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Operation 2020


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 18/2019 vom 26.04.2019

USA Fast zwei Dutzend Demokraten bringen sich für die Präsidentschaftswahl in Stellung. Am populärsten sind zwei Politveteranen, aber auch einige bisher wenig bekannte Bewerber machen auf sich aufmerksam. Wer von ihnen kann Donald Trump schlagen?

Eigentlich sollte Joe Biden nur mitteilen, dass er für das Amt des Präsidenten kandidieren möchte. Das Video, das er am Donnerstag ins Netz stellte, wirkt aber wie die Ankündigung eines Feldzugs. Donald Trump sei eine »Bedrohung« für Amerika, sagt Biden in dem Clip. »Wenn wir ihm acht Jahre im Weißen Haus gewähren, wird er das Wesen unserer Nation fundamental ...

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... und für immer verändern.« Er erinnert in dramatischen Worten daran, wie Trump im Sommer 2017 auch unter Rassisten, die in Charlottesville linke Demonstranten attackierten, »sehr anständige Leute« ausmachte. Es klang, als wollte Biden den Notstand ausrufen.

Als Vizepräsident von Barack Obama war Biden der gut gelaunte Sidekick, der Typ mit den lockeren Sprüchen. Die in - tellektuelle Abgehobenheit Obamas glich er mit dem Grinsen des Sohns eines Gebrauchtwagenhändlers aus Pennsylvania aus, der die Washingtoner Politik seit Jahrzehnten kennt. Die Buddy-Maske hat Biden nun abgelegt. Stattdessen wirft er sich in die Rolle des Rächers, der das rechtschaffene Amerika vertritt. »Wir befinden uns im Kampf um die Seele dieser Nation«, sagt er.

Es ist eine Kampfansage ans Weiße Haus. Biden gibt sich erst gar keine Mühe, seine Abscheu gegenüber Trump zu verbergen. Der Clip war zugleich eine Botschaft an all jene Demokraten, die seit Monaten davor warnen, den Präsidenten im Vorfeld der Wahl nächstes Jahr allzu vehement anzugreifen, um dessen moderaten Anhänger nicht zu vergraulen. Biden sagt dagegen: Lasst uns in den Kampf ziehen, lasst uns diesen Mann aus Washington vertreiben.

Bis zur Präsidentschaftswahl sind es noch anderthalb Jahre, die Vorwahlen beginnen erst im Februar 2020, aber der Wettstreit unter Demokraten wird hitziger. 20 Bewerber haben sich gemeldet. Ganz vorn in den Umfragen steht Joe Biden, dahinter Bernie Sanders, Senator aus Vermont. Der Rest folgt mit einigem Abstand.

Den Demokraten steht ein Jahrhundertwahlkampf bevor, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass alles auf dem Spiel steht. Wer immer am Ende als Kandidat gewählt wird, muss sich an der Frage messen lassen: Kann er oder sie verhindern, dass Trump eine zweite Amtszeit bekommt?

Schon jetzt ist absehbar, wie zäh und langwierig dieser innerparteiliche Prozess wird, vielleicht auch hässlich. Selten hat ein Wettstreit um die Nominierung so früh begonnen, noch nie in der jüngeren USGeschichte gab es derart viele ernst zu nehmende Bewerber, derart viele Frauen, derart vielfältige Biografien.

Und doch stehen mit Biden und Sanders zumindest im Moment zwei alte, weiße Männer an der Spitze. Biden ist 76, Sanders ein Jahr älter. Würde Sanders nominiert und dann die Wahl gewinnen, könnte er im Jahr seiner Amtseinführung seinen 80. Geburtstag im Weißen Haus feiern. Will die Partei wirklich mit Großvätern in die Wahl ziehen? Sind die Demokraten nicht viel moderner geworden, jünger, weiblicher, quirliger, haben sie bei den Kongresswahlen voriges Jahr nicht bewiesen, dass Stärke in der Vielfalt liegt?

Für Biden spricht, dass er seit Jahrzehnten auf der politischen Bühne steht. Er verfügt über ein großes Netzwerk an Unterstützern, er und Sanders sind den Amerikanern vertraut, das ist ihr Vorteil, aber auch ihr Nachteil.

Der Wahlkampf ist gerade erst angelaufen, aber bereits jetzt hat er neue Stars geschaffen, die bis vor Kurzem noch niemand kannte. Den Namen des jüngsten Medienlieblings muss Amerika noch lernen: Pete Buttigieg, 37, schwul, Bürgermeister der Stadt South Bend mit 100000 Einwohnern im eher republikanischen Bundesstaat Indiana. Ein anderer Kandidat hat es gerade auf das Cover der amerikanischen »Vanity Fair« geschafft: Beto O’Rourke, 46, der im vergangenen Herbst knapp die Wahl um einen Senatssitz in Texas verlor.

Die Kandidaten ringen um Spenden und um Anhänger, sie wollen früh Wähler auf ihre Seite ziehen und reisen kreuz und quer durchs Land. Amy Klobuchar, die eher konservative Senatorin aus Minne - sota, schwärmt vom Ethanolgeruch in den Fabriken des Mittleren Westens. Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, feuert Parteifreunde in Nevada an. Der linke Senator Bernie Sanders diskutiert mit Konservativen in Pennsylvania.

Wenn John Halpin entscheiden könnte, dann würden die Demokraten bis November nächsten Jahres über exakt zwei Themen reden: Gesundheit und Bildung, mehr nicht. Halpin kann aber nur Ratschläge geben. Er analysiert Wahltrends und Meinungen für das Center for American Progress, einen der einflussreichsten Thinktanks für die Demokraten in Washington.

Sein Job ist es, für die Partei in die Vereinigten Staaten hineinzuhören.

Halpin trägt Pullover und Seitenscheitel, hinter ihm im Büro steht ein Stoffadler, der etwas schlapp wirkt. Seit Monaten besucht Halpin Diskussionsgruppen mit Wählern von Michigan über Wisconsin und Minnesota bis Ohio – in Bundesstaaten aus dem sogenannten Rust-Belt, die ein Großteil der politischen Klasse kaum aus der Nähe kennt. Er hört, wie desillusioniert viele Leute von dem Präsidenten sind, er sieht Chancen für die Partei in Vorstädten und auf dem Land. Viele Wähler im Mittleren Westen der USA seien offen für demokratische Kandidaten, sagt er.

»Die beste Strategie ist, nicht dauernd gegen Trump zu schießen.«

Halpin will die Demokraten dazu bringen, über Themen zu reden, die die Menschen bewegen, nicht über den Präsidenten. Joe Biden, so viel lässt sich sagen, hat sich daran schon mal nicht gehalten.

Es ist für die Demokraten schwer, nicht auf den Präsidenten zu reagieren. Vorigen Donnerstag veröffentlichte das US-Justizministerium den Bericht von Sonderermittler Robert Mueller, der die Abgründe von Trumps Amtsführung detailliert schildert.

Die derzeit schärfste Trennlinie zwischen den Bewerbern verläuft seither bei der Frage, ob man gegen Trump ein Im - peach ment-Verfahren einleiten soll. Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, argumentiert, dass jeder normale Amerikaner, der sich wie Trump verhalten würde, längst »im Gefängnis« gelandet wäre.

Bernie Sanders ist aus taktischen Gründen dagegen, da er fürchtet, Trump könnte am Ende als moralischer Gewinner dastehen. Am Dienstag meldete CNN: »Kandidaten sind sich uneinig, ob sie Trump des Amtes entheben wollen oder nicht.« Zumindest sind die Demokraten gut darin, untereinander Streit anzufangen.

Die Kandidaten ringen um Spenden und um Anhänger, sie reisen kreuz und quer durchs Land.


Demokratische Bewerber O’Rourke, Biden, Sanders, Harris (r.): »Nicht gegen Trump schießen«

Am Dienstag meldete CNN: »Kandidaten sind sich uneinig, ob sie Trump des Amtes entheben wollen oder nicht.« Zumindest sind die Demokraten gut darin, untereinander Streit anzufangen. Es gibt unter denen, die sich zur Wahl stellen, viele, die hoffen, dass sich die Sache mit Biden und Sanders bald selbst erledigt. Jüngere Parteianhänger halten die beiden für Relikte aus dem 20. Jahrhundert – Biden auch deshalb, weil er offenbar nicht einsehen will, dass nicht mehr er bestimmt, auf welche Art er sich seinen Mitmenschen nähert. Der Ex-Vizepräsident ist in der Vergangenheit Frauen unpassend nahe gekommen, was ihn für manche zu einem unmöglichen Kandidaten macht – auch wenn er sich mittlerweile entschuldigt hat. Es ist Anfang April, als die Präsidentschaftsbewerberin Kamala Harris in eine Schulbücherei in Carson City tritt, einem Ort im Norden von Nevada. Sie ist hier, um für höhere Lehrergehälter zu werben, bis zu 15 000 Dollar mehr im Jahr, der erste große Vorschlag ihrer Kampagne. Harris

Will zeigen, dass ihr Bildung wichtig ist. Die erste Frage kommt von einem Journalisten des Senders NBC. Was denkt Harris über die Beschwerden mehrerer Frauen, die sich von Joe Biden angetatscht fühlten? »Ich glaube den Frauen«, sagt Harris. Sollte ihr Parteifreund aus dem Rennen aussteigen? »Das muss er selbst entscheiden.« Ihre gute Laune ist verflogen.

Sie muss sich nun mit einem 76-Jährigen befassen, den gerade jüngere Frauen für etwas schmierig halten. Ihr Dilemma ist, dass sie Unterstützer verprellt, wenn sie allzu hart gegen Parteifreunde schießt, gleichzeitig aber auch nicht weich wirken darf. Ihr hilft, dass sie ein dickes Finanzpolster besitzt. Nach Bernie Sanders sammelte sie die meisten Spenden im ersten Quartal ein, rund zwölf Millionen Dollar. Für ihre Anhänger verkörpert sie das perfekte Gegenmittel zu Trump: eine Juristin von scharfem Verstand mit einer Mutter aus Indien und einem Vater aus Jamaika, die als Justizministerin von Kalifornien bewiesen hat, dass sie sich gegen männliche Konkurrenz behaupten kann.

Sie spricht über »unangenehme Wahrheiten «, bleibt aber oft distanziert, wenn es um ihre eigenen Motive geht. Bei einem Auftritt vor Parteianhängern in einer Pizzeria sagt sie: »Wir müssen die Bedeutung von Wahrheit und Gerechtigkeit endlich wiederherstellen.« Am Ende ihrer Rede steht eine kleine Frau mit grauen Haaren applaudierend im Publikum, sie heißt Chresten Wilson und ist Aktivistin der Demokraten. Hauptberuflich fliegt sie als Pilotin Passagiermaschinen für United Airlines. Wilson sagt: »Ich habe genug von alten Männern. Es ist Zeit für eine Frau.«

Wahlkämpferin Warren: »Zeit für eine Frau«


Politiker Buttigieg: Jungenhaft, schwul, verheiratet, Afghanistanveteran


Glaubt man einer Studie, dann sehnt sich in Amerika die Mehrheit nach einem überparteilichen Konsens.


Wer mit Aktivisten der Demokraten spricht, könnte meinen, das Land wäre zu gleichen Teilen in wohlmeinende Idealisten auf der einen Seite und Trump-Fans auf der anderen Seite gespalten. Man könnte die Geschichte eines tief verunsicherten, gespaltenen Landes spinnen, eine Geschichte, die sich halb Amerika erzählt, aber so einfach ist es nicht. Glaubt man einer Studie der gesellschaftspolitischen Initiative »More in Common «, dann gibt es in Amerika wesentlich mehr Bürger, die sich nach einem überparteilichen Konsens sehnen. Die Mehrheit hat die Nase voll von Hass und Zynismus.

In einer groß angelegten Untersuchung ließen die Autoren mehr als 8000 Männer und Frauen überall im Land befragen und teilten anschließend die Gesellschaft in sieben »Stämme«. Die beiden politischen Extreme sind linke Aktivisten und überzeugte Konservative. Das Erstaunliche: Zusammen stellen sie nur etwa ein Drittel der Bevölkerung, eine laute Minderheit. Die übrigen zwei Drittel bilden dagegen die »erschöpfte Mehrheit«. Das sind Bürger verschiedenster politischer Färbungen, denen die Polarisierung missfällt und die bereit sind, Kompromisse zu schließen. Sie sind nicht leidenschaftslos, aber ideologisch weniger festgefahren und halten den Konsens für wichtiger als einen Sieg im Kampf um die Meinungsherrschaft. Die Studie zeigt, wie wichtig es für die Demokraten ist, im Kampf gegen Trump die gesellschaftliche Mitte zu suchen, wenn sie nicht riskieren wollen, Millionen Wähler zu verprellen. Sie spiegelt eine Sehnsucht nach Ruhe und Beständigkeit. Und kein Bewerber der Demokraten verkörpert diese Sehnsucht so sehr wie Pete Buttigieg, der Bürgermeister von South Bend.

Es ist ein Samstagvormittag Anfang April, als Buttigieg in eine Buchhandlung in Concord tritt, in New Hampshire. Schon seine Kleidung signalisiert brutalste Harmlosigkeit: hellbraune Lederschuhe, eine Jeans von durchschnittlichstem Blau, weißes Hemd, grauer Pullover. Er geht an den Geschichtsbüchern vorbei, klettert vor dem Regal mit Büchern über die darstellenden Künste auf einen Holzstuhl und sagt: »Wir erleben gerade den Beginn einer neuen Ära.« Er meint damit sich.

Das Erfrischende an Buttigieg ist nicht seine Botschaft, sondern er selbst. Ein jungenhafter Politiker, schwul, verheiratet, Kirchgänger, mit Abschlüssen aus Harvard und Oxford und einer Karriere bei McKinsey, aus dem Mittleren Westen stammend, Afghanistanveteran ist er auch noch. »Jaja, ich kapier das«, sagt Buttigieg, auf dem Stuhl stehend, »diese Unverfrorenheit, mit der einer wie ich daherkommt und sagt: Ich will Präsident werden. Versteh ich total. « Dann redet er über Klimawandel, Wahlrechtsreform und seinen Vorschlag, die Wahlleute bei der Präsidentschaftswahl abzuschaffen.

Das Publikum besteht fast ausschließlich aus weißen Zuhörern. Sie unterbrechen ihn immer wieder mit Applaus und reihen sich am Ende in eine Schlange ein, um ein Foto mit dem Star zu machen. Bis vor wenigen Wochen kannte ihn kaum jemand außerhalb seines Heimatstaats Indiana.

Seinen Namen spricht man übrigens so aus: Buudidschidsch. Inzwischen schreibt die »New York Times« über seinen Wahlkampf, die großen Sender schicken Kamerateams zu seinen Auftritten. Es gibt Umfragen, in denen er auf Platz drei der Demokraten steht, gleich hinter Biden und Sanders. Als er seine Kandidatur verkündete, sammelte er innerhalb von vier Stunden eine Million Dollar ein. Es scheint, als hungerte das Land nach einem, der aussieht, wie sich alte Menschen einen jungen Kerl vorstellen.

Sein Aufstieg zeigt, wie tolerant ein großer Teil Amerikas geworden ist. Die Tatsache, dass Buttigieg schwul ist, spielt selbst bei Fox News kaum eine Rolle. Wer ihm zuhört, merkt, dass sich eine konstante Klage durch die Reden zieht. Er verkörpert viele junge Amerikaner, die viel geleistet, aber fast nichts erreicht haben, die ständig unter Druck stehen und lernen mussten, mit finanzieller Unsicherheit zu leben. Seine Generation habe die meisten Soldaten im Irak und in Afghanistan gestellt, sagt Buttigieg.

Seine Kampagne ist der Versuch, jener Generation die Macht zu entreißen, die Kriege angezettelt hat, die Geld und Leben kosteten und den USA wenig brachten.

Es ist ein Ton, der sich in milderer Form auch durch die Reden anderer Bewerber zieht. Der sogenannte Krieg gegen den Terror der Nullerjahre, die Militäreinsätze im Irak, in Afghanistan, Libyen, Syrien und anderswo, haben die Vereinigten Staaten zermürbt. Das Volk ist müde geworden, das Gewicht der Welt auf den Schultern zu tragen. Daran hat nicht Donald Trump Schuld, auch wenn er den Mythos nährt, die Verbündeten Amerikas hätten jahrzehntelang auf Kosten der USA gelebt.

Es ist kein radikal neuer Staat, den die Demokraten anbieten. Die meisten von ihnen stellen eine Art Reparatur in Aussicht. Sie werben für den Ausbau der Gesundheitsversorgung, die Erneuerung baufälliger Straßen und Brücken, den Kampf gegen den Klimawandel und die Drogenepidemie und allgemein für die Rückkehr zu Anstand und Wahrheit. Manche klingen wie Trump, nur intellektueller. Bernie Sanders griff am Montag vor Studenten in New Hampshire die ungerechten Handelsverträge an, die die USA abgeschlossen hätten. Er klang wie ein Wirtschaftsberater des Weißen Hauses. Im Vergleich zu seiner Kampagne gegen Hillary Clinton 2016 hat sich bei ihm wenig verändert. Vorige Woche war er zu Gast bei Fox News, dem Lieblingssender des Präsidenten. Er bekam viel Applaus. Zwölf Prozent derjenigen, die während der Vorwahlen 2016 im Rennen gegen Clinton für Sanders stimmten, wählten am Ende Trump. Dafür kann sich Sanders auf eine enthusiastische, fast ekstatische Anhängerschaft stützen. Jeder fünfte seiner Spender gab zum ersten Mal Geld an ihn, was zeigt, dass er immer neue Fans findet. Und es hilft, dass er in Gegenden beliebt ist, die Trump den Sieg brachten: Pennsylvania, Michigan und Wisconsin.

Die größte Schwäche des Präsidenten ist, dass die Mehrheit der Amerikaner ihn für unfähig hält. Trumps Zustimmungswerte liegen seit Monaten bei 42 Prozent, und das in einem guten wirtschaftlichen Klima. Die Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit ist sehr niedrig, seit Trumps Amtsantritt wurden fast eine halbe Million neuer Industriejobs geschaffen, ein so starker Zuwachs wie seit einem Vierteljahrhundert nicht. Dennoch sehnen sich viele nach einem Kandidaten, der jünger ist, netter, weniger bombastisch und weniger zerstörerisch. Der frühere Kongressabgeordnete Beto O’Rourke versuchte mit diesen Eigenschaften voriges Jahr Senator von Texas zu werden. Er hätte es fast geschafft.

Beto O’Rourke, den die meisten in Amerika nur beim Vornamen nennen, tritt an einem Donnerstag im April in eine Bar in Iowa zwischen Maisfeldern, die nach Gülle riechen, und ruft 20 Leuten entgegen: »Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, um an eurer Demokratie teilzunehmen.« Dann erzählt er, dass er nach dem Aufstehen in seinem Hotel, dem Sleep Inn im Nachbarort, eine Runde laufen war, sich verirrte und einen zwölfjährigen Jungen um Hilfe bat. Die Geschichte hat keine Pointe. Womöglich dient sie ihm dazu, die Gedanken zu sammeln. Im Januar filmte er sich beim Zahnarzttermin und übertrug den Clip live im Netz.

O’Rourke wirkt manchmal etwas verloren, was er durch ausufernde Gesten versucht gutzumachen. Journalisten vergleichen ihn häufig mit einem Rockstar, aber in Iowa wirkt er eher wie ein DJ, der einen endlosen Technotrack spielt. Nach einer Stunde setzt er sich in seinen Mietwagen und fährt zum nächsten Auftritt.

Lange galt der Politiker aus Texas als Geheimtipp unter den Präsidentschaftskandidaten, aber Pete Buttigieg hat ihn in den Umfragen eingeholt und kommt ihm auch bei den Spenden näher. Das muss nicht so bleiben, aber es zählt zur brutalen Realität des US-Wahlkampfs, dass neue Hoffnungsträger so schnell verblassen, wie sie aufgetaucht sind. Jüngere Kandidaten haben im Vergleich zu ihren erfahrenen Kollegen wie Joe Biden oder Bernie Sanders dennoch einen Vorteil. Sie tragen weniger politischen Ballast mit sich herum, bilden einen markanten Gegensatz zum 72 Jahre alten Präsidenten und können bei Themen wie Klimaschutz, sexueller Selbstbestimmung, Immigration oder Gesundheitsreform glaubhafter für ihre Position werben als Männer, die gefühlt schon immer da waren.

Es muss der Partei letztlich nicht schaden, dass sie ihren Wählern eine große Vielfalt von jungen und alten Bewerbern präsentiert, von Einwandererkindern, Frauen, weißen Männern. Es wird die Aufgabe desjenigen sein, der die Nominierung erhält, das Land zu elektrisieren und gleichzeitig die gesamte Partei so hinter sich zu versammeln, dass auch moderate Demokraten zur Wahl gehen. Im Moment halten es in Washington dennoch viele für unwahrscheinlich, dass Joe Biden am Ende zum Kandidaten gekürt wird. Sein Wahlspruch könnte lauten: Amerika muss wieder Amerika werden. Dabei wirkt er selbst wie eine Figur aus einem weißen, wohlhabenden, unbeschwerten Land, das längst verschwunden ist.

Christoph Scheuermann Twitter: @chrischeuermann

Die größte Schwäche des Präsidenten ist, dass ihn eine Mehrheit im Land für unfähig hält.


BRIDGET BENNETT POLARIS / LAIF / THE NEW YORK TIMES / LAIF

JOSEPH PREZIOSO / AFP

JORDAN GALE / THE NEW YORK TIMES / LAIF

POLARIS / LAIF

CHERYL SENTER / AP

POLARIS / LAIF