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Ohne Insekten geht nichts!


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 29.07.2019

Der Bestand vieler Insektenarten ist weltweit in alarmierender Weise gesunken. Was bedeutet das für das Leben auf der Erde?


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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2019

Sune Boye Riis radelte mit seinem jüngsten Sohn durch die Felder und Wälder in der Nähe ihrer Wohnung nördlich von Kopenhagen, als ihm auffiel, dass etwas fehlte. Es war Sommer, er war im Grünen und fuhr schnell, trotzdem bekam er keine Insekten in den Mund.

Riis fühlte sich in seine Kindheit auf der dänischen Insel Lolland versetzt. Wenn man im Sommer mit dem Rad unterwegs war, fuhr man durch Insektenwolken. Es war unvermeidlich, dass man dabei auch welche verschluckte. Wenn er mit ...

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... seinen Eltern im Auto mitfuhr, war die Windschutzscheibe immer mit toten Insekten verschmiert. Aber Riis konnte sich nicht daran erinnern, wann er selbst das letzte Mal Insekten von seiner Scheibe kratzen musste.

Ich traf den schlaksigen Gymnasiallehrer für Naturwissenschaften und Mathematik an einem heißen Tag im Juni 2018. Er holte ein Insektennetz aus der Garage und befestigte es auf dem Dach seines Autos. Das Netz wurde vorn von einer Zeltstange hochgehalten, verjüngte sich nach hinten und endete in einem abnehmbaren Beutel. „Das ist nicht 100 Prozent legal”, sagte Riis, „aber es dient der Wissenschaft.”

Insekten sind lebensnotwendige Bestäuber in Ökosystemen und unverzichtbare Glieder der Nahrungskette. Riis war nicht der Einzige, der ihr Verschwinden bemerkt hatte. In den USA haben Wissenschaftler beobachtet, dass sich die Population des Monarchfalters in den letzten 20 Jahren um 90 Prozent reduziert hat. In der gleichen Zeit nahm der Bestand der HummelBombus affinis um 87 Prozent ab.

Bei anderen, weniger gut untersuchten Insektenarten, so erzählte mir ein Schmetterlingsforscher, „können wir nur spekulieren und sagen: ‚Sie sind einfach nicht mehr da!’” Inzwischen gibt es dafür einen eigenen Begriff: WindschutzscheibenPhänomen.

Um zu überprüfen, was zuerst nur eine Vermutung war, fuhren Riis und 199 andere Dänen mit ihren Fahrzeugen kleinere Straßen entlang. Das war Teil einer Studie des Staatlichen Naturkundemuseums Dänemarks, die gemeinsam von der Universität Kopenhagen, der Universität Aarhus und der North Carolina State University, USA, durchgeführt wurde.

Als die Forscher 2017 mit der Planung der Studie begannen, waren sie nicht sicher, ob jemand teilnehmen würde. Aber inzwischen hatte eine Studie der Deutschen Entomologischen Gesellschaft über das Insekten sterben Aufsehen erregt. Sie zeigte, dass – gemessen am Gewicht – die Menge der fliegenden Insekten in deutschen Natur schutzgebieten innerhalb von 27 Jahren um 76 Prozent abgenommen hatte. Weltweit wurde in Schlagzeilen vor einem „InsektenArmageddon” gewarnt.

Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Insektenstudie musste das staatliche Naturkundemuseum in Kopenhagen Dutzende freiwilliger Helfer abweisen. Menschen wie Riis, die eine Veränderung bemerkt hatten, schien es überall zu geben.*

Insekten zeigen uns, wie wenig wir darüber wissen, was in der Welt um uns herum passiert. Wir haben zwar eine große Zahl von Fransenflüglern, Ofenfischchen, Ameisenlöwen, Schaumzikaden und andere Insektenfamilien mit Namen versehen und beschrieben. Aber selbst diejenigen, die wir gut zu kennen glauben, kennen wir nicht wirklich. Es gibt 12 000 Ameisen, mehr als 20 000 Bienenund fast 400 000 verschiedene Käfer arten. Entomologen (Insektenforscher) schätzen, dass die Wissenschaft Millionen von Arten noch gar nicht kennt.

Als Forscher begannen, das Insektensterben zu untersuchen, beklagten sie, dass verlässliche Informationen aus der Vergangenheit fehlten. „Wir sehen 100 Exemplare einer Art und denken, das ist in Ordnung”, erklärt David Wagner von der University of Connecticut, USA. „Aber wenn es zwei Generationen zuvor noch 100 000 waren?”

Rob Dunn, Ökologe an der North Carolina State University in den USA, suchte kürzlich nach Studien, die die Auswirkung von Pestiziden auf die Anzahl der Insekten in den angrenzenden Wäldern aufzeigen. Er fand keine einzige. „Wir haben wirklich grundlegende Fragen bisher einfach ignoriert”, sagt er.

Der stetige Rückgang von gut untersuchten Insekten – wie zum Beispiel verschiedene Bienenarten Motten, Schmetterlinge und Käfer – wurde jedoch umfassend dokumentiert. Danach nimmt der Bestand von 30 bis 60 Prozent dieser Arten in Großbritannien ab. Ein Bericht von 2014 in der ZeitschriftScience führte die Ergebnisse vorhandener Studien zusammen und zeigte, dass die Zahlen der meisten Arten im Durchschnitt um 45 Prozent zurückgingen.

Forscher fanden heraus, dass Fische weniger Eintagsfliegen zu essen hatten. Ornithologen stellten immer wieder fest, dass Vögel, die auf Insekten angewiesen sind, in Gefahr sind: Acht von zehn Rebhühnern sind von den französischen Feldern verschwunden. Die Zahl der Nachtigallen und der Tauben ist um 90 beziehungsweise 80 Prozent gesunken.

WELTWEIT WIRD IN SCHLAGZEILEN VOR EINEM „INSEKTEN-ARMAGEDDON” GEWARNT

Auch wenn die Zeichen alarmierend waren, reichten sie nicht aus, um Erklärungen über den Zustand aller Insektenarten abzugeben. Dann kam die deutsche Studie. Sie veröffentlichte genau die Langzeitdaten, nach denen die Wissenschaftler gesucht hatten. Und sie bezogen sich nicht nur auf eine Art. Die Zahlen zeigten eine massive Verarmung des gesamten Insektenbestands.

Die Studie erschien nicht in einer renommierten Fachzeitschrift und stammte auch nicht aus einer Fachabteilung einer Universität, sondern vom Entomologischen Verein Krefeld. Ihm gehören sowohl erfahrene Wissenschaftler als auch engagierte Hobbyforscher an.

In Krefeld gibt es Backsteinhäuser, Blumengärten und einen Stadtwald. Nahe dem Zentrum befindet sich der Hauptsitz des Vereins, dessen Forschung für so viel Wirbel gesorgt hat. Der 1905 gegründete Verein nutzt knapp 560 Quadratmeter eines dreistöckigen ehemaligen Schulhauses als Lager. In einem der ehemaligen Klassenzimmer befinden sich Holzrahmen, in denen Schmetterlinge und Motten befestigt sind. Und in einem noch größeren Raum lagern zahlreiche Hummeln, die zwischen 1880 und 1930 gesammelt wurden.

„Wir bewahren alles auf”, sagt Vereinsmitglied Martin Sorg. „Das gibt uns heute die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu schauen.”

Der Krefelder Verein hat 60 ehrenamtliche Mitglieder, von denen ein Drittel erfahrene Entomologen sind, ein Drittel Akademiker mit Universitätsabschlüssen in verwandten Fachgebieten und der Rest meist jüngere Mitglieder, die von den Erfahrenen geschult werden. Der Verein hat ein enormes Wissen über Insekten, das über die Jahre mit akribischer Sorgfalt aufgebaut wurde.

Bei ihren Projekten haben die Vereinsmitglieder häufig sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt. Das sind Netze, die vorbeifliegende Insekten in Gefäße lenken, die mit Ethanol gefüllt sind. 2013 bestätigten die Krefelder, dass die Gesamtzahl der in einem Naturschutzgebiet gefangenen Insekten um fast 80 Prozent niedriger war als 1989 an der gleichen Stelle. Sie fanden einen ähnlichen Rückgang auch an anderen Orten.

Forscher an der Radboud Universität im niederländischen Nimwegen erstellten aus den Krefelder Daten eine Trend analyse. Die Studie stellte in 63 Landschaftsschutzgebieten einen gleichartigen Rückgang fest. „Die Gesamtheit der Flug insekten (…) wurde in den letzten Jahrzehnten dezimiert”, schreiben die Autoren.

BILLIONEN VON INSEKTEN BESTÄUBEN UNGEFÄHR DREI VIERTEL UNSERER NAHRUNGSPFLANZEN

Wissenschaftler haben versucht, den wirtschaftlichen Nutzen von Insekten zu berechnen. Billionen von Insekten bestäuben ungefähr drei Viertel unserer Nahrungspflanzen. Eine Leistung, die einem Wert von 440 Milliarden Euro pro Jahr entspricht. Da sie Pflanzen fressen und selbst von Vögeln und Süßwasserfischen gefressen werden, sind sie wichtige Glieder der Nahrungskette.

Insekten sind darüber hinaus unverzichtbar für den Abbauprozess, der den Nährstoffkreislauf aufrechterhält. Larven ernähren sich von dem Dung, in dem sie abgelegt werden, und sorgen so dafür, dass die Tierexkremente verwertet werden. Nachdem um 1800 Siedler die Viehzucht in Australien eingeführt hatten, stellten sie fest, dass Kuhfladen Monate, ja sogar Jahre brauchten, um zu verrotten.

Erst 1951 fand ein Entomologe die Ursache dafür: Die heimischen Insekten kamen mit den riesigen Mengen an Kuh-Exkrementen nicht klar. Sie waren gewohnt, die kleineren, faserigen Überreste der Beuteltiere 0t.

Wenn Wissenschaftler gefragt werden, was passiert, wenn die Insekten komplett verschwinden, verwenden sie Worte wie Chaos, Kollaps oder Weltuntergang. Der US-amerikanische Biologe E. O. Wilson hat über eine insektenfreie Welt geschrieben, in der die meisten Pflanzen und Landtiere aussterben und in der „die menschliche Spezies überlebt, weil sie auf windbestäubtes Getreide und Hochseefischerei zurückgreifen kann”, trotz Hungerkatastrophen und Kampf um Ressourcen. „Die Überlebenden werden um die Rückkehr von Unkraut und Insekten beten”, fügt er hinzu.

Aber selbst wenn die Insekten nicht ganz verschwinden, werden wir sie vermissen. In den frühen 2010er-Jahren kehrte der Tropenökologe Brad Lister nach Puerto Rico in den Luquillo-Regenwald zurück, wo er 40 Jahre zuvor Eidechsen und ihre Beute untersucht hatte.

Lister sammelte an den gleichen Stellen wie in den 19er-Jahren Insekten, aber dieses Mal fingen er und sein Kollege Andres Garcia zehn- bis 60-mal weniger Biomasse aus Arthropoden (Gliederfüßern) als zuvor. Wo er einst 473 Milligramm Insekten gefangen hatte, fing Lister nun lediglich acht Milligramm.

Erschreckend ist, wie sich diese Verluste auf das gesamte Ökosystem auswirken, mit einem gravierenden Rückgang der Anzahl der Eidechsen, Frösche und möglicherweise Vögel. Nachdem die Studie veröffentlicht wurde, erhielt Lister zahlreiche Nachrichten von anderen Wissenschaftlern. Die meisten von ihnen erforschten Invertebraten (wirbellose Tiere) und teilten ihm mit, dass sie einen ähnlich erschreckenden Rückgang festgestellt hatten.

Chris Thomas, Insekten-Ökologe an der University of York, sagt, Insekten reagieren wie andere Lebewesen auch auf „die Veränderung der Umwelt”. Damit ist nicht nur der Klimawandel gemeint, sondern auch die Umwandlung von natürlichem in vom Menschen genutzten Raum. Manche Insektenarten werden in einer neuen Umgebung zurechtkommen. Über alle Arten hinweg betrachtet sinkt die Zahl.

NACHDEM DIE KREFELDER Studie veröffentlicht worden war, begannen Forscher nach weiteren Informationsquellen zu suchen, die einen Blick in die Vergangenheit ermöglichen. Roel van Klink vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitäts forschung in Leipzig berichtet beispielsweise, dass er nach Langzeit-Beobachtungsstudien gesucht hat, mit deren Hilfe er sich ein besseres Bild davon machen kann, was geschieht.

Viele dieser Studien hatten ursprünglich landwirtschaftliche Schädlinge wie etwa Heuschrecken im US-Bundesstaat Kansas untersucht. Van Klink trug Daten von mehr als 1600 Orten zusammen und wertet sie nun aus. Dave Goulson, Entomologe an der University of Sussex, Großbritannien, erklärt, dass viele Hinweise zum Insektensterben wohl nur eingegangen sind, weil es in Europa traditionell viele Hobby-Naturforscher gibt.

Thomas glaubt, dass diese Tradition auch der Grund dafür ist, dass das Thema Insektensterben in Euro pa schnell angegangen wird. Nachdem die Krefelder Daten bekannt wurden, gab es Anhörungen zum Schutz der Insekten-Vielfalt im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament. Die Mitgliedsstaaten der EU stimmten dafür, ein Verbot von neonicotinoiden Pestiziden zu verlängern und finanzieren weitere Studien darüber, wie der Artenreichtum sich verändert und was man tun kann, um die Tiere zu schützen.

ERSCHRECKEND IST, WIE SICH DIE VERLUSTE AUF DAS GESAMTE ÖKOSYSTEM AUSWIRKEN

Die EU hat auch Maßnahmen umgesetzt, um Bestäubern zu helfen. So werden beispielsweise Bauern dafür bezahlt, Insekten-Biotope zu schaffen, indem sie Felder brachliegen lassen und Sträucher am Ackerrand nicht entfernen. Aber die Zahl der Insekten sinkt trotzdem weiter.

Neue Berichte fordern nationale Regierungen zur Zusammenarbeit auf. So sollen zum Beispiel Insekten- Biotope beim Bau von Straßen, Stromleitungen und anderen Infrastrukturmaßnahmen integriert werden. Die notwendigen Veränderungen könnten, genauso wie die Ursachen, gravierend sein.

„Diese Debatte müssen wir dringend führen”, sagt Goulson. „Wenn wir die Insekten verlieren, wird das Leben auf der Erde …” Den Satz beendete er lieber nicht.

IN DÄNEMARK KAM Sune Boye Riis mit dem Netz auf dem Autodach an Wäldern, Rasenflächen, Hecken, einer Weihnachtsbaumschule und einem riesigen Militärgelände vorbei, auf dem hohes Gras wuchs.

Der Hobbyforscher hatte die Anweisung erhalten, nicht zu schnell zu fahren, sodass der Verkehr sich hinter ihm staute und Ungeduldige zu hupen begannen. Nach fünf Kilometern wendete er und fuhr zurück. Am Ende seines Streckenabschnitts hielt Riis an, montierte das Netz ab und entfernte den kleinen Beutel. Er blickte in das Netz, in dem er einige schwarze Flecken erkennen konnte.

Dann sah er auch einen einzelnen zarten Schmetterling mit weißen Flügeln. Riis dachte an eine Wette, die er mit Freunden eingegangen war, die ebenfalls an der Untersuchung teilnahmen: Wer würde das größte Insekt fangen? Die Bedeutung von Größe hatten sie nicht definiert. Er dachte darüber nach, woran man diese messen könnte. Was machte den Wert eines Lebewesens aus?

„Ist es das Gewicht?”, fragte er sich und betrachtete den Schmetterling. In dem großen Beutel schaute dieser klein, traurig und einsam aus. „Oder ist es Anmut?”


FOTOS: © SHUTTERSTOCK, FOTOMONTAGE: MARILEE LAMARQUE