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Oh! bei der U


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

EIN THEMA VOM TITEL

Artikelbild für den Artikel "Oh! bei der U" aus der Ausgabe 9/2021 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 9/2021

Starten wir mit einer guten Nachricht: Die meisten Abweichungen, die der Kinderarzt bei der U-Untersuchung notiert, sind temporärer Natur. „Die kann man in der Regel mit ein bisschen Förderung gut in den Griff bekommen“, sagt die Kinderärztin Dr. Sabine Hussack – und will Eltern damit die Sorge nehmen, dass ein außerplanmäßiger Eintrag ins U- Heft direkt massive Konsequenzen haben muss. In den meisten Fällen, so sagt sie, sind die Auffälligkeiten an diesem einen Termin nicht schwerwiegend.

Was, wenn nicht alles in Ordnung ist?

Dennoch: Wenn wir mal keine Notiz à la „alles in Ordnung“ im U-Heft finden, wächst die Besorgnis. Was bedeutet es, wenn das Gewicht nicht im durchschnittlichen Perzentilenbereich (siehe Kasten Seite 27) liegt? Wann müssen wir aktiv werden? Dr. Hussack beruhigt: „Das Gewicht ist immer ein Thema, oft haben Eltern Angst, dass ihr Kind zu leicht oder zu schwer ...

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... ist. Gerade bei leichten Kinder frage ich immer, wie es bei den Eltern war. Denn es gibt auch eine genetische Grundvoraussetzung. Wenn das Kind in den Perzentilen parallel läuft, also z. B. konstant auf der 10 ist, dann ist das okay. Solange das Kind zufrieden ist, gut schläft und die Grundfunktionen zufriedenstellend sind, kann da nicht viel im Argen sein.“

Die U-Untersuchung ist nicht alles

Gleiches gilt für die Größe. Manche Kinder sind von Haus aus eher groß oder klein, weil die Eltern es auch sind. Eine schwerwiegende Erkrankung steckt in aller Regel nicht dahinter. Und wenn, reicht ein Blick in der U-Untersuchung oft gar nicht aus. Meist kennen Kinderarzt und Familie sich aber seit der Geburt der Kleinen. So lässt sich gut einschätzen, wann Handlungsbedarf besteht.

Wieso das Protokoll wichtig ist

Natürlich werden Auffälligkeiten bei der U-Untersuchung protokolliert – dies dient aber auch dazu, den Kindern anschließend Unterstützung geben zu können. Zum Beispiel bei motorischen Entwicklungsverzögerungen durch Physiotherapie, bei sprachlichen Verzögerungen durch Logopädie. Selbst dabei gibt es oft Uneinigkeit, ob nicht zu früh an vermeintlichen Auffälligkeiten „herumoptimiert“ wird, die mit der Zeit von allein verschwinden. Denn während viele Eltern das Lispeln ihrer Kinder vielleicht nervös macht, sagen manche Logopäden, dass vor dem Zahnwechsel eigentlich kein Handlungsbedarf bestünde. Dieses Beispiel soll auch verdeutlichen, dass wenig, was in den U-Untersuchungen auffällig ist, permanenter Natur ist. Oft gibt es bei einer Auffälligkeit einen weiteren Termin ein paar Wochen später, um zu überprüfen, ob sich alles gegeben hat – oder tatsächlich weitere Schritte erforderlich sind.

„Viele Kinder haben das Potenzial aufzuholen“, sagt Dr. Hussack, „Auch wenn sie vielleicht aktuell noch Defizite haben. Ein Klassiker: Das Kind dreht sich zu einer Vorsorgeuntersuchung nicht. Das macht den Eltern brechen. Oft ist es aber so, dass die Familie wenige Tage später bei mir anruft sagt: Jetzt hat es doch geklappt. Eltern machen sich schnell Sorgen, dabei ist es eben ein Meilenstein, der einfach noch nicht dran war.“

Unsere Expertin

Hier helfen Gelassenheit und Vertrauen in den Kinderarzt. „Es gibt viele Kleinigkeiten, die für uns Ärzte wirklich Kleinigkeiten sind, die den Eltern aber trotzdem Sorgen bereiten“, so Hussack. Hilfreich sei, sich bewusst zu machen, dass jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo und seine eigene Dynamik hat, Vergleiche nicht zielführend sind.

Wann ist eine Untersuchung auffällig?

Wann aber wird denn nun ein Kreuz gesetzt, wann ist eine U-Untersuchung auffällig? Die Kinderärztin sagt, sie setze „dann ein Kreuz, wenn es um Kopfzermotorische Entwicklungen geht und da größere Defizite sind. Bei ein, zwei Sachen ist das kein Problem. Wenn ich aber merke, es ist ein globaleres Thema, dann vermerke ich das und beruhige gleichzeitig die Eltern. Denn es kann ja viele Ursachen haben, wieso es motorisch gerade etwas schwieriger ist. Vielleicht ist das Kind gerade mit anderen Sachen beschäftigt, die wir von außen gar nicht sehen können. Man kann ja auch erst mal eine Physiotherapie machen, so als kleinen Anstupser, um dem Kind eine Hilfestellung zu geben.“

Ein weiterer Klassiker ist die sprachliche Entwicklung, wenn Kinder bei der U7 eine bestimmte Anzahl Worte sprechen sollten und da hinterherhängen. „Wenn man dann aber nachfragt, stellt sich oft raus, dass ein Elternteil auch eher spät gesprochen hat. Und heute sprechen sie super. Daran zu erinnern entlastet Eltern auch. Unsere Erfahrung zeigt: Logopädische Probleme sieht man immer erst im Verlauf von ein paar Jahren.“ Manchmal kann auch ein Hörtest hilfreich sein, denn Kinder, die nicht gut hören, haben Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung.

Besser morgens zum Arzt

Keine Panik, ist die Devise. Das gilt übrigens auch, wenn euer Nachwuchs keine Lust auf Kooperation hat. Ihr solltet versuchen, eher vormittags zu einer U-Untersuchung zu gehen, nachmittags sind die meisten Kinder schon zu erschöpft. Und wenn dann nichts geht, sollte der kleine Patient nicht dazu gezwungen werden, jetzt unbedingt mitzumachen. Es wird sich ein neuer Ter-min finden: Erwachsene haben doch auch mal einen schlechten Tag. Da die meisten Kinderärzte ihre Patienten von klein auf kennen, wissen sie laut Dr. Hussack auch: „Es ist immer nur eine Momentaufnahme, wenn die Kinder bei mir sind. Die können sich bei mir komplett anders verhalten als in der Kita. Und über Gespräche mit den Eltern bekomme ich schon relativ viel mit.“

Was sind eigentlich Perzentile?

Eine Perzentile ist eine Art Vergleichsmaß aus der medizinischen Statistik. Kinderärzte nutzen die Kurven für Größe, Gewicht, Kopfumfang und den BMI (siehe U-Heft ganz hinten). Der Perzentilenbereich reicht von der 3.–97. Daran erkennt man schon das große Spektrum an Normalität. Das Maß zeigt, wie sich die Körperwerte im Laufe der Zeit entwickeln. Den Durchschnitt aller Kinder stellt die 50. Perzentile dar. Kinderärzte schauen, wie der Wert des jeweiligen Kindes im Vergleich zu Gleichaltrigen ist. Liegt der Gewichtswert z. B. auf der 10. Perzentile (P10), sind nur 10 Prozent der Gleichaltrigen gleich schwer oder noch leichter, die Mehrheit der Altersgenossen ist schwerer. Für den Kinderarzt ist wichtig, dass sich das Kind im Zeitverlauf möglichst auf „seiner“ Perzentile entlangentwickelt und nicht auf einmal von der 3. auf die 90. springt.

Vertraut auf euer Bauchgefühl

Überhaupt stellt die Kinderärztin fest, dass Eltern viel Bestärkung brauchen, dass sie das mit ihren Kindern schon alles ganz gut machen. „Als Mutter gibt man in der Regel 100 Prozent. Mal sind es gute 100 Prozent und mal schlechte. Aber es sind in der Regel 100 Prozent.“ Das darf jeder von uns für sich selbst anerkennen. Gleichzeitig vermisst die zweifache Mutter manchmal das Bauchgefühl bei uns Eltern. „Man sollte nicht so viel Zeit auf Google und Instagram verbringen. Und auch nicht immer alle Freundinnen und (Schwieger-)Mütter fragen. Wir alle haben ein Bauchgefühl. Und das Bauchgefühl einer Mama ist meist richtig.“

Wenn ihr euch also bei der U-Untersuchung Sorgen macht, dann sprecht das an. Und wenn die Untersuchung nicht läuft wie geplant, dann überlegt gemeinsam mit dem Kinderarzt die nächsten Schritte. Oft ist abwarten und den Kindern Zeit geben der beste Weg. Denn: „Kinder haben Entwicklungspläne in sich“, so die Kinderärztin, „sie entwickeln sich einfach in ihrem eigenen Tempo.“

ANDREA ZSCHOCHER