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OLDIES NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 08.06.2022
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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 7/2022

CD DES MONATS

Rock/Blues/Reggae

Repertoirewert ★★★★

Überspielqualität ★★★★

HD LP

The Rolling Stones

El Mocambo 1977

Polydor (2 CDs)

Wie er, bei seiner Einreise von der kanadischen Polizei verhaftet wegen Verdachts auf Handel mit Heroin, am Ende mit Bewährungsstrafe davonkam, das erzählt Keith Richards fast augenzwinkernd in seiner Autobiografie „Life“. In welch übler körperlicher Verfassung der Kollege damals vor dem Auftritt im „El Mocambo“-Club war, beschreibt Bill Wyman sehr drastisch in seiner Autobiografie „Rolling With The Stones“. John Rockwell notierte in seiner Konzertkritik in der „New York Times“, der Gitarrist habe „gespenstisch“ ausgesehen. In „On The Road With The Rolling Stones“ erklärte Nick Tosches, Richards hätte man besser in die Notaufnahme des St. Michael’s Hospital fahren sollen. „Musically, our opening night at the El Mocambo was not good. We were all very loose…“, erinnerte sich ...

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... Wyman. Bester Dinge war auch am ersten Abend schon Mick Jagger. Die im Rolling-Stones-Camp bestens gelittene Journalistin Barbara Charone erzählte, dass er nach „Let’s Spend The Night Together“ auf einen weiblichen Fan vor der Bühne deutete und ordinär ins Publikum rief: „We were gonna have a contest for the best ass but I think we’ve got a winner here!“

Tonmeister Eddie Kramer zeichnete beide Konzerte auf. Auf „Love You Live“ (1977) schafften es am Ende nur vier Aufnahmen. Nachdem die Band 2011 doch noch die legendären „Brussels Affair“-Konzerte offiziell veröffentlichte, wurden die „El Mocambo“-Auftritte so etwas wie der Heilige Gral der Live-Diskografie der Band. Zuvor zirkulierte jahrzehntelang auf Bootlegs nur eine Auswahl von elf Songs in bescheidener Qualität. Trotz der wenigen Proben lief die Band am zweiten Abend zu weit größerer Form auf als beim Clubauftritt im „Marquee“ nach dem Ende der England-Tournee 1971 mit dem grandiosen Finale im „Roundhouse“. Vom weit räumlicheren, transparenteren Remix profitieren nicht nur die Gitarristen, sondern mindestens so auffällig Wyman am Bass und Ian Stewart am Piano, der – zumal bei famosen Blues- und Reggaesongs wie „Mannish Boy“, „Little Red Rooster“ und „Crackin’ Up“, aber auch beim furiosen „Dance Little Sister“ – besser abgemischt ist. Bei Letzterem läuft die ganze Band zur Höchstform der „alternativen“ Studio-Langfassung des Songs auf. Nachdem live und von Kramer seinerzeit praktisch zunächst „on the fly“ abgemischt, konnte oder mochte Jagger hier (anders als bei manchen Deluxe-Edition-Zugaben in den letzten Jahren) nichts durch nachträgliche Instrumental- oder Vokal-Overdubs korrigieren und verschlimmbessern. Bedauerlich ist allenfalls, dass sich niemand überlegte, wie man die drei aus dem ersten Auftritt ausgewählten Songs, vor allem den acht Minuten langen „Worried About You“-Blues, in der Stimmung perfekt in die Setlist einfügen könnte, anstatt sie etwas unglücklich auf das fulminante Rock-'n'-Roll-Finale folgen zu lassen.

Avant-Rock

Repertoirewert ★★★★

Überspielqualität ★★★★

HD

Frank Zappa

The Mothers 1971

Zappa Rec. (8 CDs)

Mit den beiden Turtles-Sängern Howard Kaylan und Mark Volman seit 1970 in der neuesten Besetzung der Mothers of Invention auf Tournee, war ein Mitschnitt von gerade mal elf Songs, aufgezeichnet im New Yorker „Fillmore“-Tempel, Frank Zappas erste offizielle Live-LP. Die Satireshow der frühen Jahre war jetzt anzüglicher, expliziter und ordinärer in Sachen Sex geworden. Neben Klassikern wie „Peaches en Regalia“ und „Willie The Pimp“ waren Songs wie „Who Do You Think We Are?“ und „Bwana Dik“ im Programm, Zappas musikalische Kommentare zur aktuellen Groupie-Subkultur. In Ersterem erklären zwei Mädchen: „If his dick is a monster / We will give him our hearts“; in Letzterem bittet der Rockstar: „My dick is a monster, give me your heart (Bwana Dik is a legend, enormous thou art)… / My dick is a reamer to steam up your slit (steam it, stream it, ream it, cream it).“ Erzählungen über die Exzesse nach Led-Zeppelin-Konzerten mehrten schon damals den Ruhm der Band. Zappa kannte sich auch in den Seitenstraßen des Geschäfts längst bestens aus.

Für das als Satire auf das Showbusiness konzipierte Spektakel hatte er sich kurze Intermezzi ausgedacht, in denen Ian Underwood mit den Turtles-Sängern als The Sanzini Brothers auftraten und unter anderem „the world famous ‚Sodomy Trick‘“ simulierten. Die seinerzeit bei der LP ersatzlos gestrichenen Showeinlagen findet man jetzt auf den ersten fünf CDs dieses Sets mit den kompletten vier Fillmore-Konzerten der beiden Tage. Neben den sechs damals mit John Lennon und Yoko Ono in New York vorgetragenen Songs präsentieren drei weitere CDs einen Auftritt wenige Tage zuvor in Harrisburg und die 94 Minuten des Konzerts im Londoner „Rainbow Theatre“ vom Dezember 1971, beide mit neuen Setlists und Songs einstudiert. Bei der Zugabe wurde der Meister damals von einem Zuschauer von der Bühne gestoßen und fiel so unglücklich, dass er, Knochen gebrochen und Rücken gefährlich lädiert, mehr als ein Jahr brauchte, bis er körperlich wieder halbwegs genesen war.

Artpop

Repertoirewert ★★★★

Überspielqualität ★★★★

LP

Anthony Moore

Flying Doesn’t Help

Drag City

Avant-Pop- und Prog-Rock-Veteran Anthony Moore hatte schon während seiner Jahre mit Slap Happy und Henry Cow eine Solokarriere gestartet. Als Neutöner mit prominenten Kollegen wie Andy Summers, Kevin Ayers und Peter Blegvad eine Coverversion des Perry-Como-Ohrwurms „Catch A Falling Star“ aufzunehmen, war eine eher ungewöhnliche Liebeserklärung an die Ära der Popidole seiner Kindheit. Die hatte ihn mit den perfekt produzierten einschmeichelnden Vokalharmonien offenbar musikalisch so nachhaltig sozialisiert, dass er sich vor dem nächsten Album drei Jahre später von allen Prog-Rock-Ambitionen verabschiedete und genauso wie Nick Lowe „Pure Pop For Now People“ komponierte. Mit so komplexen wie perfekten Vokalarrangements und dem an John-Cale- und Brian-Eno-Klassiker erinnernden Sound war „Flying Doesn’t Help“ sein so kurzes wie schlackenloses Statement des New-Wave-Pop. In „Judy Get Down“ fantasierte er über eine Prostituierte mit „ropes and chains run out to hold you / Racked out on your bed“, damals trotzdem Single der Woche im „New Musical Express“ – die Kritik geschrieben von Brian Eno. Die Hommage an den Kollegen Blegvad war die Coverversion des Henry-Cow-Songs „War“, im neuen Arrangement aber ein Kabinettstück des Psychedelic-Rock.

Country

Repertoirewert ★★★★

Überspielqualität ★★★★

Various Artists

The Wonderful World Of Depressing Country Music

Righteous

Von zerbrochenen Beziehungen, unerwiderter Liebe und anderweitig gebrochenen Herzen handeln nicht nur viele Songs von Bluespionieren wie Bessie Smith, W. C. Handy und Robert Johnson. Die „Love In Vain“ war ein mindestens so beliebtes Thema in der Country-Music. Teilweise übernahm man schon in Folk- und Torch-Songs beliebte Themen, beispielsweise A. P. Carter in der Ballade „I Never Will Marry“.

Über Niedergang und Ende einer einstmals großen Liebe sangen später George Jones („He Stopped Loving Her Today“) und viele andere, über Alkoholabsturz danach Merle Haggard („Tonight The Bottle Let Me Down“). Herzzerreißend erzählten Lefty Frizzell und The Band die Geschichte der gespenstischen Mörderballade „The Long Black Veil“. Hank Williams, sein Musikverleger Fred Rose und die Countrysängerin Patsy Cline wurden berühmt mit Evergreens wie „I’m So Lonesome I Could Cry“, „Blue Eyes Crying In The Rain“ und „I Fall To Pieces“.

Eine ähnlich rührende, freilich noch trostloser endende Geschichte wie die in der von den Everly Brothers gesungenen Ballade „I’m Here To Get My Baby Out Of Jail“ erzählt Hank Snow in der Moritat „There’s A Little Boy Of Pine On The 7 29“: Der verlorene Sohn, im Knast gestorben, kehrt im billigen Sarg aus Kiefernholz mit dem Zug zurück zu seiner (verwitweten) Mutter.

Bei der mit dieser Sammlung von 30 Aufnahmen vorgelegten Auswahl bevorzugte man weithin Songs, die man fast schon wieder als tröstlich empfinden kann – gerade weil sie derart deprimierende Geschichten über Einsamkeit und Untreue, Tod und Begräbnisse erzählen. Don Gibsons „Oh Lonesome Me“ findet man in der Interpretation von George Jones, „I Never Will Marry“ im Duett von Hank Snow und Anita Carter, das Herzschmerz-Lamento „Bouquet Of Roses“ in der Originalaufnahme von Eddy Arnold. Die Liner-Notes erklären derweil, warum man von Patsy Cline gerade diese beiden famosen Aufnahmen des „tearjerker“-Genres auswählte.

Soul

Repertoirewert ★★★★

Überspielqualität ★★★★

Dusty Springfield

Dusty Sings Soul

Ace

Ihre Anfänge mit den Springfields waren sehr nach dem Vorbild des Folk-Pop-Trios Peter, Paul & Mary modelliert. Überhaupt prädestinierte ihr Mezzosopran Mary Isobel Catherine Bernadette O’Brien nie selbstverständlich für kongeniale Interpretation großer Soul-Kompositionen. Mit dem lupenreinen Pophit „I Only Want To Be With You“ erfolgreich in die Solokarriere gestartet, brillierte sie fortan mit wunderbaren Songs von Bacharach/David und Goffin/King, Jacques Brel, Randy Newman und weiteren Mitgliedern der Elite von Songwritern wie Doc Pomus und Mort Shuman.

Erstklassige Soul-Aufnahmen spielte sie genau genommen trotz ihres in dem Genre überhaupt nicht firmen Produzenten Johnny Franz ein. Nach der 2003 vorgelegten CD „Dusty Sings Classic Soul“ ist die neue Sammlung die umfangreichere, bessere, ungleich kompetenter kommentierte Auswahl – kenntnisreich praktiziertes „cherry picking“ angefangen von ihrer Aufnahme des Marvin-Gaye-Ohrwurms „Can I Get I Witness“ bis zu richtig beseelt gesungenen Soul-affinen Kompositionen, zeitlich beschränkt auf die Jahre 1964 bis 1969 – dabei kein chronologisches Sequencing!

Auffällig wird bei der Auswahl, dass Springfield Motowngegenüber dem Southern-Soul bevorzugte. Der zunächst von Aretha Franklins älterer Schwester Erma und dann auch von Janis Joplin aufgenommene Bert-Berns/Jerry-Ragovoy-Song „Piece Of My Heart“ und Carla Thomas’ „Every Ounce Of Strength“, beide in ihren Interpretationen natürlich hier vertreten, sind eher kein Gegenbeweis. Soul-Aufnahmen von „Dusty In Memphis“ und spätere reservierte man wohl für eine zweite Nachlese.

CD DES MONATS

Barock-Diva

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Cavalli, Purcell u. a.

Lieder, Arien, Kantaten

Anna Prohaska, La Folia Barockorchester, Robin Peter Müller; Alpha

Anna Prohaska nahm „Celebration Of Life In Death“ im Juli 2020 auf. Ein Reflex auf den Beginn der Corona-„Krise“. So war der Plan. Doch nun erhält dieses Konzeptalbum eine traurig-tragische und erschütternde zweite Aktualität. Nicht nur Seuchen und Hungersnöte suchen die Menschheit auf diesem Planeten heim, es sind auch Kriege und Verwüstungen, also von Menschen mit Plan herbeigeführte Katastrophen, die unschuldige Menschen gezielt treffen sollen. Es ist Krieg in Europa. Doch wie kann man Not und Elend im Angesicht des Todes bewältigen?

Anna Prohaska beleuchtet hier unterschiedliche Strategien. Mit dem fabelhaften La Folia Barockorchester spürt Prohaska da in Christoph Graupners Kantate „Die Krankheit so mich drückt“ tiefgründig und mit farbenreichem Sopran der Krankheit als individueller Notsituation nach, indem sie Ursache („ist meiner Sünden schuld“), Symptome („der Hals ist rauh“), Therapie („Doch Jesus nimmt sich meiner an“) und Heilung („Nun bin ich wieder rein“) empathisch nachzeichnet.

Eine musikalische Pathogenese, die Prohaska bestechend und in durchaus pietistischer Demut ausbreitet. Doch sie kann auch anders. In Henry Purcells Bänkelsong „Since The Pox Or The Plague“ besinnt sie sich aufs Huren und Saufen und zündet ein Feuerwerk an sinnlich triebhafter Ausgelassenheit. Diese Stimme ist wie ein Chamäleon! Sex und Alkohol, Glaube und Gebet, das alles drängt sich hier auf dichtem Raum. Das hätte durchaus schief gehen können. Doch dieses Album wird zum Ereignis!

Martin Hoffmann

Barock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Vivaldi, Leclair, Locatelli

Violinkonzerte

Théotime Langlois de Swarte, Les Ombres; Harmonia Mundi

Der französische Barockgeiger Théotime Langlois de Swarte und das Ensemble Les Ombres stellen hier ausgewählte Violinkonzerte der großen Geigerkomponisten Vivaldi, Leclair und Locatelli vor. Ein beziehungsreiches Programm, das Entwicklungslinien und Unterschiede zwischen italienischem und französischem Stil aufzeigt. Interpretatorisch und spieltechnisch gelingt dies auf höchstem Niveau. De Swartes Ton verfängt mit runder Klangfülle, Klarheit und Virtuosität. Vielseitig und spannend.

Norbert Hornig

Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD SACD

Nielsen, Sibelius

Violinkonzerte

Johan Dalene, Königliches Orchester Stockholm, John Storgårds; BIS

Nach dem Sieg beim Internationalen Carl Nielsen-Violinwettbewerb 2019 kam die Karriere von Johan Dalene (*2000) richtig in Schwung. Welches Potenzial in dem jungen Geigertalent aus Schweden steckt, kann man hier erfahren. Dalene verfügt über souveränes technisches Können, die heiklen Staccato-Terzpassagen im Sibelius-Finale etwa klingen sehr beherrscht. Auch mit tonlicher Variabilität vermag er zu überzeugen und an das Niveau seines Debüts bei BIS mit Tschaikowski und Barber anzuknüpfen

Norbert Hornig

Klavier solo

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Haydn, Schubert

Sonaten, Impromptus

Grigory Sokolov; Deutsche Grammophon

Wieder ein Konzertmitschnitt, den er selbst freigegeben hat. Grigory Sokolov war am 10. August 2018 im Haydnsaal von Schloss Esterházy in Eisenstadt zu Gast, mit drei Sonaten von Haydn (mit denen er sein komplettes Tour-Programm bestritten hat) sowie mit den Impromptus D 935 von Franz Schubert. Hinterdrein gab es die übliche Zahl von sechs Zugaben mit knapp einer halben Stunde Spieldauer, diesmal ein Reigen von Rameau bis Debussy.

Die Haydn-Sonaten verraten, dass Sokolov sich nicht um Moden kümmert und stattdessen das Klavierspiel zur zeitlosen Kunst erhebt. Historisch informierte Einflüsse mag man vergeblich suchen, aber die braucht es auch nicht, denn Sokolov ist nun mal Sokolov. Sein Vortrag lebt von Farben, von Proportionen, von Rundungen, von der Balance der Stimmen. Wagnisse beim Tempo geht Sokolov nicht ein, ebenso wenig macht er Kompromisse sich selbst gegenüber.

Seine Interpretationen wirken auch hier in sich gerundet, ausgetüftelt, bis ins Kleinste durchdacht. Gerade die Musik Haydns kann ein solches Plädoyer jederzeit brauchen – von solcher Qualität und solch innerer Bereitschaft getragen. Als exemplarisch kann dafür das Presto aus der Sonate Hob XVI:32 gelten. Wie die Läufe perlen, die Bassnoten bohren, ohne zu hämmern. Wie hier Humor mitschwingt und zugleich Ernsthaftigkeit. Sokolov geht es immer wieder um die Substanz des Klangs. Das zeigen auch die Schubert-Impromptus. Jeder Ton singt und fügt sich zugleich in ein Ganzes. Lieder ohne Worte, episch und lyrisch zugleich. Wer genau hinhört, findet sehr vieles, was berührt.

Christoph Vratz

Klavier solo

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Beethoven Diabelli-Variationen Mitsuko Uchida; Decca

Sie ist mit diesem Stück lange schwanger gegangen, hat es schon in Vor-Corona-Zeiten oft im Konzert gespielt und es im Oktober des letzten Jahres im Studio festgehalten: die „Diabelli-Variationen“. Man merkt dieser Produktion jederzeit an, wie vertraut Mitsuko Uchida mit dieser Musik ist, dass sie jeden Winkel erkundet und ihre Schlüsse daraus gezogen hat.

Das zeigt besonders ihr Anschlag, immer kultiviert, immer zielgerichtet. Gleichzeitig wird klar, was sie nicht möchte: das letzte Risiko, eine Kunst der Grenzerfahrung, die ein Scheitern mit einkalkuliert, so wie es etwa Rudolf Serkin (in drei sehr unterschiedlichen Dokumenten) gezeigt hat. Bei Uchida fügen sich Proportionen und abrupte Wechsel zu einem im Ganzen wohlüberlegten Bild. Die Triller in Variation sechs etwa raunen verheißungsvoll, jedes Überschäumen bleibt ihnen versagt. Ähnlich die Mischung aus Verve und Prägnanz in der folgenden Variation, die beispielsweise Stephen Kovacevich (in seiner späteren Aufnahme) gewagter eingefangen hat. Uchida scheut sich nicht, tänzerische Gesten zu erkennen, etwa in Variation 15.

In Variation 20 nimmt sie das Andante auffallend langsam, largo-ähnlich (und ist dort mit mehr als zweieinhalb Minuten ähnlich stoisch unterwegs wie Richter, aber mehr als 45 Sekunden länger als etwa Schiff). Doch anders als Richter 1951 und 1988, der die folgende Variation geradezu martialisch in die Tasten wuchtet, bleibt Uchida ihrer kultivierten Linie treu. Ihr Beethoven ist im Detail erkenntnisreich und in den Linien klassisch gerundet, er lebt von Humor und Finesse, doch auf alles Entgrenzende verzichtet sie – ganz bewusst.

Christoph Vratz

Barocke Tänze

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Lully, Rebel, Rameau u. a.

Ballettmusik und Tänze

L’Orchestre de l‘Opéra Royal, Reinhard Goebel; Chateau de Versailles Spectacles

Ein wohl erzogener Adliger kam seit der Renaissance nicht umhin, des rechten Schritts und Tritts im Tanz kundig zu sein. 1661 institutionalisierte der passionierte Tänzer Ludwig XIV. mit der Gründung der Académie Royale de Danse diese Kunst und unterstrich damit ihre Bedeutung. Der französische Tanz dieser Zeit sollte seine Spuren lange nachwirken lassen.

Mit dem Untertitel „Du Bourgeois Gentilhomme à Orphée“ hat Dirigent Reinhard Goebel ausgewählte Tänze aus Ballettmusiken und Opern zusammengestellt, die die Entwicklung von 1670 – Uraufführung der Ballettkomödie „Der Bürger als Edelmann“ von Molière und Lully – bis 1781, Uraufführung von Mozarts „Idomeneo“ zeigen.

1715 führte der Lully-Schüler Jean-Féry Rebel mit seiner Ballett-Suite „Les Caractères de la Danse“ die verschiedenen Eigenarten von Courante, Menuet oder Sarabande vor. Eine Abschrift von Johann Georg Pisendel gelangte bis nach Dresden, sie muss auch in die Hände von Johann Sebastian Bach gekommen sein, gibt es doch noch in dessen Orchestersuiten Zitate daraus. Lully und Rebel repräsentieren sachlicher den royalen Glanz, während man ab Rameau („Pygmalion“ 1748) und dann bei Gluck und Mozart eine Verdichtung des individuellen Ausdrucks hört, etwa im extrovertiert-wilden „Tanz der Furien“ und als Kontrast dazu das introvertiert-zarte „Ballett der glücklichen Schatten“ in Glucks „Orphée“ oder im opulenten Klang der Chaconne in Mozarts „Idomeneo“. Reinhard Goebel leitet das Orchestre de l’Opéra Royal ebenso lustvoll wie sensibel.

Elisabeth Richter

Russische Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD SACD

Glasunow Sinfonie Nr. 7, Stenka Rasin, Poème lyrique Niederrheinische Sinfoniker, Mihkel Kütson; MDG

Der erste Gedanke, der sich beim Hören von Alexander Glasunows Sinfonie Nr. 7 eröffnen könnte: Das ist das Werk eines Spätromantikers? Nichts von jenen hypertrophen Orchesterbesetzungen, die man aus der Entstehungszeit des Werks gewohnt ist (die Sinfonie wurde 1902 vollendet), aber auch nichts von der Ausweitung des musikalischen Materials, wie sie um 1900 üblich war. Stattdessen eine ungetrübte Dur-Moll-Tonalität, die klingt, als sei sie soeben erst erfunden worden, und eine fast durchgehend friedlich-sonnige Stimmung. Kein Wunder, dass Glasunow den Untertitel „Pastorale“ gewählt hat.

Und noch eins wird in diesem Glasunow-Programm mit Mihkel Kütson und den Niederrheinischen Sinfonikern deutlich: Glasunow hat seine Klangsprache im Laufe seines Lebens kaum bis gar nicht verändert. Zwar weist die frühe Sinfonische Dichtung „Stenka Rasin“ jene typisch russischen Töne auf, wie sie in der Sinfonie nicht zu finden sind – inklusive „Wolgaschlepper“-Lied –, doch dass zwischen den beiden Werken fast 20 Jahre liegen, merkt man nicht. Wenn jedoch beide Kompositionen gleichermaßen überzeugen, spielt das keine große Rolle. Kütson hat für diese SACD ein ansprechendes Glasunow-Programm zusammengestellt (außer den beiden genannten Kompositionen findet sich das „Poème lyrique“ und die Ouvertüre „Carnaval“), das ein veritables Kurzporträt des Komponisten bietet – optimal für Glasunow-Anfänger. In allen vier Werken wissen die Niederrheinischen Sinfoniker gleichermaßen zu überzeugen. Das Programm macht von Anfang bis Ende Spaß.

Thomas Schulz