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OLDTIMER-TOUR: Weites Land


daheim - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 12.06.2020

Die großen und kleinen Schätze der Region entdeckt man am besten barfuß. Oder oben ohne im Cabrio


Artikelbild für den Artikel "OLDTIMER-TOUR: Weites Land" aus der Ausgabe 4/2020 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 4/2020

Das bekannteste Wahrzeichen Ostfrieslands ist rot-gelb geringelt: der Pilsumer Leuchtturm in Krummhörn


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Barfuß ist es am schönsten. Und, das lernt man rasch, auch am bequemsten. Weil jeder Gummistiefel, und sitzt er noch so gut, irgend wann im grauen Schlick stecken bleibt. Weil sich ein Spaziergang im Watt erst dann richtig anfühlt, wenn man spürt, wie der Meeresboden zwischen die Zehen quillt und die Beine bis zum Unterschenkel mit einer angenehm kühlenden Packung Schlamm umhüllt werden - süßlich duftend ...

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... wie ein heilsames Moorbad.

Wir haben das Auto hinterm Deich abgestellt und den Wall erklommen, der Mensch und Meer trennt. Haben die struppigen Gräser der Salzwiesen samt der dort weidenden Schafe hinter uns gelassen, sind über feuchten Sand gestapft, um schließlich zwischen Meeresgrund und Horizont mit allen unseren Sinnen einzutauchen.


Mit offenem Verdeck kreuz und quer durchs Land


Die feuchtfröhliche Exkursion ist Programmpunkt einer großen Landpartie, einer Tour durch die Kulturlandschaft Ostfrieslands. Herb und herzlich sei Ostfriesland im Sommer, sagt Claus Brinkmann, der direkt um die Ecke wohnt. „Mich faszinieren die scheinbar endlose Weite der Landschaft und der freie Blick zum Himmel.“ Der Oldtimersammler nimmt uns in einem seltenen Kompressorwagen aus der Vorkriegszeit mit durch seine Heimat: die dünn besiedelte Region zwischen Papenburg im Westen und Wilhelmshaven im Osten, zwischen Bad Zwi-schenahn im Süden und der von Deichen geschützten Küste im Norden.

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1. Wochenende: Bei schönem Wetter holt Claus Brinkmann gerne einen seiner Oldtimer aus der Garage. 2. Fahrspaß: Mit seinem Mercedes Cabriolet von 1936 schnurrt er auf Nebenstraßen zügig durch seine Heimat. 3. Genuss: In der Aalräucherei von Jürgen Oetken erhalten die Fische über Erlen- und Buchenholz ihren unverwechselbaren Geschmack

Und so schnurren Fahrer und Beifahrer nun in einem 1936 ausgelieferten MercedesBenz 500 K Cabriolet B kreuz und quer durchs Land und genießen mit offenem Verdeck die sommerliche Brise. Am blauen Himmel ballen sich nur wenige weiße Schäfchenwolken. Rechts und links der Straße fahren Bauern eine reiche Ernte ein. Dass der Boden hier schon immer guten Ertrag abgeworfen hat, sieht man an der Größe der Scheunen. Im 21. Jahrhundert sind die Landwirte zudem Energiewirte: Auf vielen Gehöften glitzern Solarzellen, und Windräder drehen sich unermüdlich im Seewind.

Weit weg vom verstädterten Rest der Republik ist man hier auf kaum befahrenen Nebenstraßen unterwegs, an von Hand gegrabenen Kanälen entlang, die sich durch die Moore ziehen. In deren Fehndörfern sind die Backsteinhäuschen aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Man passiert Weiler mit fremd klingenden Namen: Akelsbarg, Brockzetel, Kollrunge, Upschört.

Alleen, Buchenwälder, Mühlen und Bilderbuchgehöfte

Claus Brinkmann kennt sich aus: Viele Jahrzehnte lang hat er im Süden der Region ein Torfwerk betrieben - und zum Ausgleich am Wochenende oft sein Cabriolet aus der Garage geholt, um Ostfriesland zu erkunden. „Beim Fahren wird man hier schnell eins mit der Landschaft“, sinniert der Pensionär und schaltet einen Gang höher. So geht es zügig voran, auf Alleen und durch schattige Buchenwälder, vorbei an Residenzschlösschen und unzähligen Windmühlen (siehe Seite 30).

Eine Mühlenstraße führt zu den schönsten Fotomotiven, doch über andere friesische Unikate liest man nichts in den Broschüren der Tourismusverbände. Man findet sie eher durch Zufall. Da hilft es, mit „Moin“ grüßen zu können und zu signalisieren, die eine oder andere Döntje hören zu wollen: eine Anekdote oder Geschichte. Und wie zur Belohnung dafür, dass wir uns mit dem Oldtimer über die Amdorfer Autobrücke gewagt haben - angeblich die schmalste in Deutschland -, ziehen uns die Fährmänner der Pünte mit Muskelkraft an Stahlseilen über das Flüsschen Jümme.

Die Kutter im Hafen von Greetsiel sind keine Staffage, sie fahren täglich zum Krabbenfang


Urige Seebären bedienen die von Hand gezogene Wagenfähre von Mai bis September. Urkundlich erwähnt wurde die Verbindung bereits 1562. Später setzen Cabrio und Mannschaft bei Emden über die Ems von Petkum nach Ditzum - dieses Mal nicht mit Muskelkraft, sondern mithilfe einer alten Dampffähre aus der Meyer-Werft. Gebaut wurde das Schiff in den 1920er-Jahren. Inzwischen ist es mit einem Dieselmotor ausgestattet, der aber auch schon 50 Jahre auf dem Buckel hat.

Die nächste Etappe führt in einem großen Bogen die Küste entlang, vorbei am rot-gelb geringelten Pilsumer Leuchtturm in Krummhörn. Unzählige Verliebte haben dort Vorhängeschlösser angebracht, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Dann folgen Greetsiel und, ganz im Norden als Sprungbrett zur Insel Spiekeroog, Neuharlingersiel. Alles Fischerorte, in denen die Krabbenkutter trotz des großen Touris- tenandrangs keine Staffage sind. Sie fahren tatsächlich noch hinaus auf die mal sanfte, mal raue See.

Geräucherte Aale - ohne Zusätze und Zeitdruck

Tag zwei gehört wieder den Originalen: Im Südwesten der ostfriesischen Halbinsel zwischen Dollart und Jadebusen, in Meyerhausen bei Bad Zwischenahn, ist Fischwirt Jürgen Oetken ein Fachmann auf seinem Gebiet. „Seit 350 Jahren machen wir das Gleiche: Wir räuchern Aale. In einem uralten Räucherofen, ohne Chemie, ohne Zeitdruck,ohne Zusätze, ohne Duftstoffe oder Aromen, ohne Raucherzeuger und ohne Computer - nur auf Erlen- und Buchenholz.“ Tradition kann man schmecken - und sehen: Der Bauernhof von Oetkens Nachbar Dyrik Oeltjen - herausgeputzt wie aus dem Bilderbuch - befindet sich bereits seit 1450 in Familienbesitz.


In malerischen Fischerorten locken die Krabbenkutter


Man muss einem kundigen Pfadfinder folgen, um all die versteckten Perlen Ostfrieslands aufzuspüren. Oder sich genügend Zeit nehmen für Zu fallsentdeckungen. Der größte Schatz der Region liegt jedoch nicht an Land vergraben, er befindet sich jenseits des Deichs. Dort, wo es weder Autostraßen noch Fahrradwege gibt und man, die auflaufende Flut stets im Hinterkopf, nur noch zu Fuß unterwegs sein kann. „Direkt vor unserer Haustür liegt eines der faszinierendsten Öko systeme der Welt“, erklärt Juliana Köhler, Leiterin des Wattenmeer Besucherzentrums in Wil helms haven. „Das Wattenmeer ist ein viele 1000 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Land und See, ein sich ständig veränderndes Mosaik aus Schlamm, Dünen und Strand, Inseln und Halligen. Es ist eine Welt voller Legenden und Geschichten - und voller faszinierender Tiere.“

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1. Eng: Mit dem Oldtimer über die vermutlich schmalste Autobrücke Deutschlands in Amdorf. 2. Weit: Flache Landschaften bis zum Horizont - scheinbar endlos

Kleine Stars: Strandkrabbe, Herzmuschel, Wattwurm

In Afrika gehört es zu den wunderbarsten Erlebnissen, die Big Five, die großen Fünf, vor die Kameralinse zu bekommen: Elefant, Nas horn, Löwe, Leo pard und Büffel. „Auch wir haben unsere Big Five“, sagt Juliana Köhler mit einem verschmitzten Lächeln. Um die Tiere in freier Wildbahn zu erleben, nimmt man am besten eine der vielen Fähren zu den Nordseeinseln. Durchs Fernglas erspäht man dann mit etwas Glück Seehunde und Kegelrobben, und über den Feuchtgebieten hinter den Deichen kreisen häufig die Seeadler.

Störe und Schweinswale lassen sich eher selten blicken, obwohl letztere manchmal bis in den Jadebusen schwimmen. Im Wattenmeer Besucherzentrum kann man aber über Teile eines anderen gigantischen Meeressäuger staunen: die Knochen eines vor Baltrum gestrandeten Pottwals. Im Skelett hängen die plastinierten Organe wie Herz und Lunge. Die wahren Schätze des Watts sind indes eher klein als groß und liegen im Verborgenen. Genauso spannend wie die Big Five sind die Small Five, das kleine Getier, das man bei einer Wattführung entdecken kann: die Wattschnecke, die als die schnellste der Welt gilt, weil sie sich an der Wasseroberfläche festsaugen und mit der Strömung treiben lassen kann, dazu Strandkrabbe, Nordseegarnele und Herzmuschel in den Prielen, den Flüssen im Watt.

Der Star unter den Fünfen aber ist der scheue Wattwurm, der sich rar macht, wenn man ihn ausgraben will. „Er ist der Regenwurm im Komposthaufen Wattenmeer“, sagt die Naturschützerin Köhler. „Jeder Wurm schleust pro Jahr 25 Kilogramm Sand durch seinen Körper und führt dem Boden Sauerstoff zu.“ Ohne ihn gäbe es also kaum annähernd 10 000 Arten im Watt, und keine zehn Millionen Vögel würden hier jedes Jahr auf ihrer weiten Reise rasten. Für Erlebnisse wie diese zieht man gerne die Gummistiefel aus. Barfuß ist es an der ostfriesischen Nordseeküste ohnehin am schönsten.

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