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Offene Ohren


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 13.01.2021

Erkki-Sven Tüür gehört zu den profiliertesten zeitgenössischen Komponisten. Jetzt ist eine Aufnahme mit seiner Kammermusik erschienen.


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Foto: Kaupo Kikkas

Es muss mindestens 20 Jahre her sein. Da betrat bei einem Jazzkonzert von Joe und Mat Maneri im Münchner Off-Space LOFT neben Manfred Eicher ein hoch gewachsener, komplett schwarz bemantelter Mann mit ernster Miene den Raum. Ein unnahbarer musikalischer Existenzialist reinsten Wassers. Aber jetzt meldet sich Erkki-Sven Tüür gut gelaunt am Telefon von der estnischen Ostsee-Insel Hiiumaa, auf der er seit Jahrzehnten lebt. „Ja“, meint Tüür lachend, „das ...

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... Outfit könnte passen.“ Und: „Ich kann mich an dieses Konzert erinnern!“ Allein die Tatsache, dass er damals dort gewesen ist, zeigt, dass er in alle musikalischen Richtungen denkt. Nicht nur in die eigene, bequem eingenordete der Neuen Musik.

„Ich sitze hier in meinem Komponierstudio“, meint Tüür. Und man mag sich sofort vorstellen, wie er dort oben inmitten der abgeschiedenen winterlichen Landschaft lebt. In Sichtweite die militärischen Anlagen der Sowjets, die seit langem sich selbst überlassen sind. Wie Relikte einer vergangenen Zeit. Natürlich klingt das alles nach Elfenbeinturmbewohner, aber so will das Tüür nicht stehen lassen: „Natürlich kann ich hier dem Klang des Windes, dem eines heraufziehenden Sturms und dem der Wellen lauschen. Und auch dem Schreien der Vogelzüge. Ich sehe, wie sich die Farben der Jahreszeiten verändern. All diese Prozesse der Natur sind mir sehr nahe. Und ich bin sicher, dass ich unbewusst von ihnen beeinflusst bin. Der Hauptgrund aber, warum ich hier lebe, ist, weil ich in einer komplett unberührten Umgebung komponieren möchte.“ Also frei von jeglichen Einflüssen, die ihn stören könnten.

Wir sprechen über die neue Aufnahme „Lost Prayers“, die gerade erschienen ist. Eine feine Sammlung von kammermusikalischen Stücken – dabei ist Tüür vor allem für seine Orchesterstücke bekannt. Es beginnt mit „Fata Morgana“ einem dringlichdunklen Stück für Geige, Cello und Klavier. Strukturiert von statisch gesetzten Einzelakkorden des Flügels, dazwischen ein lebhaft es Auf und Ab der zwei Streicher. Das hat etwas Minimalistisches, überwindet aber die rhythmische Strenge der frühen Minimal Music. Und findet viel freiere Formen, die schließlich ins Dialogische der Instrumente führen. Schon ganz früh war der Minimalismus in Tüürs Werk präsent. „Meine erste Begegnung mit Minimal Music war gar nicht die mit einem klassischen Komponisten“, meint Tüür, „das war ,Tubular Bells‘ von Mike Oldfield. Der erste ,echte‘ Minimalist, dessen Musik ich hörte, war Steve Reich. Das war 1980 mit ,Octet‘ und ,Violin Phase‘. Heute kann man in meinen Werken nur noch geringe Minimal-Einflüsse heraushören. Selbst wenn repetitive Elemente auftauchen, die sich entwickeln und langsam mutieren. Aber man kann meine Musik nicht mehr in dasselbe Schema pressen.“ Andere Einflüsse wie die polnischen Avantgardisten Penderecki und Lutoslawski seien ihm wichtig. Und die Musik großer Einzelgänger wie Xenakis und die des erfindungsreichen Ligeti.

Wenn Tüür über die Aufnahmesituation des neuen Albums spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen: „Zunächst mag ich die Akustik im Sendesaal Bremen sehr. Und wir hatten dort wirklich eine Reihe von Top-Musikern aus Estland und Deutschland versammelt. Ich war sehr glücklich mit dem Duo für Cello und Geige von Tanja Tetzlaff und Florian Donderer. Ich hatte sie schon in Heimbach während des Spannungen-Festivals gehört, als ich dort als Composer in Residence eingeladen war. Sie machten einen enormen Eindruck auf mich. Und nach der Aufführung meines Stücks ,Synergie‘ sagte ich zu ihnen: Wenn wir das jemals aufnehmen, will ich, dass ihr das macht. Aber dann lag das Ganze eine Zeit lang brach. Schließlich erzählte mir Florian, dass er das Signum Quartett gegründet habe, und ich meinte, dass sie vielleicht mein 2. Streichquartett aufnehmen wollten. Und dann kam es zu diesem schönen Mix, weil Harry Traksmann an der Geige, Leho Karin am Cello und Marrit Gerretz am Flügel, die schon seit Jahren meine Musik spielen, aus Estland dazu kamen und zwei Triostücke beisteuerten.“

Tatsächlich ist das Streichquartett, das dem Album mit „Lost Prayers“ den Titel gab, der Höhepunkt der Einspielung. Auch hier hört man Tüürs Personalstil heraus: Die schroff gesetzten Akkorde im Gegensatz zu den abgedunkelten melodischen Fragmenten. Ein sich nach oben schraubendes Motiv. Das alles vorgetragen im dramatischen Gestus, expressiv. Irgendwann taucht hier und da eine Kantilene auf, die im Instrumentenkollektiv motivisch verarbeitet wird. Immer an der hohen, ja, höchsten Gespanntheit entlang – und vom Signum Quartett enervierend, ja geradezu mit spätromantisch Schönbergscher Verve vorgebracht.

Und auch das: das jähe Abfallen in die sensibelste Brüchigkeit. Da öffnet sich ein Klangreservoir, das Flageoletts einschließt, Obertöne erzeugt. Ob denn für ihn, frage ich, das alte Verdikt noch gelte, nachdem das Streichquartett als Königsgattung angesehen werden müsse? „Das ist ganz sicher so“, meint Tüür, „gerade wenn man die lange Traditionslinie von Streichquartettkompositionen verfolgt“. Aber eine Behauptung, die so kategorisch scheint, rufe in ihm immer auch Skepsis hervor: „Natürlich ist das Schreiben eines Streichquartetts eine spezifisch hohe Form des Komponierens, denn sie legt die Ideen des Komponisten ganz elementar off en. Man kann hier nichts verstecken! Aber genau dasselbe könnte man über ein Werk für Solo-Piano sagen.“ Vielleicht überhaupt – ließe sich anfügen – für jede Art fein komponierter Kammermusik. Möglicherweise erscheint auf dem neuen Album Tüürs Komponierstil deshalb noch einmal fokussierter, wie unter einem Brennglas.

Ganz bestimmt gehört der Este nicht zu den typischen Vertretern der leisetreterischen Dekonstruktivisten, die sich an der mikroskopischen Aufsicht musikalischer Einzelphänomene delektieren. Ist er also in guter konservativer Manier ein musikalischer Geschichtenerzähler? „Ja“, meint Tüür, „ich bin sehr froh, das zu hören! Aber auf der anderen Seite entwerfe ich ein musikalisches Drama mit all seinen Höhe- und Tiefpunkten, aus dem sich jeder Hörer seine eigene Geschichte imaginieren kann. So handelt es sich nie um Programmmusik. Die Story ist also immer abstrakt. Aber zur gleichen Zeit achte ich sehr auf die Atmosphäre, auf die Klangfarben, und so ist der impressionistische Aspekt eingebunden. Aber er ist nie vorherrschend.“


„Ich entwerfe ein musikalisches Drama mit allen Höhe- und Tiefpunkten“


Sofort fallen einem da die nordischen Komponisten ein. Allen voran Jean Sibelius, dessen farbenprächtige Orchesterwerke – gewollt oder nicht – immer gleich Naturbilder evozieren. Ob er sich denn als nordischer Komponist fühle oder ob er das eher für ein unausrottbares Klischee halte?

„Es hört sich tatsächlich wie ein Klischee an“, gibt Tüür mir Recht, „aber es trifft den Punkt doch, weil ich aus dieser Region stamme. Natürlich ist das letztlich besser von außen zu beurteilen, aber ich habe das Gefühl, dass ich eine ähnliche musikalische Ästhetik mit Kollegen aus Finnland, Schweden und Dänemark teile. Es gibt da diese gemeinsame Basis. Und von Zeit zu Zeit höre ich jemanden sagen, dass die Art und Weise, wie ich das musikalische Material entwickle oder mit Motiven arbeite, an Sibelius oder Sumera erinnere. Das mag tatsächlich so sein. Aber es muss von einer tieferen Absicht getragen sein, sonst klingt es natürlich schnell wie ein Klischee.“

Bei Lepo Sumera, einem der Väter der jüngeren estnischen Musik hat Tüür tatsächlich eine Zeit lang Unterricht gehabt. 1959 geboren, gründete er als Jugendlicher mit In Spe eine Progressive-Rockband, die sich an King Crimson orientierte und in Estland rasch bekannt wurde. „Als ich anfing meine eigenen Songs zu schreiben – die anderen Bandmitglieder waren alle älter und studierten bereits Musik –, realisierte ich an einem spezifischen Punkt, dass ich selbst Musik studieren musste; Musik zu meinem Beruf machen wollte. Da war ich ungefähr 15. Und dann Stück für Stück wurde mir immer klarer, dass ich Komponist werden wollte.“ Tatsächlich landete Tüür dann 1980 auf dem Konservatorium in Tallinn. Auch ermutigt von der Popularitätswelle, die die Musik von Arvo Pärt auslöste.

Seit langem ist Tüür eng mit dem Dirigenten Paavo Järvi befreundet. „Er ist mein ,Soul-Brother‘, sagt Tüür. „Wir kennen uns seit 40 Jahren. Und er hat meine Partituren bei Orchestern weltweit bekannt gemacht.“ Vor kurzem erschien eine Aufnahme von Tüürs 9. Sinfonie. Jäärvi dirigiert das Estonian Festival Orchestra. Die Komposition feiert nichts weniger als den Schöpfungsmythos des Estnischen Staates und wurde im Auftrag der Regierung in Brüssel, dem EU-Sitz, aufgeführt. Mit dem Diapason dor 2020 errang die Live-Aufnahme gleich einen der bedeutendsten Schallplattenpreise überhaupt.

In dem gewaltigen Orchesterstück geht es einmal mehr um musikalische Eruptionen, um sich übereinanderschichtende Klangflächen der verschiedenen Instrumentengruppen. Um Dissonanzen und wohlklingende Parts. Eine polystilistische Sprache, die man gleich mit Tüür assoziiert. Das ungeheuer farbenprächtige, orchestral auftrumpfende Werk ist Pavvo Järvi gewidmet. „Heute ist meine Musik nicht mehr allein von bloßen Gegensätzen geprägt“, meint Tüür. „Sie ist weder tonal noch atonal, sondern spricht meine eigene Sprache. Ich arbeite weiter an ihrer Stimmigkeit, ihrem Charakter, ihrer Intensität.“ Ob diese Versöhnung der Gegensätze nicht auch als Weltsicht tauge, frage ich noch. „Ja“, sagt Tüür nach einigem Zögern. „Ja, das auch!“

Erkki-Sven Tüür, die Pianistin Laura Mikkola und Tüürs Freund und musikalischer Weggefährte Paavo Järvi (v.l.n.r.).

Hörempfehlungen

Lost Prayers; Signum Quartett, Harry Traksmann, Leho Karin, Marrit Gerretz-Traksmann; ECM

Mythos; Estonian Festival Orchestra, Paavo Järvi; Alpha Classics

Requiem, Passion, Illusion, Crystallisatio, Architectonics VI; Estnischer Philharmonischer Kammerchor, Kammerorchester Tallinn, Tonu Kaljuste; ECM

Insula deserta, Passion, Lighthouse, Architectonics V, Spiel, Klaviersonate; Henry-David Varema, Heiki Mätlik, Lauri Väinmaa, NYYD-Ensemble, Ostbottnisches Kammerorchester, Olari Elts, Juha Kangas; Warner

Sinfonie Nr. 3, Cellokonzert, Lighthouse; David Geringas, Radio-Symphonieorchester Wien, Dennis Russell Davies; ECM

Violinkonzert, Exodus, Aditus; Isabelle van Keulen, Birmingham Symphony Orchestra, Paavo Järvi; ECM