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Ohrenschmaus


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LinuxUser - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 18.08.2022

Audio-Workshop

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Bildquelle: LinuxUser, Ausgabe 9/2022

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Unter Linux haben Sie mit Ardour, Audacity, Xjadeo und Kdenlive alles an Software zur Verfügung, was Sie für das professionelle Vertonen von Videos und die Produktion von Hörspielen benötigen. Ein Profi gibt in diesem Artikel Tipps für die passende Hardware und deren Einsatz.

Wer selbst Videos oder Hörbücher produziert, hat Dutzende Möglichkeiten, sie zu veröffentlichen: Youtube ist die bekannteste, Librivox bieten ein Riesenarchiv frei lizenzierter Klassiker zum Anhören, selbst geschriebene Bücher lassen sich vertont auf Dutzenden Portalen verbreiten . Bleibt die Frage, wie man all die tollen Ideen für solche Produktionen in die Praxis umsetzt.

Die Frage nach dem Wie lässt sich inzwischen auf viele unterschiedliche gültige Weisen beantworten. Es gibt viele geeignete Softwarepakete mit unterschiedlichen Konzepten. Aber geht das auch mit Linux? Selbstverständlich geht das, und ...

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... zwar ausschließlich mit freier Software und in erstklassiger Qualität. Wir zeigen Ihnen hier einige Methoden, die sich beim Autor seit langen Jahren gut bewähren.

Weiche Werkzeuge

Da es um Hörbücher und Soundtracks gehen soll, stehen Audioprogramme im Mittelpunkt. Der an sich sehr empfehlenswerte Videoeditor Kdenlive bietet zwar Audiospuren, die sich bearbeiten lassen, und einen Audiomixer, aber Spezialsoftware für Audiozwecke hat nun mal mehr zu bieten.

Freilich muss man beim Erarbeiten eines Soundtracks das Video synchron sehen können. Dafür gibt es den Videoplayer Xjadeo , der sich vorbildlich in die freie Musikproduktionssuite Ardour integriert. Ardour selbst deckt fast alles ab, was wir für unsere Zwecke benötigen, kann aber eines prinzipbedingt (noch) nicht: Es fehlt die Möglichkeit zum Unterdrücken von Störgeräuschen mit Algorithmen, die nicht in Echtzeit arbeiten.

Solche Algorithmen funktionieren am besten, wenn sie eine ganze Audiodatei akribisch analysieren können und dann nach und nach unerwünschte Klangmuster auslöschen. Ardour arbeitet jedoch konsequent in Echtzeit. Seine Effekte bearbeiten den gerade laufenden Sekundenbruchteil einer Aufnahme, fügen etwas hinzu oder dämpfen etwas, das gerade läuft.

Effekte auf eine Aufnahme als Ganzes anzuwenden ist die Domäne von Audacity .Es gab in letzter Zeit – nicht ganz unbegründet – Zweifel an der Zugehörigkeit des Projekts zur Gemeinschaft der freien Software. Nach wie vor steht Audacity aber unter einer freien Lizenz und funktioniert unter jeder Distribution bestens. Zudem löst es ganz hervorragend die schwierige Aufgabe, Störgeräusche zu entfernen, ohne das gewünschte Signal zu beschädigen 1.

Mit Ardour und Audacity plus dem Fundus der freien Effekt-Plugins für Linux ist alles an Bord, was man für den Sound benötigt. Kdenlive deckt komplementär den Bereich Videobearbeitung inklusive Reimport eines in Ardour arrangierten Soundtracks ab. Letzteres gilt für Stereo-Soundtracks, wie sie auf Youtube und Vimeo üblich sind.

Wer Surround-Sound hören möchte, der muss zumindest für echte Dolby- oder 5.1-Soundtracks zusätzliche, teils proprietäre Tools bemühen. Die von solchen Werkzeugen verlangten speziellen Mono-WAVE-Files lassen sich aber mit Ardour ohne Weiteres erzeugen. Wer über die dazu notwendige Mehrkanalhardware verfügt, kann sie auch aus Ardour heraus mit den einzelnen Kanälen beschicken und so das gewünschte 3D-Audio mixen und ausbalancieren2 2. Die umfassenden Automatisierungsfähigkeiten von Ardour erlauben zudem Bewegungen von Sounds im 3D-Raum, wie man sie aus den„All-around-you“-Spots aus dem Kino kennt.

Für Ardour haben wir einen aktuellen Installer von Ardour.org heruntergeladen, alles andere findet sich in den Paketquellen jeder gängigen Distribution. Falls Sie auch Ardour lieber schnell aus dem Paketfundus installieren, brauchen Sie keine bedeutenden Abstriche hinzunehmen. Funktional beherrscht Ardour alles, was im Folgenden gezeigt wird, schon seit Jahren. Als Testsysteme dienten ein Tuxedo-PC und ein Lenovo-Ideapad-Laptop, beide unter Ubuntu Studio 20.04.

Harte Ware

Die Software steht also bereit, doch womit nehmen wir auf und womit spielen wir es ab? Wir haben verschiedene Kombinationen von Geräten benutzt, um möglichst nahe an das zu kommen, was Soundenthusiasten ohne kommerzielles Budget normalerweise an den Start bringen können.

Der bereits früher in LinuxUser beschriebene Tuxedo PC mit DAW-Erweiterung verwendet einen Notepad-12FX- Mixer von Soundcraft als Audio-Interface. Das Gerät bietet vier eigenständige Kanäle via USB, und es lassen sich sowohl Mikrofone als auch Gitarren direkt anschließen 3. Der Soundcraft-Mixer wird nach USB-Spezifikation beim Anschließen automatisch als Sound-Interface erkannt und eingebunden. Seine Gain-Regler stellen faktisch Hardwareregler für die Eingänge dar. Die Ausgänge werden sowieso am Mixer geregelt, sodass man für das Gerät nicht unbedingt den Alsamixer bemühen muss. Der Notepad-12FX fällt nicht unbedingt in die Highend-Riege, ist aber solide und klanglich schön neutral. Für etwas unter 200 Euro Straßenpreis gibt es ihn bei allen üblichen Händlern.

Die Mikrofone im Detail

Das Neom 4 ist ein klassisches Elektret- Kondensatormikrofon. Bei dieser Bauweise vibriert eine sehr dünne, leichte Membran mit der aufgenommenen Schallquelle. Das ermöglicht eine besonders exakte Darstellung auch feinster Nuancen und brillanter Höhen. Solche Geräte kosten um die 200 Euro, das Neom ist für genau diesen Preis zu haben. Es steckt nur eine Membrankapsel in dem sehr soliden Aludruckgussgehäuse, sodass man die Charakteristik nicht umschalten kann. Das Neom bietet nur die am häufigsten verwendete Nierencharakteristik, bei der man das beste Ergebnis direkt vor dem Mikro erzielt. Der Soundchip im Neom ist ein Modell gehobener Qualität von NXP. Der generische USB-Treiber von Alsa erkennt das Mikro sofort, Jack läuft darauf mit ordentlichen 5 Millisekunden Latenz stabil und ohne Aussetzer. Regler oder Schalter für Alsamixer bringt das Neom nicht mit. Es lässt sich vollständig an seinen bequem und solide gestalteten Reglern am Gehäuse einstellen. Die Umrandung des Logos am Gehäuse leuchtet bei Signaleingang grün und schaltet bei Übersteuerung empfindlich genau auf Rot.

Beim Dynacaster 5 handelt es sich, wie der Name nahelegt, um ein dynamisches Tauchspulenmikrofon. Dabei vibriert eine Spule in einem Magnetfeld und erzeugt so ein elektronisches Signal aus dem aufgenommenen Schall. Die Konstruktion ist deutlich unempfindlicher gegen laute Klänge als filigrane Kondensatorkapseln, aber auch weniger empfindlich für Feinheiten und leise Höhen in Schallwellen. Das Dynacaster holt alles heraus, was mit einem dynamischen Mikrofon dennoch machbar ist. Es erlaubt, die Empfindlichkeit mit einem eingebauten Vorverstärker um beeindruckende 30 db Signalstärke zu erhöhen. Damit wäre es eine Art nachgeahmtes Kondensatormikrofon, wenn sich der Vorverstärker nicht abschalten ließe. Im Boden des Gehäuses finden Sie dazu einen versenkten Schalter. Dort befinden sich außerdem Schalter, die nach Bedarf Filter für Bass und Höhen aktivieren und damit den Allrounder komplett machen. Das Mikrofon ist fest mit einem speziellen Stativadapter verbunden, der auch die Montage an professionellen Videokameras erlaubt. Da das Dynacaster kein eigenes Digital-Interface besitzt, müssen Sie es mit einem XLR-Kabel an den Mikrofoneingang eines USB-Geräts anschließen. Dass XLR-Kabel deutlich länger und robuster als USB-Leitungen sein können, verwandelt dieses vermeintliche Defizit in vielen Situationen in einen Vorteil.

Beide Mikros sind konstruktionsbedingt reine Mono-Geräte. Das Neom liefert allerdings ebenso wie andere USB-Interfaces auch zwei Kanäle. Der Ausgang des NXP-Chips gibt ganz normales Stereo wieder, die beiden Eingänge aber jeweils ein völlig identisches Signal von der Kapsel des Mikrofons. Sie können durchaus beide Signale auf eine Stereospur legen, erhalten dann aber trotzdem kein Stereosignal, sondern schlicht zwei identische Kanäle rechts und links.

Für Soundtracks benötigt man zwangsläufig Mikrofone, zumindest eines – und das in der Webcam eingebaute Exemplar möchten wir hier lieber nicht empfehlen. Im Mixer sind vier sehr brauchbare Kanalzüge für klassische Mikrofone verbaut. Der US-Hersteller sE Electronics hat uns freundlicherweise zwei seiner Klangfänger für diesen Artikel zur Verfügung gestellt (siehe Kasten Die Mikrofone im Detail).

Beim dynamischen Dynacaster handelt es sich um ein klassisches Mikrofon, das sich über ein analoges XLR-Kabel an einem der Mixer-Kanalzüge mit eingebautem Vorverstärker verwenden lässt. Das Kondensatormikrofon Neom mit USB-Interface haben wir vor allem am Laptop verwendet.

Beide Mikros eignen sich sowohl für Sprache als auch für Gesang, Musikinstrumente und Geräusche. Sie haben aber beide spezifische Stärken und Schwächen. Das Neom liefert besonders wohlklingende Sprache, ist aber etwas überempfindlich für laute Klänge. Die beherrscht das Dynacaster souverän, doch es lässt sich nicht ganz so einfach anwenden wie das Neom, und seine Sprachaufnahmen fallen weniger brillant aus.

Geräuschreduktion mit Audacity

Audacity benutzt ein kurzes Sample, das nur den unerwünschten Teil der Aufnahme enthält, um den ganzen Track nach dem Muster des Geräuschs zu durchsuchen und es nach und nach zu eliminieren. Dazu nehmen Sie zuerst das Noise Sample selbst auf. Nachdem Sie das Rauschen markiert haben, rufen Sie Effekte | Rausch-Verminderung auf und klicken auf Rauschprofil ermitteln 7. Audacity merkt sich das Profil in einer Art Clipboard. Schließen Sie nun den Effekt, markieren die ganze Aufnahme und rufen den Effekt erneut auf, nutzt Audacity das gerade aufgenommene Profil dazu, die Aufnahme zu säubern.

Vorbereitungen

Es empfiehlt sich, die eigenen Geräte so einzurichten, dass sie innerhalb einer Minute nach dem Einschalten des Rechners zur Aufnahme bereitstehen. Mit der in unserem Test verwendeten Hardware schafft Ubuntu Studio das sogar in 40 Sekunden, weil es wie jedes vernünftige Linux-System die Formel„set it and forget it“ unterstützt. Ist die Konfiguration des Audioservers Jack, seiner MIDI-Bridge und des Pulseaudio-Sinks in Ubuntu Studio Controls einmal eingerichtet, funktioniert das Ganze problemlos.

Das gelingt sowohl mit dem Soundcraft als USB-Master-Device als auch mit dem Neom auf dem Laptop. Da Jack die USB-Anschlüsse von Soundkarten abstrahiert, stehen sie in Form durchnummerierter Ports bereit. So kann man jederzeit ein Ardour-Projekt, das man auf einem Rechner mit beliebigem Interface erstellt hat, auf einen Computer mit anderer Audiohardware übertragen, ohne viel anpassen zu müssen. Geht es dabei um mehr als Stereo, muss das neue Interface freilich die Zahl der verwendeten Ausgangskanäle anbieten.

Nachdem Linux die Einrichtung des Rechners automatisch und getreulich stets wiederherstellt, stellt sich noch die Frage nach der Einrichtung der Mikrofone. Das Neom fällt sofort durch seine minimalistische Präzision auf: Es nimmt einfach alles, was zu hören ist, so präzise wie möglich auf. Als bei ersten Tests dabei ein unschönes Brummen und Grundrauschen auffiel, stellte sich die Frage, ob mit dem Vorverstärker oder dem Kabel etwas nicht stimmt. Diese Vermutung stellte sich jedoch als falsch heraus: Das Brummen stammte vom Lüfter des Tuxedo-PCs, und beim Rauschen handelte es sich primär um die leisen Hintergrundgeräusche in der Wohnung, die das penible Neom schonungslos genau mitschnitt.

Gerade kostengünstige Mikrofone etwa für VoIP filtern so etwas mit einem eingebauten Noise Gate von meist eher mittelmäßiger Qualität aus, Discord setzt einen solchen Filter immerhin einstellbar in Software um. Der Mikro-Hersteller sE Electronics verzichtet aber auf dergleichen Schnickschnack und liefert einfach das unverfälschte, rohe Resultat der Aufnahme.

Es wäre kein Problem, ein Gate-Plugin zu verwenden, das das leise Brummen ausfiltert und erst beim Einsetzen des Sprachsignals wieder aufdreht. Aber warum ein Problem künstlich nachbessern, wenn man es vielleicht auch an der Wurzel ausschalten kann? Schallwellen sind physikalische Phänomene, die sich von weichen Materialien aufhalten lassen, die durch ein ausreichendes Eigengewicht die Schallenergie verbrauchen.

Professionelle Studios verfügen über eine Schalldämmung, deren Kosten leicht den Kaufpreis der Gerätschaften übersteigen. Als Ersatz für zu Hause bieten sich ein paar Decken und ein großer Karton an. Die zwei Decken in Abbildung 6 wiegen zusammen etwa 6 Kilogramm, die Polster im Karton sollen vor allem unerwünschte Reflexionen vermeiden. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Was das Neom jetzt noch an Grundrauschen wahrnimmt, kann man mit einem subtilen und damit unproblematischen Noise Gate weiter reduzieren oder – noch besser – mit der Noise Reduction von Audacity eliminieren (siehe Kasten Geräuschreduktion mit Audacity).

Da das Dynacaster auch für Außenaufnahmen und Musikinstrumente verwendet werden soll, kann man es nicht auf diese Weise vor unerwünschten Nebengeräuschen abschirmen. Es wurde aber auch nicht ausschließlich für perfekte Sprachaufnahmen entwickelt, sondern bietet als Universalmikrofon diverse Einstellungsmöglichkeiten.

Achtung, Aufnahme!

Bei Hörspielen und Soundtracks kommt es vor allen Dingen auf menschliche Stimmen an. Dabei sind Kompromisse gefährlich: Wir alle wissen, wie eine Stimme richtig klingen sollte, und spüren genau, wenn etwas nicht stimmt. Freilich kann der Klang auch ein künstlerisches Statement sein. Dennoch gibt es einen großen Unterschied zwischen absichtlichem Lo-Fi als Stilmittel und mangelhaftem Hi-Fi als Zeichen von fehlender Sorgfalt. Können Sie ein so brauchbares Mikrofon wie das Neom verwenden, sollten Sie zunächst versuchen, im konservativen Sinn besonders gut klingende Aufnahmen hinzuzubekommen. Erst, wenn Sie das schaffen, können Sie Kellersound und Telefonstimme wirklich bewusst künstlerisch einsetzen.

Durch viele Testaufnahmen finden Sie den richtigen Abstand und Winkel zum Mikrofon. Setzen Sie Effekte zur Nachbesserung erst dann ein, wenn Sie damit wirklich nicht weiterkommen. Verwenden Sie dabei die Texte, die Sie wirklich im Stück einsetzen möchten. Nur absolute Vollprofis können sinnlose Sprechspielereien genauso ausdrucksstark vortragen wie Texte mit echten Inhalten. Bedenken Sie bei der Auswahl der Testtexte auch, welche Abschnitte welche Wirkung transportieren sollen. Eine erzählende Passage zur Einleitung muss anders gesprochen werden als ein dramatischer Höhepunkt. Ein gutes Mikrofon zeichnet dabei alle Feinheiten auf, offenbart aber gnadenlos auch alle Ausreißer.

Gehen Sie davon aus, dass Sie mehrere Anläufe brauchen und immer wieder bestimmte Stellen proben müssen, bis die Tonspur in Ardour ein wirklich optimales Ergebnis enthält. Dabei brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, ob nicht der zweite Take doch schon ganz gut war, aber jetzt verloren ist, weil Sie schon den fünften an derselben Stelle aufgenommen haben. In der Voreinstellung überspielt Ardour alte Clips nicht durch neue. Die vorigen Aufnahmen werden nur verdeckt und lassen sich jederzeit wiederherstellen. Um dabei mehr Ordnung ins Material zu bekommen, lassen sich Playlisten für Spuren anlegen, aus denen Sie später leicht eine ältere Aufnahme wieder nach vorn holen 8.

Besonders bei journalistischen Features werden Sie auch Material importieren, das mit zweitklassiger Technik und unter ungünstigen Bedingungen aufgenommen wurde. Laden Sie das Material schon am Anfang in das Ardour-Projekt und lassen Sie Ihr Gehör entscheiden, wie es am besten zum Sound Ihrer unter Idealbedingungen aufgenommenen Stimmen passt. Hunderte Plugins helfen Ihnen dabei, die importierten Signale und die Aufnahmen aufeinander anzupassen 9.

Musik und Geräusche bilden ein Sondergebiet. Hier gilt noch mehr als bei den Stimmen: Erlaubt ist, was gefällt. Das hat keineswegs mit Beliebigkeit zu tun. Gerade Geräusche müssen nicht schön klingen, wohl aber einen Sinn ergeben. Ardour unterstützt Sie beim Erarbeiten eines sinnvollen Gesamteindrucks mit diversen Plugin-Effekten und vor allem mit seiner umfassenden Fähigkeit, Parameter zu automatisieren. Auch dabei sollten Sie davon ausgehen, dass alles im Fluss ist. Was heute perfekt klingt, kann morgen schon den Gesamtrhythmus der Arbeit stören. Gut, dass man alles nachträglich ändern und anpassen kann.

Sind Stimmen und Geräusche aufgenommen, importiert und nach Wunsch geordnet, wird es Zeit für die Musik. Dabei macht das Dynacaster einen echten Unterschied. Man kann auch mit einem nur für Sprache konstruierten USB-Mikro Gitarren, Bläser oder Percussion aufnehmen. Mit einem gezielt für solche Klänge konstruierten Mikro geht das aber einfach leichter und führt zu hörbar besseren Resultaten.

Im Test ging es gleich als Erstes um den Angstgegner aller bisher vom Autor ausprobierten USB-Mikrofone: E-Gitarre clean und verzerrt über den Marshall-Amp. Unheilschwangere Akkorde sollten die Krähensequenz am Anfang eines Films untermalen. Wie bei allen Tests ging es so naiv wie möglich an die Aufgabe: Das Mikro stand einfach direkt vor dem aufgedrehten Verstärker. Das Ergebnis war fast perfekt, nur erstaunlich leise.

Also wiederholten wir die Aufnahme mit dem Gain-Regler am Soundcraft auf 15 Uhr. Jetzt gab es gar nichts mehr auszusetzen: Die Aufnahme klang wirklich, als würde jemand live den Verstärker im selben Raum spielen. Ein Ergebnis, das teils deutlich kostspieligere Mikros von Beyerdynamic, Sure und AKG in Tests des Autors nicht genauso überzeugend hinbekommen haben. Abgesehen von der erstaunlich geringen Signalstärke muss sich der Sound des Dynacaster nicht einmal vor dem des legendären Sennheiser MD verstecken. Auch weitere Tests mit sonst problematischen lauten Tonquellen wie Trommeln, Blechblasinstrumenten und Geräuschen wie Bohrmaschinen gelangen perfekt.

Mit den delikaten, aber nicht sehr lauten Instrumentalsounds etwa einer Akustikgitarre dagegen war das Ergebnis erst einmal ernüchternd: Eine Prototypgitarre eines spanischen Meisterbetriebs für den deutschen Markt klang wenig detailliert und irgendwie dumpf. Nun hat das Dynacaster an seiner Unterseite drei Schalter für Klangfilter und Vorverstärker. Sobald man den Vorverstärker einschaltet, machen sich seine 30 dB Gain sehr bemerkbar: Tatsächlich wird es jetzt zu laut.

Zu den Konstrukteuren des Dynacaster gehört der auch in der Linux-Audioszene aktive Österreicher Thomas Skobic. Am Telefon erklärte er, dass das Dynacaster mit seinem Vorverstärker zu einer Art akustischen Lupe wird, die man nicht mehr genauso wie ein normales dynamisches Mikrofon benutzen sollte, weil es sich damit eher wie ein Studio-Kondensatormikro verhält.

Dank der Tipps von Thomas bekamen wir dann auch erstklassige Aufnahmen der Akustikgitarre hin. Dazu ließen wir das Mikro nicht mehr aus unmittelbarer Nähe auf das Schallloch zeigen, sondern aus rund 20 Zentimetern Entfernung auf das Griffbrett, fast zur Hälfte vom Schallloch abgewendet.

Feinschliff

Ardour ist für präzise Schnitte auf einzelne Audio-Samples konstruiert, Xjadeo folgt diesem Anspruch für Video-Frames. Ein Einrasten von Clips auf Video-Frames klappt zwar nicht, wäre bei den wenigen Sekundenbruchteilen, die ein Frame ausmacht; aber auch wenig praktikabel. Da ist es sinnvoller, für die verschiedenen Szenen im Film passende musikalische Geschwindigkeiten und Takte einzurichten. Beides erlaubt Ardour stufenlos durch Einfügen von Änderungspunkten auf den Linien für Takt und Tempo über den Spuren im Editor 11.

Bei Bedarf sorgen Automationskurven für kontinuierliche Änderungen von Parametern wie Panorama oder Plugin-Einstellungen. Für das Ein- und Ausblenden ist es bequemer, mit den Fade- und Crossfade-Einstellungen für die Clips zu arbeiten. Sobald Sie die besten Aufnahmen ausgewählt, passend zum Film oder zum Ablauf des Hörspiels arrangiert und gemixt haben, geht es an das Exportieren des Materials. Dafür bietet Ardour 6 eine umfangreiche Liste von Voreinstellungen 12.

Vorproduzierte Geräusche und Klänge

Nicht jede Schallwelle, die gut in einen Film- Soundtrack oder ein Hörspiel passen würde, lässt sich ohne Weiteres selbst aufnehmen. Hier helfen Internet-Portale, die Klänge in guter Qualität und unter freien Lizenzen anbieten. Auf dem bekanntesten davon, Freesound.org , finden Sie etwa eine sehr gelungene Aufnahme einer Vulkaneruption unter CC0-Lizenz. Zwar ist die Auswahl nicht sehr groß, dafür liegen die Sounds aber meist in guter, unkomprimierter Qualität vor.

Über Suchmaschinen, die freie Lizenzen als Auswahlkriterium unterstützen, finden Sie viele, teils stark komprimierte MP3-Dateien, die durch das Zurückwandeln ins WAV- Format für Ardour nicht besser werden. Gute Mindeststandards und auch freie Audiodateien von historischen Ereignissen bietet Wikimedia Commons .Werden Sie dabei im Audiobereich nicht fündig, können Sie auch den Videofundus durchstöbern, dessen Tonspuren allerdings durchgängig nur komprimiert vorliegen.

Importieren lassen sich die Klänge aus allen Formaten sowohl in Audacity als auch in Ardour. Sounds aus Videos lassen sich via Jack direkt in Ardour aufnehmen. Dazu schließen Sie den Pulseaudio-Ausgang, den der Webbrowser verwendet, als Eingang an eine Stereospur an 10.

Vor dem Auslösen des Exports sollten Sie noch einmal prüfen, wo in Ardour die End-Markierung liegt. Aufnahmen, die über die Laufzeit des Films hinausgehen, schieben diese weiter, sodass der Ton länger als das Video wird. Das ist kein Beinbruch und lässt sich in Kdenlive korrigieren. Dennoch sollte man solche kleinen Ausrutscher vermeiden.

Beim Export wird exakt das ausgegeben, was auch im Mix zu hören ist. Mute und Solo werden genauso wie Plugins und Automation berücksichtigt, optional sorgen Sie durch Normalisieren für eine gleichmäßige Maximallautstärke. Falls Sie sich nicht gern auf solche Automatismen verlassen, legen Sie einen Limiter in den Master-Kanal, der einzelne Spitzen begrenzt und so für einen sicheren Umgang mit einem lauter aufgedrehten Mix sorgt.

Nach Abschluss des Exports zeigt Ardour eine detaillierte Analyse des Resultats. Die exportierte Datei importieren Sie nun in Kdenlive. Dazu löschen Sie alle dort eventuell vorhandenen Audiospuren und fügen anschließend eine neue hinzu, auf die Sie den Export aus Ardour ziehen.

Fazit

Wussten Sie, dass seit Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1996) so ziemlich alle Hollywood-Blockbuster unter Linux produziert werden? George Lucas’ Industrial Light & Magic und Peter Jacksons Weta Workshop haben eigene Linux-Rechenzentren und beschäftigen mehr Linux-Spitzenpersonal als so mancher große Distributor. Dabei kommt freilich sehr viel Inhouse-Software zum Einsatz, die nicht nur proprietär ist, sondern wie der Compositor von ILM sogar ein Betriebsgeheimnis.

Doch Programme wie Ardour für Audio und Kdenlive oder Blender für Video bringen auch Sie als Nutzerinnen und Nutzer freier Software sehr nahe an die digitale Basis der Multimediaproduktion im 21. Jahrhundert heran. Was zählt, sind immer Ihre Ideen, kombiniert mit Sorgfalt und Liebe zum Detail. Unter Linux haben Sie jedenfalls alles zur Verfügung, was Sie für die Kreation von Kunst zum Hören und Sehen benötigen.

(jlu)

Weitere Infos und interessante Links

www.linux-user.de/qr/47204

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.