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Ölkrise


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 21.04.2022

Olivenöl in der Klimakrise

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VACCARIZZO ALBANESE, ITALIEN

Es regnet, endlich! Seit Ende Dezember, erzählt Michele Librandi, hätten sie hier in Kalabrien kaum nennenswerte Niederschläge gehabt. „Dafür im November. Im November! Mitten in der Erntezeit – genau dann, wenn wir ihn am wenigsten brauchen können.“ Die Weihnachtstage hat seine Familie dann wieder bei 25 Grad und strahlendem Sonnenschein gefeiert. „Das ist doch verrückt – und wirklich nicht gut für die Natur.“ Aber nun: endlich Regen!

Seine Olivenbäume brauchen die Feuchtigkeit dringend, jetzt, wo sie kurz vor der Blüte stehen. 27.000 Bäume stehen auf der Farm Tenute Librandi, in fünfter Generation baut seine Familie in Vaccarizzo Albanese Oliven an. Michele Librandi weiß, dass der Regen eines einzigen Tages den Bäumen nicht helfen wird. Er hat im Boden seiner Olivenhaine Sensoren angebracht. „Dort kam die Feuchtigkeit noch gar nicht an.“ Es ...

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... braucht deutlich mehr Regentage, sonst muss er seine Olivenbäume bewässern. „Im März – das war früher undenkbar. Aber was ist heute schon noch normal.“

Ein normales Erntejahr – daran können sich die italienischen Olivenbauern kaum noch erinnern. Seit Jahren sinkt die Produktion von Olivenöl, wie das Staatliche Dienstleistungsinstitut für den landwirtschaftlichen Lebensmittelmarkt in Italien (ISMEA) berichtet. Von 506.000 Tonnen 2012 auf 315.000 Tonnen im vergangenen Jahr. Dazwischen gibt es immer wieder deutliche Ausschläge – allerdings nur nach unten. 2014, das „annus horribilis“, in dem die Olivenfruchtfliege dafür sorgte, dass in manchen Regionen die Ernte fast komplett ausfiel. 2016 folgte ein weiterer Tiefpunkt. Und 2018 überzog im Frühjahr später Frost das Land. Es wurde die schlechteste Ernte seit Jahrzehnten, die Olivenölproduktion betrug in diesem Jahr nur 175.000 Tonnen.

„Wir können leider nicht mehr von Ausnahmen reden“, sagt Lorenzo Ciccarese vom staatlichen Institut für Umweltschutz und Forschung ISPRA. Im Gegenteil: Der Agrarwissenschaftler geht davon aus, dass sie durch die Klimakrise zur neuen Normalität werden. „Die außergewöhnlichen und extremen Wetterereignisse und ihre Auswirkungen auf den Olivenanbau werden sich noch verschlimmern: intensiver, häufiger und mehr werden.“ Der Mittelmeerraum gilt als besonders sensibel für klimatische Veränderungen. Als „Hotspot des Klimawandels“ bezeichnete der Weltklimarat IPCC die Region 2021 in seinem Sachstandsbericht – und warnte, dass die Temperaturen hier in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich schneller ansteigen als im weltweiten Durchschnitt. Hitzewellen, Dürren und Brände, so prognostiziert der IPCC, werden deutlich zunehmen. Auch in Spanien und Griechenland leiden die Olivenbauern unter den Auswirkungen der Klimakrise, gibt es Berichte über Ernteausfälle, aber nirgendwo sind sie derzeit so deutlich zu spüren wie in Italien.

„Uns ist klar, dass Wasser in Zukunft ein sehr wertvolles Gut wird.“

Michele Librandi Olivenbauer in Italien

Unberechenbares Wetter

Michaela Bogner ist zertifizierte Olivenölverkosterin und Autorin des Buches „Super-Olio“. Sie hat enge Kontakte zu Olivenölproduzenten überall in Italien, kennt ihre Sorgen und auch die besondere Situation im Land. „In Italien ist der Olivenanbau traditionell eher kleinteilig. Die hügelige Landschaft ermöglicht kaum intensive oder gar superintensive Landwirtschaft. Riesige Olivenbaum-Plantagen wie in Andalusien gibt es hier nicht.“ Während große Betriebe schwache Ernten durchaus mal ausgleichen können, geben in Italien immer mehr Kleinbauern nach den katastrophalen Ernten der vergangenen Jahre auf.

Das Wetter ist für sie schlicht zu unberechenbar geworden. Alte Bauernregeln haben längst ihre Gültigkeit verloren. „Früher hieß es immer: ,Vor Allerheiligen wird die Ölmühle nicht aufgemacht‘“, berichtet Michaela Bogner. „Das gilt schon lange nicht mehr, teilweise wird schon Wochen früher geerntet.“ Es sind nicht nur die steigenden Temperaturen und die längeren Trockenperioden, die den Olivenbauern zu schaffen machen. Auch der Regen hat sich zu einer unberechenbaren Kraft entwickelt. „Es ist nicht so, dass es viel weniger Niederschläge gibt – aber sie sind anders verteilt“, erzählt Bogner. Immer öfter gibt es Starkregen. „Bombe d’acqua“, wie sie in Italien sagen – und damit schon seine zerstörerische Kraft benennen. Tritt er im Herbst auf, kann er ganze Ernten vernichten. Hagelstürme sind selbst im Süden Italiens keine Seltenheit mehr. Es sind die Extreme, vor denen sich die Landwirte fürchten.

Gestresste Bäume

Denn eigentlich ist der Olivenbaum eine sehr genügsame Pflanze. Er stellt keine großen Ansprüche an die Erde, kommt mit Trockenheit gut klar und verträgt durchaus auch mal frostige Temperaturen. „Was die Bäume aber enorm stresst, sind große Temperaturschwankungen“, erklärt Bogner – so wie im Frühjahr 2021 am Gardasee. Lange Nachfröste haben die Blüte nach hinten verschoben. Sobald der Frost vorbei war, kletterten die Temperaturen innerhalb weniger Tage auf über 20 Grad. „Die Blüten kamen damit nicht klar. Sie vertrockneten, ohne befruchtet zu werden.“

„Die Olivenbäume sind durch anhaltende Dürren und extreme Temperaturen so geschwächt, dass sie Parasiten und Erreger nicht mehr effektiv abwehren können.“

Lorenzo Ciccarese Agrarwissenschaftler beim staatlichen Institut für Umweltschutz und Forschung ISPRA

Frühlingsfröste, Sommertrockenheit und der häufige Wechsel von Hitze und Kälte: So fasst ISMEA die Wetterprobleme zusammen, die den Olivenbäumen zu schaffen machen. Hinzu kommen Probleme mit Schädlingen wie der Olivenfruchtfliege. Die Weibchen bohren die Oliven an und legen ihre Eier hinein. Ihre Larven ernähren sich dann von den reifenden Früchten – und machen so ganze Ernten zunichte.

Nun mag es die Olivenfruchtfliege lieber feucht und gemäßigt, bei hohen Temperaturen vermehrt sie sich deutlich schlechter. So kam 2014 eine Studie des Centro Ricerche Casaccia in Rom zu dem Ergebnis, dass sich der Bestand der Fliege durch die Klimakrise um gut acht Prozent verringern und die Olivenölproduktion entsprechend wieder steigen wird. „Es kann tatsächlich sein, dass das einer der wenigen guten Effekte des Klimawandels sein wird“, sagt auch Michele Librandi. Doch die Rechnung: weniger Olivenfruchtfliegen = steigende Ernte, fürchtet auch er, greift viel zu kurz. Es fehlen eindeutig zu viele Variablen.

Selbst wenn die Olivenfruchtfliege den Olivenbauern in Zukunft weniger Probleme beschert, lauert längst der nächste Feind: Xylella fastidiosa. Das Bakterium hat in den vergangenen Jahren im Süden Italiens ganze Landstriche von jahrhundertealten Olivenhainen befallen. Die Bäume trocknen aus und sterben ab. Die einzige effektive Lösung derzeit: Rodung. Wie sich die Klimakrise auf Xylella auswirkt, da sind sich Experten noch uneins. Doch da Xylella, in Deutschland auch Feuerbakterium genannt, wohl ursprünglich aus Lateinamerika eingeschleppt wurde, ist zu befürchten, dass es hohe Temperaturen durchaus gewohnt ist. Agrarforscher Lorenzo Ciccarese rechnet generell damit, dass Krankheiten in Zukunft häufiger werden. „Die Olivenbäume sind durch anhaltende Dürren und extreme Temperaturen so geschwächt, dass sie Parasiten und Erreger nicht mehr effektiv abwehren können.“

Immer mehr Olivenbauern geben auf

Extremes Wetter, Probleme mit Schädlingen: In einigen Regionen des Mittelmeerraums, warnt der Weltklimarat IPCC, könnten die Erträge aus dem Regenfeldbau um 64 Prozent zurückgehen und der Wert von Ackerland dramatisch sinken. „Zwei Drittel der Bodenwertverluste in der EU könnten sich auf Italien konzentrieren“ – so steht es in einem Bericht der Europäischen Umweltagentur von 2019 und beziffert den Verlust auf 58 bis 120 Milliarden Euro bis 2100. Schon jetzt, berichtet Ciccarese, gibt es in den trockensten Gebieten des Mittelmeerraums keine Olivenhaine mehr.

Es sind keine guten Prognosen für die italienischen Olivenbauern. Michele Librandi weiß das – seine Familie hat sich bereits vor Jahren auf heißere Zeiten vorbereitet. 1997 stellte sein Vater den Betrieb auf ökologische Landwirtschaft um. Die Familie pflanzt nur noch Sorten, die auch mit wenig Wasser zurechtkommen. „Uns war klar, dass Wasser in Zukunft ein sehr wertvolles Gut wird“, sagt Librandi. In den Böden seiner Olivenhaine messen Sensoren ständig die Feuchtigkeit – das erlaubt ihm, die Bäume sehr präzise zu wässern und möglichst sparsam mit dem wertvollen Gut umzugehen. Zudem hat die Familie eine Versicherung abgeschlossen, gegen Ernteeinbußen wegen Extremwetter. „2019 haben wir sie abge- schlossen und mussten sie schon im gleichen Jahr in Anspruch nehmen, wegen Hagelschaden“, erzählt Librandi. 2020 wieder. 2021 hatte die Familie Glück. Während in Sizilien ein Sturm mit Starkregen und kräftigen Winden die Oliven kurz vor der Ernte von den Bäumen fegte, trafen ihre Haine nur die Ausläufer. „Wir hatten Verluste, aber es hielt sich in Grenzen.“ Noch ist eine solche Versicherung unter Olivenbauern eher die Ausnahme, doch Librandi ist sich sicher, dass der Olivenanbau ohne eine Versicherung und ohne Präzisionslandwirtschaft bald kaum noch möglich sein wird. Doch kleine Landwirte können sich eine solche Investition oft nicht leisten.

Das meistgefälschte Lebensmittel

Noch bekommen Verbraucher in Deutschland die schlechten Ernten aufgrund der Klimakrise kaum zu spüren, zumindest auf den ersten Blick. Das Angebot an Olivenöl – auch aus Italien – bleibt groß, die Preise sind weitgehend stabil. Der Grund dafür ist kein schöner: Olivenöl gilt schon lange als das meistgefälschte Lebensmittel Europas. Die Produktion ist aufwendig, die Margen knapp. Die zunehmende Olivenknappheit könnte künftig noch deutlich mehr Fälscher auf den Plan rufen. Denn die Nachfrage nach Olivenöl steigt weltweit.

Dabei ist die Bandbreite der Fälschungen groß. Sie reicht von plumpen Versuchen mit billigen Pflanzenölen, die grün eingefärbt werden, zu Panschereien mit minderwertigem Öl und Etikettenschwindel – die oft rechtliche Lücken ausnutzen (siehe Interview S. 34). Einige Olivenöle im Supermarkt etwa tun so, als kämen sie aus Italien. Eine toskanische Landschaft auf dem Etikett, ein wohlklingender italienischer Name – schon verkauft sich das Öl deutlich besser. Nur wer genau hinschaut, entdeckt auf der Flasche den Hinweis „Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union“. Im Zweifel ist also keine einzige italienische Olive in dieser Flasche. Mit dem Zusatz „aus Drittländern“ oder „Nicht-EU“ vielleicht noch nicht einmal aus Europa. Italien importiert so viel Olivenöl wie kein anderes Land. Das Öl wird dort umgefüllt, neu zusammengemischt und wieder hinaus in die Welt verschickt. So kommt es, dass zwar die Olivenölproduktion im Land seit Jahren sinkt, der Export jedoch nahezu gleich bleibt.

„Die Zahl der Olivenbauern in Italien ist stark rückläufig, seit 2000 ist sie von über 1,1 Millionen auf weniger als 800.000 gesunken“, sagt Lorenzo Ciccarese. Jahr für Jahr geben Landwirte auf, jeder Generationswechsel ist ein Risiko dafür. Allein im vergangenen Jahr verlor Italien 10.000 Hektar an Olivenhainen.

Qualität bleibt auf der Strecke

Die schlechten Ernten machen sich in der Qualität bemerkbar (siehe Kasten links). Ein Olivenöl der Kategorie „extra nativ“ oder „extra vergine“ muss sensorisch frei von jeglichen Fehlnoten sein. Allein in unserem Test Olivenöl waren es drei von 20 (siehe Seite 28), die mit einer falsch deklarierten Qualitätsklasse auffielen. Mi-chaela Bogner schätzt, dass in deutschen Supermärkten noch deutlich mehr Öle stehen, die zu Unrecht „extra nativ“ auf dem Etikett prangen haben. Für 4,99 Euro, sagt sie, könne man eigentlich kein Olivenöl der höchsten Qualität erwarten. „Es ist eine Kunst, ein reintöniges, fehlerfreies Olivenöl herzustellen – das kann es eigentlich gar nicht so massenhaft geben.“

„Es ist eine Kunst, ein reintöniges, fehlerfreies Olivenöl herzustellen – das kann es eigentlich gar nicht so massenhaft geben.“

Michaela Bogner zertifizierte Olivenölverkosterin und Autorin des Buches „SuperOlio“

Eine Kunst, die immer schwieriger wird. Nicht nur, weil die Erntemenge sinkt. Das unberechenbare Wetter hat auch Auswirkungen auf die Qualität der Früchte. Ist der Sommer heiß und trocken, schließt sich die Olive, sie bleibt klein und bildet wenig Fruchtfleisch. „Das kann für holzige Fehlnoten im Olivenöl sorgen“, erklärt Bogner. Hinzu kommt: Für ein qualitativ hochwertiges Olivenöl müssen die Oliven früh geerntet werden, wenn sie noch nicht ganz reif sind. „Dann haben sie den höchsten Polyphenolgehalt.“ Polyphenole gelten als antioxidativ, entzündungshemmend und krebsvorbeugend. Sie sind ganz wesentlich dafür zuständig, dass Olivenöl einen so guten, gesundheitsfördernden Ruf hat und oft etwas scharf und bitter schmeckt. Doch aus unreifen Früchten lässt sich deutlich weniger Öl gewinnen als aus reifen Früchten. Ein Schritt, den nicht jeder Produzent gehen will – bei sowieso schon sinkenden Erntemengen. Echtes italienischen Olivenöl, dass die Qualität „extra nativ“ tatsächlich verdient hat, müsste schon längst ein rares, teures Gut sein.

PULHEIM, DEUTSCHLAND

Fast 2.000 Kilometer nördlich von Kalabrien streicht Michael Becker über silbergrüne Blätter. Sie stehen dicht an dicht, sehen gesund und saftig aus. Es war ein guter Winter für die Olivenbäume. Milde Temperaturen, keine großen Stürme. Seit 2005 gibt es diesen Olivenhain. In Pulheim, auf dem Gelände des Gartenhofs Becker, einige Kilometer nördlich von Köln. Die Kölner Bucht gilt als eine der wärmsten Regionen Deutschlands im Winter, längere Frostperioden oder eine dauerhafte Schneedecke sind die Ausnahme. Becker ist großer Italien-Fan und er liebt Olivenöl – gutes Olivenöl, dass er lange bei einem Händler in Köln kaufte. Dieser hatte vor seinem Laden einige Olivenbäume im Kübel stehen. „Im Herbst hingen die voll mit Früchten“, erinnert sich der Gärtnermeister. Der Anblick brachte ihn zum Träumen.

Gemeinsam mit dem Händler beschloss er, ein Experiment zu wagen. Sie holten 130 junge Bäume aus Italien und pflanzten sie in rheinländische Erde. Der kommende Winter allerdings war eine Ausnahme, er brachte viel Schnee und zweistellige Mi-nustemperaturen. Mehr als die Hälfte der Bäume erfror. Becker pflanzte neue Bäume, setzte auf frostresistente Sorten. Es folgten weitere Rückschläge, zuletzt setzte der Winter 2008/2009 dem Olivenhain zu. Becker gab nicht auf. Wieder pflanzte er neue Bäume – und die meisten stehen bis heute. 125 Olivenbäume, gut drei Meter hoch, in geordneten Reihen. Noch kann man gut zwischen ihnen hindurchgehen. Becker macht eine ausholende Bewegung. „Im Herbst reichen die Zweige bis hier, dann kommt man hier kaum noch durch.“

Die Bäume wachsen schnell – viel schneller, als er erwartet hat. Zwar kommen Olivenbäume auch auf kargem Boden gut zurecht, „aber sie scheinen sich in unserer fetten Erde doch sehr wohl zu fühlen.“ Der Lösslehmboden der Region gilt als besonders fruchtbar. Jetzt wo die Bäume größer sind, sind sie auch vor Frost besser geschützt. Selbst die Minustemperaturen des vorletzten Winters haben die meisten ganz gut verkraftet, auch wenn die Ernte eher bescheiden blieb. Nur vereinzelte strecken Bäume noch immer kahle Zweige in den Himmel. „Die muss ich wohl ersetzen.“

3,5 Liter „Olio di Colonia“

Sein bestes Jahr bisher? „2020“, sagt Becker ohne zu zögern und fängt an zu schwärmen, in rheinischem Singsang. Die Bäume hingen voll mit Oliven, viele Freunde und Bekannte kamen und halfen bei der Ernte. „Ein richtiges Fest war das – fast wie in Italien.“ Sie ernteten über 200 Kilogramm und beschlossen, ein weiteres Experiment zu wagen. Becker knüpfte enge Kontakte zu Bastian Jordan, dessen Familie auf der griechischen Insel Lesbos Oliven anbaut und Olivenöl herstellt. Er war es, der eine einfache Olivenölpresse organisierte. „Es war eine laienhafte Maschine und das Pressen sehr mühsam. Letztendlich konnten wir nur 3,5 Liter Olivenöl gewinnen.“ Aber immerhin. 3,5 Liter „Olio di Colonia“. Deutsches Olivenöl.

Ob die Zukunft des Olivenanbaus tatsächlich nördlich der Alpen liegt? Auch in anderen Regionen Deutschlands, im Süden Großbritanniens und in Österreich gibt es mittlerweile kleine Olivenhaine. Ernst Rauch, Klimaexperte des Rückversicherers Munich Re, riet Brandenburgs Bauern bereits 2018 in einem Tagesspiegel-Interview, doch lieber Olivenbäume anzupflanzen. Auch Agrarforscher Lorenzo Ciccarese hält das nicht für unmöglich.

„Wenn die schlimmsten Szenarien eintreten und wir es nicht schaffen, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, dann wird Deutschland am Ende des Jahrhunderts Olivenöl im eigenen Land produzieren können.“ Auch wenn er, ganz Italiener, schon jetzt starke Zweifel an der Qualität eines deutschen Olivenöls hat. Natürlich nicht nur deshalb hält er es für alles andere als wünschenswert, dass dieses Szenario eintritt. „Wir müssen alles tun, um das zu verhindern. Wir müssen unter dem 1,5-Grad-Ziel bleiben, wie es das Pariser Klimaabkommen vorschreibt.“

„Die Bäume scheinen sich in unserer fetten Erde sehr wohl zu fühlen.“

Michael Becker Olivenbauer in Deutschland

Wenn sie das nächste Mal Olivenöl machen, wollen sie eine professionellere Presse verwenden, erzählt Michael Becker. „Wenn es denn ein nächstes Mal gibt.“ Denn dafür braucht es wieder ein paar milde Winter hintereinander. Darauf zu hoffen, lässt den Geschäftsführer einer Baumschule in einem Zwiespalt zurück. „Ich wünsche mir natürlich keinen schnelleren Klimawandel. Wenn die Jahre nun wieder kälter werden, fände ich das schon schade um meine Olivenbäume – aber selbstverständlich wäre das sehr viel besser für unsere Welt.“

Aber er ist auch Realist. Auf dem Gartenhof Becker haben sie sich längst eingestellt auf wärmere Temperaturen. Kastanienbäume verkaufen sie kaum noch, stattdessen wachsen in der Baumschule nun Eisenholzbäume, die die Hitze besser vertragen. Und eben Olivenbäume. „Ich denke, uns bleibt nichts anderes übrig. Wir müssen uns anpassen“, sagt Becker.

Qualität statt Quantität

Auch in Italien wird den Olivenbauern nichts anderes übrig bleiben, als sich anzupassen – oder aufzugeben. Es gibt durchaus Innovationen und technische Neuerungen, die den Olivenbauern helfen können, durch heißere Zeiten zu kommen, aber diese muss man sich erst mal leisten können. Hoffnung macht Michaela Bogner auch eine neue Generation von Olivenölproduzenten – und vermehrt auch Produzentinnen –, die sich bewusst abkoppeln vom Massenmarkt. Weil sie wissen, dass sie mit seinen Abfüllmengen und seinen Preisen nicht mithalten können. Stattdessen setzen sie auf Spitzenqualität – wie die Familie Librandi.

Michaela Bogner hofft auch auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher auf eine Bewusstseinsänderung. „Ich ärgere mich immer, wenn bei Tests kommuniziert wird: ‚Gutes Olivenöl muss nicht teuer sein.‘“ Denn gutes Olivenöl habe eben seinen Preis – und dieser wird höher, je weiter die Klimakrise voranschreitet. „Irgendjemand muss diesen Preis bezahlen. Wenn es die Verbraucher nicht tun, dann bleibt das an den Olivenbauern hängen.“ Oder sie müssen damit rechnen, dass sie im Zweifel ein eher minderwertiges Olivenöl in den Händen halten.