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Ohne Angebot keine Nachfrage


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g&v Gestalten & Verkaufen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 01.09.2022
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Die Kunden suchen Werkstücke, die sich vom Mainstream abheben ? das gilt ganz allgemein in der Floristik, insbesondere aber in der Gedenktags-Floristik

Es gibt keinen Zweifel: In weiten Teilen Deutschlands spielen die kirchlichen Gedenktage Anfang November für die Floristen keine große Rolle mehr. Allerheiligen, der Totensonntag und auch der Volkstrauertag waren noch vor einer Generation feste Daten, zu denen die Gräber auf den Friedhöfen besonders geschmückt wurden. Durch die radikalen Veränderungen in der Friedhofskultur sind auch die Wurzeln dieser Tradition vielerorts verdorrt. Christlich orientiertes Brauchtum hat an Bedeutung verloren – es ist vielen Menschen schlicht egal.

Doch das ist nicht überall so. In Regionen, die vom katholischen Glauben geprägt sind, spielt Allerheiligen nach wie vor auch für die Floristen eine große Rolle. Insbesondere in ländlichen Gebieten. „Die Umsätze sind nicht rückläufig“, sagt etwa Christine Steinbach, die an einem Friedhof in Karlsruhe ein Blumenfachgeschäft führt. Doch auch sie meint: „Es hat sich ...

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Dazu führen unter anderem die Auswirkungen der Klimaveränderungen. „Früher haben wir zu Allerheiligen in Winterjacken gearbeitet, heute tragen wir so manches Mal T-Shirts“, erläutert sie. Durch warme und auch sonnige Tage im November nehmen viele Kunden Abstand von traditionellen Materialien wie Nadelgehölzen. Deren Gebrauch „verschiebt sich in Richtung Advent“, zunehmend gefragt seien „frische Materialien“. Christine Steinbach nennt insbesondere „Nelken, Rosen und Chrysanthemen“.

Variablere Formgebung

Verändert hat sich auch die Gestaltung der Werkstücke. „Die Formgebung ist variabler geworden, unsere Kunden suchen etwas, das sich von den Nullachtfünfzehn-Produkten aus dem Baumarkt unterscheidet“, stellt Christine Steinbach zunehmend fest. Für solche Werkstücke würde dann auch Geld ausgegeben, die Unternehmerin nennt eine Spanne von 80 bis 100 Euro. „Dabei kommt es nicht auf die Größe an, auch für kleinere Urnen-Werkstücke werden angemessene Preise bezahlt.“ Immer beliebter würden ebenfalls Accessoires, etwa „Herzen aus Stein“.

Die Zunahme der Urnenbestattungen ist sicherlich ein Grund, warum die Floristik zu Gedenktagen ins Abseits geraten ist. Der Blumengroßmarkt (BZG) in Frankfurt am Main reagiert darauf und bietet ein Seminar zur Trauerfloristik speziell für Urnenbestattungen. Ansonsten ist schon in Frankfurt das recht positive Bild von Christine Steinbach eingetrübt. Der Umsatz sei „im besten Falle stagnierend“, meint BZG-Geschäftsführer Michael Schoser. Recht gut gehen würden allerdings „Fertig- oder Halbfertigartikel zu den Totengedenktagen“.

Genau das aber ist ein Dilemma. Allein schon aufgrund der Personalnot sind die Floristen oftmals gezwungen, auf solche Produkte zurückzugreifen. Wenn es sich um Fertigprodukte handelt, begeben sie sich aber auf das gestalterische Niveau der Baumärkte und anderer Anbieter aus dem Systemhandel. Die können natürlich die oft in Osteuropa gefertigten Werkstücke preiswerter anbieten als die Floristen. Warum sollten die Verbraucher, die eh nur einen Pro-forma-Grabschmuck suchen, dann im Fachgeschäft kaufen?

Erwartungshaltung entsprechen

Diese Verbraucherhaltung, Gräber mit irgendetwas zu schmücken, weil es halt „erwartet“ wird, sieht auch Victoria Salomon als eine zunehmende Kaufmotivation. Der Rückgriff auf billige Fertigprodukte sei so manches Mal aber auch „eine Geldfrage“, die Top-Floristin aus Halle/Saale nennt in dem Zusammenhang den Begriff „Altersarmut“.

In den Wochen vor den Gedenktagen würden „auf Wochenmärkten oder einfach am Straßenrand“ Stände mit entsprechenden Gestecken auftauchen. Was zumindest zeigt, dass die Tradition nicht gänzlich verschwunden ist. In ihrem eigenen Fachgeschäft bietet Victoria Salomon so etwas nicht an, „wir machen unsere eigenen Sachen“. Sie hat auch schon einmal eine Ausstellung zum Thema organisiert – doch ohne nachhaltigen Erfolg. Nicht Allerheiligen wie in katholisch geprägten Gebieten, sondern der Totensonntag ist in ihrer Region der eigentliche Anlass. „Zum Totensonntag müssen die Gräber fertig sein. Und sei es nur, weil sich die Menschen verpflichtet fühlen.“

Vom Süden über den Osten in den hohen Norden, nach Husum in Schleswig-Holstein. Obwohl ein Friedhof gleich nebenan liegt, hat Inga Kluth im vergangenen Jahr „vielleicht 20 Werkstücke“ verkauft. Früher sei die Nachfrage deutlich höher gewesen, doch „seit sieben, acht Jahren ist das Interesse stetig gesunken“. Inga Kluth führt die Entwicklung auf die Zunahme „der Billigware aus Polen“ zurück. „Durch die immer geringere Wertschätzung der gesamten Friedhofskultur sind die Leute nicht bereit, etwas mehr Geld auszugeben“, ist die Fachgeschäftsinhaberin überzeugt.

Regionale Unterschiede

Rückläufige Umsätze in diesem Segment beobachtet auch „seit vielen Jahren“ Klaus Bengtsson vom Blumengroßmarkt Hamburg. Halbfertigprodukte würden hingegen weiterhin gekauft, was er schlicht auf den immer „stärker werdenden Personalmangel“ zurückführt. „Kleine Geschäfte, in denen nur die Inhaberin und vielleicht noch eine Teilzeitkraft arbeiten, können viele Bereiche einfach nicht abdecken.“ Darin sieht er auch begründet, dass seit einigen Jahren immer mehr farblich gemischte Bunde angeboten werden. „Die kleinen Geschäfte müssen keine größeren Mengen kaufen und können so doch auf ein breites Farbspektrum zurückgreifen.“

Die kleine Umfrage zeigt, dass die schon länger vorhandene regionale Unterschiedlichkeit bei der Bedeutung der Gedenktags-Floristik weiter zunimmt. Ebenfalls sinkt (zumindest in vielen Regionen) die allgemeine Wertschätzung der Kultur rund um die Verstorbenen. Man mag das bedauern – doch es ist halt so, dass sich kulturelle Bedeutungen ständig verändern. Unternehmen lässt sich dagegen wenig, denn wie der Volksmund sagt: Die Zeiten ändern sich, damit auch die Gebräuche.

Doch ebenso wahr ist: Es entsteht auch immer etwas Neues, nicht selten basierend auf längst vergessen geglaubten Traditionen. So hat im vergangenen Jahr der Karlsruher BGM-Geschäftsführer Felix Glück wie einst Miraculix (der Druide aus dem Comic Asterix und Obelix) in größerem Umfang Misteln geschnitten – alle wurden zügig verkauft. Mistelzweige stehen unter anderem für die Weihnachtszeit, im Mittelalter hingen sie über den Türen, mit den weißen Früchten eignen sie sich gut für Grabschmuck. Doch Felix Glück hat sicher recht, wenn er sagt: „Wenn es kein Angebot gibt, dann kann sich auch nur schlecht eine Nachfrage entwickeln.“