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OLDENBURGER MÜNSTERLAND: Von flachen Mooren, Kohl & Pinkel


Ratgeber Frau und Familie Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 30.10.2020

Das Oldenburger Münsterland gehört zu den eher unbekannten Reisezielen in Deutschland. Unverständlich, denn die Region hat einiges zu bieten


Artikelbild für den Artikel "OLDENBURGER MÜNSTERLAND: Von flachen Mooren, Kohl & Pinkel" aus der Ausgabe 11/2020 von Ratgeber Frau und Familie Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie Magazin, Ausgabe 11/2020

Morgendliches Idyll am Dümmer, dem zweitgrößten See in Niedersachsen


Die Norddeutschen gelten eher als verschlossen. Das allerdings kann nur sagen, wer noch nie eine Kohlfahrt mitgemacht hat, ein geselliges Spektakel ganz eigener Art. Eine Kohlfahrt ist die vielleicht beste Art, die Menschen im Städtedreieck Bremen-Oldenburg-Osnabrück ein bisschen näher kennenzulernen.

Der Lohner ,Kohlgang’

An einem Samstagnachmittag im Februar haben sich gleich sieben Gruppen zum ...

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... Lohner „Kohlgang“ versammelt, einige mit Bollerwagen, andere mit Rucksäcken. Darin überwiegend flüssiger Proviant. Jeder hängt sich noch schnell einen Bembel um den Hals, einen Mini-Krug am Band mit der Aufschrift ,Ein kleines Schlückchen Heimat’. Dann wird er auch schon ausgeschenkt: der „Lohner Wind“, ein Roggenkorn, den kennen alle hier. Dass es in den folgenden Stunden nicht zu einem ausschweifenden Gelage kommt, sondern sehr kultiviert zugeht, ist zum einen der langen Erfahrung der Teilnehmer in Sachen Kohlfahrt geschuldet. Und zum anderen dem besonderen Charakter der Veranstaltung.

Sorgt für geistige Nahrung beim Lohner „Kohlgang“: Gästeführerin Heike Frilling


Denn erst mal wird gewandert. Vorneweg, mit gelber Weste, Heike Frilling. Die Gästeführerin sorgt an diesem Nachmittag für die geistige Nahrung, ihr Thema:

Im Ausschank: „Lohner Wind“, ein regionaler Roggenkorn


„Mühle und Moor“. Lohne liegt an der Niedersächsischen Mühlenstraße. Die Bauern waren früher angewiesen auf diese Mühlen, in denen der Roggen, den sie auf kargen Böden anbauten, gemahlen wurde, erzählt Frilling. Doch nicht alle fanden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Viele wanderten aus, andere suchten sich notgedrungen neue Tätigkeitsfelder. Dabei bewiesen gerade die Lohner eine große Flexibilität. Es gab Zeiten, da versorgten sie die halbe Welt mit Schreibfedern aus Gänsefedern. Dann wandten sie sich einer für die Region eher untypischen Pflanze wie dem Tabak zu und bauten die größte Zigarrenfabrik im Großherzogtum Oldenburg auf. Wieder etwas später, so um 1950, kam jeder zweite Korken in Deutschland aus Lohne. „Wir sind längst nicht mehr Armenhaus, sondern Vorzeigeregion“, sagt Frilling. Das sieht man auch beim Gang durch ein Wohngebiet. „Fast jedes Haus ist ein Palast. Hier lebt ein besonderer Menschenschlag“, ist Frilling überzeugt. „Leute, die mitmachen. Hier zählt noch der Handschlag und das Wort.“

Ein kultiges Festessen

Selbstverständlich verliert Frilling auch ein paar Worte über den Grünkohl. Früher waren die Blätter für den Bauern und der Strunk für sein Vieh. Schon vor Jahrhunderten machten sich die Menschen über das regionale Wintergemüse her. Vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts brachen dann erstmals vornehme Herrschaften zu Kohlfahrten auf - damals noch reine Männersache. Nach dem ersten Weltkrieg wurden dann auch die ersten Frauen bei Kohlpartien gesichtet. „Kohlfahrten wurden auch gern für die Heiratsvermittlung genutzt“, sagt Frilling.

Es wird bereits dunkel, da nähert sich die Gruppe dem Restaurant. Die anderen Gruppen sind schon da, darunter die 47. Kompanie des Schützenvereins Lohne, angetreten mit zwölf Essern. Von November bis Mitte März sorgt der Grünkohl für ein volles Haus, freut sich Kathrin Stratmann, die Chefin. Doch was heißt hier schon Grünkohl - erst dank Kassler, Bauchspeck, Kochwurst und Pinkel wird das Ganze zu einem richtigen Festessen. Speziell die Pinkelwurst ist Auswärtigen vielleicht anfangs noch suspekt, für einen richtigen Oldenburger Münsterländer aber unverzichtbar. Mit der Pinkel ist es ein bisschen wie mit Coca-Cola: Die genaue Zusammensetzung wird nicht verraten. Jeder Gastwirt hat einen Schlachter seines Vertrauens. Und jeder Schlachter hat seine eigene Rezeptur. Fleisch, Grütze und Gewürze werden jedenfalls gut vermengt und in Därme gefüllt, traditionell in einen gereinigten Rindermastdarm, auf plattdeutsch „Pinkel“. Zu späterer Stunde, das soll nicht vergessen werden, wird dann auch noch ein neuer Kohlkönig oder auch ein neues Kohlkönigspaar gekürt. Kurzum: So eine Kohlfahrt ist ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges.

Ein deftiges Kohlessen steht auch am Ende einer Veranstaltung an, die sich „Eiswette“ nennt und zu der sich einmal im Jahr geladene Gäste am Dümmer versammeln. Der Dümmer ist der zweitgrößte See in Niedersachsen, und manchmal, wenn ein kalter Ostwind tagelang über den See weht und ganz langsam das Eis wachsen lässt, dann tummeln sich hier die Schlittschuhläufer. Doch das ist eher selten und wetten sollte man darauf lieber nicht, doch genau das tun sie bei dieser „Eiswette“, seit 20 Jahren schon. „Geiht“ oder „steiht“, lautet dann die Frage, geht oder steht das Wasser. Der genaue Aggregatzustand wird mit Hilfe eines 75 Kilogramm schweren Salzsacks geprüft. Ganze sieben Mal war der bis zu 1,40 Meter tiefe See in dieser Zeit zugefroren, meist allerdings versinkt der Sack und die Wellen plätschern sanft ans Ufer. Richtig kalt war es zuletzt im Winter 2017.

Restaurant-Chefin Kathrin Stratmann begrüßt die hungrigen Kohlfahrer


Hochzufriedene Gäste

Wintersportfans sind es also nicht, die das Oldenburger Münsterland besuchen. Eher Menschen, die sich entspannen und die Natur erleben wollen. Denen vielleicht auch die Enge touristischer Hotspots nicht so behagt. Und die danach hochzufrieden wieder nach Hause fahren - was die Gästezufriedenheit betrifft, kann keine andere Region im Norden mithalten. In puncto Service gehört das Oldenburger Münsterland sogar zu den Top Ten in Deutschland. Und auch das Preisniveau stimmt, so eine Studie.

Frühmorgens im Goldenstedter Moor - die Flächen wurden erfolgreich renaturiert


Halten die Heide kurz: Schafe an der Thülsfelder Talsperre


Schwan im verschneiten Museumsdorf Cloppenburg


Im Herbst machen Tausende von Kranichen Rast im Goldenstedter Moor


Viele Gäste schätzen die landschaftliche Vielfalt. Gleich neben dem Dümmer liegen die Dammer Berge, der letzte Höhenzug vor der Nordsee (und für viele Niederländer der erste hinter der Grenze). Und auch das Goldenstedter Moor, im Winter eine skurrile Landschaft und im Herbst und Frühjahr einer der größten Kranich-Rastplätze in Deutschland, ist nur einen Katzensprung entfernt. Die Glücksvögel machen hier Station auf ihrem Weg in die Winterquartiere - ein beeindruckendes Naturschauspiel. Zu Tausenden fliegen sie ein, die Luft ist dann erfüllt vom Ruf des Kranichs, der oft als trompetend beschrieben wird. Besonders gut lassen sich die Tiere in der Stunde vor dem Sonnenuntergang beobachten.

Ebenfalls eine Pflichtadresse für Hobby-Ornithologen ist die Thülsfelder Talsperre, ein Kleinod, das seit 1938 unter Naturschutz steht. Sie war die erste Talsperre in Niedersachsen. Und sie ist bis heute die einzige im Flachland. Je nach Jahreszeit können Singschwäne, Graureiher, Kormorane, Haubentaucher und rund 200 weitere Vogelarten beobachtet werden, von denen etwa die Hälfte hier auch brütet.

Macht sich stark für den Erhalt der saterfriesischen Sprache: Antonius Kanne


Schnitzt Weihnachtskrippen aus Torf: Karl-Heinz Brinkmann


Ein schnittfester Handschuh schützt die linke Hand des Hobby-Künstlers


Lebendige Geschichte

Braucht man zur Abwechslung mal ein bisschen Rummel, dann bitte aber stilecht: mit einem historischen Nikolausmarkt. Er sorgt immer am zweiten Advents-Wochenende im Museumsdorf Cloppenburg für vorweihnachtliche Atmosphäre, mit Karussell, Puppentheater und Handwerksausstellern. Das Museumsdorf ist eines der ältesten und größten Freilichtmuseen in Deutschland und der beste Ort, um einzutauchen in das Leben der Menschen anno dazumal.

Mit knapp 60 Gebäuden ist es tatsächlich ein kleines Dorf, von der „Münchhausen-Scheune“, die von einem Vorfahren des berühmten Lügenbarons errichtet wurde, bis hin zum Schulhaus aus dem Jahre 1751 mit Mini-Klassenzimmer: auf 24 Quadratmetern drängelten sich einst 40 bis 60 Kinder.

Das handgeschnitzte Ergebnis von rund 13 Stunden Arbeit


Saterfriesisch lernen

Den Norden des Oldenburger Münsterlandes füllt das Saterland aus, „die kleinste Sprachinsel in Europa“. So steht es im Guinness-Buch der Rekorde. Niemand weiß genau, wie viele Menschen wirklich noch saterfriesisch sprechen. Sind es 2000? Oder doch nur noch 1800? Antonius Kanne gehört zu denen, die es noch können. Kanne kümmert sich im Heimatverein um den Erhalt des Saterfriesischen. Er freut sich, dass die Kinder in der Schule wieder saterfriesisch lernen. Und dass die Ortsschilder zweisprachig sind. Kanne kann auch erklären, warum die Sprache die Jahrhunderte überdauert hat. „Das Saterland war praktisch eine Insel im Moor. Wir sind hier auf einem Sandrücken und rundherum sind riesige Moorflächen. Früher war das Saterland abgeschnitten von der Außenwelt.“ Dank der Insellage im Moor wurde die Mundart im wahrsten Sinne konserviert.

Im Saterland lebt auch Karl-Heinz Brinkmann. Von Oktober bis kurz vor Weihnachten herrscht in der kleinen Werkstatt des Hobby-Künstlers Hochbetrieb. Denn Brinkmann schnitzt Weihnachtskrippen aus Torf, und das geradezu im Akkord. „Das A und O ist der richtige Torf “, sagt Brinkmann. Weißtorf muss es sein, am besten leicht „holzig“ und mindestens 2000 Jahre alt, also etwa entstanden zu jener Zeit, in der auch Jesus geboren wurde.

Für eine Krippe mit „Stammpersonal“ - Maria und Josef beugen sich über das Jesuskind, Ochs und Esel beobachten die Szenerie - benötigt Brinkmann etwa 13 Stunden Zeit. Eine Darstellung der Geburt Christi aus Torf, noch dazu handgeschnitzt, ist echtes Neuland. Bis heute hat der Rentner ein Monopol auf diesem Gebiet. Seine Krippen haben Sammlerwert.

Kochshow für Wild-Fans

Wer das Oldenburger Münsterland im kommenden Jahr besuchen möchte, sollte sich die „Wild-Wochen“ vormerken. Alle zwei Jahre stehen Anfang November Wildgerichte in Form von Büfetts oder mehrgängigen Menüs auf den Speisekarten vieler Restaurants, unter anderem im Gasthof Evers in Lüsche bei Vechta. Allerdings belässt es der Chef des Hauses nicht dabei. Dieter Evers hat eine Mission: „Ich will das Wissen des deftigen Wildkochens weitergeben.“ Also bietet er Wildkochkurse an. Evers hat sich der gediegenen ländlichen Küche verschrieben, von Haute Cuisine keine Spur. Wie man aus Knochen einen kräftigen Wildfond bereitet, ist nur eine von ganz vielen Fragen, die er quasi nebenbei beantwortet. Die Gäste gehen ihm zur Hand, kochen aber nicht selber. Am Ende wird gemeinsam gegessen. Der Tisch scheint sich unter der Last der Wildgerichte fast zu biegen: Entenbrust an Salat, Lüscher Fasanensuppe sowie Reh und Hase in allen möglichen Variationen - keine schlechten Alternativen zum Grünkohl.

Lässt sich bei einem Wildkochkurs in die Töpfe schauen: Dieter Evers

Gut zu wissen

Anreise:

Das Oldenburger Münsterland liegt im Herzen von Nordwestdeutschland und ist über die Autobahn A1 gut erreichbar.

Infos:

Verbund Oldenburger Münsterland e. V. Oldenburger Straße 246 49377 Vechta Tel.: 04441 9565-0 www.om-tourismus.de