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ÖKOLOGISCHE LANDWIRTSCHAFT: IST SIE WIRKLICH INSEKTENFREUNDLICH?


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#Ö - ökologisch erfolgreich - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 18.02.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "ÖKOLOGISCHE LANDWIRTSCHAFT: IST SIE WIRKLICH INSEKTENFREUNDLICH?" aus der Ausgabe 1/2022 von #Ö - ökologisch erfolgreich. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

PROF. DR. TEJA TSCHARNTKE

ist Soziologe, Biologe und Professor für Agrarökologie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Er befasst sich vor allem mit Biodiversität in gemanagten und natürlichen Ökosystemen.

Im Sommer 2021 veröffentlichten Tscharntke und ein internationales Forschungsteam eine Stellungnahme. In dieser stellen sie infrage, dass der Ökolandbau die grundlegende Alternative zur konventionellen Landwirtschaft ist, um Biodiversität in Agrarlandschaften zu fördern.

Prof. Tscharntke, könnten Sie die Kernaussagen Ihrer Stellungnahme kurz zusammenfassen?

Tscharntke: Der Ökolandbau wird oft als ein Win-winwin-Modell des Landbaus gesehen. Er sei die grundlegende Alternative für die konventionelle Landwirtschaft und für alle Bereiche – sei es Biodiversitätsschutz, Lebensraumschutz, Ertrag, Qualität oder soziale Aspekte – die beste Lösung. Bei näherem Betrachten gibt es aber ...

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... Maßnahmen, die im Einzelfall deutlich effektiver sind, die aber jenseits der Zertifizierung liegen. Dazu zählen beim Biodiversitätsschutz zum einen Maßnahmen auf den Produktionsflächen, wie die Diversifizierung des Anbaus mit weiten Fruchtfolgen und einer größeren Vielfalt an Früchten, um eine größere Heterogenität in den Agrarlandschaften zu erzielen. Zum anderen sollten die Felder deutlich kleiner werden. Hat man eine Mosaiklandschaft mit vielen Rändern, hilft das gerade auch den Insekten, die ja zwei Drittel unserer Tierarten ausmachen und besonders bedroht sind. Außerdem sind naturnahe Elemente von zentraler Bedeutung. Auch sie sind nicht Teil der Öko- Zertifizierung. Wichtig ist, dass diese biodiversitätsfördernden Maßnahmen auf Landschaftsebene erfolgen. Will man Biodiversität schützen, ist das nicht auf der Ebene des einzelnen Feldes getan.

Welchen Anteil hat die Landwirtschaft am Verlust der Artenvielfalt?

Tscharntke: Die Umwandlung von naturnahen in landwirtschaftliche Flächen ist bei uns, aber auch global, der mit Abstand wichtigste Faktor für das Artensterben. Selbst der Klimawandel kommt da nicht ran, zumindest noch nicht. Man muss allerdings berücksichtigen, dass es zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt noch relativ wenige Studien gibt und die Situation sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vermutlich dramatischer darstellen wird.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist bei uns viel passiert: die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft mit der sogenannten Grünen Revolution, also dem höheren Düngereinsatz, leistungsfähigeren Sorten und einem höheren Pestizideinsatz. Dazu kam die Flurbereinigung, die die Felder immer größer gemacht und die meisten naturnahen Elemente aus den Landschaf- ten rausgeschmissen hat. Noch in den Sechzigerjahren gab es viele Landwirte, die sich dagegen gewehrt haben, Gift auf Flächen zu spritzen, auf denen Lebensmittel produziert werden. Diese Haltung hat sich spätestens in den Siebzigerjahren gewandelt, als man gesehen hat, wie effektiv diese Intensivierung für den Ertrag und das landwirtschaftliche Einkommen ist.

Hat der Ökolandbau dieser Entwicklung einen Riegel vorgeschoben?

Tscharntke: Nur sehr verhalten. Die Verpflichtung im Ökolandbau bezieht sich im Wesentlichen darauf, auf synthetische Pestizide und Dünger zu verzichten, also auf synthetische Agrochemikalien. GMO-Pflanzen dürfen auch nicht genutzt werden usw. Viele andere biodiversitätsfreundliche Maßnahmen wie die Diversifizierung des Anbaus und der Erhalt natürlicher Landschaftselemente werden zwar empfohlen, sind jedoch nicht verpflichtend.

Es ist nicht mehr so, dass man sich Ökolandbau immer als idyllischen, kleinteiligen Familienbetrieb vorzustellen hat. Ökolandbau findet oft auch auf riesigen Flächen statt, beispielsweise auf Getreidefeldern von 20 Hektar und mehr. Holländische Tomaten, gewachsen unter Glas oder in Plastikgewächshäusern, haben mit einer Förderung der Artenvielfalt nichts zu tun. Kurzum, es findet auch im Ökolandbau eine Intensivierung der Bewirtschaftung statt, so dass es wichtig ist, weitere Kriterien in die Zertifizierung einzubeziehen.

Was wäre bei gleicher struktureller Kleinteiligkeit ökologisch sinnvoller: Öko- oder konventionelle Bewirtschaftung?

Tscharntke: Wenn alle Randbedingungen gleich sind, kommen auf einem Biofeld mehr Arten vor als auf einem konventionellen Feld. Aber die Randbedingungen können sehr unterschiedlich sein. Manche Felder liegen in bunten Landschaften, andere in aufgeräumten, die einen wirtschaften auf kleinen, die anderen auf großen Flächen. Anders gesagt: Wenn Sie auf sehr kleinen Flächen konventionell wirtschaften, dann fördern Sie mehr Arten auf der Fläche, als wenn Sie große Flächen ökologisch bewirtschaften, wie wir gerade in einer Untersuchung gezeigt haben. Um mal die Dimension zu nennen: Reduziert man die mittlere Flächengröße in Agrarlandschaften von sechs Hektar auf einen Hektar, erzielt man ungefähr eine Versechsfachung der Artenvielfalt von Insekten und Pflanzen. Gezeigt wurde das in unserer Studie in acht Regionen von Europa und Nordamerika, die auf insgesamt 435 Feldern durchgeführt wurde. Landschaften mit vielen kleinen Feldern, also mit sehr vielen Rändern, wiesen bis zu zehnfach mehr Wildbienen auf als Landschaften mit großen Feldern. Bei kleinen Feldern spielen zwei Faktoren eine Rolle: Es gibt mehr Ränder und häufig auch mehr grasige Randstreifen. Allein schon die Vermehrung der Ränder führt zu sehr viel mehr Artenvielfalt, da sich die Durchlässigkeit der Landschaften für die sich ausbreitenden Tiere stark erhöht.

Wenn Sie auf kleinen Flächen konventionell wirtschaften, fördern Sie mehr Arten, als wenn Sie große Flächen ökologisch bewirtschaften.

Aber nehmen wir an, die Randbedingungen wären dieselben…

Tscharntke: Vergleicht man eine Ökofläche mit einer konventionellen Fläche, finden sich auf der Ökofläche durchschnittlich ein Drittel mehr Arten. Allerdings wird im Ökolandbau ungefähr 20 % weniger produziert als im konventionellen Anbau. Die Höhe des Ertragsverlusts kommt dabei sehr auf die Kultur an; es gibt Kulturen, bei denen das keine große Rolle spielt. Bei Getreide dagegen hat man im Ökolandbau oft 50 % weniger Ertrag. Sie haben also auf einem Ökoweizenfeld bei uns ein Drittel mehr Arten, aber 50 % weniger Ertrag. Wenn wir den Artenzahl-Gewinn aber nicht auf die Fläche, sondern auf den Ertrag beziehen, dann bräuchte man nur die Hälfte des konventionellen Feldes bestellen und könnte die andere Hälfte für Hecken, Brachen oder ähnliches reservieren. Natürlich haben Sie bei einer 10 ha-Fläche, die zur Hälfte konventionell bewirtschaftet wird und zur anderen Hälfte aus naturnaher Landschaft besteht, ein Vielfaches an Artenvielfalt im Vergleich zu einer 10 ha Fläche, die nach den Kriterien des Ökolandbaus bewirtschaftet wurde.

Bei Vergleichen zwischen öko und konventionell sollte immer auch die Bezugsgröße betrachtet werden. Felder im Ökolandbau speichern zum Beispiel mehr CO 2 als Felder der konventionellen Landwirtschaft. Bei so einem Vergleich wird aber nicht der Anteil an Hecken oder Baumreihen berücksichtigt, da sie nicht unter die Zertifizierung fallen. Sie sorgen aber für eine viel größere Biomasse und stärkere CO2-Speicherung. Mit der Begeisterung für den Ökolandbau verlieren viele aus den Augen, dass es für die gewünschte Vielfalt an Leistungen im Einzelfall durchaus effektivere Alternativen gibt.

D.h. Ihre zentrale Forderung richtet sich an die Anbauverbände: Man sollte derartige Vorgaben in die Richtlinien aufnehmen?

Tscharntke: Genau, und zwar verbindlich. Empfehlungen gibt es viele, aber man muss schon Nägel mit Köpfen machen, um dem Ganzen eine gewisse Durchschlagskraft zu geben.

Welche Forderungen leiten Sie daraus für die politische Ebene ab?

Tscharntke: Bei politischen Konzepten muss die Landschaftsebene ins Auge gefasst werden, da das Überleben der meisten Arten nicht auf der Ebene des einzelnen Feldes oder Hofes zu sichern ist. Zum anderen sollte in den Agrarlandschaften ein Minimum von 20 % naturnahen Elementen wiederhergestellt oder erhalten werden. Viele Untersuchungen zeigen, dass dies ein wichtiger Grenzwert ist. Weiterhin sollten Anreizsysteme für die Bewirtschaftung auf kleinen Feldern geschaffen werden, und zwar auf Feldern deutlich unter 6 ha, am besten 1 ha, auch wenn das mit höheren Bewirtschaftungskosten einhergeht. Auch für eine Diversifizierung im Kulturpflanzenanbau sollten Anreizsysteme etabliert werden.

Das ungekürzte Interview finden Sie auf www.oekologisch-erfolgreich.de mit dem Webcode 7078027.

Macht aus Ihrer Sicht das EU-Ziel 25 % Ökofläche bis 2030 Sinn?

Tscharntke: Ich finde das Maßnahmenpaket hat eine einseitige Orientierung auf den Ökolandbau. Ich fände es wichtiger, die Maßnahmen, die ich eben genannt habe, stärker zu berücksichtigen – sowohl für den konventionellen, wie auch den ökologischen Landbau. Wir brauchen grundlegende Veränderungen auf 100 % der Fläche.

Sie haben angeführt, dass Ökolandbau deutlich weniger Ertrag auf die Fläche bringt. Wenn konventioneller Landbau kleinteiliger strukturiert ist, sinken da nicht auch die Erträge?

Tscharntke: Nein, das muss nicht sein. Wir haben Untersuchungen entlang der Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen, dem ehemaligen Eisernen Vorhang, durchgeführt. Im Osten sind die Flächen traditionell durch die Kollektivierung nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel größer, im Mittel 20 ha. Im Westen sind sie deutlich kleiner, im Mittel 3 ha. Untersucht wurden jeweils Felder mit ökologisch und konventionell angebautem Weizen, gepaart in allen Landschaften. Das Resultat war eindeutig: Der Ertrag war ungefähr halb so groß im Ökolandbau, sowohl auf den großen wie auch den kleinen Flächen.

Allerdings sind die Kosten durch die kleinteilige Bewirtschaftung rund 50 % höher in beiden Bewirtschaftungsformen. Der Profit im Ökolandbau war trotz des geringeren Ertrages höher, da die Vermarktungsbedingungen besser sind als im konventionellen Anbau. Der Ökolandbau wird durch Prämien unterstützt, die größte Unterstützung erfährt er aber durch die Bereitschaft der Konsumenten, mehr zu zahlen. Das Vertrauen der Konsumenten in die Zertifizierung ist groß, ebenso ihr Glaube, damit etwas Gutes zu tun. Es wäre schön, wenn sie mit ihrer Kaufentscheidung auch Entscheidendes zum Schutz der Artenvielfalt beitragen würden. Wenn die genannten Maßnahmen unter die Zertifizierung fallen würden, wäre sehr viel gewonnen.

Ketzerisch gefragt: Was ist im Hinblick auf Artenvielfalt in Ihren Augen der richtige Weg für die Zukunft der Landwirtschaft – bio oder konventionell?

Tscharntke: Das ist die falsche Alternative. Eine Landwirtschaft muss produktiv sein, das steht außer Frage. Entsprechend ist die Ertragsminderung im Ökolandbau ein Problem, auch weltweit. Ein großer Vorteil im Ökolandbau ist aber, dass keine Herbizide im Ackerbau eingesetzt werden. Das hat positive Auswirkungen auf viele Tierarten. Insofern wäre am besten ein Ökolandbau, der produktiv ist und bei dem zur Zertifizierung gehört, auf kleinen Flächen zu produzieren, viele Kulturarten zu berücksichtigen und viele naturnahe Elemente zu schaffen oder zu erhalten.

KD