in nichts mehr nach. Und da sei ja noch lange kein Ende in Sicht. Sowohl die Technik als auch die Zahl der Bikes auf unseren Straßen und Wegen lege in den kommenden Jahren weiter zu, ist sich der 44-Jährige sicher. Das mache den Job des Zweiradmechanikers nicht nur hochspannend, sondern auch zukunftssicherer denn je. Leider schmälert es die Aussichten von Quereinsteigern etwas, zumindest in Betrieben mit viel E-Bike-Kundschaft. Der Wissensrückstand hier sei nur mit etlichen Herstellerschulungen aufzuholen, aber auch das sei möglich.

Schrauben oder schrauben?

Mit der Technik sind auch die Facetten gewachsen, in welcher Art und Weise man als Mechaniker arbeiten kann. Neben der klassischen Servicewerkstatt im Ladenlokal sprießen derzeit gerade reine Reparaturwerkstätten aus dem Boden. Allein im Stadtteil Köln Ehrenfeld gibt es aktuell 17 Fahrradwerkstätten, damit mehr als Apotheken oder Mobilfunkläden. Wir besuchten Sore Bikes mit Verkäufer und Eigner Markus. Backstage sorgte Schrauber Michael für Nachschub an coolen Singlespeed Bikes und anderen Exoten nach Kundenwunsch. Der gelernte Fotograf ist reiner Autodidakt und liebt das erhabene Gefühl, wenn ein neues Rad oder eine Reparatur tipptopp für den Kunde bereitsteht. Er wollte gern etwas Regelmäßiges und Handfestes machen, wie er sagt, das fand er im alten Job nicht. Gerade der minimalistische Typ Rad mit nur einem Gang war für ihn ein super Einstieg. „Das ist ja auch keine Kernphysik“, gesteht er ein; mittlerweile ist er aber definitiv mit seinen Aufgaben gewachsen und auch ohne Ausbildung eine Vollwertkraft.

Apropos Vollwert: Ein echtes Problem in Sachen Wertigkeit haben immer noch die Damen am Montageständer, und zwar nicht mit den Kollegen, sondern mit Kunden. Das berichten nicht nur Azubi Michelle vom NAOB, einzige Frau der Klasse, sondern auch Katharina Dräger. Die 30-Jährige hat sich nach ihrer Ausbildung zur Werkstattleiterin bei B.O.C. in Soest hochgearbeitet, fühlt sich von Kollegen und den vier Azubis voll akzeptiert, ärgert sich aber regelmäßig, wenn sie am Servicetresen nach dem „Kollegen aus der Werkstatt“ gefragt wird. Dabei ist sie seit Jugendtagen handwerklich aktiv.

Offenbar fehlt vielen Kunden da noch das Vertrauen in ihre Kompetenz – zumindest so lange, bis der männliche Kollege exakt das Gleiche erzählt. Ähnliches haben wir selbst in der Kölner Filiale erlebt, wo auch Kunden skeptisch der Mitarbeiterin hinterherschauten, als sie mit defektem Bauteil in der Werkstatt verschwand, um kurz darauf mit ölschwarzen Händen und funktionierendem Teil zurück zu sein. „Ist das denn jetzt auch wirklich in Ordnung?“, wollte sogar eine Kundin wissen. Frauen oder Mädchen hätten ihre ganz eigene Art zu arbeiten, die sei aber kein Stück schlechter als bei den Jungs, berichtet NAOB-Direktor Ehlert, außerdem täten mehr Frauen den Ausbildungsklassen gut. Er ermutigt alle Mädchen und Frauen, sich nicht von Klischees abhalten zu lassen.

Zukunft mit großen Chancen

Es ist keine Frage, dass der ohnehin schon große Bedarf an Werkstattpersonal noch zunehmen wird. Das eröffnet Schulabsolventen, Umsteigern und Quereinsteigern beste Chancen auf einen festen Arbeitsplatz – und gutes Geld. Bei B.O.C. zeigen überdies Vergünstigungen wie Mitarbeiterbikes und -rabatte, gezielte Schulungen und das gute Miteinander von Leitung und Personal, dass man sich sehr viel Mühe gibt, Kräfte, gelernt oder ungelernt, zu rekrutieren und vor allem zu halten.

Bleibt noch festzustellen, dass die Durchschnittspreise für Neuräder eklatant gestiegen sind. Wer hätte vor 20 Jahren 5000 Euro für ein Fahrrad gezahlt? In Zeiten des E-Bike-Booms sind derlei Preise indes schon fast an der Tagesordnung. Da sich Pedelecs aber nur schwer in Eigenregie reparieren lassen, werden Kunden mehr und mehr die Arbeit der Zweiradmechatronikers (siehe Seite 76) in den Werkstätten schätzen lernen – und eben nicht empört auf letztlich doch überschaubare Rechnungen reagieren wie die Dame vom Beginn dieses Artikels.

Timo Dillenberger

EXOT IM RENNGESCHEHEN

René Obst ist Rennmechaniker beim deutschen ProTour Team BORA Hansgrohe. Er ist kein gelernter Zweiradmechaniker. Der ausgebildete Kfz-Schlosser aus Dresden war selbst Rennfahrer und konnte dank seiner Schrauberkenntnisse in seinem ehemaligen Team vom Sattel an den Montageständer wechseln. Laut seiner Aussage seien die wenigsten Kollegen Zweiradmechaniker oder gar -mechatroniker. Seit 2013 tourt er mit Topteams um die Welt. Die Teammechaniker hätten, so Obst, neben dem Service an den Rennmaschinen etliche andere Aufgaben wie die Verpflegung der Fahrer unterwegs oder auch Shuttle-Dienste. Das Reisen müsse man in seinem Job mögen, ebenso die Trennung von der Familie aushalten können. Bei Rennen sei er selbst aufgeregt, ein Fehler von ihm könnte den Sturz eines Fahrers bedeuten. Man müsse den Rennsport und nicht nur das Fahrrad lieben, dann sei der Job wohl auch bis ins höhere Alter grandios! Den Einstieg findet man am besten über kleinere Teams oder als Rennfahrer – eine Ausbildung ist zudem hilfreich.

HIER GEHT’S ZUM JOB:

| www.zweiradverband.de www.betriebeboerse.de | www.de.indeed.com www.fahrrad-berufe.de | www.ziv-zweirad.de | www. dashandwerk.de | www.ihk.de | Websuche: Zweiradmechaniker Innung + Bundesland | www.boc24.de