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Onkologie 4.0: Chancen für die Pflege


Onkologische Pflege - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.12.2019
Artikelbild für den Artikel "Onkologie 4.0: Chancen für die Pflege" aus der Ausgabe 4/2019 von Onkologische Pflege. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Onkologische Pflege, Ausgabe 4/2019

Hamburg/Berlin

Die Digitalisierung in der Medizin wird von manchen bereits als heilsbringende Revolution gefeiert, von anderen eher noch kritisch gesehen. In jedem Fall sind digitale Tools für die Mehrheit der Pflegenden in der Onkologie noch ungewohnt, und ihr Nutzen erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick.

Mit zunehmender Digitalisierung zeichnen sich jedoch spannende Entwicklungen ab, die für das Fachgebiet Onkologie insgesamt interessant werden und mit denen sich auch die Pflege frühzeitig vertraut machen sollte. Als Beispiele werden im Folgenden kurz skizziert: Wearables, Telemedizin, ...

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... Big Data/ Künstliche Intelligenz, digitales Follow-up und digitale Wissensvermittlung.

Wearables

Unter Wearables („wireless sensors“) werden drahtlose Messgeräte verstanden, die in der Lage sind, diverse Parameter zu messen. Ein Beispiel ist die Idee, den Zuckerspiegel der Tränenflüssigkeit über einen smarten Sensor in einer Kontaktlinse zu messen. Ein Prototyp wurde bereits entwickelt, die „Google Linse“. Der gemessene Wert wird an eine App gemeldet, die wiederum eine Insulinpumpe steuert. Drahtlose und für onkologische Bedürfnisse ausreichend genaue EKG-Ableitungen lassen sich z. B. mit der „Apple Watch 4“ durchführen, die seit September 2018 in den USA bereits zugelassen ist. Damit lässt sich z. B. Vorhofflimmern diagnostizieren oder ausschließen. Neuere Smartphones tragen auf ihrer Rückseite einen Sensor, der bei Berührung eines Fingers in der Lage ist, Blutdruck und Puls ziemlich exakt über kleinste Arteriolen der Fingerkuppe zu messen. Auch ein Blutbildanalysegerät für zu Hause existiert schon (Athelas), das in der Lage ist, in kürzester Zeit ein Differenzialblutbild zu bestimmen: Ein kleiner Bluttropfen aus der Fingerkuppe (ähnlich wie bei einer Blutzuckerbestimmung) wird auf ein Spezialpapier aufgetragen, und dieses wird in ein Messgerät geschoben, das kleiner ist als ein digitales Kommunikationsgerät wie „Alexa“.

Auch smarte Tabletten sind bereits auf dem Markt, die melden, wenn sie im Magen angekommen sind, quasi als digitale Compliance-Kontrolle. Ein Beispiel ist Aripiprazol, ein Psychopharmakon, das sehr regelmäßig eingenommen werden muss. In die Tablette wurde ein smarter Faden integriert, der bei Kontakt mit Magensäure ein schwaches elektromagnetisches Signal aussendet, das von einer App im Smartphone erkannt wird. Empfängt die App das Signal zu einem erwarteten Zeitpunkt, gilt die Tablette als korrekt eingenommen. Bleibt das Signal aber aus, dann schlägt die App „Alarm“, indem sie z. B. den Wecker aktiviert. Weitere Medikamente in verschiedenen Bereichen der Medizin mit einer solchen smarten Einnahmekontrolle werden derzeit entwickelt.

Telemedizin

Fernbehandlung (Telemedizin) kann insbesondere in ländlichen Regionen hilfreich werden. Aber auch unabhängig von der Region sind viele Nutzungsbereiche der Telemedizin denkbar, bei denen nicht zwingend ein Besuch in einer Praxis onkooder Klinik notwendig ist. Als Beispiel sei die Kontrolle von kutanen Nebenwirkungen einer Therapie genannt (z. B. Hand-Fuß-Syndrom oder immunvermittelte Dermatitis), die über ein mit dem Smartphone angefertigtes Foto oft genauso gut möglich ist wie bei einer direkten Konsultation. Grundsätzlich könnten „Videosprechstunden“ gerade auch für Pflegende in der Zukunft eine Bereicherung sein, da damit die Versorgung der Patienten zeitnäher und effizienter durchgeführt werden könnte. Zudem werden künftig radiologische Bilder direkt in einer elektronischen Patientenakte zur Verfügung stehen. Im Bereich der Roboter-Chirurgie von Krebserkrankungen werden bereits heute telemedizinische Konsultationen bei speziellen Fragestellungen genutzt.

Big Data und Künstliche Intelligenz

Big Data – die Sammlung und Nutzung riesiger Datenmengen – wird die Onkologie sehr stark voranbringen. Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz wird insbesondere Diagnostikfächer wie Radiologie, Pathologie und Dermatologie in hohem Maße verändern. Es zeichnet sich ab, dass Algorithmen, lernende Computerprogramme, in Zukunft schneller und präziser diagnostizieren können als das menschliche Gehirn. Die Befunde von Schnittbilduntersuchungen wie CT oder MRT werden künftig mehr und mehr von Algorithmen erstellt. Auch das Hautkrebsscreening dürfte schon bald von Smartphonekameras und angeschlossenen Algorithmen bewerkstelligt werden können. Faszinierend sind auch lernende App-Programme (z. B. ada), die aus eingegebenen anamnestischen Angaben mit zunehmend höherer Treffsicherheit Verdachtsdiagnosen stellen. In Zukunft dürften Patienten z. B. zu Hause oder im Wartezimmer gebeten werden, Symptome in eine App einzugeben, was eine Vorsortierung der Probleme und damit eine gezieltere Behandlung ermöglicht.

Mit „Big Data“ werden jedoch nicht nur die beschriebenen lernenden Computerprogramme gefüttert. Die ungeheuren Mengen von klinischen und molekulargenetischen Daten ermöglichen auch eine immer präzisere Einteilung der Tumorerkrankungen in diverse kleine Subgruppen, die eine zunehmend molekular gesteuerte und immer stärker individualisierte Therapie nach sich ziehen werden.

Digitales Follow-up

Ein weiteres Feld, auf dem sich digitale Ansätze für die onkologische Pflege abzeichnen, ist die digitale Verlaufskontrolle unter einer Tumortherapie. Spätestens seit dem amerikanischen Krebskongress (ASCO) 2017 ist klar, dass digitale Tools einen hohen Stellenwert beim sogenannten Follow-up entfalten können. In der damals von Basch et al. (2017) vorgestellten Arbeit wurde deutlich, dass eine regelmäßige präzise Online-Abfrage von Symptomen und Nebenwirkungen für die Patienten von Vorteil sein kann: In einer Studie mit ca. 800 Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen und unterschiedlichen Therapien erhielt die eine Hälfte ein „klassisches Follow-up“ mit einem fest terminierten Besuch in der onkologischen Einrichtung alle 8–12 Wochen für die üblichen Kontrolluntersuchungen. Die andere Hälfte der Studienteilnehmer erhielt keinen festen Termin, sondern nur einmal pro Woche eine EMail mit einem Link zu einer Plattform, auf der man sich einloggen musste. Auf dieser Plattform wurden den Patientinnen und Patienten jede Woche zwölf Fragen gestellt, die zu ihrer jeweiligen Therapie passten (z. B. Fragen nach typischen Nebenwirkungen oder nach tumorbedingten Symptomen). Die Antworten wurden hauptsächlich von onkologisch Pflegenden gecheckt. Wenn alles im grünen Bereich war, wurde nichts unternommen, und der Patient bekam eine Woche später wieder zwölf Fragen gestellt. Sobald jedoch eine Antwort zu verzeichnen war, die auf eine Nebenwirkung, eine Komplikation oder einen Progress hinzudeuten schien, wurden die betreffenden Patienten sofort einbestellt und es wurde interveniert. Interessanterweise hatte die Gruppe mit der digitalen Überwachung nur Vorteile gegenüber der Gruppe mit der klassischen, fest terminierten ärztlichen Kontrolle: Ihre Lebensqualität war besser, es waren seltener Notfallinterventionen nötig, und es war sogar ein Überlebensvorteil der digital überwachten Patientinnen und Patienten nachweisbar.

Die Überprüfung und Umsetzung dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse erfolgt in Deutschland zurzeit mit verschiedenen Tools, u. a. mit der Cankado-App, einem Online-Tagebuch für Krebspatienten, das als Medizinprodukt für die Erfassung von Symptomen, Adhärenz und Lebensqualität sowie zum Therapiemanagement genutzt werden kann und in verschiedenen onkologischen Studien eingesetzt wird. Weitere ähnliche Tools sind „Kaiku Health“ oder „babylon“.

Die Beispiele zeigen, welch faszinierende digitale Chancen sich für die Onkologie abzeichnen. Unabdingbar ist, dass die neuen digitalen Tools sich Zertifizierungsprozessen stellen und dass sie in Studien validiert werden, d. h. ihre Nützlichkeit und Sicherheit unter Beweis stellen.

Digitale Wissensvermittlung

Ein weiteres Feld der Digitalisierung ist die digitale Bereitstellung von onkologischem Wissen auf mobilen Endgeräten. Mit der Entwicklung von Smartphones und Tablets hat sich seit etwa einem Jahrzehnt ein beträchtlicher Teil der Internetnutzung kontinuierlich von der klassischen Website auf Apps verlagert. Verschiedene Angebote sind zurzeit in Entwicklung, eines dieser Angebote sind die Apps von onkowissen.de. Sie bereiten den Stand des Wissens und die zur Verfügung stehenden Optionen so auf, dass sie mühelos und zu jeder Zeit auf Smartphones und Tablets verfügbar sind. Obwohl industriell gesponsort, haben sie den Anspruch, akademische Tools zu sein und produktneutral zu informieren. Die Apps stehen in den App-Stores kostenlos zum Download zur Verfügung und sind darüber hinaus auch als klassische Websites über onkowissen.de erreichbar. Derzeit sind zehn Apps verfügbar. Die Apps sind für medizinische Fachkreise konzipiert und können somit auch von Pflegenden in der Onkologie mit einem entsprechenden Passwort genutzt werden.

Die Nutzung von Spracheingabesystemen analog Alexa oder Siri sowie die Integration von Chatbots für Frage-Antwort-Dialoge werden in naher Zukunft sicher auch bei der Bereitstellung von onkologischem Wissen eine Rolle spielen.

Sind wir reif für Onkologie 4.0?

Die Chancen der Digitalisierung für die Pflege in der Onkologie sind erkennbar groß. Aber naturgemäß sind auch Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken – rechtliche, gesetzliche, ethische und ökonomische Aspekte ebenso wie psychologische. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf das Pflege-Patienten-Verhältnis? Wie ändern sich das Berufsbild und der Arbeitsplatz in der onkologischen Pflege? Wie sichern wir den Datenschutz? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen sind allgemein zu erwarten? Sind wir überhaupt schon reif genug für Onkologie 4.0? Können wir verantwortungsbewusst genug umgehen mit den neuen Möglichkeiten? Vieles spricht dafür, dass die Digitalisierung eine sehr große Chance für die Pflege sein wird, weil wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht, wenn Routineaufgaben digital effizienter erledigt werden und wenn von der Terminierung bis zur Adhärenzkontrolle reibungslosere Abläufe resultieren.

Interessenkonflikt

Der Autor ist geschäftsführender Gesellschafter der onkowissen.de GmbH Würzburg

Literatur

Basch, E., Deal, A., Dueck, A., Scher, H., Kris, M., Hudis, C. et al. (2017). Overall survival results of a trial assessing Patient-Reported Outcomes for symptom monitoring during routine cancer treatment. JAMA, 318(2), 197–198. doi:10.1001/jama.2017.7156

Angaben zum Autor

Dr.med. Friedrich Overkamp Onco Consult GmbH Am Kaiserkai 120457 Hamburg