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OPERATION HINKELSTEIN


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Audio - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 07.04.2022

Verstärker › TRANSISTOR-VOLLVERSTÄRKER

Gleich der Spoiler vorneweg: Das ist einer der besten Vollverstärker, den ich je gehört habe. Doch langsam. Denn kaum einer kennt Vitus Audio. Das ist eine Manufaktur in Dänemark, beheimatet irgendwo im Nirgendwo, im Zentrum von Jütland. Wie kommt das Wissen dahin? Der Chef hat lange Jahre in der Chip-Industrie gearbeitet und schließlich die Segel gestrichen. Heute fühlt er sich unter anderem in der Rolle eines Schlagzeugers in seiner Band wohl. Der Hörraum von Vitus Audio liegt Tür an Tür mit dem Proberaum seiner Band. Alles natürlich feinst ausgestattet. Vitus heißt der Firmenchef per Nachnahmen. Eine seiner Amps ist bei AUDIO zu Gast. Designtechnisch schicken uns die Dänen auf einen Irrweg. Wir konnten den SIA-030 auf den ersten Blick nicht richtig einordnen. Ein Monolith mit 63 Kilogramm, die Front ist clean, es gibt wenige bis gar keine Bedienelemente. ...

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Bildquelle: Audio, Ausgabe 5/2022

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... Das ist doch eine Endstufe, oder? Die Buchstaben „I“ und „A“ im Namen lassen einen Rückschluss auf den Einsatzzweck zu: Integrated Amplifier. Das „S“ steht für die Signature-Serie. Mit einem Blick auf die Rückseite kommen wir der Sache näher: viele Eingänge, drei in XLR, zwei in Cinch, dazu ein doppelter Ausgang an die Lautsprecher. Es ist alles da, was einen Vollverstärker ausmacht. Das Fehlen großer Drehregler für die Quellen-Wahl und für die Lautstärke führte uns auf die falsche Fährte. Trotzdem ist und bleibt der SIA-030 ein Vollverstärker. Die Bedienung erfolgt entweder über die sechs recht unscheinbaren Druckknöpfe an der Front oder mithilfe einer intelligenten Fernbedienung.

DER FEINE KLANG VON RELAIS

Wer die Lautstärke des Verstärkers regelt, wird mit einer feinen akustischen Rückmeldung belohnt. Die Lautstärke wird über ein Widerstandsnetzwerk geregelt, das über kleine Relais gesteuert wird – klick, klick, klick. Das erlebt man in unserem Geschäft nicht sehr oft. Allerdings macht das unser Referenz-Amp PA 3100 HV von T+A ebenso. Das ist solide Technik, die nicht nur uns begeistert. Vitus Audio hält noch einen Doppelpack an Überraschungen bereit. Wenn wir unseren Blick auf die Rückseite wenden, gibt es da zwei Einschübe. Wir können ein Streaming-Modul oder ein Phono-Terminal zustecken, um den Vitus der digitalen und analogen Welt zu öffnen. Was für ein Bild: In der Mitte der SIA-030, flankiert von zwei edlen Standboxen. Dann fehlen nur noch ein Ethernet-Kabel und ein der Preisklasse angemessener Plattenspieler. Das Merkmal „Roon Ready“ wäre alles, was uns zum Glück noch fehlt, aber die ultmative Streaming-Lösung ist für den Vitus (noch) nicht zu haben.

Noch mal die Fakten: Wir sprechen hier von 63 Kilogramm. Das wird bei uns im Hörraum als „Immobilie“ eingestuft. Nur unter Protest erklärt sich unser Testgeräteverwalter bereit, diesen Amp vom Lager in den Hörraum zu schaffen. Das Gewicht suggeriert uns: Das muss eine A/B-Schaltung mit mächtigen Wattzahlen an den Lautsprecher sein. Falsch geraten! Wir sind auf dem falschen Kurs. Das ist bei Bedarf und bis 30 Watt eine Class-A-Schaltung mit mächtigen Kühlrippen. Diese braucht es auch. Bei Class-A wird alle Kraft, die nicht den Membranen überantwortet wird, in Wärme umgesetzt. Von 30 Watt bis 290 Watt an 4 Ohm läuft der Vollverstärker dann in Class B. Jetzt wird es spannend. Denn die Dänen bedienen auch die Rocker unter uns. Einfach über die Tipptasten an der Front in das Menü gehen – dort gibt es einen Unterpunkt, über den wir den Amp vollständig in einen Class-A/B-Modus versetzen können, was den Leistungsbedarf ohne Ansteuerung von 250 auf 150 Watt reduziert. Wir haben verglichen und sagen eindeutig: Klanglich sind die zusätzlichen 100 Watt gut angelegt. Da gab es von allem ein bisschen mehr: mehr Farben, mehr Spielfreude, mehr Sinnlichkeit.

Wir koppeln die SIA-030 an unseren großen Aufbau im Hörraum, also an die 802 D3 von Bowers & Wilkins. Die Erwartungshaltung ist groß, sie wird schon nach wenigen Takten übertroffen. Das ist wie bei Asterix und Obelix – da muss es einen geheimen Kraft-Trunk geben. Dieser Vitus-Vollverstärker mischte unseren Hörraum gehörig auf. Was für ein Rausch. Klasse das Klangbild, unfassbar präsent. Noch besser das tiefe Grummeln, spürbar in der Magengrube – machtvoll der Bass. Dieser Klang weckt sofort die ganz große Begehrlichkeit bei mir. Träumen ist erlaubt.

Doch jetzt kommt der Haken. Genau an dieser Stelle holt uns der Preis in die Wirklichkeit zurück. 38 500 Euro veranschlagen die Dänen. Und das für die Standardvariante. Wer zum Beispiel mit dem sagenhaften Finish in Aluminium-Orange liebäugelt, sollte über eine gut gefüllte Portokasse verfügen, denn hier sind sagenhafte 46 200 Euro hinzublättern. Wollen diese Dänen unsere Konten leerräumen? Nein, denn wie gesagt: Das Finish und die Verarbeitung sind fantastisch, auch klanglich passt der Basispreis vollumfänglich, wir befinden uns im Spitzenfeld unserer Bestenliste, da wird die Luft für preissensitives Publikum erfahrungsgemäß sehr dünn.

Ein heißer Tipp für alle, die einmal auf eine musikalische Entdeckungsreise gehen wollen: die Oper „Peter Grimes“ von Benjamin Britten. Ein Geniestreich. Die Handlung spielt am Meer, das hörbar wild ist, alles braust und saust. Neben der Titelfigur spielt der Chor die zweite Hauptrolle. Eine tolle Einspielung ist recht frisch bei Chandos erschienen, Edward Gardner dirigiert – auch in 24 Bit zu haben. Da kommt enormer Druck an die Membranen. Wenn denn halt auch die Elektronik mitspielt. Mächtig griff der SIA-030 in die Klangwogen – wenn Chor und Orchester sich ins Fortissimo stürzen, dann spürt man regelrecht den Druck auf dem Brustkorb. Das wird eine körperliche Erfahrung. Dann wieder die leisen Töne – und nicht minder begeistert uns die perfekte Staffelung des Orchesters. Das nimmt bereits holographische Züge an. Dazu der feine Silberglanz der ersten Violinen. Das kennen wir sonst nur von hypersensiblen Röhren-Verstärkern. Noch ein Detail muss benannt werden: Im Setup-Menü können wir auch zwischen „Classic“ und „Rock“ wählen. Dann lässt der Vitus zwar keine Equalizer-Funktion von der Leine, alles bleibt strikt linear – aber der harmonische Klirr wird anders interpretiert (siehe unsere Messungen), in jedem Fall ist er höher, als wir es von anderen Verstärkern gewohnt sind. Ein interessanter Faktor, das Klangtuning durch Eingriff in die Verzerrungsstruktur. Im Kern aber eine Geschmacksfrage.

Und wo wir gerade beim Thema Rock sind – Bryan Adams hat ein neues Album vorgelegt: „So happy It hurts“. Der Titelsong rast mit einem Schlagzeugsolo heran, dann ein fetter Bass und in der Mitte die rauchige Singstimme. Also eine klassische Rock-Abmischung, aber enorm energiereich, alles auf Ultra-Dynamik ausgelegt. Da können sich kleine Verstärker verschlucken. Erstaunlich, wie stabil der SIA-030 hier auftrat. Nicht nur in der Grobdynamik, sondern abermals mit einem Klangbild, das deutlich vor der Boxenebene stand. Zum Hineingreifen plastisch und mit mächtigem Punch. Da versteht man plötzlich, dass der Firmenchef Schlagzeuger ist und sich eben gern im Drive auslebt.

FAZIT

Andreas Günther AUDIO-Mitarbeiter

Soll ich meinen Bankberater anrufen und um einen Kredit nachsuchen? Der SIA-030 wäre es wert. Schon lange hat mich kein Vollverstärker so in den Bann gezogen. Ein Traum der höchsten Musikalität.

MESSLABOR

Die SIA-030 erlaubt mittels vier kombinierbarer Modi (Rock-Classic, Class A-Class A/B) ein Soundtuning durch unterschiedlichen Klirrcharakter. Die unten abgebildeten Messungen zeigen die relative Stärke der ersten vier Oberwellen in Abhängigkeit der Leistung. Es fälllt auf, dass schon der klirrärmere Classic-Mode das Musiksignal mit überaus viel (harmonischem) Klirr anreichert. Bereits bei 3W Ausgangsleistung messen wir 1 % THD im A/B-Mode und 0,3 % im Class A-Mode (rechts). Oberhalb 10 W steigen die Verzerrungen auf bis zu 6 %, wobei k3 in beiden Betriebsarten das dominierende Klirrprodukt ist (grün). Während sich die Energie-Effizienz im Class A-Mode verschlechtert (250 sttat 150 W), konnten wir bei der Ausgangsleistung keine Unterschiede festellen. Die Endstufe zeigte sich bei den Leistungsmessungen überaus stabil und knickte auch bei hohen Strömen und phasenverschobener Last nicht ein. Komplexe Musikleistung an 8/ 6/ 4/ 3/ 2 Ohm 160/210/290/350/400 W, Sinusleistung 8/ 4 Ohm 150/250 W. Mit 102/104 dB (10 V, RCA, Li/Re) und 103/104 dB (XLR) darf man den Verstärker als rauscharm bezeichnen. AUDIO-Kennzahl 71.