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Ooooooo ooooomm!


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 12.10.2021

Formel 1

Artikelbild für den Artikel "Ooooooo ooooomm!" aus der Ausgabe 11/2021 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2021

COOL IM COCKPIT Max Verstappen am Arbeitsplatz, hier vor dem Grand Prix in Imola, Italien. Sein neues Motto: In der Ruhe liegt die Kraft.

E

Es gibt ihn im Leben jeder Legende: den Hollywood-Moment. Jenen Augenblick, in dem sich Jahre der Vorbereitung, der Leiden und der Leidenschaft, der Tränen und der Träume auf das Maximum des Möglichen verdichten. Und es nur mehr alles oder nichts gibt. Zumindest in der Wahrnehmung eines Weltklasse-Athleten, der sich über das Maximum definiert. Und das Motto seines Lebens sogar im Namen trägt: Max.

Max Verstappen, geboren 1997, Niederländer. Sein Weg zur Unsterblichkeit führt durch einen selbst gebauten Tunnel, in dem er sich abschotten und fortbewegen kann. Der Tunnel führt mitten durch eine pulsierende orange Masse. Es ist der 5. September 2021, und zum ersten Mal in seiner Karriere wird Max Verstappen, das vielleicht größte Rennfahrer-Talent, das es je gab, in seiner Heimat auf der eigens seinetwegen für Millionen umgebauten Rennstrecke von Zandvoort einen Formel-1-Grand-Prix bestreiten. ...

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... Und das am Höhepunkt eines Jahrhundert-Duells zwischen dem zu diesem Zeitpunkt erst 23-Jährigen und dem um fast 13 Jahre älteren Rivalen Lewis Hamilton, dem als siebenfachen Weltmeister und 96-maligen Grand-Prix-Sieger erfolgreichsten Piloten des Formel-1-Zeitalters.

Reifeprüfung eines jungen Manns, der lange als unbeherrscht galt

Verstappen war noch nie Weltmeister, er hat sogar noch nie einen Titel im Autorennsport gewonnen. Und doch ist er es, den der britische Champion fürchtet.

Und mit ihm der ganze Daimler-Konzern, der seit 2014 ohne Unterbrechung den Weltmeister in der Formel 1 stellt und der nun in einem Showdown von Red Bull Racing, Weltmeister von 2010 bis 2013, herausgefordert wird.

Und das auf einer Bühne, die grell orange ausgeleuchtet ist. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Helmut Marko, Motorsportberater von Red Bull, beim Blick auf die niederländischen Fans, die aus dem morbiden Badeort an der Nordsee, in dem einst sogar Kaiserin Sisi zu kuren pflegte, den Party-Hotspot Europas gemacht haben. Die Stimmung ist aufgeheizt, erst recht, seit Verstappen im Sommer zweimal nach Kollisionen mit Mercedes-Piloten schuldlos ausschied. Böse Worte sind gefallen, die Situation drohte zu eskalieren.

Es war Max Verstappen selbst, der – entgegen allen Erwartungen – wieder für Ruhe sorgte. Der alle in seinem Team aufforderte, sich wieder ganz auf die Sache zu konzentrieren. „Wir müssen auf uns schauen, nicht auf den Gegner.“

Früher hätte so ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu einem Aufflammen der feurigeren Seite von Verstappens Wesen geführt, aber dieses Jahr umgibt Max Verstappen die Aura einer fast Zen-artigen Ruhe, die er rund um seine Philosophie der „Suche nach Glanzmomenten“ aufgebaut hat.

„Wenn man keinen guten Tag hat, muss man akzeptieren, dass man keinen guten Tag hat, und sich mit dem Ergebnis zufriedengeben“, erklärt er. So steckte er auch die Strafe für seinen Crash mit Hamilton in Monza cool weg, um sofort wieder nach vorne zu schauen.

Es ist die Reifeprüfung eines jungen Mannes, der lange als unbeherrscht und unberechenbar galt, besonders in der Niederlage. Einer, der von Kindesbeinen an mit den durchaus robusten Methoden seines Vaters Jos, einst ebenfalls Formel‐1- Pilot, zum Sieger erzogen wurde.

Nur wer seine Mitte findet, kann die eigene Gelassenheit in Leistung verwandeln.

Perfekte Ausbildung vom Vater, aber auch eine verdammt harte

Das Fach „Verlieren“ gab es jedoch nicht. Dafür war Max einfach zu gut. Wie sein Vater Jos, dessen eigene Karriere als Rennfahrer einst hinter den eigenen hohen Erwartungen zurückgeblieben war (das beste Resultat von Jos’ zehnjähriger Formel-1-Zeit von 1994 bis 2003 war ein zehnter Platz im Gesamtklassement 1994), konnte Max genau das nicht: verlieren. Und wie seinerzeit Michael Schumacher wurde er sehr zornig, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte.

Doch der Max des Jahres 2021 ist nun anders als der frühere. „In der Ruhe liegt die Kraft“, lautet sein neuer Leitspruch.

Jetzt – mit der Routine von knapp sieben Jahren in der Königsklasse des Rennsports und dem in diesem Jahr superschnellen Honda von Red Bull Racing – ist Max Verstappen erfolgreicher denn je. Gerade bei der für einen vom Ehrgeiz getriebenen Hochleistungssportler schwierigsten Übung: seine eigene Mitte zu finden, den absoluten Ruhepunkt, um diese Gelassenheit anschließend in Leistung zu verwandeln.

„Er ist der erste Pilot, den ich kenne, der mitten in der schnellen Kurve per Funk reflektierte Aussagen trifft.“

DR. HELMUT MARKO, RED BULL MOTORSPORT-BERATER

Nie ist ihm das besser gelungen als an diesem Tag in Zandvoort. Er gewinnt sein Heimrennen – dem enormen Druck zum Trotz, der auf ihm lastet – auf beeindruckende Weise. Auch, weil er trotz der Atmosphäre konzentriert bleibt.

Als sich draußen auf den Tribünen die Menge schon für den Start warm schreit, sitzt Max noch in seinem Raum in der Red Bull Energy Station und sieht sich das Rennen der DTM in Spielberg an.

Das Rasen der anderen beruhigt ihn, Rennsport ist seine Welt. „Er hat alles von der Pike auf gelernt“, weiß Formel‐1‐ Legende Gerhard Berger, der selbst noch gegen den Vater von Max gefahren ist. „Jos hat ihn perfekt ausgebildet, aber es war eine harte Schule, durch die er ihn hat gehen lassen.“

Das Naturtalent des Schülers war schon früh Thema in den Boxen: „Als Erster hat mir der ehemalige holländische Formel-1-Fahrer Huub Rothengatter von Max erzählt, und dann habe ich ihn öfter im Kart beobachtet. Und spätestens in der Formel 3, seiner ersten Kategorie im Autorennsport, war klar: Da kommt was ganz Besonderes auf uns zu.“

Je verrückter die Welt um ihn herum, umso größer sein Fokus

Bergers Moment der Erleuchtung: „Formel 3 in Imola, 2014. Max hatte seine Heckflügel um zwei Stufen flacher gestellt als alle anderen.“ Das heißt: Der Rennwagen ist sehr schnell auf den Geraden, aber in der Folge praktisch unlenkbar in den Kurven. Es sei denn, man ist Max Verstappen. Von dieser einzigartigen Art, immer die Kurve zu kriegen, schwärmt auch der wichtigste Mentor von Max, Helmut Marko: „Er ist der erste Pilot, den ich je gesehen habe, der mitten in einer schnellen Kurve total reflektierte Aussagen über Funk macht. Jeder andere ist dort unfähig, etwas zu sagen.“

Die Betonung liegt auf „etwas zu sagen“. Denn Max redet nicht nur, er hat tatsächlich etwas zu sagen. Seine Feststellungen und Analysen sind präzise; er spürt genau, was die Maschine, bis zu 365 km/h schnell, macht.

Die Reifung hin zum robusten und in sich ruhenden Wirbelwind war nicht nur optisch erkennbar, weil Max einige Kilo an Muskelmasse zugelegt hat. Man sieht sie auch in seinem Blick. „Er hat unter Druck ein ganz spezielles System, zu sich und den Ereignissen um ihn herum auf Distanz gehen zu können“, hat Andrea Schlager beobachtet, die als Formel-1‐ Moderatorin von ServusTV am Grid die Rennfahrer noch bis kurz vor dem Start aus der Nähe sieht. Je verrückter sich die Welt um ihn dreht, desto mehr konzentriert er sich auf das für ihn Wesentliche: um die Rennstrecke, um seine To-do-Liste, die es abzuarbeiten gilt.

Wie einst Michael Schumacher wurde Max früher sehr zornig, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte.

F1-Rekordbrecher vom Dienst

Obwohl: Max Verstappen ist es gewohnt, bei allem im Leben früher dran zu sein als andere. Er hat in der Formel 1 sämtliche Jugendrekorde gebrochen: erster Test mit 16, erste Saison mit 17, erster Sieg mit 18. Erst Ende vorigen Jahres war er so alt wie Lewis Hamilton (selbst ein „Wunderkind“) bei dessen allererstem Grand Prix im Jahr 2007 – 23 Jahre und zwei Monate.

Daran ist leicht zu erkennen: Max Verstappen, seit 30. September 24, gehört die Zukunft. Das ändert allerdings nichts daran, dass er den WM-Titel schon dieses Jahr und im direkten Duell gegen Hamilton will, unbedingt und um jeden Preis. Denn Lewis wird wohl nur noch zwei, drei Saisonen in der Formel 1 bleiben.

Und wenn sich nun, für ein kurzes Zeitfenster, die Ikone der vergangenen Dekade und der Champ des neuen Jahrzehnts am Höhepunkt ihres Könnens mit ungefähr gleichwertigen Werkzeugen (= Rennautos) zum Duell treffen, dann wird das eines Tages darüber entscheiden, wer von beiden historisch als der noch Größere eingestuft wird.

Meist auf der Strecke, ab und zu im Urlaub. Auf Instagram gibt Max Einblicke: @verstappen1