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»O weh, die Feminismus-Keule«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 25/2019 vom 14.06.2019

SPIEGEL-Gespräch Bestsellerautorin Charlotte Roche und ihr Mann Martin Keß über ihre Ehe, das Fremdgehen und die Vermarktung ihrer Beziehungsprobleme


Roche, 41, wurde als TV-Moderatorin bekannt. Ihre Romane »Feuchtgebiete«, »Schoßgebete« und »Mädchen für alles« waren Bestseller. Gemeinsam mit ihrem Mann Martin Keß, 55, präsentiert sie vom 21. Juni an auf der Plattform Spotify den Podcast »Paardiologie«, in dem sie schonungslos über ihre Ehe reden wollen. Keß war Mitgründer des TV-Unternehmens Brainpool, heute ist er Mitbetreiber der Kölner Kaffeerösterei Van Dyck. Er ist bisher nicht öffentlich ...

Artikelbild für den Artikel "»O weh, die Feminismus-Keule«" aus der Ausgabe 25/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 25/2019

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... aufgetreten und wollte sich auch für dieses Gespräch nur so fotogra - fieren lassen, dass man ihn nicht erkennt. Roche hat eine Tochter, Keß einen Sohn.

Martin Keß

Keß: Ich bin sehr viele Jahre älter als Charlotte, das Wort »Scheidungskind « war, wo ich herkomme, ein Stigma, das kam gleich hinter »Leprakranker«. In unserer Familie blieb man zusammen. Der Erste, der sich bei uns hat scheiden lassen, war ich, für Charlotte. Dass ich meine erste Ehe in den Sand gesetzt habe, hat mich fast zerrissen.
SPIEGEL: Wie oft standen Sie beide kurz vor der Trennung?
Roche: Oft. Wirklich oft.
SPIEGEL: Haben Sie sich schon einmal getrennt?
Keß: Du bist ab und zu mal ausgezogen.
SPIEGEL: Sie nie?
Keß: Nein. Ich bin mehr so der »Ich geh mal eben um den Block«- Typ.
Roche: Aber in der Therapie wurde dir beigebracht, dass du dich wehren sollst gegen mich, und zwar massiv. Dass du dich nicht weiter anschreien lassen sollst. Ich war ja immer der Ausraster. Ich habe Sachen rumgeschmissen, auch schwere Sachen.
Keß: Ich erinnere mich, wie du diesen gefühlt drei Tonnen schweren kanadischen Wurzeltisch mühelos in die Luft gestemmt hast. Ich hatte Angst, war aber gleichzeitig sehr be eindruckt.
SPIEGEL: Das klingt nicht gerade harmlos.
Keß: Unsere Therapeutin hat so eine Art Notruf. Da sagt man: Es ist dringend. Und die Therapeutin sagt: Hört sofort auf zu reden und fangt erst wieder damit an, wenn ihr bei mir seid. Damit man den anderen nicht noch weiter verletzt.
SPIEGEL: Herr Keß, Sie wollen in Ihrem Podcast öffentlich über Ihre Eheprobleme reden. Zugleich haben Sie darum gebeten, bei unserem Gespräch heute nur so fotografiert zu werden, dass man Sie nicht erkennt. So recht passt das nicht zusammen.
Keß: Meine Frau und ich wollten, dass die Situation so bleibt, wie sie die ganze Zeit war: Jeder kennt Charlotte, mit allen Details, und mich kennt man nicht. Und wir finden es auch reizvoll, dass die Leute sich den Mann in dem Podcast optisch selber vorstellen müssen. So wie ich mir als Kind ausgemalt habe, wie Odysseus aus dem Hörspiel wohl aussieht.
Roche: Seit wir zusammenkamen, wollte Martin nicht, dass über ihn geschrieben wird. Ich habe sein Privatleben wie eine Löwin verteidigt. Eine Zeit lang haben wir auch versucht, Martin aus meinem Wikipedia- Eintrag herauszukriegen, aber das hat leider nicht geklappt.
SPIEGEL: Warum die Heimlichtuerei?
Keß: Wir wollten die Kontrolle über unser Familienleben behalten. Jetzt ist die Situation eine andere. Die Kinder sind fast erwachsen, das Bedürfnis nach Schutz ist nicht mehr so groß. Deshalb habe ich Ja gesagt, als Charlotte mich gefragt hat, ob wir einen gemeinsamen Podcast machen, in dem wir uns über unsere Ehe und unsere Liebe unterhalten. Dass sie das vorgeschlagen hat, hat mich gerührt.
SPIEGEL: Wie exhibitionistisch muss man sein, um sein Eheleben so öffentlich zu machen wie Sie?
Keß: Exhibitionisten belästigen Menschen. Ich finde, das tun wir nicht.
Roche: Das angeblich Exhibitionistische ist einfach nur das Leben. Im Grunde bin ich der größte Schambolzen überhaupt. Ich komme aus einer Schickimicki-Familie in Wimbledon. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich nie pupsen darf. Schon normale körperliche Vorgänge wurden als falsch geächtet. Dagegen kämpfe ich. Das ist immer das große Missverständnis, dass alle denken, ich wäre schamlos. Dabei bekämpfe ich nur meine Ängste.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt: »Ich muss alles immer extrem machen. « Wollen Sie an die Grenzen gehen mit Ihrem Podcast?
Roche: Mein Anspruch ist es, ja. Was sagst du, Martin?
Keß: An Grenzen stößt man auf unbekanntes Terrain. Ich weiß nicht, ob ich das möchte.
SPIEGEL: Wird es ein Drehbuch geben?
Roche: Nein, ich mache mir vielleicht einen Zettel mit vier Stichwörtern.
Keß: Hass, Verachtung, Erniedrigung, Eifersucht.
Roche: Und: offene Beziehung.
SPIEGEL: Führen Sie eine?
Keß: Charlotte glaubt: ja.
Roche: Martin meint: nein. Mein Ziel ist es, im Lauf des Podcasts eine offene Beziehung zu erschaffen, gegen seinen Willen.
SPIEGEL: Haben Sie auch bedacht, was »Bild« & Co. aus Ihren Ehegeschichten machen könnten?
Keß: Ich glaube, »Bild« haben wir so zermürbt, dass da nicht viel kommen wird. Wir sind gegen alles vorgegangen. Nach dem Motto: klagen, bis der Arzt kommt.
Roche: Wenn die über Martin und mich geschrieben haben, und bei mir stand in Klammern 36, ich war aber 37 Jahre alt, dann haben wir geklagt, weil sie mich jünger gemacht haben.
Keß: Unsere erste gemeinsame Wohnung lag über der des Kölner »Bild«-Chefs, was wir beim Einzug nicht wussten. Da mussten wir schnell wieder raus. Der dachte, er kann auf so eine kumpelhafte nachbarschaftliche Weise im Treppenhaus ein Interview mit uns klarmachen.
SPIEGEL: Bevor andere mit Ihrem Privatleben Geld verdienen, tun Sie es nun lieber selbst.
Roche: Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich mich als Geschäftsfrau sehe. Mein Vater hat mir beigebracht: Gerade Mädchen müssten lernen zu verhandeln. Bei Viva damals habe ich so lange nachver - handelt, bis ich mehr verdient habe als meine Chefs.
SPIEGEL: Herr Keß, Sie waren ein erfolgreicher TV-Macher und haben auch mit Mario Barth gearbeitet. Ihr Männerbild scheint aber deutlich aufgeklärter zu sein als seins.

Das Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Höbel und Alexander Kühn.


»Wenn man früh über Bettlägerigkeit und Wundliegen spricht, ist man nicht so überfordert.«


Charlotte Roche

Keß: Mario ist Comedian, ich find den super. Er spielt auf der Bühne eine Kunstfigur, anders als ich in unserem Podcast. Er spielt keinen Macho, sondern einen Ver - zweifelten, der nicht mehr klarkommt mit der Welt.
SPIEGEL: Verzweifeln Sie auch manchmal in Ihrer Rolle als Mann?
Keß: O weh, die Feminismus-Keule, die ist immer ein super Argument bei uns zu Hause. Ich sage etwas Kritisches über eine beliebige Frau, Sängerin, Künstlerin, Moderatorin, und sofort heißt es: Halt die Fresse!
SPIEGEL: Nur Frauen dürfen noch negativ über Frauen reden?
Keß: Die dürfen machen, was sie wollen! Die dürfen sagen, was sie wollen. Empowerment. Die Frauen, das habe ich verstanden und akzeptiere es für den Rest meines Lebens, dürfen jetzt die nächsten 30, 40 Jahre die ganzen törichten Sachen machen, die wir …
Roche: … jahrhundertelang, jahrtausendelang …
Keß: … gemacht haben. Ich glaube, da darf man sich auch nicht beleidigt zurückziehen. Da muss man sich einfach seiner Rolle bewusst sein und sagen: Alles klar, dann macht ihr jetzt mal. Wenn Cardi B ein neues Foto postet und ihre Brüste bis an den Oberkiefer spannt und ich die Stirn runzle, weil ich mich frage, ob das jetzt ein gutes Vorbild ist, dann sagt Charlotte: nee. Die kann machen, was sie will.
SPIEGEL: Sie haben’s auch nicht immer leicht zu Hause.
Keß: Doch. Ich beklage mich nicht. Ich find’s bei uns richtig lustig.
SPIEGEL: Wollen Sie gemeinsam alt werden?
Roche: Altwerden ist ein großes Thema für uns. Wir reden mehr über Altern und Krankheiten und Sterben als über die Liebe. Ich ändere zum Beispiel immer mein Testament, wenn ich Freunde verliere.
Keß: Ich krieg mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie’s grad so läuft.
SPIEGEL: Haben Sie sich verändert?
Keß: Als junge Leute fanden wir es cool, in der Stadt zu leben. Jetzt wohnen wir auf dem Land, weil wir es nicht mehr ausgehalten haben.
Roche: Wer in der Stadt bleiben will, darf von mir aus gern bleiben. Ich brauch die Schlägereien und die ganze Kotze überall nicht mehr.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das Altwerden vor?
Roche: Martin ist fast 15 Jahre älter als ich. Wenn man früh über Sachen spricht, die unangenehm sind wie Windelnwechseln, Bettlägerigkeit, Wundliegen, Beatmungsmaschinen, dann ist man nicht so überfordert, wenn das kommt.
SPIEGEL: Fürchten Sie sich davor?
Keß: Total. Wenn ich körperlich so gebrechlich bin, dass Charlotte mit mir machen kann, was sie will, schiebt sie mich einfach durch die Gegend, zieht mir lustige Sachen an und zwingt mich, »Germany’s Next Topmodel« zu gucken.
Roche: Ich trichtere jetzt schon unseren Kindern ein, dass wir vermutlich mal Demenz kriegen. Und dass es nicht mehr ich bin, die Faxen macht und sie nicht mehr erkennt, wenn sie mich im Altersheim besuchen. Ich sage: Bitte seid nicht sauer, mein Gehirn wird dann aufgefressen sein.
SPIEGEL: Was haben Ihre Kinder für ein Bild von Ihnen?
Roche: Auf jeden Fall ein sehr anderes als die Öffentlichkeit. Sexualität zum Beispiel spielt überhaupt keine Rolle zu Hause. Die denken, glaub ich, beide, dass wir gar keinen Sex haben.
SPIEGEL: Die kriegen doch mit, was Sie überall erzählen, in Interviews.
Roche: Nee, nee. Meine Tochter liest die Bücher nicht, die hält sich davon fern. Wenn sie darauf angesprochen wird, sagt sie: stopp. Ich möchte nicht mit euch über die Arbeit meiner Mutter reden. Das sind Erwachsenenbücher.
SPIEGEL: Wird es ein viertes Buch von Ihnen geben?
Roche: Ich schreibe gerade daran.
SPIEGEL: Was können Sie darüber erzählen?
Roche: Gar nichts. Einfach zero.
SPIEGEL: Wann wird abgegeben?
Roche: Sommer.
SPIEGEL: Sind Sie, Herr Keß, immer der erste Leser?
Keß: Ja.
SPIEGEL: Sie haben bisher nie über die Bücher Ihrer Frau gesprochen. Wie ging es Ihnen als Leser des skandalösen Werks »Feuchtgebiete«?
Keß: Total gut. Ich hab gedacht, das ist so geil und so krass, das ist eher Underground. Ich bin ein totaler Fan davon.
SPIEGEL: Kein Ekel, keine Be - stürzung?
Keß: Überhaupt nicht. Das ist einfach Befreiung.
SPIEGEL: Ihre Lieblingsstelle?
Keß: Ich glaube, tatsächlich diese Drogenparty, wo die Pillen erst ausgekotzt und dann mit der Kotze aus dem Eimer wieder eingeworfen werden.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich Ihre Therapeutin gefragt, ob Sie die Podcast-Idee gut findet?
Roche: Ja. Ich habe ein Donnerwetter erwartet, weil sie meistens gegen das ist, was ich mache. Sie sagt, meine Bücher seien nicht gut für meinen seelischen Frieden. Aufschreiben sei gut, aber der Veröffentlichungsprozess psychisch zu anstrengend. Zum Podcast hat sie einfach gesagt: Das will ich mir anhören.
SPIEGEL: Sie haben früher von der Angst und der Lust gesprochen, für Ihre Bücher mit Dreck beworfen zu werden. Das könnte jetzt beim Podcast auch passieren.
Roche: Das wäre okay. Vielleicht stelle ich mich hinter Martin, und er bekommt alles ab.
Keß: Im schlimmsten Fall haben wir einen Fehler gemacht. Dann ist es immer noch ein kleiner im Vergleich zu, sagen wir mal, der Idee des Bayer-Konzerns, Monsanto zu kaufen.
SPIEGEL: Frau Roche, Herr Keß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Video
Roches Karriere im Zeitraffer

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