Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

OJAMO: DIE SCHWÄRZESTE SCHWÄRZE


TAUCHEN ehemals unterwasser - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 14.01.2020

Ein System aus Tunneln und riesigen Hallen. Tief, kilometerlang und in unergründlicher Finsternis. In der finnischen Ojamo-Mine fühlen sich Taucher wie verlorene Astronauten im unendlichen Universum.


Artikelbild für den Artikel "OJAMO: DIE SCHWÄRZESTE SCHWÄRZE" aus der Ausgabe 2/2020 von TAUCHEN ehemals unterwasser. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TAUCHEN ehemals unterwasser, Ausgabe 2/2020

Meine Finger sind völlig betäubt. Ich kann den Scootergriff kaum noch halten. Ich muss anhalten und mich ausruhen. Als das Ding aufhört, mich zu ziehen, entspannt sich mein Körper. Ich bewege meine Hände, um etwas warmes Blut in die Finger zu bekommen. Alles, was ich hören kann, ist das sanfte Knarren der Latexhandschuhe. Vor mir liegt nichts als Leere. Meine Taschenlampe leuchtet die Führungslinie aus. Ihr ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von TAUCHEN ehemals unterwasser. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2020 von GALERIE: »BESTER DEUTSCHER« UW-FOTOGRAF. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GALERIE: »BESTER DEUTSCHER« UW-FOTOGRAF
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von INTERVIEW: FIRMENJUBILÄUM: Wirodive wird 25 Jahre: Tauchreisen mit »Charakter«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERVIEW: FIRMENJUBILÄUM: Wirodive wird 25 Jahre: Tauchreisen mit »Charakter«
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von »Man muss unterwegs sein, um Geschichten erzählen zu können …«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Man muss unterwegs sein, um Geschichten erzählen zu können …«
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von TAUCHEN ALS BERUF »Mein Leben – das Tauchen …«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TAUCHEN ALS BERUF »Mein Leben – das Tauchen …«
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von HELDEN DER MEERE: Ziehvater einer neuen Korallengeneration. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HELDEN DER MEERE: Ziehvater einer neuen Korallengeneration
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von VERBANDS-MESSE-NEWS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VERBANDS-MESSE-NEWS
Vorheriger Artikel
HELDEN DER MEERE: Ziehvater einer neuen Korallengeneration
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel VERBANDS-MESSE-NEWS
aus dieser Ausgabe

... Licht verschwindet weit weg in der Dunkelheit. Unter mir ist auch nichts. Ich drehe mich rückwärts und richte das Licht in die Richtung, aus der ich kam. Der Strahl reicht weit weg, aber dann verschluckt ihn die Dunkelheit. Nach links, nach rechts, nichts außer schwarzer Finsternis. Ich kann meinen Atem hören und das gelegentliche Geräusch des Sauerstoffs, der in mein Kreislaufgerät einspritzt, sonst herrscht totale Stille. Plötzlich überkommt mich eine seltsame Angst. Aber es ist wie eine Droge. Ich will mehr davon haben. Ich überprüfe den Sauerstoff-Partialdruck an allen Sensoren – alles gut. Tiefe: 45 Meter. Ich mache mein Licht aus. Ich konzentriere mich auf den Druck in meinen Ohren und nehme die Position meines Körpers so genau wie möglich wahr, um zu bestätigen, was der Computer sagt – dass ich dort einfach mitten in der Dunkelheit stehe. Haut wird zu Gänsehaut. So fühlt sich wahrscheinlich ein Astronaut, der im Universum um seine Kapsel schwebt. Es muss eine der schwärzesten Dunkelheiten sein, die es gibt. Ich atme ein paar Mal tief ein und schalte dann mein Tauchlicht wieder ein. Wenn ich die Führungslinie im Blick habe, höre ich weit weg ein schwaches Summen. Ein Lichtstrahl erscheint, und dann leuchtet das gesamte Portal auf. Peter und Sakari tauchen mit ihren Scootern in die Halle und fesseln meinen Blick mit ihren Lichtern. Sie reiten entlang einer senkrechten Wand, die in eine andere Galaxie zu fallen scheint. Als ich den Film »Die Höhle« zum ersten Mal sah, dachte ich, dass ich dieses Gefühl niemals erleben würde. Ich hätte nie gedacht, dass eine Höhle existieren kann, in der sich der Taucher inmitten eines so riesigen Raumes befindet, dass er seine Wände nicht sehen kann, nur Leere in alle Richtungen. Es war schon immer mein Traum, der mich gleichzeitig erschreckt hat. Ja, ein solcher Ort existiert.

Die Mine

Die Wände des Einkaufszentrums im nahegelegenen Lohja sind mit Minenfotos verziert. Zum Glück sind diese Geschäfte hier ohne Unterbrechung geöffnet. Wir kamen erst spät am Abend aus dem Wasser, und nach einem anstrengenden Tauchgang in der Kälte fühlt sich heißes Essen wie Balsam an. Betrachtet man die Fotos der ehemaligen Kalksteinmine, ist es einfacher, ihre enormen Dimensionen zu verstehen. Das war kein winziger Schuppen, der mit Schaufeln und Schubkarren ausgehoben wurde. Schwerlast-Maschinen und Lastenaufzüge wurden eingesetzt. Die Mine unterstützte die gesamte Region sowohl wirtschaftlich als auch sozial. Über dem Eingang zur Welt unter Tage entstand eine Art Bergbaustadt. Während des Zweiten Weltkriegs schufteten hier Gefangene unter schrecklichen Bedingungen.

Nachdem der Abbau Mitte der 1960er Jahre endgültig eingestellt wurde, ereilte die Mine das gleiche Schicksal wie andere Minen – sie wurde mit Wasser überflutet, das nicht mehr zurückging. Es dauerte mehrere Jahre, bis die kilometerlangen Tunnel und die riesigen Hallen gefüllt waren. Nachdem das Grundwasser den Untergrund vollständig gefüllt hatte, wurde auch die Bergbaustadt im Eingangskrater geflutet, wodurch ein Teich entstand. Nun ist Finnland ein Land mit Tausenden von Seen. Aber wegen ihrer schlechten Sicht sind sie nicht beliebt zum Tauchen. Ebenso ist der finnische Teil der Ostsee nicht gerade aufregend, weshalb dieser unauffällige, nicht sehr charmante See am Mineneingang inmitten des Waldes das Tor zum beliebtesten Tauchplatz Finnlands ist.

Eiskalte Finsternis

Ojamos Struktur ist vergleichbar mit ein paar übereinander liegenden Halsketten mit Edelsteinen. Die einzelnen Hallen sind die Edelsteine, und die Durchgänge dazwischen sind die Kettenglieder. Die flachste »Halskette« wird »Die Perlen« genannt. Sie ist die kürzeste und hat die kleinsten Steine. In einer Tiefe von 28 Metern liegt sie perfekt horizontal. Die nächste Kette, die auf 42 Meter liegt, ist viel länger und verbindet große Kammern in Quaderform. Die längste Halskette verbindet riesige Hallen in einer Tiefe von 88 Metern. Insgesamt erstreckt sie sich auf einer Länge von 1,7 Kilometern, ist aber bei weitem nicht die tiefste. Andere, relativ gut erkundete Routen sind die »Halsketten« auf 96, 110 und 136 Metern. Je tiefer es wird, desto größer werden die Hallen. Ich hatte nie den Ehrgeiz, auffälligen Schmuck mit großen Steinen zu kaufen. Ich bin glücklich und zufrieden mit der 42 Meter »flachen« Halskette. Aber trotzdem – wie ist das überhaupt möglich? Wie kann ein Mensch eine Tiefe von 136 Metern fast zwei Kilometer vom Eingang entfernt erreichen? Unser heutiger Erkundungsplan ist ja schon ambitioniert genug – er sieht die Hallen und Tunnel auf der Strecke »Luigi« auf 42 Meter Tiefe vor. Gesamtlänge: etwa ein Kilometer.

Den ersten Schlag des kalten Wassers bekomme ich am Boden des Sees auf 22 Meter. Das gefilterte unterirdische, kristallklare, vier Grad kalte Wasser wird aus der Mine geschoben, wo es auf das trübe Oberflächenwasser trifft, das wie eine dicke Wolke darauf sitzt. In der Dämmerungszone, am Eingang mit dem prosaischen Namen »2 x 2« können wir unsere Sauerstoff- und EAN50-Tanks abnehmen, da dieser Teil der Mine keinen weiteren Ausgang hat. Aufgrund ihres Sauerstoff-Partialdrucks sind diese Dekogase nirgendwo im Inneren der Mine atembar, so dass wir sie genauso gut hier lassen können. Auf dem Rückweg werden wir sie brauchen. Alles, was ich jetzt tun muss, ist mich gegen die Kälte wappnen und den Scooter seine Arbeit tun lassen. Der Ritt durch die Dunkelheit beginnt.

Der Eingangskorridor führt schräg nach unten und endet nach 30 Metern mit dem Portal. Peter und Sakari verschwinden plötzlich in der Dunkelheit. Ich starte den Scooter und »fliege« mit voller Geschwindigkeit vom Portal in die Halle. Und damit auch in die Leere. Unter mir sehe ich nur die Führungsleine und dann die Dunkelheit. Meine Buddies sind schon gut 20 Meter vor mir und verschwinden in der Finsternis. Erst als sie sich dem nächsten Portal nähern und die Mauern der Mine erhellen, bekomme ich eine Vorstellung von dem unglaublichen Raum um uns herum. Da ich keine Zeit habe, die riesigen Dimensionen, in denen wir schwimmen, vollständig zu verarbeiten, halte ich nur meine Finger am Scooterhebel und fliege hinter ihnen her. Ein weiteres Portal ist der Eingang zum Tunnel, der zur nächsten Halle führt. Und dann zum nächsten, und zum nächsten – nachdem wir neun Hallen und neun kurze Tunnel zwischen ihnen passiert haben, ist unser schneller Raumflug vorübergehend zu Ende. Zehn Minuten haben wir bis hierher gebraucht. Nur mit Flossenantrieb wären es 40 gewesen.

Von dieser Hauptroute aus gelangen wir in das Netz der Servicetunnel namens »Luigi«, das mehr Tauchen als Weltraum-Erlebnis bringt. In engen Tunneln gibt es Rollkräne, Leitern und anderes Werkzeug, das seit fast 60 Jahren vor sich hin rostet. Gleichzeitig können einige vertikale Schächte genutzt werden, um in 54 Metern Tiefe in untere Servicetunnel abzusteigen. Hier kann man nicht nur als Taucher, sondern auch als Fotograf völlig enthusiastisch werden, so dass die Zeit schnell vergeht. Die Dekompressionszeit erhöht sich immer schneller. Kälte dringt in die Knochen. Der Scooterflug zurück zum Ausgang ist eine Herausforderung. Wenn wir nach einer Stunde Tauchzeit wieder ans Tageslicht kommen, blüht uns eine weitere Stunde Dekostop. Glücklicherweise ist das Wasser in neun Metern bereits 14 Grad »warm«, und in sechs Metern gibt es ein Deko-Habitat, in dem die Taucher aus dem Wasser steigen und sich etwas aufwärmen können. Das Tauchen in der Mine ist laut Sakari im Winter am beliebtesten, wenn die Wassertemperatur im See auf ein bis zwei Grad sinkt und die Rückkehr an die Oberfläche keine Befreiung, sondern die letzte Qual ist. Nun, mein Kältegefühl scheint subjektiv zu sein …

Das Biest

Der gestrige Tauchgang war anspruchsvoll für mich, aber gemessen an lokalen Maßstäben eher einfach. Das sieht bei der Route zum »Hell’s Gate« anders aus. Sie erfordert einen gründlichen Tauchplan und schnelle Transfers und verzeiht keine Fehler. Auch wenn alles gut geht, werden wir nicht viel Zeit haben, um während der zwei Stunden Tauchzeit zu fotografieren.

Während ich Stage-Flaschen mit Rettungsgasen zum Pier trage, werfe ich einen Blick auf den Teich, der gerade eine spiegelglatte Oberfläche hat. Er sieht friedlich und freundlich aus, als hätte er keine Ahnung, dass sich unter ihm ein riesiges schwarzes Biest versteckt. Zahllose Gedanken kreisen durch meinen Kopf. Da Improvisation beim Tauchen in den meisten Fällen zum Scheitern führt, visualisiere ich den genauen Tauchplan von Anfang bis Ende: Wann mache ich was, und mit welcher Hand?

Schwer beladen steigen wir entlang des Stahldrahts zum »2 x 2« ab. Am Eingang lege ich wieder Sauerstoff und EAN50 ab, zwei Tanks mit Trimix muss ich weiter tragen. Die Kamera lege ich dicht an, hänge das ganze System an den D-Ring und mache mich so schnell wie möglich auf den Weg ins Hallen- und Gang-Labyrinth.

Das gleiche Bild wie gestern: Hallen wechseln sich mit Tunneln ab. Alles, was mich im Moment interessiert, sind die Führungsleine, die grünen LEDs meiner Sauerstoff-Sensoren und meine Tauchpartner vor und hinter mir. Nach 17 Minuten Fahrt sind wir in Position. Ich fühle mich, als wäre ich durch ein schwarzes Loch in einer anderen Galaxie gelandet. Oder besser gesagt: am Eingang zu einer anderen Galaxie. Vor uns ragt eine riesige Betonwand mit einem Durchgang in der Mitte auf: das »Höllentor«. Schnell stelle ich den Scooter ab und bin der erste, der durch das Betonmassiv schwimmt. Keine Überraschung: Dahinter verbirgt sich ein weiterer schwarzer Abgrund. Der Lichtstrahl verblasst in der Dunkelheit, wohin ich ihn auch richte, aber da sich mein Verstand auf ein Fotoshooting konzentriert, folge ich meinem Plan. Peter und Sakari warten auf mein Signal, um ihre genau geplanten Positionen einzunehmen. Gespannt warte ich auf das erste Bild auf dem Kameradisplay – es wird mir zeigen, ob alles beim ersten Versuch wie gewünscht klappt. Heute ist das besonders wichtig, da kaum Zeit für Korrekturen bleibt. Zum Glück funktionieren die externen Subtronic-Blitze auf Anhieb. Unser detaillierter Plan geht ebenso auf. In der 40. Minute des Tauchgangs machen wir uns auf den Rückweg. Da ich jetzt entspannter bin, beobachte ich die Struktur der Räume und die Zusammensetzung des Erzes. Kalkstein ist ein relativ weiches, instabiles Erz. Hier in Ojamo ist er mit einem viel stärkeren Granit verwoben. Die Kalksteinschichten sind buchstäblich mit Granitrippen verstärkt, die die natürliche Struktur wie eine Eisenbewehrung im Beton stabilisieren. Wo der Verdacht bestand, dass das Ganze dennoch kollabieren könnte, verstärkten die Minenbetreiber die Decken mit einer Betonwand – zum Beispiel der Wand mit dem »Höllentor« und einer massiven Säule namens »Luzifers Säule«.

Fotos (historische Bilder): THE LOHJA TOURIST SERVICE CENTRE, www.visitlohja.fi

Im 18. Jahrhundert begann man in der Nähe von Lohja Kalkstein abzubauen. 200 Jahre später war dieser Abbau zu kostspielig, und man schloss im Jahr 1960 die Ojamo-Mine. Als sie sich mit Grundwasser füllte, wurde sie zu dem, was sie heute ist: einem der schönsten und anspruchsvollsten Tauchspots in Finnland.


Auf meiner Rückreise durch den »Weltraum« versuche ich, nicht an die Kälte zu denken. Lieber träume ich von den 30 Grad Celsius, die jetzt an Land herrschen, vom Habitat auf sechs Meter – und von heißem Kaffee. Aber es funktioniert nicht. Meine Finger sind völlig betäubt. Ich kann den Scootergriff nicht mehr halten. Ich muss anhalten und mich ausruhen. Vor mir nichts als schwarze Leere.