Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat


Kanu Sport - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 01.09.2019
Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Vierzig Kilometer Paddeletappe auf der Elbe liegen hinter Jens Steingässer, siebzig Kilometer Radtour entlang des Elbe-Havel-Kanals noch vor ihm.


Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Schmeckt gut: das Rodachwasser in Marktzeuln. Die Warnung vor zu hoher Nitratbelastung durch die Landwirtschaft gibt es erst am nächsten Morgen …


Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

In den verzweigten Seitenarmen der Peene zeigt sich ihr einzigartiger Charakter – sie sind für Tiere wie den Seeadler ein wichtiger Rückzugsort.


Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Jens Steingässer unternimmt eine Reise durch einige der schönsten Landschaften Deutschlands. Der Anlass: Seine Großmutter übergab ihm kurz vor ihrem Tod ihre Lebenserinnerungen. Im Mittelpunkt: ihre Flucht aus der DDR. Nach Jahren fällt dem weitgereisten Fotojournalisten das Manuskript wieder in die Hände und er wagt das persönlichste seiner Abenteuer: Auf Deutschlands Wasserwegen paddelt er seiner eigenen Herkunft entgegen. Einen Monat lang vom Odenwald bis an die Ostsee, nur mit Zelt, Paddelboot und Faltrad ausgerüstet, lässt er sich von den Flüssen der Heimat und von seinen eigenen Gedanken leiten.

Habe ich an alles gedacht? „Hier, deine Regenjacke!“ Mein Freund Dieter hält sie mir unter die Nase. Grinsend. „Könnte sein, dass du die unterwegs brauchen wirst.“ Dieter kennt mich. Vielleicht besser, als mir jetzt gerade lieb ist. Wir waren schon für Reportagen in Indien und Nepal gemeinsam unterwegs, haben den Kailash in Tibet umrundet – und starten jetzt gemeinsam vor meiner Haustür: im Odenwald.
Querflussein durch Deutschland. Eigentlich völlig unspektakulär, überlege ich. Und frage mich, warum ich dann so unfassbar aufgeregt bin? Aufgeregter, als ich es vorm Aufbruch nach Grönland im Winter mit unseren Kleinkindern war. Zehn Tassen Espresso, gepanscht mit Grüntee und ein paar Dosen Energy-Drink, so fühle ich mich.

Der Fluss fließt.

„Fährt dein Fahrrad überhaupt noch, mit so viel Zeug drauf?“ Meine Tochter staunt über die Zuladung, die mein Faltrad in den kommenden vier Wochen tragen muss: vier Packtaschen, 75 Kilogramm Gepäck – vom Packraft samt Paddel über die Campingausrüstung bis hin zu den allernötigsten Klamotten. Bis zur Ostsee, wird mir jetzt klar, werde ich das Doppelte meines Körpergewichts vorwärtsbewegen. Abwechselnd mit Rad und Boot, je nach Begebenheit der Flüsse. Die Testfahrt am Vorabend war immerhin völlig problemlos. Mehr noch: Im Sonnenuntergang zu starten, mit allem, was ich zum Leben brauchen werde, hatte mich völlig berauscht. Das ist es, was ich mir schon so lange wünsche: absolute Freiheit, anhalten, wann und wo ich will, mich treiben lassen. Das Gegenteil zu meinem ewig durchgetakteten Alltag. Aber der Abschied fällt mir nicht leicht. Normalerweise reist meine Familie mit. Diesmal lasse ich alle zurück.

Bergab, durch unser kleines Dorf an der Bergstraße rollen wir los, durch ein kleines Stück regennassen Buchenwald, in dessen Frühnebel sich Sonnenstrahlen brechen wie der Strahl einer Taschenlampe auf einem staubigen Dachboden. Für einen kurzen Moment bin ich überwältigt von den Gefühlen, die die frühsommerlichen Gerüche und Geräusche und das Wissen um die Freiheit der kommenden Wochen in mir auslösen. Wie ein flüchtiger Blick durch eine spaltbreit geöffnete Tür, der im Vorbeigehen Vorfreude auf das Mögliche zulässt. Die Schule unserer Kinder liegt direkt an der Modau. Der Weg dorthin führt über eine kleine Brücke, kurz bevor wir das Schultor erreichen. Nur ganz selten nehme ich mir die Zeit, stehen zu bleiben und dem Flüsschen nachzuschauen. Vielleicht auch, weil ich mich davor fürchte, was die Modau in mir auslösen könnte – diesen fast schon unwiderstehlichen Drang, ihr zu folgen. Weil ich weiß, dass dieser kleine Fluss, der unter mir plätschert, flussabwärts Richtung Rhein fließt und sich irgendwann ins Meer ergießt. Egal, welches Chaos sich um ihn herum entfaltet, welche persönlichen Geschichten und Schicksale sich entlang seines Flussbetts entspinnen: Der Fluss fließt.

„Und jetzt?“ Dieter sieht in seiner Montur aus wie ein Profi-Radler, der beim Training für den Iron Man einen kurzen Zwischenstopp einlegt. „Flussaufwärts radeln, so nah wie möglich an der Modau entlang“, beschließe ich. Auf Navi oder GPS und vorgeplante Etappenabschnitte habe ich verzichtet. Wegweiser sollen die Flüsse sein, denen ich mit allen Sinnen folgen will. Von der nächstgelegenen Quelle aus, bis irgendwann aus einem Rinnsal ein Fluss wird, den ich paddeln kann. Bis dahin muss das Faltrad mich, mein Boot und mein Gepäck vorwärtsbringen. Das heißt aber auch, dass Dieter und ich über matschige Wiesenpfade strampeln und uns durch klitschnasse Büsche zwängen. Vorbei an Steilhängen, an denen die Regenfluten des vergangenen Gewitters deutliche Mengen Erdreich in den Fluss gespült haben. Wir fahren an einer matschig-trüben Modau entlang, die in einem Betonkorsett durch das nächste Dorf geleitet wird. Sobald wir dichte Besiedlung, Infrastruktur und Autolärm hinter uns lassen, gewinnt die Natur Oberhand: Buchenmischwälder, Streuobstwiesen, Weiden.


Auf Navi oder GPS und vorgeplante Etappenabschnitte habe ich verzichtet.

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Sackgasse im Odenwald. Beim Versuch, der jungen Gersprenz so nah wie möglich zu folgen, stoßen mein Rad und ich an unsere Grenzen.


Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Die Mümling mehr Wasser als die Gersprenz und das Boot kommt endlich zum Einsatz.


Noch bin ich ein Getriebener.

Meine Anspannung lässt nach, je weiter wir den Verkehr hinter uns lassen. Bis zur Quelle der Modau auf 505 Metern liegt ein ordentlicher Aufstieg vor uns, samt Rädern und Gepäck auf matschigem Waldboden. Das ist erst der Vorgeschmack auf das, was mich physisch in den nächsten vier Wochen erwartet – und auf die psychischen Herausforderungen. Denn trotz aller Euphorie plagen mich Zweifel. Auch wenn ich es vor mir selbst nicht zugeben will: Der Gedanke, innerhalb eines bestimmten Zeitfensters ein Ziel, die Ostsee, erreichen zu müssen, schüchtert mich ein. Dass von müssen keine Rede sein kann, sickert erst ganz langsam durch. Noch bin ich ein Getriebener, rackere mich ab und hoffe, dass meine Fortbewegung einfacher wird, sobald die Flüsse für mich befahrbar werden.
Triefend nass geschwitzt erreichen wir die Quelle der Modau im Wald. „Wie geschmolzene Eiswürfel!“ Mir schmeckt die Modau. Hier oben an der Quelle sind noch keine Düngemittel ins Wasser eingetragen. Dieter und ich füllen unsere Trinkflaschen auf, obwohl schon gleich die nächste Quelle auf uns wartet: Nur einen Kilometer entfernt entspringt die Gersprenz. Auf der Suche nach ihrem Ursprung überquere ich meine erste kleine Wasserscheide. Zwischen dem üppigen Gras ist die frisch geborene Gersprenz kaum auszumachen. Aber ich bin stur und Dieter weiß zum Glück, worauf er sich eingelassen hat. Dem Flüsschen möglichst nah zu folgen bleibt für mich oberstes Gebot. Auch dann noch, als Dieter in dem Pfad eine Sackgasse wittert. Wir schieben unsere Räder durch moosig-farnig-feuchten Wald, immer weiter, bis es nicht mehr weitergeht. Weil entgegen meiner Hoffnung und ganz nach Dieters Vorhersage der Trampelpfad plötzlich komplett zu Ende ist. Ich bin so fertig, dass ich am liebsten hier mein Zelt aufschlagen würde. Aber jeden Jammerdrang schlucke ich runter, weil ich fürchte, dass Dieter zu Recht sowieso schon sauer auf mich ist. Erst auf dem Rückweg entdecken wir das Warnschild, das uns eine Stunde Schweiß treibenden Weg erspart hätte: Der Weg endet in Kürze. Ja danke, das wissen wir jetzt auch! Als sich der Wald langsam lichtet, sehen wir die Gewitterwolken, die sich über uns zusammenbrauen. Höchstens zehn Minuten entfernt schießen schon grelle Blitze durch den Abendhimmel. Wir müssen schneller sein und das nächste Dorf erreichen, bevor die Front über uns hinwegzieht. Ein Balkon bietet gerade genug Schutz für die kommenden zwanzig Minuten Sturzregen. Aber nicht mal der reicht aus, um den Wasserpegel der Gersprenz ausreichend anzuheben. An Paddeln ist auf dem Fluss nicht zu denken. „Lass uns ein Tal weiter wechseln. Da fließt die Mümling“, schlage ich vor. „Jetzt noch?“ Dieter hat recht. Es ist schon Abend und wir sind müde, durchgeschwitzt und hungrig. „Da hätten wir allerdings eine bequeme Übernachtungsmöglichkeit.“ Einer meiner Onkel wohnt in einem Seitental der Mümling. Womit ich Dieter an den Haken bekomme, ist die Gaststätte im Dorf mit warmem Essen und kaltem Bier. Rechnung auf mich. Obwohl die abziehenden Gewitterwolken über uns ein beeindruckendes Farbspektakel veranstalten, genießen wir es nur einen Moment und lassen uns dann auf die Höhenmeter ein, die noch vor uns liegen. Grausam! Im Schneckentempo schleichen wir an einem Strandkorb vorbei, der besetzt ist von einem Feierabendler mit Bierflasche in der Hand – so kann man das Leben auch genießen. Noch weiter bergauf stellen wir zu meinem Entsetzen fest, dass wir uns verfahren haben, und kommen bergab wieder an dem Strandkorb vorbei. „Braucht ihr Hilfe?“, fragt der Mann im Korb. Und noch bevor ich nachdenken kann, ist es raus: „Ja! Einen Schluck kaltes Bier, bitte.“ Günter ist Nordseefan und tritt uns mit eiskaltem Jever entgegen, das er ohne Umschweife mit Dieter und mir teilt.

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Biber lassen grüßen: Da es immer wieder Flussblockaden gibt, steige ich irgendwann aufs Faltrad um.


Nur vier Wochen Zeit.

Zugegeben: Krampfende Waden und ein Loch im Bauch sind nicht der optimale Abschluss für den ersten Tag einer Reise, für die ich mir vorgenommen hatte, Schluss zu machen mit dem Wegrennen vor mir selbst. Eine so vollkommen übertriebene Tagesetappe war nie eingeplant. Trotzdem fürchte ich, dass es nicht die letzte sein wird, wenn ich an meinem Wunsch festhalte, die Ostsee zu erreichen. Ich habe dafür nicht ewig, sondern nur vier Wochen Zeit. Mehr lässt meine Auftragslage im Moment nicht zu.

Krampfende Waden und ein Loch im Bauch sind kein optimale Abschluss für den ersten Tag.

Am nächsten Morgen stiegen wir in die Mümling ein. Ich finde einen perfekten Einstieg mit genug Platz, um das Packraft aufzubauen. Zum ersten Mal teste ich, ob überhaupt mein ganzes Gepäck samt Faltrad und mir selbst darauf Platz hat. Und dann muss ja auch noch der Wasserstand passen. Das Raft hat zwar wenig Tiefgang, aber mit 150 Kilo Zuladung will ich nicht mit dem Hintern über Flusskiesel schrappen. Dieter radelt am Ufer weiter. Endlich in angenehmem Tempo. Wenn sich auf der ersten Teilstrecke herausstellt, dass ich zu viel Gewicht im Boot habe, kann er notfalls einen Teil übernehmen und übermorgen gleich wieder nach Hause bringen. Auch wenn ich nicht weiß, auf was genau ich verzichten könnte. Kleidung habe ich sowieso kaum dabei. Zelt, Schlafsack und Isomatte füllen schon eine Tasche, Kleidung und Essen die zweite. In der dritten Tasche stecken die Drohne und ein paar Ersatzschuhe, und Nummer vier ist mit Kamera und Equipment gefüllt. Der wasserdichte Packsack, der auf dem Fahrradgepäckträger das Boot enthält, wird jetzt mit meinem Rechner gefüllt und auf dem Boot verstaut. Was auch geschieht, er darf auf gar keinen Fall, nie und nimmer, ins Wasser fallen.

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Strömung. Freiheit. Ich kann einfach genießen, was um mich herum geschieht.

Nicht mehr an Zeit und Ziel denken.

Unfassbar, wie jetzt endlich alles Gewicht von meinen Schultern fällt. Die erste der beiden Bergetappen liegt hinter mir. Eine abartige Anstrengung, die jetzt ins exakte Gegenteil umschlägt: Der Fluss trägt mich, mein Boot, mein ganzes Gepäck. Die Strömung ist perfekt. Genauso stark, dass ich mich einfach treiben lassen kann. Stille. Strömung. Freiheit. Ich kann einfach genießen, was um mich herum geschieht. Dicht mit Bäumen gesäumt, fühlt sich die Mümling wie eine Wasser-Allee an. Die Kronen der Bäume spenden durchgehend Schatten. Durch das dichte Blätterdach stoßen nur ab und zu Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche und zeichnen tanzende Muster auf den Fluss. Üppige Natur quillt aus jeder Ritze hervor. Sogar Eisvögel gibt es hier noch, mitten in einer Landschaft, die ansonsten stark durch Landwirtschaft und menschliche Eingriffe geprägt ist. Ich höre auf, an Zeit und Ziel zu denken. Pures Sein. Bis zur ersten Mühle, an deren Wehr die Strömung radikal nachlässt. Ich muss zwar nicht umtragen, aber aussteigen und das Wehr ablaufen. Über die Wehrkante fließt gerade so viel Wasser, dass ich das Boot darüber gleiten lassen kann. Alles Gepäck darauf verstaut, treibt das Packraft vor mir her den betonierten Hang hinab. Jetzt bloß nicht ausrutschen oder das Seil entgleiten lassen, denn dann könnte mein Gepäck direkt in der Mümling landen. Als ich vor der Wahl stehe, im weiteren Flussverlauf entweder auf einige größere Wehre zu stoßen oder einen naturnahen Seitenarm der Mümling zu paddeln, entscheide ich mich für die zweite Variante. Vögel fliegen auf, wenn ich unter den Ästen der Uferböschung durchgleite, um sich ein paar Meter weiter wieder auf einem Ast niederzulassen. Aus der Geräuschkulisse sticht eine Vogelstimme hervor, die mich aufhorchen lässt: der Ruf des Kuckucks! Noch vor ein paar Jahren regelmäßig auch bei uns zu hören, ist er mittlerweile aus dem Wald hinter unserem Haus völlig verschwunden. Gut, dass ich mich für diesen wilden Mümling-Arm entschieden habe! „Ein paar querliegende Bäume“, so der Hintergedanke, „können ja nicht wirklich zum Problem werden.“
Der erste Baumstamm ist noch ein herausforderndes Abenteuer, weil ich das Boot über das Paddel rollen kann. Die nächsten sind so leicht, dass ich sie anheben und mich zwischen meinem Gepäck versunken darunter durchziehen kann. Mümling-Limbo. Als dann mehrere Bäume ineinander verkeilt über dem Fluss liegen, brauche ich fast eine Stunde, um mich, das Boot und das Gepäck sicher über das Hindernis zu bringen. Alles super, wenn nicht ein paar Meter hinter der nächsten Flussbiegung schon wieder derselbe Hindernislauf auf mich warten würde. Gut, auch den bringe ich irgendwie hinter mich. Schwitzend und keuchend. Bei Nummer drei fliegt endlich ein guter Batzen meiner Sturheit über Bord. Es ist später Nachmittag und ich sattle um: vom Boot aufs Rad. Das sollte sich im weiteren Verlauf der Paddeltour noch manches Mal als Clou herausstellen: meine Amphibien-Lösung. Nur von Dieter fehlt jede Spur. Erreichbar ist er auch nicht, weil er, wie sich später herausstellt, seinem Handy ein Bad in der Mümling ermöglicht hat. Als Kind konnte ich sämtliche Telefonnummern von Freunden und Verwandten runterrattern. Heute verlasse ich mich, genau wie Dieter, auf digitale Speicherkapazität. Ziemlich blöd, wenn die im Wasser versinkt. Dieter hat nicht eine einzige Nummer von gemeinsamen Freunden im Kopf, bei denen er anrufen könnte, um meine Nummer zu erfragen. Ich schlage mich durch knöchelhohen Matsch und kniehohe Brennnesseln vom Ufer der Mümling Richtung Feldrand. Knochenarbeit. Die Pedale stoßen regelmäßig schmerzhaft gegen meine Knöchel und ich habe das Gefühl, nach jedem Schritt vorwärts einen halben zurückzurutschen. Ich bin so hoch konzentriert, dass ich nicht mehr wahrnehme, wo ich gerade bin, es könnte auch die Serengeti nach heftigem Regen sein. Erst am Feldrand komme ich wieder im Hier und Jetzt an und kann das Gepäck kurz abstellen, ohne Gefahr zu laufen, dass es wegen der enormen Last im weichen Untergrund versinkt. Und siehe da, jetzt kommt ein Anruf mit unbekannter Nummer. Aus einer Optikerfiliale in Höchst. Dieter hat meine Nummer ausfindig gemacht und wir können einen Treffpunkt vereinbaren. Der leicht bittere Beigeschmack unserer gerade sichtbar gewordenen Abhängigkeit bleibt auf der Zunge kleben, bis wir wieder nebeneinander durch den Odenwald radeln.

Mein Querflussein-Weg geht in die andere Richtung.

Obwohl ich regelmäßig beruflich in der Welt unterwegs bin, ist diese Reise für mich aus verschiedenen Gründen außergewöhnlich. Nicht nur wegen Hennys Geschichte, die mich begleitet, sondern auch, weil es das erste Mal ist, dass ich häppchenweise Abschied nehme von zu Hause. Nicht in den Flieger steige und wenige Stunden später am anderen Ende der Welt ausgespuckt werde, sodass mein Körper zwar schon am Ziel ist, mein Geist aber noch irgendwo über den Ozeanen hängt. Völlig unerwartet überwältigt mich Wehmut, als ich das Mittelgebirge des Odenwalds hinter mir lasse. Passend zu meiner Stimmung beginnt es zu regnen. Abrupt geht das liebliche Flair des Odenwalds über in stinkende Industrielandschaft. Meine erste Flussmündung der Reise – ernüchternd: Wo die Mümling in den Main fließt, blitzt in regelmäßigen Abständen Verpackungsmüll am Ufer auf. Vor uns liegt der Main, der mich vor eine echte Herausforderung stellt. 350 Kilometer flussaufwärts muss ich diesem Flussgiganten folgen, einem der wichtigen Verkehrswege in Europa. Um selbst zu paddeln, ist die Strömung viel zu stark. Sehr schnell und zielstrebig fließt sie Richtung Norden, später nach Westen, unter den Brücken Frankfurts hindurch, als ob sie es eilig hat, sich mit Europas größtem Fluss, dem Rhein, zu vereinen. Mein Querflussein-Weg geht in die andere Richtung. Ich hatte mir zu Hause vorgenommen, auf einem der großen Frachter anzuheuern. Jetzt, wo ich am Ufer stehe, frage ich mich, wie das praktisch funktionieren kann. Der kommende Abschnitt hat aber noch einen anderen Haken. Er bringt mich meinem ersten Zwischenziel näher, das mich mit gemischten Gefühlen erfüllt: dem Treffen mit Hennys Schwester, meiner Großtante. Und damit meiner eigenen Familiengeschichte. ■

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Mit Paddelboot und Faltrad durch Deutschland-auf der Suche nach den Geheimnissen seiner Heimat.

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Ein Auszug aus:

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Ein Abenteuer direkt vor der Haustür, berührend erzählt. Deutschlands wilde Seite authentisch fotografiert. Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit zwischen Ost und West.

DuMont Reiseverlag

ISBN-13: 9783770188796

Preis:22,90 EUR

Über den Autor:

Artikelbild für den Artikel "Odenwald: Modau-Gersprenz-Mümling: Auf dem Wasser durch die Heimat" aus der Ausgabe 9/2019 von Kanu Sport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Sport, Ausgabe 9/2019

Jens Steingässer, Jahrgang 1975, geboren in Darmstadt, ist Diplomfotograf und bekannt durch zahlreiche Ausstellungen im In-und Ausland. Seit 2018 organisiert er mit seiner Frau Jana Steingässer das Weitsicht Festival, eines der größten Multimedia-Reportage-Festivals in Europa. Über 10.000 Besucher nehmen am Festival teil, das herausragende Live-Reportagen mit einer Outdoor-und Reisemesse verbindet.

www.reiselabor.de

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2019 von 25. Internationale Elbefahrt: Gemeinschaftserlebnis lässt die Strapazen vergessen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
25. Internationale Elbefahrt: Gemeinschaftserlebnis lässt die Strapazen vergessen
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Sommer-Oder-Fahrt 2020. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sommer-Oder-Fahrt 2020
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Slowenien: Soca: Spielplatz Soca. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Slowenien: Soca: Spielplatz Soca
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Slowenien: Soca: Packraften mit Handicap. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Slowenien: Soca: Packraften mit Handicap
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Sambesi: Sambia und Simbabwe: Mosi-Oa-Tunya - Der Rauch der donnert. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sambesi: Sambia und Simbabwe: Mosi-Oa-Tunya - Der Rauch der donnert
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Rennsport/SUP: „Die Finals – Berlin 2019“: Hochklassige Sprintrennen vor begeisternder Kulisse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rennsport/SUP: „Die Finals – Berlin 2019“: Hochklassige Sprintrennen vor begeisternder Kulisse
Vorheriger Artikel
EDITORIAL: „Die Finals“ – ein toller Erfolg
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 25. Internationale Elbefahrt: Gemeinschaftserlebnis lässt di…
aus dieser Ausgabe